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4. Das Konzept Sozialer Rückhalt
Es liegt nahe, dass die Art, wie die Erkrankung AIDS von den Betroffenen und deren Angehörigen verarbeitet wird, nicht nur den aktuellen Zustand entscheidend mit beeinflusst, sondern die gesamte weitere Entwicklung der Betroffenen und Angehörigen. Von entscheidender Bedeutung ist die Eingliederung in ein "normales" Leben im Sinne der Aufrechterhaltung oder Neugestaltung einer funktionierenden Familien-, Sozial- und Partnerschaftsstruktur. Untersuchungen von DePompei (1987), Spanbock (1987), Durgin (1989), Kaplan (1991) und Kallert (1993) belegen die wichtige Rolle der sozialen Unterstützung durch Angehörige und das restliche soziale Umfeld.
Im Interesse pädagogischer und psychologischer Arbeit stehen weniger die mechanistischen Systeme einer Regeltechnik als vielmehr die lebenden Systeme der Biokybernetik (Miller, 1978). In einer sich ständig verändernden Umwelt kann ein biologisches System nur dann überleben, wenn es sich in einem ständigen Austausch mit der Umwelt befindet und seine Elemente sich untereinander austauschen können. Ein solcher Austausch zwischen den Einzelteilen eines Systems ist die Grundlage der Erfahrungsbildung und kann nur über eine gut funktionierende Kommunikation gelingen. Die Kommunikation ermöglicht dann auch eine Differenzierung in gegliederte Strukturbereiche innerhalb des Systems. Es zeigt sich, dass ein System mit einer bestimmten Komplexität nur stabil ist, wenn es Subsysteme und sich selbst regelnde Unterstrukturen bildet und diese durch Kommunikation und Interaktion miteinander vernetzt sind. Was im Falle der hier vorliegenden Problematik, der Krankheit AIDS, eine Störung dieser Stabilität durch Störung der Kommunikation und Interaktion in der bisher von den Mitgliedern des Systems gewöhnten Form bedeutet. Die Einflüsse auf einen Krankheitsverlauf und der Krankheitsbewältigung können den prämorbiden sozialen Status der betroffenen Patienten als auch den sich aus der Erkrankung ergebenden Veränderungen seiner sozialen Situation zugeschrieben werden. Soziale Faktoren können eine Krankheitsmanifestation bewirken (Kallert, 1993). Es ist bekannt, dass als gravierend erlebte Faktoren sozialer Desintegration, wie es gesellschaftlich bei AIDS der Fall ist, zu einer Störung des psychobiologischen Gleichgewichts und somit zu einer Verschlechterung des klinischen Zustandes führen können. Daraus lässt sich folgern,
dass sozial gut eingebettete Patienten mehr psychische Ressourcen zur Verfügung haben, die sie zu einer Krankheitsbewältigung einsetzen können. Untersuchungen nach Fondacaro (1987) und Holahan (1987) zeigen, dass eine ausgeprägte Unterstützung mit einem stärkeren Gebrauch von Herangehens-Coping und gleichzeitig geringerem Gebrauch von Vermeidungs-Coping einhergeht. So kann familiäre Unterstützung zu einer emotionalen Entlastung führen und einen Prädikator für die Verringerung eines Vermeidungs-Coping im zeitlichen Verlauf darstellen.
Muss die Hoffnung auf eine vollständige Heilung des Patienten, wie in der vorliegenden Problematik, aufgegeben werden und lassen sich virale hirnmorphologisch bedingte Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten erkennen, nehmen soziale Trennungen und soziale Desintegration deutlich zu (siehe Kapitel 3), (Jäger, 1989).
Angesichts der Bedeutung von sozialem Rückhalt für die Bewältigung chronischer Krankheit kann die detaillierte Analyse von sozialen Wechselbeziehungen zum Verständnis von Krankheitsbewältigung beitragen.
Im folgenden wird nun detaillierter auf das Konzept der sozialen Unterstützung eingegangen. Die Begriffe "soziale Unterstützung", "social support" und "sozialer Rückhalt" werden synonym angewandt.
Die Begriffe social support, sozialer Rückhalt oder soziale Unterstützung beschreiben die Beziehungen zwischen Menschen. Obwohl diese Netzwerke dem Individuum helfen, da sie bestehende Werte und Handlungsmuster bereitstellen, wodurch ein Mensch seine Identität entwickeln und sozialisieren kann, werden die Wirkungen dieser Netzwerke erst seit den 70er Jahren systematisch untersucht (Schwarzer & Leppin, 1989a).



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