4.8.3. Familienstrukturelles Modell und seine Grenzen

Das Familiensystem ist durch äußere Grenzen und seine innere Struktur (innere Begrenzung, Subsysteme) gekennzeichnet (Minuchin, 1977). Minuchin unterscheidet drei Formen von Grenzen:

- rigide, undurchlässige Grenzen

- flexible, klare Grenzen

- diffuse, verwischte Grenzen.

In der Tabelle 4.6. Matrix der Identität postuliert Minuchin, dass die Einhaltung der Grenzen die Verantwortung für die gesunde Entwicklung der Familienmitglieder sei. Gemeint ist eine Autonomie bei gleichzeitigem Zugehörigkeitsgefühl als wesentlichen Aspekt des Identitätsgefühls.

Tab.4.6.: Die Matrix der Identität (Minuchin, 1977).

Unklare, verschwommene und diffuse Grenzen zwischen den Personen behindern eine Entwicklung zur autonomen Persönlichkeit. Wenn andere Personen für andere sprechen oder antworten, spricht man von verstrickten Familien, wo über Generationen hinweg die Bindungskräfte dominieren. Diese Familiensysteme grenzen sich als geschlossene Systeme nach außen ab, wobei die Grenzen zwischen den Subsystemen und auch zwischen den Generationen unscharf sind. Laut Ritschl (1987) bestehen zwischen Mitgliedern dieses Systems keine Geheimnisse, und es bilden sich Legenden und Mythen über die Güte und Stärke der Familie. Das System ist durch ein hohes Maß an Kommunikation und wechselseitiger Anteilnahme verbunden. Verstrickte Familien sind stolz auf die Familienatmosphäre und ihre Loyalität, wobei das pathologische Ausmaß von Interesse und Engagement völlig verkannt wird.

In losgelösten oder gespaltenen Familien bestehen rigide und undurchlässige Grenzen. Sie sind gekennzeichnet durch einen Mangel an Bezogenheit, und die dominanten zentrifugalen Kräfte drohen das soziale System zu zerstören. In einer extremen Ausprägung sorgt das System dafür, dass ein unter Belastung stehendes Mitglied des Systems die starren Grenzen nicht überschreiten kann. Eine individuelle Belastung eines Familienmitgliedes macht sich bei verstrickten Familien schnell bemerkbar, wohingegen schon eine sehr hohe Belastung in einer gespaltenen Familie auftreten muss, um stützende Mechanismen zu aktivieren. Laut Minuchin erlauben nur klare und flexible Grenzen eine gesunde individuelle Entwicklung bei gleichzeitigem Gefühl der Zugehörigkeit. Stierlin et al. (1980) glauben, dass das typische Muster in der gespaltenen Familie über Generationen hinweg aufrecht erhalten wird. Laut Minuchin et al. (1975) kann man davon ausgehen, dass die vorherrschende Familienstruktur maßgeblich zur Verarbeitung chronischer Krankheit und der Krankheitsbewältigung (Coping) beiträgt.
Das bedeutet, dass gestörte Beziehungen und unverarbeitete Konflikte aus der eigenen Herkunftsfamilie bis in die neue Generation reichen, sich hier verdichten, symptomatisch niederschlagen und so bei chronischer Krankheit, wie bei AIDS, zu einer erschwerten Krankheitsbewältigung führen können (Roedel, 1990, 1994). Laut Anderson und Burry (1988) kann sich Familiensupport positiv als auch negativ auswirken. Angehörige können bei der Betreuung zum Beispiel chronisch Krebserkrankter die Hilflosigkeit eher noch verstärken (Schwarzer, 1982) im Sinne ihrer eigenen persönlichen Betroffenheit in bezug auf biographisch verankerte Erlebens- und Auseinandersetzungsformen. Überfürsorglichkeit oder Verleugnung der Krankheit können negative Konsequenzen des Coping nach sich ziehen.