Ghana 2005

Rund um den größten künstlichen See der Erde
 

Schnipsel einer Radtour


 
Der Duft frisch geschälter Orangen steigt in meine Nase, vermischt sich mit dem fauligen Geruch der offenen Abwasserkanäle am Straßenrand, den rußenden Abgasschwaden vorbeifahrender LKWs und dem beißenden Gestank des verbrennenden Plastikabfalls aus der Nachbarschaft.
Leute in bunten Gewändern wuseln herum, ein Schuhputzer mit seiner Holzkiste läuft vorbei und klopft im monotonen Rhythmus seiner Schritte mit einer Bürste gegen die Kiste. Eine Frau mit einem Tablett voller gestapelter Plastikschüsseln auf dem Kopf kommt ihm entgegen und bimmelt permanent mit einer Schelle, um auf sich aufmerksam zu machen. Leute feilschen lautstark in einer mir fremden Sprache. Gelegentlich kläfft ein Hund, Hähne schreien, Schafe und Ziegen blöken. Motoren heulen auf, das permanente Gehupe der Taxis und Minibusse wird übertönt von den Preßlufthörnern der LKWs. Aus den Lautsprechern schallt ein schlecht eingestellter Sender in größtmöglicher Lautstärke. Neugierige Kinder drängen sich um den Eingang, schreien "How are you? What's your name?"
Inmitten dieser absurden Kakophonie einer afrikanischen Kleinstadt sitze ich in einem Drinking Spot bei einem Bier und denke an die Erlebnisse der zu Ende gehenden Reise ...


Das Fahrrad am Eingang zum Drinking Spot

 
Mißglückter Start
Mit gleich vier manuellen Handgepäckkontrollen am Frankfurter Flughafen und einem zusätzlichen Sprengstofftest stelle ich einen neuen persönlichen Rekord auf, den ich so schnell wahrscheinlich nicht mehr brechen werde. Der um zwei Stunden verspätete Abflug führt dazu, daß ich meinen Anschlußflug verpasse und in Dubai 24 Stunden auf den Weiterflug warten muß. Blöder hat keine meiner bisherigen Reisen begonnen, zumal sie bis zum Schluß auf tönernen Füßen stand. Mein Reisepaß mit dem Visum traf erst zwei Werktage vor Abflug ein. Ab jetzt könnte es nur noch besser werden.

 
Ankunft in Ghana
Zum ersten Mal muß ich bei einer Ankunft in Afrika beim Zoll mein Gepäck nicht auspacken, dafür ist man bei den Einheimischen um so gründlicher. In anderen Ländern war das immer umgekehrt.
Barbara, die ich nur von ein paar Mails kenne, holt mich vom Flughafen in Accra ab und bringt mich zu ihrem Bekannten, bei dem ich übernachten kann. Am nächsten Tag ziehe ich mit dem Fahrrad los, um die 2-Millionen-Metropole zu erkunden und mich wieder an die Fahrweise der Westafrikaner zu gewöhnen. Ohne Rückspiegel am Rad wäre es sehr gewagt. Mit Rückspiegel allerdings auch ...
Ich fahre die erste Hälfte des Tages einfach kreuz und quer drauf los und vertraue auf meinen Orientierungssinn, um anschließend wieder zurück zu finden, denn einen Stadtplan besitze ich nicht.
Die erste Hälfte meines Plans kann ich problemlos umsetzen, der zweite Teil funktioniert leider nicht ganz so reibungslos. Zum Tagesabschluß besuche ich die Strandbar in der Nähe meiner Unterkunft ...


Strandbar "um die Ecke"

 
Unterwegs
Die Ghanaer sind gegenüber Fremden unheimlich freundlich. Unglaublich, wie viele Menschen mir beim Vorbeifahren ein "Welcome in Ghana" zurufen oder zuwinken. Ich habe gar nicht genug Arme, um jedem zu antworten. Immer wieder schütteln mir fremde Menschen die Hand, sprechen ein paar Sätze mit mir und wünschen mir eine gute Reise. Am zweiten Tag beherrsche ich ganz passabel die ghanaische Art der Begrüßung, bei der man sich wie bei uns die Hand gibt, aber am Ende die angewinkelten Mittelfinger der beiden sich lösenden Hände jeweils mit dem Daumen des Gegenübers ein schnipsendes Geräusch erzeugen.
Ich grüße am Straßenrand stehende Kinder oder entgegenkommende Radler während der Fahrt mit Handschlag und fühle mich einfach wohl im Land. Wenn es nur nicht so abartig heiß und schwül wäre ...

