Der Stasi-Knast in Berlin Hohenschönhausen  
 

Eine weiße Leerfläche: Militärisches Sperrgebiet

Wer vor 1989 in einen DDR-Stadtplan von „Berlin, Hauptstadt der DDR“ (Die Verwendung des Begriffs „Ostberlin“ war in der DDR natürlich ein Tabu) seine Blicke über den Stadtbezirk Hohenschönhausen schweifen ließ, der erblickte zwischen den Straßenzügen Bahnhofs-, Gensler-, Freienwalder und Lichtenauer Straße eine weiße Leerfläche.

Wer sich persönlich in diese Richtung wagte, stand vor meterhohen Mauern und Wachtürmen: Militärisches Sperrgebiet.

Wachturm
Wachturm

Auf dieser „weißen Leerfläche“ befand sich lange vor dem Krieg einst die Fleischmaschinenfabrik „Richard Heike“. 1939 wurde auf diesem Gelände eine moderne Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt errichtet. Die vom Krieg weitestgehend verschont gebliebenen Gebäude und Anlagen boten der Sowjetischen Militäradministration anscheinend treffliche Voraussetzungen, das beschriebene Areal zu umzäunen, zum Sperrgebiet zu erklären und „Speziallager Nr. 3“ zu benennen.

Überwachungskameras
Überwachungskameras

Unter katastrophalen hygienischen Bedingungen wurden hier zeitweilig bis zu 4200 Personen gepfercht:

Zelle
Zelle. Durch die Fenster konnte man nicht nach draußen sehen.
Die Häftlinge wußten nie, wo sie sich eigentlich befanden. Die Desorientierung war Kalkül.

Denunziation

Ihnen hatte man Spionage, Wehrwolf-Tätigkeit oder Mitgliedschaft in NS-Organisationen vorgeworfen – oft genügte auch der bloße Verdacht oder auch nur eine Denunziation.

 

Unser Führer erzählt, was der Grund für seine Verhaftung war

Unser Führer erzählt, was der Grund für seine Verhaftung war.
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Geschätzte 3000 von Ihnen sollten keine Gelegenheit mehr haben, ihre Unschuld zu beweisen. Sie kamen bereits in den ersten Nachkriegsmonaten an Krankheit und Unterernährung um oder erfroren in den ungeheizten Zellen. Diese ersten Todesopfer wurden einfach in den umliegenden Bombentrichtern verscharrt.

Zellentrakt

Zellentrakt.

Prominente Häftlinge

Einer der prominentesten Inhaftierten in dieser Zeit war der berühmte Schauspieler Heinrich George, der Vater des heute nicht weniger bekannten Schauspielers Götz George. Heinrich George, den man aus UFA-Klassikern, wie z.B. „Fridericus Rex“, „Metropolis“, und „Berlin Alexanderplatz“ kannte, der aber auch in NS-Propagandafilmen, wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“ und „Kolberg“ mitgewirkt hatte, wurden genau diese letzten Filme zum Verhängnis. Der charismatische Darsteller war bei Mithäftlingen, wie Wachpersonal gleichermaßen beliebt und seine letzte Bühne sollte ausgerechnet das Lagertheater in der Genslerstraße werden, bevor er ins Lager Sachsenhausen überführt wurde, wo er nach einer Blinddarmentzündung starb.

Der "U-Boot" Trakt

Seinen berüchtigten Ruf erwarb sich das Gefängnis jedoch erst später. 1946 wurde noch unter der Sowjetischen Verwaltung der sogenannte „U-Boot“-Trakt eingerichtet, fensterlose, bunkerartige Zellen, in denen die Häftlinge teilweise stundenlang in knöcheltief kaltem Wasser stehen mußten.

Folter
Folterinstrumente.

Das war anscheinend ganz nach Geschmack des Ministeriums für Staatssicherheit („MfS“, im Volksmund „Stasi“), das das Lager 1951 von den Russen übernahm und zur zentralen Untersuchungshaftanstalt ausbaute. Es spricht sehr für das Taktgefühl der Stasi-Mannschaften und deren Geisteshaltung gegenüber ihren Schutzbefohlenen, wenn man erfährt, daß in unmittelbarer Nähe dieses „U-Bootes“ auch eine Sauna zur Erholung der Wachmannschaften betrieben wurde.

Die Realität im Vernehmertrakt

Die Realität im Vernehmertrakt
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Vom Staatsratsgebäude in den Stasiknast

Die Herkunft der Häftlinge wurde nach der MfS-Übernahme nun noch vielfältiger: Zeugen Jehovas, Spione, Saboteure, Staatsfeinde aller Art und vor allem jene, die der Denunziation zum Opfer gefallen waren, verschwanden hinter den Mauern der Adresse Genslerstraße 66. Vor allem aber landeten immer mehr Kommunisten und Antifaschisten aus den eigenen Reihen in den Zellen, nämlich jene Parteigenossen, die ehrgeizigeren und skrupelloseren Mitstreitern in die Quere gekommen waren und beseitigt werden mußten. Die Revolution fraß ihre eigenen Kinder.

Gitter
Vergitterter Gang.

