Paris Brest Paris Sonnabend früh verladen wir Volkers (59h07) Rad in meinen Kombi. Es soll nach Paris gehen. Alle 4 Jahre gibt es Paris-Brest-Paris. 1204 km sollen es offiziell sein. Ich (70h42) habe über 12.000 Trainings-km in diesem Jahr absolviert. Wird das reichen ? Claus (75h24) unser Chef-Randonneur hat vorher erzählt, Trondheim - Oslo sei eine Kaffee-Tour dagegen. Bei der Fahrt durch die Nacht bekäme man Visionen. Wir werden sehen.
Zunächst müssen wir die Anfahrt mit dem Auto bewältigen. Es gibt beleuchtbare
Autobahnen in Belgien zu bewundern. In Frankreich können wir den TGV im Betrieb bestaunen
und Volker entdeckt, in Paris angekommen, sogar den Eifelturm in der Ferne.
Gegen 15:00 Uhr setze ich Volker auf dem Campingplatz von Saint-Quentin-En-Yvelines ab.
Etliche Radfahrer haben hier bereits Unterkunft gesucht und gefunden, der
Campingplatz-Betrieb ist auf PBP eingestellt.
Ich habe von Deutschland über ein Reisebüro zwei Nächte in einem Hotel (eigene Versuch
per Fax : nur französisch bitte) buchen lassen und dachte, es sei dann problemlos, dort
ein Zimmer für die Nacht nach der Tour zu bekommen. Dies erweist sich als Irrtum.
Sonntag Vormittag muß ich mein Rad zur Beleuchtungskontrolle vorführen und nachmittags um 17:00 Uhr hat Claus einen Fototermin am PBP-Schild vor der Sporthalle am Start angesetzt. Ich fahre die 12 km zum Startbereich mit dem Rad. Dort treffe ich auf bekannte Gesichter. Es zieht sich alles hin, das Rad wird begutachtet, dann kann man das Kontrollbuch und die Magnet-Karte abholen. Ich esse anschließend im Hotel und vergammele die Zeit bis zum Fototermin.
100 Starter aus Deutschland haben sich gem. der Internet-Seite von PBP angemeldet. So viele sind es zum Schluß dann doch nicht, Außerdem erscheinen nicht alle zum Fototermin. Aber Anja, die Lebensgefährtin von Bernd (69h56), hat auch so reichlich zu tun, die Auslöser der bereitgelegten Fotoapparate, für das Gruppenbild zu betätigen. Den Rest des abends verbringen wir beim Abendessen in der Fußgängerzone.
Bei PBP startet die schnellste Gruppe (zulässige Maximalzeit 80 Stunden) am Montag um 20:00 Uhr. Das Hauptfeld mit der vorgegebenen Maximalzeit von 90 Stunden wird in 3 Startgruppen ab 22:00 Uhr auf die Strecke gelassen. Außerdem gibt es eine Gruppe mit 84 Stunden als Zeitvorgabe. Diese starten Dienstag morgen um 5:00 Uhr. Wer hat sich bloß diese Startzeiten ausgedacht ? Mit den Belegungszeiten von Hotelzimmern ist das jedenfalls in keiner Weise kompatibel. Was soll es, ich schlafe lange, packe in aller Ruhe, esse noch im Hotel Mittag und bringe dann mein Auto auf dem Campingplatz unter. Den Nachmittag schlage ich mit ruhen im Auto und Besuchen bei den anderen deutschen Startern tot.
Um 20:15, nachdem wir dem Start der "schnellen" Gruppe applaudiert hatten, dürfen auch wir uns anmelden. Die Masse der Starter hat sich für die 90 Stunden-Startzeit entschieden. Den Startstempel gibt es noch einigermaßen flott. Dann zu Sicherheit noch mal zur Toilette, 10 Minuten in der Schlange stehen, Papier alle.
Teilnehmerstatistik: insgesamt: 3573 Starter 80 Std : 781 / 90 Std: 2286 / 84 Std:506 Davon 234 Frauen / 2976 haben die Strecke regelgerecht absolviert
Die Aufstellung der Fahrer erfolgt auf dem Sportplatz. Der Platz ist schon halb gefüllt. Meine Leute stehen im vorderen Drittel. Ich mogele mich dazu, die knappe Stunde bis zum Start wird auch irgendwie vergehen. Für mich ist in diesem Augenblick klar: PBP alle 4 Jahre ist wirklich genug.