 
Waterfalls in Wli

Die Agumatsu-Fälle bei Wli gelten als höchste Wasserfälle Westafrikas und sind so ziemlich das einzige touristische Ziel auf meiner Reise. Bevor man das Eintrittsgeld bezahlt, füllt der Ranger drei Formulare aus, von denen man jeweils eine Durchschrift erhält. Dann macht man sich zu Fuß auf den Weg zu den unteren Fällen (ca. 45 Minuten) oder außerdem zu den oberen (je nach Kondition +/- 2 Stunden).
Die beste Zeit für einen Besuch ist ca. zwischen 11 und 15 Uhr, wenn die Fälle von der Sonne angestrahlt werden und gelegentlich ein Regenbogen zu sehen ist. Davor und danach liegen sie im Schatten und wirken nicht so schön.
Anschließend laufe ich mit meiner Kamera noch ein wenig durch das Dorf und viele Menschen, vor allem Kinder, wollen fotografiert werden. Ein Erwachsener möchte gerne mit einigen Kindern fotografiert werden und schickt anschließend jemanden, um einen Kugelschreiber und ein Stück Papier zu holen, um seine Adresse zu notieren, damit ich ihm das Foto später schicken kann. Ich setze mich derweil auf eine behelfsmäßige Bank, wo mich die kleinen Kinder neugierig und ohne Scheu genauer inspizieren. Drei Kinder greifen jeweils einen Finger der rechten Hand, eines untersucht derweil die linke Hand, während ein weiteres neugierig an den Haaren an meinem Unterarm zupft (Afrikaner haben meist keine Haare an den Armen). Ein sechstes Kind untersucht inzwischen interessiert meine relativ langen Haare, was für Männer in Afrika sehr ungewöhnlich ist und unterwegs häufig dafür sorgt, daß mich Leute mit "Rasta" ansprechen.

 
Geldwechseln auf Afrikanisch
Die Währung Ghanas, der Cedi, ist nicht gerade der Prototyp einer stabilen Währung und fällt beständig im Wert. Ein Euro entspricht inzwischen bereits fast 11.000 Cedis und wenn man 50 Euro wechselt und 5.000-Cedis-Scheine erhält, dann bekommt man 109 Geldscheine zurück. Bei größeren Beträgen kommt da schnell ein gewaltiges Geldbündel zusammen. Ich tausche daher nur einen Teil meiner Reisekasse um und muß dafür unterwegs zweimal Geld tauschen.
In Hohoe klappt das nicht so wirklich gut, da die Filiale der Barclays Bank geschlossen wurde. Hier konnte man früher mal Geld umtauschen, aber die verbliebenen drei Banken der Stadt wechseln kein Geld. Ein Mitarbeiter der zuletzt aufgesuchten Bank (in Anzugshose, weißem Hemd und Schlips) führt mich jedoch hilfsbereit einen halben Kilometer zum Schwarzmarkt, leitet das Geschäft ein und zieht sich dann diskret zurück.
Der Umtausch läuft ohne faule Tricks ab und ich bekomme außerdem den offiziellen Kurs. Eine ungewöhnliche Lösung für ein ungewöhnliches Problem ...

 
Der König von Hohoe
Hohoe ist noch in einem anderen Zusammenhang eine Kuriosität. Obwohl Ho die Hauptstadt der Volta-Region ist, ist Hohoe der offizielle Sitz des traditionellen Königs der Ewe, Oberhaupt über mehr als 200.000 Menschen dieses Volkes.
Doch Togbui Ngoryfia Olatidoye Kosi Céphas Bansah, so sein Name, lebt nicht ganz so, wie man sich hierzulande einen typischen König vorstellt. Er wohnt seit etlichen Jahren in Ludwigshafen am Rhein, wo er eine Autowerkstatt betreibt. Seine Amtsgeschäfte leitet er per Telefon und via Internet.  

