| Dan Brown hat in seinem fiktiven Roman "Sakrileg" einige Behauptungen aufgestellt, die leider von einem Millionenpublikum für bare Münze gehalten werden. Eine dieser Thesen bezieht sich auf Leonardo da Vincis Wandgemälde "das Letzte Abendmahl". Im Buch heißt es, nicht der Apostel Johannes sondern Maria Magdalena würde dort neben Jesus sitzen. Tatsache ist aber, dass sehr viele Künstler den Apostel Johannes in einer Art und Weise dargestellt haben, die man heute, aber eben nicht damals als "feminin" bezeichnen würde. In der christlichen Tradition wird schon seit der Antike angenommen, dass der Apostel Johannes Jesus' Lieblingsjünger gewesen ist und zum Zeitpunkt der Kreuzigung noch ausgesprochen jung gewesen sein muß - so jung, dass in seinem Gesicht noch nicht einmal ein kleiner Bartansatz zu sehen war. Auch die langen Haare und die hingebungsvolle Gestik des Apostels finden wir bei vielen anderen Versionen des Letzten Abendmahls. Solch langes Haar hatten sehr viele Jugendliche aus der Zeit Leonardo da Vincis. Davon abgesehen, haben die alten Meister auch anderen Jüngern ein derartiges Aussehen gegeben. Heute stellen sich hingegen viele Menschen vor, dass jeder Apostel ein reifer Mann mit Bart gewesen ist - dies entspricht jedoch nicht der traditionellen Darstellungsweise in der Kunst. Man sollte vielleicht versuchen, sich in frühere Zeiten hinein zu versetzen. Als Leonardo da Vinci lebte, besaß die europäische Kultur noch ein sehr androzentrische Ausrichtung. Männer und Knaben standen im Mittelpunkt und genau das haben die ästhetischen Ideale dieser Epoche wiedergespiegelt. Seit dem Verlauf des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Aufstieg der bürgerlichen Kultur wurde die Frau zum alleinigen Fixstern des Schönheitsempfindens, daher neigen viele dazu, ein hübsches Gesicht als etwas primär weibliches zu interpretieren. Dabei besitzt der Kopf einer Frau kaum Merkmale, die man nur bei ihr finden kann - was dem Betrachter hier gefällt, ist der noch erhaltene Rest des sogenannten "Kindchenschemas", welches beim Mann lediglich schneller verschwindet und durch mehr oder weniger herbe Gesichtszüge ersetzt wird. Dies ist der Hauptgrund, warum die meisten Leute davon ausgehen, dass Frauen das "schöne Geschlecht" wären. Der Apostel Johannes war der Überlieferung zufolge einfach zu jung, um besonders männlich-erwachsen aussehen zu können. Die Fans von Dan Brown verwechseln ihn also aus demselben Grund mit einer Frau, aus dem ältere Herrschafen einen langhaarigen Jungen für ein Mädchen halten würden. Sie waren diesen Anblick aus ihrer eigenen Jugend nicht gewöhnt, so wie auch viele Leser des "Sakrilegs" wohl nicht allzu sehr mit der Kunst der Renaissance vertraut sind. Deshalb möchte ich ihnen nun einige Beispiele aus der Zeit vor und nach Leonardo da Vinci zeigen. (Zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken.) |
| Die folgenden Abbildungen zeigen den Apostel Johannes in einem anderen Kontext, also vor bzw. nach dem letzten Abendmahl. Die meisten Künstler stellen ihn dabei wiederum als langhaarigen Jugendlichen dar. Einige Maler jedoch, besonders die niederländischen und deutschen Meister, gaben ihm ein älteres Aussehen, aber auch in diesen Fällen ist er fast immer bartlos. Erneut kann man feststellen, dass Leonardo da Vincis Art, den Apostel abzubilden, mitnichten so ungewöhnlich ist wie es uns Dan Brown weismachen will. Das betrifft auch seine Kleidung (ein meist roter Umhang über einem blauen oder violetten Hemd). Sogar jene Künstler, die lange vor Leonardo da Vinci gelebt haben, unterscheiden sich darin nicht wirklich voneinander, was jede Behauptung, dass spätere Bilder erst durch Leonardo da Vincis Interpretation beinflusst worden wären, natürlich überflüssig macht. |
| Auch wenn heutige Bibelforscher davon ausgehen, dass der Apostel Johannes nicht mit dem gleichnamigen Evangelisten identisch ist, bleibt die traditionelle Sichtweise bei dem Glauben, es wäre ein und dieselbe Person. Diese Ansicht war vor fünf Jahrhunderten maßgeblich, daher sollten in dieser Zusammenstellung Abbildungen des Evangelisten eine ähnlich starke Aussagekraft besitzen. Er wird hier ebenfalls oft als Jüngling dargestellt, bisweilen ist er jedoch als reifer Mann mit Bart zu sehen, besonders dann, wenn es darum geht, den am Ende seines Lebens sehr betagten Johannes abzubilden. |
| Die letzten Bilder dieser Sammlung sollen zeigen, wie man Jugendliche und junge Männer in der Renaissance allgemein dargestellt hat. Deren Gesichter sehen, wie bereits gesagt, nur aus heutiger Sicht "eindeutig weiblich" aus. Die Perspektive der Maler und Bildhauer war nunmal eine andere, ansonsten wäre auch die Skizze für den Apostel Philippus "sicherlich eine Frau". Die Künstler verpflichteten sich damals einem höheren, nicht plump-realistischen Schönheitsideal. Dies sieht man sehr gut in der Art, wie sie die Engel dargestellt haben. Diese himmlichen Wesen sind erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts tatsächlich zu Frauen geworden (also mit weiblichen Brüsten versehen), da sich die Kultur dieses bürgerlichen Zeitalters und seiner stärkeren Präferenz für Frauen deutlich von der Renaissance unterschieden hat. Vor fünf Jahrhunderten hatten Engel jedenfalls noch einen flachen Brustkorb. Dan Browns Behauptung, dass Leonardo da Vinci Maria Magdalena und nicht den Apostel Johannes gemalt hätte, wird umso absurder, wenn man bedenkt, was viele Biographen, wie z.B. Serge Bramly, schreiben. Sie gehen nämlich davon aus, dass Leonardo da Vinci und andere Renaissancekünstler sich sehr für jene bartlosen Jünglingen begeistern konnten, während im Falle Leonardos keine einzige Damenbekannschaft überliefert ist. Einer dieser hübschen Jungen hieß "Salai" (Gian Giacomo Caprotti da Oreno), welcher für viele Bilder Modell gestanden haben soll - es ist gut möglich, dass er auch das Vorbild für den Johannes des "Letzten Abendmahls" war, da die Ähnlichkeit der beiden Gesichter verblüffend ist und er zudem erst 15 Jahre alt war, als Leonardo da Vinci sein Werk begonnen hat. Davon abgesehen, haben beide sogar denselben Vornamen, denn Gian ist nunmal die italienische Form von Johannes. |