LEL wird von Audax United Kingdom (The Long Distance Cyclists Association) veranstaltet.
Gut 300 Starter wollten wissen, ob die eigenen Kräfte für 1400 km mit dem Rad reichen.
Auch ich bin neugierig gewesen.
Anreise
Mein Rad ist fast fahrbereit, das Isoliermaterial von den Rahmenrohren entfernt, der
Lenker geradegestellt. Ich muss nur noch die Reifen aufpumpen und meine Gepäcktaschen ans
Rad hängen. Den Burschen mit dem Handy kennst Du doch, denke ich so bei mir, da hat
Henner, mein Vereinskollege vom Audax-Club S-H, mich auch schon gesehen. Er telefoniert
mit Heino, um seine Abholung vom Flugplatz Stanstedt nach Harlow zu organisieren.
Ich verzichte auf die Radtour und lasse mich von Heino, der zusammen mit Familie und
Wohnmobil angereist ist, mitnehmen. So habe ich die Gelegenheit den Linksverkehr auf der
Insel erst mal aus der sicheren Hülle des fahrbaren Untersatzes in Augenschein zu nehmen.
Im Internet habe ich übrigens sicherheitshalber nachgesehen wie das mit den
Verkehrsregeln ist. Es wird zwar links gefahren, aber sonst ist es ähnlich wie zu hause.
Wer von rechts kommt hat Vorfahrt.
Wir fahren zunächst zur Jugendherberge. Audax UK, der Veranstalter von LEL hat die
gesamte Herberge für die Veranstaltung gemietet. Wir melden uns an, und ich sortiere
gerade mein rudimentäres englisches Vokabelwissen, da werden wir auf deutsch begrüßt.
Das Sprachgenie ist Ivo Miesen aus Maastricht. Er wird an der Tour teilnehmen und für
Audax UK einen Bericht schreiben. Jetzt stellt er seine Fähigkeiten an der Anmeldung zur
Verfügung.
Wir stellen unser Gepäck unter und sichern uns unseren rustikalen, aber kostenlosen
Schlafplatz für die Nacht von Freitag auf Samstag. Aus Nord-Bayern sind Karl und Frieder
über Heathrow angereist. Sie äußern sich erstaunt über die relativ hohen Kosten der
Bahnfahrt. Außerdem treffen wir Steffen, einen Kanadier der in Deutschland lebt und bei
Karl einige Brevets gefahren ist.
Wir haben noch viel Zeit, es ist Mittag und der Start für LEL ist Sonnabend um 10:00 Uhr
morgens. Henner und ich fahren noch mit zum Campingplatz. Anja und Bernd haben schon
einige Wochen Frankreich-Urlaub hinter sich und Bernd will zum Abschluss noch mal eben LEL
fahren. Sie zelten direkt neben Heinos Stellplatz.
Die Kollegen montieren Schutzbleche (für LEL vorgeschrieben)
und richten ihre Räder. Ich trinke Kaffee und esse Kekse und stehe ansonsten mehr
beratend zu Verfügung: "Heino,
was Du anziehst und mitnehmen willst, musst Du selber wissen !" Schön das man
behilflich sein kann.
Dann gibt es noch eine kleine Radtour zur Jugendherberge, dabei erweist sich der Stadtplan
von Harlow, den es von Audax UK zusammen mit den letzten Startinformationen per Post gab,
als äußerst hilfreich. Die Radstrecke ist doch wieder anders als die Autofahrt, aber wir
kommen an!
Sehen was sich am Start so tut, Essen und trinken
(schmeckt hier das Guinnes anders als zu hause?) stehen auf dem Programm. Fisch and Chips
waren gut, der Nachtisch auch, aber ziemlich süß.
Am Startplatz werden Räder ausgepackt
und es wird über Raddetails gefachsimpelt. Die Österreicher sind mit 4 Mann da,
außerdem treffen wir Hubertus, unser Mann für das Gesamtklassement. Die Zeit vergeht
recht schnell und angenehm. Gegen 22:00 Uhr lege ich mich hin, in der Nacht regnet es.