Vom Staatsratsgebäude in den Stasiknast – diesen rasanten Abstieg erlebten z.B. Außenminister Georg Dertinger, Handelsminister Karl Hamann, SED-Politbüromitglied Paul Merker – und sogar Justizminister Max Fechner hatte das zweifelhafte Vergnügen, eine Institution aus seinem ehemaligen Verantwortungsbereich für längere Zeit von innen kennenlernen zu dürfen.

Verhöhrrraum
Verhöhrzimmer.

Doch auch umgekehrt konnte der Weg von ganz unten wieder ganz nach oben führen. Letztgenannten beispielsweise hatte der Zwangsaufenthalt im Knast nicht davon abhalten können, nach seiner Entlassung und vollständiger Rehabilitation 1972 den Karl-Marx-Orden und 1976 den vaterländischen Verdienstorden – die höchste Auszeichnung der DDR – verliehen zu bekommen. Diese umgekehrten Fälle stellten freilich eher die Ausnahme dar.

Wer ist der Gute? Wer ist der Böse?

Wer ist der Gute? Wer ist der Böse?
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Kidnapping

Selbst vor Entführungen ausländischer Staatsbürger schreckte das MfS nicht zurück, wie das Beispiel des Westberliner Rechtsanwalts Walter Linse zeigt, der 1952 in Westberlin gekidnappt und von dort nach Hohenschönhausen entführt wurde.

Transporter
Sieben Ein-Mann-Zellen auf der Pritsche des Transporters.

Nach Aufenthalt im Stasi-Knast wurde er nach Moskau gebracht und dort hingerichtet. Dies war beileibe kein Einzelfall. Auch der Westberliner Journalist Karl Wilhelm Fricke wurde entführt und landete im Stasi-Knast.

Tigerkäfig
"Tigerkäfig"

Weitere bekannte Häftlinge, die vor allem bundesweit Schlagzeilen machten, waren Walter Janka, der damalige Leiter des Aufbau-Verlags, der Philosoph Wolfgang Harich und der Publizist Rudolf Bahro. Insbesondere Ende der Achtziger Jahre, also kurz vor dem Ende der DDR, wurden die Inhaftierung der bekannten Dissidenten Bärbel Bohley, Vera Wollenberger, Freya Klier und Stephan Krawzcyk besonders heftig kritisiert – und zwar nicht nur von der westdeutschen Presse und westdeutschen Politikern, sondern zunehmend auch innerhalb der DDR-Bevölkerung, die nicht länger bereit war, die ausufernde Willkür hinzunehmen, was nicht zuletzt auch zu den großen Montagsdemonstrationen geführt hat.

"U-Boot" und Haftkrankenhaus
Links das Haftkrankenhaus, rechts das "U-Boot".

Ein seltener Fall von Gerechtigkeit

Als seltener Fall von Gerechtigkeit, oder vielleicht besser gesagt: Genugtuung konnte folgendes kleines Bonmot in die Objektgeschichte eingehen: Kurz bevor das Stasi-Gefängnis im Jahre 1990 für immer geschlossen wurde, wurde in das auf dem Gelände befindliche Haftkrankenhaus kein Geringerer als Stasi-Chef Erich Mielke höchstpersönlich eingeliefert. Doch es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn nicht auch diese Geschichte einen kleinen Schönheitsfehler gehabt hätte: 1993 wurde Mielke schließlich zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, doch nicht etwa wegen seiner Verbrechen, die er in seiner Funktion als Stasi-Chef verübt hatte, sondern wegen eines 1931 verübten Doppelmordes an zwei Polizisten – eine schallende Ohrfeige für alle Stasi-Opfer nachträglich.

Stacheldraht

Heute werden allerdings Führungen durch das zur Gedenkstätte ausgebaute ehemalige Gefängnis angeboten – und zwar von den ehemaligen Häftlingen selbst. Eine Art späte Genugtuung also, denn sie haben die Gelegenheit, die Geschichte so darzustellen, wie sie wirklich war, und nicht so, wie sie die Stasi sie hat darstellen wollen: Als „weiße Leerfläche“. Für Besucher ergibt sich damit – noch – die einmalige Chance, Zeitgeschichte aus erster Hand zu erfahren: Eine wertvolle Chance, die man unbedingt nutzen sollte.

Schild und Schwert der Partei

Schild und Schwert
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Impressum:

Matthias Wühle

Aufgewachsen in der Schönhauser Allee, studiert er jetzt Geschichte und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main. Außerdem ist er Co-Autor des Buches: "London - Kein Fall für Wachsfiguren"

André Günther

Aufgewachsen in Potsdam. Autodidakt für alles. Betreibt mit Almut Lange das schöne Hotel-Lydia in Berlin-Hohenschönhausen.

e-mail: a.guenther@pixelquarks.de


Weiterführende Links:

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

London - Kein Fall für Wachsfiguren
London - Kein Fall für Wachsfiguren

Hotel Lydia
Hotel Lydia


 

Berlin, den 23.Juli 2007

Ein politischer Witz. (Brachte ca. 5 Jahre)

Ein politischer Witz. (Brachte ca. 5 Jahre)
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