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4.9. Soziale Unterstützung und Gesundheit
In einigen Untersuchungen, Eysenck (1991a), Siegrist (1985) und Hall (1990) zeigen die Autoren, dass es verschiedene Persönlichkeitsvariablen gibt, die ein erhöhtes Risiko mit sich tragen, an einer bestimmten Krankheit zu erkranken. Extraversion, Emotionsunterdrückung und rational-anti-emotionales Verhalten sind einige Variablen, die zu einer Karzinogenese führen können. Gleichzeitig wirken diese Variablen auch negativ auf die Bewältigung von Krebserkrankungen.
Die Variable Hardiness (Kobasa, 1982) bedeutet großes berufliches Engagement hinsichtlich des Gefühls des Wahrnehmens, Kontrolle und Effektivität zu haben. In bezug auf das gesundheitliche Befinden zeigt Hardiness eine stärkere Wirkung als Social Support. Der Social Support wird dann wichtig, wenn ein Stressor dauerhaft bleibt oder wenn kein starkes Selbstkonzept vorhanden ist. Der Persönlichkeitsfaktor dominiert gegenüber Social Support (Hobfoll, 1988). Carver (1993) postuliert, dass Optimisten und Personen mit einem starken Selbstwertgefühl mehr Social Support erhalten als Pessimisten und Personen mit weniger ausgeprägtem Selbstwertgefühl.
Bei einer hohen internalen Kontrollüberzeugung scheinen Personen die vorhandenen Ressourcen effektiver nutzen zu können, wodurch sie mehr von der Unterstützung profitieren. Laut Schwarzer und Leppin (1989) ist es hierbei wichtig, dass die Person an die Effektivität des hilfesuchenden Verhaltens glaubt.
Ferner gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung und Social Support zwischen Männern und Frauen. Frauen empfinden ihre Netzwerke als größer, intensiver und erleben sie als hilfreicher. Frauen ist das Netzwerk wichtiger, und ferner zählen sie mehr Personen aus ihrem Netzwerk zu den Bezugspersonen. Weiterhin finden sich Unterschiede in den Beziehungen bezüglich der Intimität. Beziehungen von Frauen zu Personen aus ihrem Netzwerk sind intimer als die Beziehungen zwischen den Männern. In einer Partnerschaft sind Frauen oft die vertrautesten Gesprächspersonen des Mannes. Männer erhalten so in einer Partnerschaft und im Falle einer chronischen Erkrankung mehr Social Support (Siegrist, 1985; Hall, 1990; Schwarzer & Leppin, 1990). Ein weiteres Merkmal, das in Zusammenhang mit Krankheit eine Rolle spielt, ist die soziale Schicht. Personen aus niedrigeren sozialen Schichten sind eher durch Stressoren belastet und haben geringere Coping-Ressourcen. Nach Siegrist (1985) haben Menschen aus unteren sozialen Schichten ungünstigere Persönlichkeitsmerkmale. Ihr Selbstwertgefühl ist geringer, sie sind unflexibler und stressanfälliger als Menschen der Mittel- und Oberschicht. Man findet daher auch ausgeprägtere soziale Netzwerke in der Mittel- und Oberschicht.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass Menschen mit großer sozialer Kompetenz eher befähigt sind, geeignete Netzwerke aufzubauen und darüber hinaus über mehr Coping-Ressourcen verfügen.
Für das Gesundheitsverhalten ist sozialer Rückhalt eine der wichtigsten Ressourcen. Das Netzwerk vermittelt Normen und Verhaltensvorschriften, aber auch Risikoverhalten wird durch die Bezugsgruppe beeinflusst. Der Wille, gesundheitsschädliche Eigenschaften abzustellen, kann durch das soziale Netzwerk stimuliert werden, indem das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, sich ändern zu können, gestärkt wird und der Anreiz des Gesundheitsgewinns dominiert (Schwarzer, 1996). Dieser Punkt ist von Bedeutung bei der sexuellen Aufklärung hinsichtlich praktiziertem Safer-Sex in der Bevölkerung.
Auf die Beziehung zwischen Social Support und Gesundheit gehen die Autoren Schwarzer und Leppin (1990) in ihrem Kausalmodell ein. „...Größeres Wohlbefinden durch positive Sozialkontakte könnte zum Beispiel den Immunstatus stärken, oder die Wahrnehmung vorhandener sozialer Ressourcen könnte die Stresseinschätzung einer Person in einer kritischen Situation dämpfen, so dass potentiell schädliche physiologische Reaktionen unterbleiben...“ (Schwarzer & Leppin, 1989b, 356).
In dem Prozess der Stresseinschätzung werden situative Anforderungen abgewägt und hinsichtlich der eigenen Coping-Ressource überprüft, welches insgesamt die physiologischen Prozesse beeinflusst. Diese physiologischen Prozesse nehmen wiederum Einfluss auf die Krankheit in Diagnose und Prognose.
Diese Zusammenhänge sind bedeutsame Erkenntnisse für Therapie und Verlauf bei HIV und AIDS. Laut Schwarzer und Leppin (1990) wirkt sich die Struktur eines sozialen Netzwerkes auf das Bewältigungsverhalten aus. Bewältigungsverhalten subsumiert die Mobilisierung und Evaluation erhaltener Unterstützung als auch Gesundheits- und Krankheitsverhalten. Das Bewältigungsverhalten beeinflusst hierbei nicht nur physiologische Prozesse, sondern auch, wie sich eine Erkrankung ätiologisch verhält, das heißt, sich entwickelt, manifestiert und verändert. Ebenso nimmt die Persönlichkeit Einfluss auf subjektiv wahrgenommene Unterstützung und somit auf das Bewältigungsverhalten hinsichtlich der Stresseinschätzung und infolge auf die physiologischen Prozesse. Das Modell von Schwarzer und Leppin (1990) zeigt komplexe Zusammenhänge zwischen sozialem Rückhalt und Gesundheit.
In meiner eigenen Untersuchung ist diese Komplexität auf die Aspekte erhaltene Unterstützung, und physiologische Prozesse (die Symptom-Check-Liste SCL-90-R nach Derogatis) in Auswirkung auf die Befindlichkeit von HIV-Infizierten und AIDS-Patienten reduziert.
In den bisher erarbeiteten Kapiteln zeigen sich die symptomatischen Faktoren des Immundefektsyndroms AIDS und welch enorme Bedeutung dem Konzept Sozialer Rückhalt zukommt. Es entspricht oft dem klinischen Alltag, dass die kartesianische Anschauung von der Unabhängigkeit seelischer und körperlicher Faktoren in Diagnose und Therapie beibehalten wird.
Aufgrund dieser Tatsache stellt sich die Frage, wie chronisch Kranke die eigene Leib-Seele-Beziehung selbst, unabhängig von der Fremdeinschätzung seitens der Behandelnden, einschätzen. Das folgende Kapitel wird sich von daher mit dem Konstrukt Lebensqualität auseinandersetzen, um aufzuzeigen, inwieweit ethische Fragen eine Berücksichtigung im Leben chronisch Kranker finden.



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