Vorm Start
Ich stehe kurz vor 6:00 Uhr auf. Wer weiß wann es die nächste Dusche gibt und zum
anstehen habe ich keine Lust. Frisch geduscht gibt es bald das Frühstücks-Büfett für 6
Pfund im gegenüberliegenden Lokal. Es bleibt dann immer noch ausreichend Zeit sich
vorzubereiten. Es regnet inzwischen nicht mehr, aber der Himmel ist bedeckt. Mein
Vorderrad hat Luft verloren. Beim Wechseln des Schlauches reißt der Kontaktschuh für das
Kabel am Nabendynamo aus. So etwas passiert immer im ungünstigsten Moment. Aber besser
hier als unterwegs auf der Strecke. Ich habe jedenfalls einiges zu fummeln, immer in Sorge
den einen verbogenen Kontaktschuh ja nicht zu verlieren. Unterwegs hatte ich übrigens
keine weitere Panne.
Es ist immer noch nicht 10:00 Uhr. Zeit sich umzusehen. Mit meinem Rad, Rennrad mit
Schutzblechen, Gepäckträger und Lichtanlage bin ich in diesem Umfeld eher konventionell
ausgerüstet. Es gibt nicht nur das eine Liegerad von Frieder sondern einige mehr. Am
verrücktesten finde ich die Leute mit Starnaben ohne Schaltung. Es gibt Klappräder
(Moulton, Brompton usw.) und sogar ein Trike (Rennrad mit zwei Rädern hinten). Außerdem
nehmen ein oder zwei Tandems teil. Zum Rad kann jeder eben seine eigene Meinung haben, nur
die UCI weiß nichts davon.
Die nasse Nacht im Zelt war wohl nichts für Bernd, er erscheint nicht zum Start .
Start und erster Tag
Robert Lepertel vom Audax Club
Paris ist Ehrengast und schickt die gut 150 Starter nach Norden.
Nach der Streckenbeschreibung im Internet führen die ersten 400 Kilometer durch flaches
Weide- und Ackerland. Die Landschaft erinnert an Schleswig Holstein, mit anderen Worten,
es ist flach wie die Holsteinische Schweiz. Es gibt dabei immer mal wieder kurze Stücke,
die zweistellige Prozentwerte vermuten lassen.
Am Anfang fährt das Feld geschlossen. Recht bald erwischt es Hubertus. Er kollidiert mit
dem russischen Starter, der in diesem internationalen Teilnehmerfeld doch so etwas wie ein
Exot ist. Hubertus ist sofort auf den Beinen und strebt wieder der Spitze zu. Nach ca. 60
km ist die erste Kontrollstelle (Longstowe) erreicht, es gibt Obst und Kuchen gegen
Bezahlung.
Wir sind eigentlich fertig zur Weiterfahrt, da trifft Karl ein. Er hatte einen Platten und
wir warten bis auch er sich verpflegt hat. Das Feld ist jetzt natürlich weg. Wir bilden
eine deutsche Gruppe und fahren zusammen.
Wir deutschen Breitensportler versuchen gemeinsam zu fahren. Fahrtechnisch ist das gar
nicht so einfach. Einige haben Probleme bergauf, andere nutzen den Windschatten nicht
richtig. Dann ist da noch Frieder mit seinem Liegerad. Er hat einfach ein anderes
Geschwindigkeitsprofil, aufwärts langsam und abwärts so schnell, das man als
"normaler" Radfahrer eigentlich nicht folgen kann. Damit er etwas sieht, fährt
er meist auf der Gegenfahrbahn. Es sieht schon richtig gefährlich aus. Wir bleiben aber
zusammen und warten als Heino seinen Plattfuß
nimmt.
Die Kontrolle in Lincoln
(Strecken-Kilometer 225) befindet sich auf einer Rastanlage (Tankstelle / Burger King /
Hotel). Wir essen erst mal etwas. Es wird bald dunkel, wir wollen aber noch bis Thorne, da
soll es Duschen und Betten geben. Die Italiener fahren geschlossen in einer größeren
Gruppe. Sie kommen 10 Minuten nach uns und sind 10 Minuten vor uns mit dem Essen fertig.
Steffen wartet auf Henner, wir warten draußen auf die beiden. Henner erscheint, und meint
sich noch die Füße eincremen zu müssen, es dauert ja nicht lange ! Ich fahr schon mal
alleine los, sonst rege ich mich noch auf. Nach gut 10 Kilometern sind wir wieder
zusammen.
Irgendwann überholen wir die Italiener, so schlecht scheint es doch nicht zu rollen. In
der Nacht nimmt Frieder seinen Plattfuß.
