Alaska - Yukon -NWT

Von der Pazifikküste Alaskas in die kanadische Arktis

Schnipsel einer Radtour

(Die Fotos öffnen sich beim Anklicken in einem neuen Fenster)


Es wird ernst

Über 1.500 Kilometer liegen bereits hinter mir, als ich kurz hinter Tok den legendären Alaska Highway verlasse. Die Strecke ändert sich, der komfortable Teerbelag weicht einer üblen Schotterpiste mit vielen Querrinnen. Noch 1.100 Kilometer habe ich darauf zurückzulegen, bevor ich von der Eskimosiedlung Inuvik am Polarmeer wieder zurück in die Zivilisation fliegen würde.

Ein bärtiger Einheimischer gibt mir den Rat, soviel Lebensmittel wie möglich mitzunehmen. Unterwegs gäbe es nicht mehr viele Möglichkeiten und alles wäre erheblich teurer.

Die ersten 35 Kilometer der Piste wurden gerade erneuert. Wie man am Straßenrand erkennt, hat man gerade 30 cm hoch groben Schotter aufgeschüttet und mit dem schweren Rad schlingernd komme ich kaum vom Fleck.

 

Tok Junction - Chicken

Die Piste ist staubig. Wenn ein Auto vorbeikommt, fahre ich minutenlang im Staub und beim Versuch, abends die Haare zu kämmen, komme ich genau 1 mm weit. Auf der Strecke liegen immer wieder Zeugnisse des Goldrausches am Ende des letzten Jahrhunderts, Überreste von Camps, alten Geräten und sogar ein riesiger alter Schwimmbagger dümpelt neben der Piste vor sich hin. Nach einer anstrengenden Tagesetappe auf schwierigem Geläuf erreiche ich nach etwa 160 km gegen 22 Uhr mauseplatt Chicken, den nächsten Ort, der ebenfalls Ende des letzten Jahrhunderts entstand und auf äußerst kuriose Weise zu seinem Namen kam. Schnell waren sich die Bewohner einig, den Ort nach dem alaskaischen Staatsvogel zu benennen. Da man sich nicht über die Schreibweise des Schneehuhns (Ptarmigan) einigen konnte, nannte man den Ort kurzerhand Chicken.
Heute wie vor 100 Jahren leben hier gerade einmal 25 Einwohner und trotzdem ist der Ort für mich ein wichtiger Verpflegungspunkt. Ein Schild zeigt großspurig in Richtung Downtown und hier stehen tatsächlich gleich drei Blockhütten dicht nebeneinander.
Eine dieser Hütten beherrbergt den General Store. Hier gibt es auf der Fläche einer durchschnittlichen Supermarkt-Käsetheke alles von Lebensmitteln bis Klamotten, von der Motorsäge bis zum Jagdgewehr ...

Boundary Lodge - Dawson City

Auf dem weiteren Weg erreiche ich am nächsten Nachmittag die Boundary Lodge, kehre ein und trinke einen Kaffee, der recht dünn ist, kurz darauf einen zweiten. Als ich eine dritte Tasse Kaffee trinken will, muß der Besitzer erst welchen kochen und ich sehe, daß das Wasser, das er oben in die Kaffeemaschine schüttet, bereits fast so dunkel ist wie der Kaffee, der später unten raus kommt. Das verspricht Spannung für die nächsten Tage ...

Der weitere Weg nach Dawson City führt über den Top-of-the-World-Highway, eine der schönsten Strecken weit und breit. Er verläuft auf dem Grat einer Bergkette und bietet eine überwältigende Aussicht. Irgendwann fällt die Piste ab, man steht am Ufer des Yukon Rivers und erblickt das sagenhafte Dawson City auf der anderen Seite des Flusses. Noch heute sieht es fast aus wie vor 100 Jahren, bestehen die Bürgersteige aus Holz und versinken die Straßen bei Regen im Schlamm. Wenn hier nicht einige Häuser bereits sehr windschief aussähen und die Schaufelraddampfer einen Kilometer weiter am Flußufer verrotteten, könnte man fast meinen, die Zeit wäre stehengeblieben.

Wenn man sich zu den ehemaligen Claims der Goldgräber am Bonanza Creek oder Eldorado Creek begibt, sieht man, daß auch hier längst die moderne Technik Einzug gehalten hat. Riesige Erdbewegungsmaschinen haben wohl jeden Quadratmeter schon dreimal umgegraben und mit großen Baggern werden ganze Berghänge abgetragen und an anderer Stelle als Abraumhalde wieder aufgetürmt. Wie mühsam die Goldgräberei vor 100 Jahren war, kann man sich im Museum von Dawson City anschauen. Thomas A. Edison hat das Treiben mit einer der ersten transportablen Filmkameras aufgenommen und der Nachwelt erhalten. Auch der berühmte Jack London war seinerzeit unter den vielen erfolglosen Goldsuchern.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

40 km hinter Dawson City beginnt das große Abenteuer, der Dempster Highway. Erst Ende der 70er Jahre gebaut und für Mietfahrzeuge verboten, ist er nicht nur die einzige Piste Kanadas, die den Polarkreis erreicht, sondern verläuft noch 350 Kilometer weiter nach Norden und er ist eine Sackgasse ans Ende der bewohnten Welt.  

Als ich gegen 20 Uhr Dawson verlasse, habe ich Verpflegung für 800 km bei mir. Außer dem Roadhouse an der Abzweigung zum Dempster und einer Tankstelle bei Eagle Plains auf etwa halber Strecke gibt es nichts mehr. Über die Indianerorte Tetlih Zheh (Fort McPherson) und Tsii Geht Tchic (Arctic Red River), die nach etwa 650 km nahe der Straße liegen, konnte ich zuvor keine zuverlässigen Informationen bekommen, was die Verfügbarkeit und Öffnungszeiten eines Ladens angingen.