Wir (Aufzählung nicht vollständig: Bernd, Carsten (77h35), Frank (83h45), Jens (70h42), Heino (71h57) Klaus (70h42)) starten an der Spitze der zweiten Startgruppe um 22:15. Vor der Gruppe fährt ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Das Tempo wird an die Radfahrer angepaßt. Wir machen Tempo, man muß ja erst mal warm werden. Nach ca. 30 Kilometern haben wir das Hauptfeld der 22:00 Uhr Gruppe erreicht und ziehen dann daran vorbei. Der Polizeiwagen schwenkt aus und wir haben freie Fahrt. Ab jetzt gibt es für uns keine Probleme mehr mit Schlangen von Radfahrern an Kontrollstellen, Toiletten usw.
Der erste offizielle Halt soll nach gut 140 km sein, die Entfernungsangaben sind z.T. auf 0,05 km angegeben und trotzdem total falsch. Es hat wohl gleich zu Anfang eine Umleitung gegeben, und jetzt stimmt alles nicht mehr. Aber die Nacht geht gerade zu Ende und wir sind noch frisch, da stören solche Kleinigkeiten wie ein paar zusätzliche Kilometer, noch nicht; Trinkflaschen auffüllen und weiter.
Strecke: Die offizielle Entfernungsangabe ist 1204 km. Wir hatten,
wieder zurück in Paris, ca. 1260 km auf den Computer. Ein normaler Fahrradcomputer hält
es übrigens für eine Fehler, länger als 1000 km am Stück mit dem Rad zu fahren, setzt
sich auf Null und die Durchschnittsgeschwindigkeit stimmt nicht mehr.
Claus hat auf unserm Trikot 1218 km angegeben (Argument : offizielle Entfernung zuzüglich
An- und Abfahrten an den Kontrollstellen). Wir hatten (fast objektiv) das schönste Trikot
im weltweiten Vergleich. Aber ohne Kilometerangabe wäre es noch schöner gewesen. Jeder
Radfahrer in Deutschland weiß schließlich was PBP ist und kennt die genaue
Streckenlänge.
Jens und Klaus haben sich zwischenzeitlich mit mir zusammengetan, wir wollen die Tour nach Möglichkeit gemeinsam fahren. Die meisten Kollegen bevorzugen die Einzelkämpfermethode. Bernd und Carsten haben geplant ein Team zu bilden. Anja steuert für die beiden sogar ein Begleitfahrzeug. Die beiden trennen sich später auf der Strecke, da der Geschwindigkeitsunterschied am Berg zu groß war.
Begleitfahrzeuge: Der gemeine Randonneur hat eine Tasche am Rand und kommt damit, in Verbindung mit einer gut gefüllten Brieftasche / Kreditkarte wochenlang aus. Bei PBP sind aber auch Begleitfahrzeuge zugelassen, die aber nicht die Radstrecke befahren dürfen. Den Fahrern darf im Bereich der Kontrollstellen geholfen werden. Dies ist aber trotzdem ein Vorteil, da Regenjacken und Kleidung zum wechseln nicht mitgeführt werden müssen.
In der offiziellen Beschreibung zur Strecke heißt es : " sehr hügelig" und "man möge doch die Schaltung benutzen". Bernd drückt es beim Essen an einer Kontrollstelle etwa so aus "Alles für sich genommen gut zu schaffen, aber nach dem langen Anlauf tut es doch weh". Aber wir sind ja zu dritt, da werden die Hügel flacher und die Strecke schrumpft. Und wenn es gerade mal individuell nicht so gut läuft, beißt man die Zähne zusammen um dranzubleiben. Nach der Bitte, etwas ruhiger zu fahren, sinkt sogar der Schnitt über einige hundert Meter. Wir sind jedenfalls auf der Strecke meist so schnell, das wenige mit uns fahren wollen. Die gewonnene Zeit wird dann in etwas längere Pausen an den Kontrollstellen und auch für einen Halt in einem Cafè investiert. Das Wetter ist gut, der leichte Wind stört nicht, aber es könnte ruhig etwas kühler sein.
Zur Motivation der ARA-Truppe haben Anja und Bernd übrigens Ihren Urlaub geopfert um im Tour- Stil unsere Namen auf den Asphalt zu malen. Das hat uns bestimmt einige Sekunden gebracht !
Es muß in Tinteniac (ca. km 360) gewesen sein. Wir trinken Kaffee und essen Kuchen vom Bäcker. Klaus ist sich nicht sicher, ob er das Tempo noch weiter durchhalten kann. Anschließend wird es noch etwas hügeliger und Klaus erweist sich unter diesen Bedingungen als der stärkste von uns dreien. Es ist doch fast alles Psychologie. Ich jedenfalls fahre eigentlich nur weiter, weil ich schon mal damit angefangen habe.