Zum Glück liegt ein beleuchteter Bahnübergang günstig. Frieder bringt sein Liegerad in
Ordnung und Italien überholt. Die Streckenbeschreibung ist exakt, man muss nur aufpassen,
dass man einen Abzweig nicht verpasst. Wir gönnen uns noch einen kleinen Umweg.
In der Nacht sind wir in Thorne (km 296) , die Betten sind belegt, es wird auch auf den
Sesseln im Kontrollbereich geschlafen. Unter diesen Umständen wollen wir uns hier nicht
lange aufhalten. Da entdecke ich einen hinteren Clubraum. Der Platz reicht um sich in
aller Ruhe auszustrecken. Kurz nach fünf weckt uns Karl. Draußen ist es schon hell. Wir
sind damit länger als geplant geblieben.
2.Tag (Sonntag)
Mit etwas über dreißig geht es zur nächsten Kontrollstelle (die Gegend um Thorne kann
man übrigens uneingeschränkt als flach bezeichnen), aber das ist Steffen jetzt zu
schnell. Er beschließt, alleine weiter zu fahren.
Nach einigen Kilometern bekommt Frieder seinen zweiten Platten. Beim dritten Plattfuß
muss der Schlauch geflickt werden und es kommt auch der Ersatzmantel zum Einsatz. Damit
ist Frieder mit seinen technischen Defekten durch. Aber das hat alles aufgehalten, Steffen
ist inzwischen an uns vorbei.
In der Gegend um Castle Howard gibt es übrigens wieder richtige Steigungen. Es geht
ständig auf und ab, nicht richtig lang aber in den Beinen spürbar steil. Das ganze wird
abgerundet durch britische Kultur, wie Festungsmauern, einem Denkmal und einem Obelisken.
In Hovingham (km 380) treffen wir wieder auf Steffen. Hier ist die Lagerstelle für das
vorrausgeschickte Gepäckstück. Leider besteht keine richtige Duschmöglichkeit. Dafür
bekommt man für 3 Pfund reichhaltige und gute Verpflegung.
Die nächsten Kontrollstellen ist Barton (km 450). Vorher fahren wir noch einen kleinen
Umweg, aber der Berg war auch zu verlockend. Verpflegung und Stempel erhält man in einem
Imbiss, oberhalb einer Tankstelle mit großem LKW-Parkplatz. Es gibt Rührei mit Speck und
Chips (irgendetwas zwischen Pommes und Bratkartoffeln).
Am Langdon Beck Youth Hostel (km 501) ist man wirklich in den Bergen. Nach
Streckenbeschreibung sind es jetzt noch ca. 10 km zum Yad Moss. Mit ca. 600 m über NN dem
höchsten Punkt der Strecke. Ich weiß nicht was der Yad Moss ist, es ist kein richtiger
Berg, kein richtiger Pass, die Straße verläuft am Hang etwas unterhalb der Berggipfel.
Man hat hier immer Gegenwind (wir hatten jedenfalls auf den Hin- und Rückweg den Genuss)
und eine grandiose Aussicht. Der Bewuchs besteht aus Grasbüscheln, die die
Nahrungsgrundlage für die dort lebenden Schafe und Kaninchen bildet. Kaninchen sind nicht
so gefährlich, man sollte es allerdings vermeiden gegen ein Schaf zu fahren. Ein
Teilnehmer ist jedenfalls kollidiert und hat sich eine schmerzhafte Sturzverletzung
zugezogen. Die Steigungen sind zwar lang aber insgesamt moderat. Im letzten Ende wieder
runter gibt es ein Schild mit 14 % , in Alston auch mit Pflaster. Aber das wird mehr ein
Problem für den Rückweg.
Aus den Bergen geht es durch welliges Gelände nach Carlisle (km 571) unmittelbar vor der
schottischen Grenze. Die
Kontrollstelle liegt in einem Autohof mit kulinarischen Kostbarkeiten wie Bohnen auf
Toast, natürlich Rührei mit Speck oder verschiedene Burger-Variationen. Wir essen,
während es wieder dunkel wird. Über den Yad Moss ist jeder von uns sein Tempo gefahren
aber jetzt sind wir (Henner, Heino, Frieder, Karl und ich) wieder zusammen unterwegs. Wir
wollen noch bis zum tibetischem Tempel in
Eskdalemuir (km 622). Heino hat noch Platz in seinen Packtaschen und wir nehmen noch
einige Flaschen Bier zum einschlafen mit.
