5.4. Die Komponenten von Lebensqualität

Die sozio-ökonomische und die gesundheitsbezogene Dimension sind die beiden größeren Bereiche, in denen Lebensqualität unterteilt wird. Lebensumstände, Bruttosozialprodukt, Lebenserwartung, Sterblichkeitsrate, Bildungsstand und das Verhältnis von Arbeit zu Freizeit beschreiben die sozio-ökonomischen Indikatoren (Bullinger & Hasford, 1992).
Gesundheitsbezogene Komponenten sind körperliches, psychisches Befinden als auch die sozialen Beziehungen eines Menschen. Hier zeigen sich noch einmal die Berührungspunkte von Lebensqualität und sozialem Rückhalt.
Nach Bullinger und Pöppel (1988) umfasst die Lebensqualität folgende Komponenten: 1. Das psychische Befinden der Patienten (traurig, ängstlich, beunruhigt), 2. Die Funktions- und Leistungsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen (Freizeitaktivität, Sport, häusliche Aufgaben), 3. Quantität und Qualität der mitmenschlichen Beziehungen und die physische Verfassung: bösartige Tumore des ZNS, der Haut, des Gastrointestinaltraktes, Zervixcarcinom (Gebärmutterhalskrebs), neurologische Erkrankungen, allgemeine körperliche Schwäche und Kachexie, Anämie (Blutarmut), ophthalmologische Erkrankungen (Augenerkrankungen), opportunistische und persistierende Infektionen insbesondere des Respirationstraktes (siehe Kapitel „Psychoneuroimmunologie“) sowie die Nebenwirkungen der antiretroviralen Medikation.




Muthny (1991) gliedert folgendermaßen:

Psychosozial: 1. Emotionales Befinden, 2. Beziehungen (familiär, partnerschaftlich und mitmenschliche Beziehungen), 3. Sexualität, 4. Beruf, 5. Freizeitverhalten, 6. Behandlungszufriedenheit.

Medizinisch: 1. Allgemeine körperliche Verfassung, 2. Mobilität, 3. Körperliche Leistungsfähigkeit, 4. Körperliche Beschwerden, 5. Schmerzen.

Hier zeigt sich die Schnittstelle zwischen dem Konzept Lebensqualität und dem psychometrischen Messinstrument dieser Untersuchung, der Symptom-Check-Liste SCL-90-R, deren detaillierte Beschreibung im empirischen Teil dieser Arbeit erfolgt (vgl. Kapitel 6.2.2.). Die Symptom-Check-Liste zeigt mit ihren erhobenen Konstrukten Ängstlichkeit, oder Depression direkten Bezug zu dem Konzept Lebensqualität. Ein Fragebeispiel der SCL-90-R soll dies veranschaulichen: „Wie oft litten Sie in den letzten sieben Tagen unter Übelkeit oder Magenverstimmung?“ Eine Rating - Skala von 0-4 gibt Aufschluss darüber, inwieweit sich der Interviewpartner durch Übelkeit oder Magenverstimmung beeinträchtigt fühlt und inwiefern diese Beschwerden zu einer Beeinträchtigung der subjektiven Lebensqualität führen.
Eine direkte theoretische Einbettung der SCL-90-R gibt der Originalautor Derogatis nicht an und ist auch nicht in den herangezogenen Studien von Kepplinger (1996), Franke (1990) und Derogatis (1986) zu finden.
Bei der Anwendung psychometrischer Verfahren darf nicht beim Zitieren des Skalennamens stehengeblieben werden (Franke, 1990). Beeinflussende soziale Faktoren können zu einer Verschlechterung des klinischen Zustandes führen und somit eine Abnahme der subjektiv empfundenen Lebensqualität bedingen (Kallert, 1993). Durch eine frühe Intervention kann es zu einer Verbesserung der Lebensqualität seitens Betroffener kommen (http://www.hivnet.de/iagrthe.htm). Demzufolge erscheint die vorgenommene theoretische Einbettung der Symptom-Check-Liste in dem Konzept „Lebensqualität“, im Rahmen der vorliegenden Arbeit, als sinnvoll.

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Bullinger (1991) setzt die emotionale, verhaltensbezogene und kognitive Dimension in Beziehung zu der physischen, psychischen und sozialen Dimension und schafft so die Möglichkeit, jede Komponente aus einer unterschiedlichen Perspektive heraus zu betrachten. Von der gegenwärtigen Stimmung lassen sich somit, aus der emotionalen Dimension blickend, Rückschlüsse auf das gegenwärtige Befinden ziehen.
Bei der kognitiven Betrachtung geht es um die Einschätzung von Patienten hinsichtlich ihrer Zufriedenheit oder Unzufriedenheit im Copingprozess unter Berücksichtigung einer angemessenen Einschätzung in Bezug auf die eigene körperliche Leistungsfähigkeit. Für AIDS-Patienten würde dies zum Beispiel heißen, inwieweit sie sich, je nach Krankheitsstadium, in der Lage sehen, eher eine Kraftsportart oder eine Konditionssportart auszuüben.
So lassen sich analog alle anderen Komponenten in Beziehung setzen. Die mitmenschlichen Beziehungen werden im Rahmen des Kapitels „Sozialer Rückhalt“ berücksichtigt.

Eine chronische Erkrankung, um so mehr eine bis heute noch tödlich verlaufende Infektionskrankheit, ist so zentraler Punkt im Leben der Betroffenen, dass die Lebensqualität nicht ausschließlich von einer subjektiven Einschätzung des gesundheitlichen Zustandes abhängt. Da bei AIDS kein relativ gleichbleibender Gesundheitsstatus auf Dauer möglich ist, wie z.B. bei der chronischen Polyarthritis oder anderen chronischen Erkrankung, sondern es sich um eine slow-virus-infection handelt, ist davon auszugehen, dass in den späteren Krankheitsstadien objektive medizinische Daten mit der körperlichen Selbsteinschätzung korrelieren und dass darüber hinaus mit den zunehmenden körperlichen Beschwerden die psychische Homöostase aus dem Gleichgewicht gerät und somit einen Copingprozess der AIDS-Erkrankung erschwert oder gar unmöglich macht.
Hofmann (1981) weist darauf hin, „... dass eine Erkrankung im Gesamtzusammenhang des Lebensvollzuges eines Menschen steht“. Dieser Punkt sollte bei Untersuchungen zur Lebensqualität chronisch Kranker integriert sein.