Es wird inzwischen wieder dunkel. Wir sind kurz vor Carhaix (km 521), wo wir übernachten wollen. Jens drängelt "Wir müssen uns beeilen, damit wir einen Schlafplatz bekommen". Kein Problem, es ist kühler geworden und es läuft wieder. Auf der anderen Straßenseite erscheint ein einzelnes Licht und kurz dahinter noch einige. Das sind die Kollegen auf dem Rückweg von Brest. Es erfolgt eine kurze Rechnung : Die sind 2 Stunden vor uns gestartet und schon gut 200 km weiter als wir. Die sind schon besser als wir, aber so schlecht sind wir auch nicht.
Kurz nach 23:00 Uhr sind wir in Carhaix. Zuerst wollen wir sicher stellen, daß wir noch einen Schlafplatz bekommen. Kein Problem heißt es. Also : essen, duschen , 4 Stunden schlafen. Wir hätten uns übrigens nicht beeilen müssen. Die riesige Turnhalle mit Feldbetten ist nur zu 15 % belegt.
Kontrollstellen: Die Kontrollstellen waren in der Regel in einer größeren Schule eingerichtet. Es gab einen Stempel ins Kontrollbuch und mit der Magnetkarte wurde die Zeit auch elektronisch erfaßt. Über MinTel (so ähnlich wie das ehemalige BTX) war es möglich abzufragen, welche Kontrollstelle der jeweilige Fahrer wann passiert hat. Zwei "Geheimkontrollen" erschwerten das Schummeln.
Verpflegung: An den Kontrollstellen war jeweils ein Kantinenbetrieb eingerichtet. Für die Mahlzeiten mußte gesondert bezahlt werden.
Schlafen/ Duschen: An den meisten Kontrollstellen gab es Schlafmöglichkeiten mit Weckservice und Duschen. Auch hierfür mußten einige Francs extra gezahlt werden.
Wir werden ca. um 4:00 Uhr geweckt, kurz frühstücken und dann weiter nach Brest. Das Stück zieht sich, man fährt über einen Berg, meint unten an der Küste schon Brest zu sehen. Fährt dann runter, sieht in der Ferne eine Brücke, da muß es sein! Dann geht es rechts und links und immer auf und ab. Dann kommt endlich doch eine Brücke. Jens zückt seine Kamera, es ist noch nicht ganz hell und ungewiß ob die Fotos gelingen. Hinter der Brücke ist Brest erreicht. Jetzt müssen wir nur noch 2 Kilometer bergauf, um zur Kontrollstelle zu gelangen.
Es beginnt leicht zu regnen, als wir uns auf den Rückweg begeben. Aber es hilft nicht, wir müssen (wollen) jetzt nach Paris. Der Regen ist nicht wirklich schlimm, aber die Füße sind naß (jetzt rutscht auch in meinen Schuhen, wie bei Heino, die Einlegesohle) und die Fahrt mit der Regenjacke ist auch nicht besonders angenehm. Nach ca. zwei Stunden halten wir, um die Regenjacke auszuziehen, und beim örtlichen Supermarkt Milch und einige Bananen zu kaufen.
Wir haben eine interessante Stelle erwischt. Von links kommen die Fahrer aus Paris und biegen dann auf der Kreuzung nach Brest ab. Die Fahrer aus Brest kommen von rechts fahren gerade aus und sind dann wieder auf einer Strecke mit den Ankommenden. Wenn es soviel zu sehen gibt, schmeckt die Banane gleich doppelt so gut.
Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team und der zweite Tag ist nicht ganz so warm. Sicher, wir haben schon einige Kilometer in den Beinen und sind nicht mehr so frisch wie am Anfang, es gibt Scheuerstellen am Gesäß, aber ich denke, es läuft gut. Wir wissen inzwischen: Nur noch zurück nach Paris, und dann ist es geschafft. Passieren kann jetzt eigentlich nichts mehr.
Sitzen auf dem Fahrradsattel : Ich bin "trocken" gefahren, hatte aber insgesamt drei Hosen dabei und bei jeder Übernachtung gewechselt. Meine Kollegen benutzten Creme. Einige hatten mehr Probleme und haben sich auch in ärztliche Behandlung begeben müssen.