Die schottische Grenze ist recht bald erreicht. Aber es zieht sich und es sind noch einige
knackige Steigungen zu überwinden. Langsam geht es immer weiter nach Norden. Kurz vor dem
Etappen-Ziel bekommt Frieder noch Probleme. Wenn er müde wird, schläft er einfach ein
und kippt
vom Liegerad. Karl bleibt bei ihm, sie treffen wenig auch ein. Die Versorgung bei den
Mönchen ist eine Enttäuschung. Ivo hatte von dem guten asiatischem Essen hier berichtet.
Es war teuer, englisch, und von der eher schlechteren Sorte. Heino war mit dem Bier noch
nicht ganz so weit. Ich brauchte kein Bier mehr um auf der harten Matte, meine Packtasche
als Kopfkissen und der benutzen Decke gleich einzuschlafen.
3.Tag (Montag)
Der Himmel ist bedeckt aber trocken, als wir in der Morgendämmerung gemeinsam aufbrechen.
Es geht sanft auf- und abwärts durch schottisches Weideland. Von den Höhen kann man
kreisrunde Viehgatter aus aufgeschichteten Steinmauern erkennen. Parallel zu unserer
Straße fließt ein kleiner Fluss. So wie man sich das vorstellt, klar, mit
Stromschnellen, Natur pur eben ! Früh
am morgen gibt es auch noch keinen Wind. Am einzigen größeren Ort (Innerleithen) auf
unserem Weg zum Wendepunkt bei Edinburg (genauer Dalkeith / km 708 ) lädt Maliks
Food Store zu einer Pause ein. Ich bin inzwischen alleine unterwegs, aber noch nicht mit
meiner Milch fertig, da treffen
auch Heino, Henner und Karl ein.
Frieder fährt durch.
Hinterm Ort noch eine gemeinsame Pinkelpause und dann fährt jeder wieder sein Tempo. Auf
der letzten Erhebung (ca. 20 km vor Edinburg) kommt mir das "österreichische
Team" entgegen. Kurz gegrüßt und weiter. Fliegen umkreisen hier oben mein Haupt. Ob
ich unterwegs vielleicht doch hätte duschen sollen ? Egal, ab hier geht es im Prinzip nur
noch abwärts und in Edinburg soll es Duschen geben.
Es ist eine schöne Kontrollstelle, für drei Pfund wird man fürstlich bewirtet und
freundlich aufgenommen. Heino hat noch drei Flaschen Bier in seinen Taschen. Irgendwann muss das Zeug ja weg, wenn nicht
jetzt, wann dann? Wir müssen bei unseren Gasgebern erst mal richtig stellen, das wir die
Getränke nicht aus Deutschland importiert haben. Es bleibt dennoch der Eindruck, dass wir
irgendwelche nationalen Vorurteile von der großen Biernation bestätigt haben.
Jetzt ist noch die Dusche fällig, danach fahren wir dann getrennt zurück. Bei Malik habe
ich endlich Heino eingeholt. Das Ende von Edinburg zurück war nicht leicht. Wind ist
aufgekommen und der kommt von vorn. Unterwegs sind uns übrigens auch Steffen und Ivo
entgegengekommen. Ich sehe jetzt aber zu, das ich mich beeile. Das soll heißen ich fahre
mäßig schnell und halte die Pausen kurz. Ich will noch im hellen über den Yad Moss.
Kurz vor Eskdalemuir überhole ich Andy, den letzten Österreicher (das klingt jetzt so
wie der letzte Mohikaner).
