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4.8.2. Merkmale der Familie Die Familie ist ein offenes, sich selbst regulierendes System, deren Mitglieder in Interdependenz untereinander und ihrer Umwelt stehen. So richtet sich der Fokus bei Untersuchungen chronischer Krankheiten nicht auf Motive und individuelle Reaktionen einzelner Familienmitglieder, sondern vielmehr auf die Interaktionsveränderungen innerhalb der Familie. Daher spricht Jäger (1989) bei AIDS von einem Abrücken der Verwandten. Durch die Veränderung des Systems durch das Auftreten chronischer Krankheiten, wie zum Beispiel AIDS, ist das bestehende Gleichgewicht des Systems gefährdet, so dass Bemühungen mobilisiert werden können, das Gleichgewicht zu erhalten oder wieder herzustellen. Es gibt einige Dimensionen, welche die Funktionsfähigkeit eines Familiensystems beschreiben (Beutel, 1988): 1. Differenzierung des Systems. Familiensysteme sind in Subsysteme, wie zum Beispiel Eltern, Kinder etc., differenziert und durch Interaktion, Interessen und Aktivität charakterisiert. Die Durchlässigkeit des Systems gilt als Indikator für die Differenzierung. 2. Durchlässigkeit . In den meisten Ansätzen nimmt dieses Konzept Durchlässigkeit, obwohl schwer präzisierbar, einen zentralen Stellenwert ein (Minuchin, 1977). Regeln und die Art, auf welche eine Interaktion stattfindet, sowie die Klarheit und die Eindeutigkeit der Grenzen zwischen den Subsystemen sind wichtige Kennzeichen der familiären Systeme. - Eng verflochtene Systeme zeigen eine deutlich geringere Autonomie und entmutigen so selbständiges Problemlösen bei gleichzeitig starken Gefühlen der Zugehörigkeit. In einem solchen System wirkt sich die Belastung einer chronischen Erkrankung stark auf alle anderen Mitglieder aus. - Disengagierte und gespaltene Systeme zeichnen sich aus durch fehlende Loyalität, fehlendes Zugehörigkeitsgefühl sowie fehlende Fähigkeit, gegenseitige Unterstützung zu geben oder zu suchen bei zeitgleich hoher Autonomie der einzelnen Mitglieder. - Ein klar abgegrenztes System ist laut Minuchin (1977) optimal für Support und die persönliche Handlungsfähigkeit. Laut Balck et al. (1982) sind offene Familiensysteme zugleich mit anderen Netzsystemen synergistisch verknüpft, welches die Klarheit und Durchlässigkeit von Grenzen zur Umwelt, im Sinne adaptiver Funktionen, bedingt. 3. Stabilität Nach dem biokybernetischen Ansatz zeigen Familiensysteme, wie alle Lebenssysteme, eine homöostatische Tendenz hinsichtlich der Umgehung störender Einflüsse sowie der Veränderungsfähigkeit (Selvini-Palazzoli et al., 1978). Negative Rückkopplungsprozesse (siehe Kapitel 3.7.2.) stellen diesen Wechselgrad zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht dar. 4. Adaptionsfähigkeit Zentraler Gedanke ist hierbei, inwieweit sich familiäre Systeme als flexibel zeigen, hinsichtlich der Mobilisierung alternativer Interaktionsmuster, der Integration übereinstimmender gemeinsamer Familienthemen und Familienziele, der Erreichung des Grades der persönlichen Befriedigung als auch die Berücksichtigung der persönlichen Bedürfnisse ( Friedrich ,1981). 5. Ganzheitlichkeit und Holismus Als Ganzheit sind die Mitglieder eines familiären Systems über Kommunikation und Interaktion verbunden, welche sich qualitativ klar umrissen von der quantitativen Merkmalsausprägung unterscheiden. Ändert sich die Ganzheit, zum Beispiel durch die AIDS-Erkrankung eines Mitgliedes dieses Systems, ändert sich das gesamt System Familie. Im Umkehreffekt ist es möglich, dass die Ganzheit des Systems verantwortlich für das veränderte Verhalten eines einzelnen Mitgliedes sein kann. Um veränderte Verhaltensweisen einzelner Mitglieder zu verstehen, müssen interpersonelle als auch intrapersonale Sichtweisen berücksichtigt werden. 6. Zielorientierung, Prozessualität Das gemeinschaftliche Leben wird nach konkreten Zielen ausgerichtet, die dem Zusammenleben in der Familie dienen und Kontinuität vermitteln. Dies impliziert eine prozesshafte zeitlich bedingte Veränderung. Die Ziele selbst obliegen den Inhalten der einzelnen Subsysteme (Eltern, Kinder, Geschwister unter sich, Partner unter sich), (Duvall, 1977). Erkrankt nun ein Mitglied des familiären Systems an AIDS, erfahren alle Mitglieder des Systems eine Störung hinsichtlich der familiären und individuellen Zielbenennung und Zielerreichung durch die gesamte Beeinträchtigung aufgrund der Erkrankung. 7. Selbstregulation Durch diese Selbstregulationsfähigkeit werden familiäre Systeme befähigt, Ziele zu erreichen. Die Erkenntnisse positiver und negativer Rückkopplung familiärer und biologischer Systeme (Siehe Kapitel 3.7.2.) dienen dem grundlegenden Verständnis der Selbstregulation. Wenn sich die Eltern auseinandersetzen, es zur Eskalation inklusive der Reihenfolge erst streiten, dann schreien und dann schlagen, kommt es zur abweichungsverstärkenden positiven Rückkopplung, welches zum Zerbrechen des Systems führen könnte. Schon vor der Eskalation müsste die negative Rückkopplung einsetzen, um präventiv größere Schäden zu vermeiden. Tritt in solchen Fällen nie die negative Rückkopplung ein, kann es zu einem circulus vitiosus kommen, der sich jeglicher Kontrolle entzieht. Es gibt kein lebensfähiges System, das ohne negative Rückkopplung funktioniert (Vester ,1985). 8. Kalibrierung ( Neueinstellung ) Die Entwicklung der Familie vollzieht sich stufenweise, nicht linear und erfordert Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im Sinne der Modifikationsfähigkeit bestehender Regeln während des gesamten Lebens (Kalibrierung), (Duvall, 1977). Sowohl intrafamiliäre Prozesse als auch externe Bedingungen (Kindergarten, Schule, Ausbildung oder Studium) erfordern eine ständige Kalibrierung, was vielen Familiensystemen schon bei einkalkulierbaren gesellschaftlichen (zum Beispiel Einschulung) und biologischen Situationen (zum Beispiel Pubertät) schwerfällt. Als unlösbares Problem erscheint dann die chronische Erkrankung eines Mitgliedes dieses Systems. Eine Kalibrierung kann nicht stattfinden. 9. Regeln Regeln erhalten die Balance und steuern das Verhältnis zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht. Regeln determinieren Richtlinien für das Zusammenleben in einem sozialen System (Hehl, 1988). Systemregeln können mehr oder weniger internalisiert sein, sind aber richtungsweisend dafür, inwieweit sie als wichtig wahrgenommen werden, sich mit den Bedürfnissen der Systemmitglieder decken und ob sie der jeweiligen Entwicklungsstufe des familiären Systems angepasst sind. |
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