Nachtfahrten

Ursprünglich will ich am Roadhouse übernachten und am nächsten Morgen den Dempster in Angriff nehmen, doch die Übernachtungsmöglichkeiten sind nicht sehr gut. Jede einigermaßen ebene Fläche rund um das Roadhouse ist entweder sumpfig oder von Kleinteilen oder Ölflecken bedeckt. Ich esse und trinke eine Kleinigkeit und überlege, was ich tun soll. Gegen 0 Uhr breche ich auf und fahre im Mondschein durch die Nacht. Es ist eisekalt und ich habe schon jetzt ziemlich alle Klamotten an, die ich dabeihabe, obwohl es noch weitere 800 km in Richtung Norden geht. Wundersamerweise bin ich nicht müde und bis zum späten Abend des nächsten Tages lege ich auf der üblen Piste 265 km zurück.
Während diese Nacht noch ziemlich dunkel war, erlebe ich die nächsten Tage Mitternachtssonne. An der Stelle, an der die Piste den Polarkreis überquert, baue ich gegen 0 Uhr mein Zelt auf, die Sonne ist kurz vorm Untergehen.
Am nächsten Tag radle ich erneut durch die Nacht. Um 2:15 geht die Sonne unter und es wird nur leicht dämmrig. Nur 30 Minuten später geht die Sonne wieder auf - ein faszinierendes Erlebnis.
Während meiner nächsten und letzten Etappe steht die Sonne die gesamte Nacht am Himmel und ich erlebe zum ersten und bisher einzigen Mal im wachen Zustand 24 Stunden Sonnenlicht am Stück.  

Begegnung unterwegs

Irgendwo vor Eagle Plains überholt mich ein Motorrad. Über hundert Meter weiter hält der Fahrer plötzlich an und wartet auf mich. Wie viele andere fragt er, ob alles in Ordnung sei und meint, er habe mich zwar gesehen, aber gar nicht so recht realisiert, daß ich mit dem Fahrrad unterwegs bin.

Es ist eine von nur zwei Begegnungen mit einem Zweirad auf über 1.000 Kilometern. Die zweite Begegnung habe ich zwei Tage später erneut mit ihm, als er bereits auf dem Rückweg ist.

Die freundlichsten Tiere ...

...Alaskas und Nordkanadas sind die Moskitos. Sie empfangen einen jeden Reisenden bereits am Flughafen und begleiten ihn während seiner gesamten Reise. Und je weiter man nach Norden kommt, desto schlimmer wird es. Nach dem ersten Tag auf dem Dempster hatte ich Stiche an meinem Körper zählen wollen. Bei 32 hatte ich aufgegeben - 32 alleine am linken Fußgelenk. Die Moskitos sind einfach überall und es ist oft unmöglich, das Moskitonetz überzustreifen, ohne das einige der Blutsauger auf der Innenseite sind. Das ständige Gesumme nervt, sobald man stehenbleibt oder die Geschwindigkeit unterhalb von etwa 8 km/h liegt (was oft passiert, denn der Durchschnitt auf der Piste liegt so bei 10-12 km/h). Und zu allem Überfluß stechen die Viecher durch die Klamotten ...

Die Déné-G'wichin

Die Déné-G'wichin sind die einzigen Indianer Nordamerikas, die nicht im Laufe der Zeit ihr Land an die weißen Siedler verloren. Weit nördlicher als die Han-G'wichin bei Dawson City leben sie allerdings in den subarktischen Gebieten nördlich des Polarkreises, was zu unseren Klischeevorstellungen von Indianern nicht so recht passen will.

Jim, einen Déné, treffe ich zufällig an einem See, wo er die Vorbereitungen zu einem Indianermusikfestival trifft, zu dem Indianer aus der ganzen Region anreisen. Er zeigt mir das Lager, bietet mir zu essen und zu trinken an und ich unterhalte mich einige Stunden mit ihm, während ich ihm helfe, das Dach einer Hütte auszubessern.

Er fragt mich überrascht, ob ich keine Waffe dabeihätte, schließlich gäbe es in der Region sehr viele Bären. Entgegen anderer Einheimischer, die sich einen Spaß daraus machen, Touristen zu erschrecken, erzählt er keine der üblichen Schauermärchen. Allerdings liegt immer ein Gewehr in Reichweite ...

Im MacKenzie-Delta

Irgendwo im MacKenzie-Delta in der Nähe von Inuvik lebt Lucie alleine in einer Blockkütte in der Wildnis und versorgt sich weitgehend selbst. Ab und zu ist eines ihrer Kinder zu Besuch. Wer sie ist, woher sie kommt bleibt ihr Geheimnis.

In Tuktoyaktuk

Tuktoyaktuk liegt direkt am Meer und hat sogar einen 'Badestrand'. Ich kämpfe mich durch das angehäufte Treibholz, um eine Woche nach dem Auftauen ein erfrischendes Bad im Polarmeer zu nehmen.

Hier jagen einige der Bewohner noch Belugawale, Karibus und ab und zu wohl auch einen Eisbären oder Moschusochsen. Im Winter ziehen manche noch mit Hundeschlitten umher - allerdings eher zum Vergnügen, denn wenns drauf ankommt, nimmt man inzwischen natürlich Schneemobile.

Hier erklärt mir eine Einwohnerin gerade den Umgang und den Aufbau eines Transportschlittens.

 

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