In Eskdalemuir (km 792) halte ich mich nur kurz auf. Ich rolle gerade vom Hof als Heino
eintrifft. Der Streckenabschnitt nach Carlisle (km 845) erscheint mir dann länger als die
53 km vom Streckenplan. Zuerst noch mal richtige Steigungen für das kleine Kettenblatt
und dann eine breite verkehrsreiche Straße
mit herausfordernden Gegenwind. Aber was soll es, im Langdon Beck Youth Hostle (km 917)
wartet eine Dusche und ein Bett auf mich. Es läuft nicht mehr richtig, ich halte an, die
frischen Socken, die ich mir Edinburg angezogen habe auszuziehen und wegzuwerfen. Sie
drücken einfach. Die alten eingefahrenen sind besser. Ich habe noch Restlicht am Yad
Moss, in der Abfahrt ist aber endgültig dunkel. Sonst herrscht Gegenwind und es ist
empfindlich kalt geworden. Die Häuser links am Hang haben Ähnlichkeit mit der
Jugendherberge, ich befürchte in der Dunkelheit den Kontrollpunkt zu verfehlen. Aber mit
Hilfe eines Engländers, der mich zum Schluss überholt, findet sich alles wieder an.
Essen, duschen und schlafen, was will man mehr !
4. Tag (Dienstag)
Um fünf Uhr schlafen Frieder und Karl noch. Ich höre später, dass die beiden erst um 2
Uhr morgens eingetroffen sind und Frieder aus Sicherheitsgründen sein Liegerad geschoben
hat. Ich überlege ob ich aufstehen will und werden eine knappe halbe Stunde später noch
mal geweckt.
Heino und Henner, nach mir eingetroffen sind schon fast abfahrbereit. Wir frühstücken
gemeinsam, ich entschließe mich aber alleine weiterzufahren. Es bekommt mir irgendwie
besser, wenn ich nur auf mich aufpassen muss. Am Autohof in Barton (km 968) treffe ich die
beiden an diesem Tag noch mal, kurz bevor ich dort aufbreche. Von Hovingham (km 1039)
nehme ich meine zweite Packtasche selber mit nach London. Auf der Fahrt nach Thorne (km
1123) überholen mich drei Engländer (ich halte alle die flüssig englisch sprechen und
kein Trikot mit anderslautender Aufschrift tragen für Engländer). Sie fahren
Windschatten und ich reihe mich ein. Ich will auch mal führen, werde aber bald
aufgefordert "inside" zu kommen. Was will man machen ? Nach einiger Zeit wird
eine Pinkelpause angesetzt und ich fahre weiter.
In Thorne bin ich etwas unsicher, es ist noch hell und die 70 Kilometer bis Lincoln
schaffe ich noch locker, aber es soll dort keine Übernachtungsmöglichkeit geben. Bis zur
Jugendherberge nach Thurlby wären es dann insgesamt über 140 Kilometer. Die englische
Zugmaschine sitzt bei mir am Tisch, er zieht sich die Schuhe aus und ich meine: "Your
Legs are stronger then Your feet" Er meint seine Beine seien sogar stärker als sein
Kopf. Wie auch immer, er weiß, dass es doch eine Übernachtungsmöglichkeit in Lincoln
gibt.
Auf dem Weg mache ich eine kurze Pause, da überholt mich die italienische Gruppe.
"Komm !" rufen sie. Das finde ich durchaus nett, das man mich mitnehmen will,
aber es ist doch einfacher mein Tempo zu fahren. Kurz nach dieser Begegnung gibt es einen
Schauer, ich steuere eine Bushaltestelle an um mir meine Jacke überzuziehen, verzichte
dann aber doch darauf. Außerdem will ich nicht, dass die Italiener mich noch mal
überholen. Kurz vor 22:00 Uhr abends bin ich in Lincoln (km 1194). Audax UK hat zwei
Hotelzimmer angemietet. Einquartieren und anschließend etwas essen sind die nächsten
Programmpunkte. Ich setze mich zu den Österreichern, sie sind fast fertig und wollen noch
weiter fahren. Als ich satt bin, sind sie immer noch nicht weg. Auf einen muss man immer
warten, das ist in Österreich auch nicht anders als bei uns Deutschen. Inzwischen sind
auch die Italiener eingetroffen; sie sind wohl auch noch weitergefahren.
Als ich wieder auf dem Zimmer bin, hat sich Andy (der letzte Mohikaner) ebenfalls
einquartiert. Duschen, noch ein wenig die Tour gucken (aber eigentlich interessieren mich
Jan und Lance jetzt nicht wirklich) damit ich wach bleibe, bis Andy wieder vom Essen
zurück ist und ich ihn ins
Zimmer lassen kann.
5.Tag (Mittwoch)
Um 4:00 Uhr werde ich geweckt. Das Trikot auf dem Nachbarbett kommt mir bekannt vor.