 
Fahrt in die Sackgasse
Auf meiner Landkarte sind teilweise Teerstraßen verzeichnet, die es überhaupt nicht gibt, weil sie möglicherweise zum Zeitpunkt der Erstellung der Landkarte mal geplant waren. An einer Stelle gibt es aber nicht einmal eine Piste. Nur ein Trampelpfad durch den Regenwald führt über einen ziemlich hohen und steilen Berg und die Einwohner dort erklären mir, daß ich das Fahrrad dort nicht mal mehr schieben könne, sondern tragen müßte.
Die Erlebnisse auf einem Trampelpfad zu einem Wasserfall am Vortag (nein, nicht die bei Wli) machen mir klar, daß ich die Strecke nicht schaffen kann. Dort ging es teilweise so steil hoch und runter, daß ich auch beide Hände zum Klettern benötigte, manche Passagen mußte man sich abseilen bzw. an einem Seil hochklettern. So etwas mit dem Fahrrad wäre unmöglich (oder zumindest kein Spaß mehr) und so kehre ich um. Mehr als ein halber Tag Fahrerei von gestern war für die Katz.

 
Unterwegs nach Kete Krachi
Im nördlichen Bereich des Lake Volta gibt es ein paar Ausläufer, die ich mit der Fähre zu überwinden gedenke. Ich biege in Richtung Westen ab und fahre auf Pisten durch Regionen, durch die weiße Touristen nur äußerst selten kommen. Es würde für sie auch wenig Sinn machen, da eine der Überfahrten nur mit einem kleinen Boot erfolgt und Autos hier keine Chance auf Transport haben. Für einige Kinder in dieser Region bin ich wohl der erste Weiße, den sie zu Gesicht bekommen. Einige laufen entsetzt vor mir weg, ein kleines Mädchen schmeißt in Panik eine Schüssel mit Mehl auf die staubige Piste, bevor es wegläuft. Zuhause wird es für sie dafür eine ordentliche Tracht Prügel geben und ich bin schuld daran, obwohl ich irgendwie trotzdem nichts dafür kann.

Kleine Kinder beginnen häufig, vor Angst zu weinen und können auch von den Eltern nicht beruhigt werden. In den Dörfern laufen die Kinder jedoch neugierig zusammen und starren mich an. Bei einer schnellen Bewegung wie zum Beispiel beim Verjagen einer Fliege rennen sie oft ängstlich davon. Sobald ich die Kamera in der Hand halte, ist jedoch jede Angst verflogen. Das Jubeln der zahlreichen Kinder übertönt einmal sogar drei Trommler auf der anderen Straßenseite, die daraufhin unterbrechen. Ich packe die Kamera wieder weg, während einige Männer die Kinder vertreiben.

Unterwegs auf der Piste stinkt es die ganze Zeit unerklärlich nach Fisch. Es dauert eine Zeit, bis ich darauf komme, daß es einige der Geldscheine sein könnten, die ich im letzten Dorf als Wechselgeld bekommen habe. Ich hole mein Portemonnaie aus der Lenkertasche und tatsächlich stinken einige der Geldscheine dermaßen penetrant, daß es kaum noch erträglich ist. Ich gebe sie im nächsten Dorf wieder aus und atme fortan wieder frische Luft.


Während der Fahrt über den Lake Volta liegt das Fahrrad auf dem Dach des Bootes..

 


Begeisterung unter den Kindern.

 
Kumasi
Kumasi ist die Hauptstadt der Ashanti-Region und mit einer Million Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. In der Stadt gibt es den größten Markt Westafrikas und auf sämtlichen Straßen geht es ziemlich geschäftig zu. Während man in der Innenstadt recht gut mit dem Fahrrad zurecht kommt, sind die Ein- und Ausfallstraßen ein echtes Abenteuer.Vor allem aus Kumasi raus in Richtung Lake Bosumwki ist es anstrengend, weil einige steile Steigungen zu bewältigen sind, wo die Abgaswolken der überholenden Fahrzeuge besonders schwarz sind und ich auf der teilweise recht schmalen Straße sehr dicht an den Abwasserkanälen fahre.
In Kumasi übernachte ich zentral in einem etwas abgewirtschafteten Hotel, wo ich meine T-Shirts waschen und über Nacht vom Ventilator trocknen lassen kann. Auch das kulinarische Angebot in Form einiger passabler Restaurants hebt sich erfreulich von den letzten Tagen ab. Es hätte ein angenehmer Aufenthalt sein können, wenn die Wasserversorgung nicht nur zwischen 23 und 6:30 Uhr funktioniert hätte und der Straßenlärm während der Nacht wenigstens mal für 2-3 Stunden verstummt wäre.   