Es geht in die zweite Nacht. Visionen habe ich zwar nicht bekommen, aber immerhin: Vor uns sieht man Wetterleuchten, rechts beleuchtet der (fast) Vollmond den Nebel, der die Wiesen bedeckt. Ich bin guter Dinge, fühle mich eins mit der Natur und hoffe, daß wir kein Gewitter bekommen. Meine Befürchtung erweist sich als grundlos, meine Beine arbeiten gut, aber wenn ich an der Spitze fahre, erkenne ich die Streckenschilder zu spät. Der Kopf ist müde.
Streckenausschilderung: Die Strecke war insgesamt gut ausgeschildert, die letzten 50 km vor Paris allerdings sehr sparsam. Ob hier die Souvenirjäger zugeschlagen haben oder ob die Schilder knapp wurden, weiß ich allerdings nicht.
In Fougeres (km 900) wollen wir 3 Stunden schlafen. In einem Klassenraum werden uns
noch "warme" Turnmatten in einem Klassenraum zugewiesen. Es duftet intensiv nach
durchgeschwitzten Trikots. Wenn man müde ist kann man trotz allem schlafen.
Es ist voll geworden, auf den Gängen und auch im Bereich der eigentlichen Kontrolle
liegen Radfahrer. Da haben wir mit dem miefigem Klassenzimmer ja noch richtig Glück
gehabt. Frühstücken und weiter.
Es geht bergab, aber das Rad rollt nicht so richtig. Als wenn die Reifen am Asphalt kleben. Was sonst eher nervt, erweist sich an dieser Stelle als Vorteil. Unten ist eine Baustelle und der Split liegt als dicke Schicht auf der Fahrbahn. Wir sind ausgeruht und es ist hell. Wie ergeht es einem in der Dunkelheit bei Müdigkeit ?
Bis zur letzten Kontrolle (km 1149) gibt es aber auch Teilstücke mit richtig gutem Straßenbelag und Rückenwind. Wir nutzen das, um unser Tempo zu steigern. Peter (71h43), den wir bei unserem letzen Halt im Café getroffen hatten wird es zu schnell und er läßt uns fahren. Es macht aber auch einfach zu viel Spaß, locker an anderen Radfahrern vorbeizuziehen. Bis zum Ziel überholen wir jetzt praktisch alles. Es gibt dann allerdings noch zwei andere Radfahrer die von hinten aufgeschlossen haben und zu einem Spurtduell animieren. An einer roten Ampel ziehen sie davon, um sich wenig später dann noch zu verfahren. Am Schluß kommen wir dann doch fast gemeinsam in Guyancourt an.
Das letzte Stück der Strecke war dann doch irgendwie nicht so, wie wir uns das
gewünscht hätten. Es geht durchs Industriegebiet und über weiträumige Ausfallstraßen.
Abends, kurz vor neun sind die Straßen leer und keiner nimmt Notiz von uns. Aber damit
sollte man als Held bei der Heimkehr wohl rechnen.
Immerhin ist Auli, die Frau von Claus, in der Sporthalle und beglückwünscht uns. Wir
geben unser Kontrollbücher ab. PBP ist geschafft !
Guyancourt, der Startort, ist eine Retortenstand am südwestlichen Stadtrand von Paris. Der Campingplatz lag etwa 2 km entfernt.
Zeiten: Sieger waren 2 Franzosen, Sie benötigten 44h22. Schnellste Deutsche waren Jürgen Franke (48h48) und Bernhard Schlegel (49h18). Wir waren 70h42 unterwegs, wobei die reine Fahrtzeit etwas über 46 Stunden betrug. Wenn man eine derartige Strecke wirklich schnell absolvieren will, muß man möglichst keine Pausen machen.
Gruppenbildung: Ich denke es macht wirklich mehr Spaß so eine Tour in der Kleingruppe zu fahren. Man muß sich aber auch zurücknehmen, wenn man mal richtig reintreten will oder ist am kämpfen, um dranzubleiben. Auch die Pausengestaltung ist ein Problem. Die Schlafenspausen in der Nacht habe ich gebraucht, hätte aber gern auf die Mittagsruhe verzichtet. Die meisten haben sich jedenfalls als Einzelkämpfer betätigt.
Service auf der Strecke: Durch Motorräder. Wir mußten keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen, hatten aber den Eindruck, daß immer jemand rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre.
RTF-Punkte: Ich habe meine Wertungskarte bei PBP durchgeschwitzt und den Stempel. Die Punkte werden aber nicht anerkannt weil PBP in der Woche stattgefunden hat und zu dieser Zeit keine RTF-A-Wertungen stattgefunden haben. Aus dem gleichen Grund bekommt Jan Ullrich übrigens für die Vuelta keine Punkte.
Burkhard