"Heino ?!" Es ist Heino. Henner schläft auf dem Boden vor der Badezimmertür.
Außerdem hat noch ein Amerikaner (Klapprad mit Schutzblechkonstruktion aus Plastik-Pappe
und Kabelbindern) mit uns übernachtet. Wir setzen den Wasserkocher in Betrieb und brühen
uns Kaffee und Tee. Eigentlich ganz gemütlich, aber ich möchte erst mal weiter alleine
fahren.
Es läuft nicht so richtig. Nach einiger Zeit muss ich mich in die Büsche schlagen,
wenigstens habe ich an Toilettenpapier gedacht. Ver- und Entsorgung des Körpers sind bei
so einer Tour ein Problem, mit dem man fertig werden muss. Unter Last arbeitet es in mir
jedenfalls anders, als ich es während meiner Zeit auf dem Bürostuhl gewohnt bin.
Anschließend noch mal kurz verfahren und Heino und Henner sind vor mir an der
Kontrollstelle in Thurlby (km 1260).
Es wird jetzt richtig warm. Ich bin dankbar für das kleine (dritte) Kettenblatt. Auf dem
Hinweg bin ich die kleinen Hügel noch locker mit den großen Blatt hochgefahren. Mein
Hintern merkt jede Delle im rauen Asphalt. Auch das war auf dem Hinweg irgendwie anders.
Die letzte Kontrolle vorm Ziel ist Longstowe (km 1352). Ich muss nicht lange auf meine
beiden Vereinskollegen warten. Die letzten 62 km will ich dann doch in Gesellschaft hinter
mich bringen. Die Theorie von der Abrisskante von nachfolgenden Radfahrern stimmt auch
hier. Nach einigen Kilometern werde ich gebeten ("Fahrt schon zu, ich komme alleine
hinterher") langsamer zu fahren. Ich will jetzt zusammen mit Heino und Henner in
Harlow ankommen. Heino denkt genauso.
Wir passen unser Tempo an und kommen auch voran. Jetzt tut wieder alles weh. Mein linker
kleiner Finger fühlt sich taub an und ich habe Probleme den Schalthebel zu bedienen. Was
soll es, die paar Kilometer schaffen wir auch noch. Die letzte Hürde ist der
Feierabendverkehr! Man muss aufpassen, das man nicht überfahren wird.
Kurz nach 17 Uhr rollen wir ein. Tatsächlich, Britta steht mit dem Fotoapparat auf der
Straße und macht ein originales Zieleinlauffoto.
Ich habe es nicht geglaubt, aber Heino hat recht behalten: "Ich habe vorhin
telefoniert und dann weiß Britta, wann wir kommen !"
Britta hat sogar Sekt beschafft. Wir
feiern noch bevor wir unsere Karte abgeben.
Die Österreicher sind übrigens schon gegen 11 Uhr eingetroffen. Andy war kurz nach uns
da. Italien hatte auch schon geduscht. Hubertus ist zusammen mit einem Franzosen schon am
Dienstag um 8 Uhr als Erster da gewesen. Der Sturz hat ihn eine Speiche gekostet, er ist
dann so weitergefahren. Er sieht aber auch so aus , als ob er mit 12 Speichen-Laufrädern
auskommt. (Karl schlug übrigens vor, das wir "Breitensportler" uns als
"Die Wamperten" hätten anmelden sollen).
Abreise
Für die erfolgreiche Teilnahme hätte man bis Donnerstag morgen Zeit gehabt. Zu diesem
Zeitpunkt habe ich meine Flieger gebucht. Ich lasse mich um 1:30 Uhr wecken. Der russische
Radkollege wird das freiwerdende Bett bekommen. Ich hänge mein Gepäck ans Rad. Die
Räder von Karl und Frieder lehnen am Baum im Garten, sie müssen es also auch geschafft
haben.
Rocco, Chef der Kontrollstelle hier Harlow , fragt mich ob ich wirklich ok sei. Er meint
damit die 20 Kilometer zum Flughafen, die ich mit dem Rad bewältigen will. Nach Karte
muss man zum Flugplatz wirklich nicht die Autobahn nehmen, es gibt eine ruhige dunkle
Nebenstrecke. Die Frage verstehe ich wirklich nicht. Meiner Meinung nach wäre ich nicht
ok, wenn ich 1400 Kilometer quer durch England nach Schottland fahre und dann bei den
letzten Kilometern ein Taxi ordere.
