5.3. Lebensqualität als Ergebnis eines Bewältigungsprozesses

Die subjektive Selbsteinschätzung in Bezug auf das Befinden bei einer chronischen Erkrankung ist hinsichtlich des Begriffes Lebensqualität variabel und für jedes Individuum ein unterschiedlich umschriebenes Ziel (Koch, 1992). Die Einstellung zu Gesundheit oder Krankheit hängt von der jeweiligen Lage ab. Oft wird Gesundheit erst dann hoch bewertet, wenn ätiologische Bedingungen beginnen oder sich langsam manifestieren. Nach motivationstheoretischen Ansätzen, im Hinblick auf die Menge der befriedigten Bedürfnisse, haben demnach chronisch Kranke eine ständig verminderte Lebensqualität. Man muss jedoch bedenken, dass, je nach Erkrankung, Betroffene durchaus in der Lage sein können, ihre Krankheit zu bewältigen und eine gleich hohe Lebensqualität erreichen können.
Brickmann, Coates und Janoff-Bulman verglichen hierzu 1978 Personen, die in der Lotterie gewonnen hatten mit Personen, die an einer posttraumatischen Querschnittslähmung litten hinsichtlich ihrer jeweiligen subjektiven Einschätzung ihrer Lebensqualität unter Berücksichtigung von Zeitpunkten in der Zukunft und ihre Einschätzung diesbezüglich. Die Versuchsgruppen unterschieden sich bezüglich ihrer Einschätzung für die zukünftige Lebensqualität kaum. Die subjektive Einschätzung über ihre momentane Lebensqualität zeigte hingegen starke Unterschiede.

Es lässt sich somit nicht von objektiven Faktoren auf die subjektive Lebensqualität der Versuchsgruppen schließen, jedoch zeigte sich, dass sich lebensqualitätsverändernde Bedingungen mit der Zeit entkräften und somit Adaptionsprozesse in fast jeder Lebenslage zu finden sind. Die subjektive Einschätzung der Lebensqualität ist also von der jeweiligen Situation des Individuums abhängig, das heißt, dass lediglich die Kriterien zur Beurteilung von Lebensqualität Unterschiede zwischen Gesunden und Kranken zeigen. Es ist natürlich auch eine Frage, inwieweit Individuen in der Lage sind, eine chronische Erkrankung in ihr Leben zu integrieren (Patzig, 1992). Laut Filipp und Ferring (1992) hängt eine Beurteilung der eigenen Lebensqualität auch von überdauernden Persönlichkeitsmerkmalen ab. Sind die einzelnen Individuen in der Lage, sich mit den mit der Erkrankung einhergehenden Veränderungen leicht zu arrangieren, werden diese ihre eigene Lebensqualität höher bewerten als solche, die sich nicht oder nur schwer auf Veränderungen aufgrund ihrer Erkrankung einstellen können. So können die Selbsteinschätzung der Lebensqualität seitens der Erkrankten und die Fremdeinschätzung der behandelnden Mediziner stark differieren.

Laut Siegrist (1990) stellt gerade diese individuelle, psychosoziale und physische Realität der Patienten-Perspektive die Grundlage zur Untersuchung der Lebensqualität dar. Lebensqualität scheint somit kaum oder nur gering mit objektiven medizinischen Daten zu korrelieren. Die Persönlichkeit eines Individuums spielt eine ebenso wichtige Rolle wie die Perspektive, aus der heraus dieses Individuum seine Situation beurteilt. Subjektive Indikatoren für Lebensqualität korrelieren mit Personenvariablen (Filipp & Ferring, 1992).