Ich verfahre mich zwar noch einmal ein wenig aber es ist Zeit genug. Erstaunlich viele
Menschen scheinen auf dem Flugplatz zu übernachten. Ich muss jedenfalls suchen, um einen
Platz zu finden, an dem ich mein Rad flugfertig machen kann.
Ich bin rechtzeitig am Check-In-Schalter und bald an der Reihe. Ich habe meinen
Flugschein, fürs Rad muss aber noch mal zu zahlen. Die Kasse öffnet erst in einer halben
Stunde. Ausruhen ist also nicht, dafür anstehen; Fahrrad und Gepäck nicht aus den Augen
lassen. Sonst habe ich aber keine Probleme. Der Flieger hat zwar Startschwierigkeiten
(irgendein Radargerät funktioniert nicht), wir landen aber relativ heil ( bei meinem
Fahrrad fehlt ein Lenkerstopfen) in Lübeck. Trotz Rechtsverkehrs komme ich sogar mit
meinem Auto heil zu hause an.
Nachtrag
Ich finde Frieder nicht auf der Finisher-Liste im Internet (www.audax.uk.net) und
telefoniere deshalb mit Karl (www.randonneure.de). Es liegt an der Liste, auch Frieder hat
es geschafft. Karl erzählt übrigens, das sie noch erhebliche Probleme mit dem
Radtransport von Harlow zum Flugplatz Heathrow gehabt haben. Sie mussten aus der Bahn
steigen, haben ein Taxi nehmen müssen und haben ein Teilstück nur mit robuster Frechheit
geschafft ("nichts verstehen, wir Ausländer"). Die Beiden sind inzwischen aber
wieder gesund in Deutschland. Von Henner hat Karl gehört, das sein Rad am Frankfurter
Flughafen wegen der Maul- und Klauenseuche desinfiziert werden musste; Lackschäden gab es
gratis dazu.
Bei unserer Tour hatten wir keine Probleme mit MKS. Es gab zwar einige "Keep
Out"- Schilder an den Farmen und es mussten etliche Desinfektionsmatten überquert
werden. Man fährt darauf, wie über einen Teppich. Das war es aber auch.
Strecke, Organisation und Regeln
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Die Strecke von Harlow (im Nordosten von London) nach Dalkeith (im Süden von Edinburg)
ist gut 700 km lang, es wird hin und zurück gefahren. Der zweite Startort Thorne liegt
etwa 300 km nördlich von Harlow auf der Strecke. Von dort aus wird dann zunächst
Edinburg angefahren um auf dem Rückweg wieder an Thorne vorbei nach London zu gelangen.
Es werden Durchlaufzeiten (min. 12 km / h max. 30 km/h) für die Kontrollstelle
vorgegeben. Die Zeit läuft immer weiter.
An allen Kontrollstellen konnte man Verpflegung kaufen. Duschen und Schlafen war meist,
aber nicht überall möglich.
Die Strecke führte über ruhige Nebenstraßen, stark befahrene Strecken waren kurz und
selten. Nur das Stück auf dem Rückweg vor Carlisle fand ich unangenehm.
Gefahren wird nach einer Wegbeschreibung, die sich als sehr genau erwies. Es ist schon ein
kleines Meisterwerk. Trotzdem muss man natürlich aufpassen:
Wetter , Kosten
Mit dem Wetter hatten wir Glück. Rechtzeitig zum Start hörte es auf zu regnen. Ich habe
einen Schauer abbekommen, der mich zum halten veranlasste. Ich lies es dann aber doch
sein, die Regenjacke anzuziehen. Die Thorne-Starter hatten wohl nicht so viel Glück, sie
haben jedenfalls erzählt, das sie ordentlich nass wurden.
Kosten: Von Hamburg aus habe ich die Startgebühren überwiesen (ca. 240,- DM inkl.
relativ hoher Bankkosten). Der Flug hat mich 180,- DM zzügl. jeweils etwa 45,- DM für
die Fahrradbeförderung gekostet. Ich habe von zuhause 60 Pfund mitgebracht und in England
noch mal 100 Pfund aus dem Automaten gezogen (insgesamt ca. 500,- DM). Damit bin ich dann
ausgekommen.
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