 
Lake Bosumwki

 

 

 

 

 

Der Lake Bosumwki ist der heilige See der Ashantis und die Seelen der Verstorbenen nehmen hier Kontakt zu ihrem Gott auf. Die Fischer der Ashantis dürfen daher nicht mit normalen Kanus und Paddeln auf dem See fahren, sonden ihre Boote werden durch halbierte und abgeflachte Baumstämme ersetzt. Sie paddeln mit den Händen oder halbierten Kalebassen.
Der See selbst entstand vor Tausenden von Jahren durch einen Meteoriteneinschlag. Um den See zu erreichen, fährt man zunächst einen Berg hoch und gelangt dann in einen Talkessel, in dem es mit jedem Meter wärmer und schwüler wird. Die Straße ist extrem steil und auf dem Rückweg muß ich große Teile des Weges schieben. Innerhalb einer halben Stunde ist mein T-Shirt so naß, als hätte ich es aus dem Wasser gezogen. Im nächsten Dorf wringe ich es unter den ungläubigen und belustigten Blicken einiger Einheimischer aus und erzeuge eine Pfütze von fast 50 cm Durchmesser. Morgens um 8:30 Uhr ...

In einem Dorf am See werde ich zufällig Zeuge einer Trauerfeier. Eine 46jährige Frau ist gestorben. Wie mir von Einheimischen erklärt wird, ist ihre Mutter nun ganz alleine. Sie hat längst ihren Mann und nun auch das letzte ihrer Kinder verloren. Auch Enkelkinder gibt es keine mehr. In Afrika, wo die Familie die Funktion der Altersversorgung übernimmt, ist das besonders bitter. Rente gibt es keine und nun auch niemanden mehr, der seinen Verdienst mit ihr teilt. Die Einheimischen spenden einen Geldbetrag, den sie erübrigen können, damit die Hinterbliebene die nächste Zeit über die Runden kommt. Je nach Einkommensverhältnissen sind das 1.000, 5.000 oder 10.000 Cedis und dafür gibt es eine Quittung, die die Hinterbliebene in Durchschrift erhält, damit sie hinterher weiß, wer etwas gespendet hat. Ich beteilige mich an der Spende und versuche den schwierigen Spagat zwischen den üblichen Gaben und meinen Möglichkeiten. Die 20.000 Cedis (nicht einmal bescheidene zwei Euro) werden mit überschwenglichem Dank bedacht, zumal ich weder die Verstorbene noch die Hinterbliebene kannte.       

Dutzende von Menschen sitzen auf Plastikstühlen, die man für diesen Anlaß an das Seeufer gestellt hat. Auf einem Plastikstuhl in der Mitte ist ein Foto der Verstorbenen aufgestellt. Aus den Lautsprechern klingen abwechselnd Ansprachen und Musik, zu der die Trauernden tanzen. Ein paar Meter abseits liegt ein geopfertes Lamm mit durchgeschnittener Kehle in einer Blutlache ...

 
Mahlzeit ...
Ich komme nachmittags in eine Stadt und setze mich in den nächstbesten Drinking Spot, um mich im Schatten ein wenig auszuruhen und ein Bier zu trinken. Am Straßenrand steht ein Schild, daß es eine "Peppersoup" zu essen gibt, wobei man "soup" nicht immer einfach mit "Suppe" übersetzen kann. Meist ist eher eine Art Soße gemeint, zu der es auch eine Beilage gibt.
Während ich mein Bier trinke, setzt sich die einzige Mitarbeiterin (wahrscheinlich die Tochter der Besitzerin) mit einer Schüssel voll Essen zwei Meter entfernt auf einen Stuhl und fragt mich, ob ich mal probieren möchte. Ich schaue mir das Essen an und sage ihr, daß ich davon auch gerne eine Schüssel hätte. Ich bin gerade hungrig wie ein Bär und das Essen sieht ganz ok aus.
Sie verschwindet mit der Schüssel in der Küche und kommt mit der Schüssel und einem Löffel zurück (in Ghana ißt man üblicherweise mit der Hand). Ich mache mich begeistert über das Essen her und merke irgendwann und relativ spät, daß die junge Frau nun nichts ißt.
Mein Verdacht bestätigt sich, als ich bezahlen will. Das Essen müsse ich nicht bezahlen, meint sie. Das war ihres und sie habe es mir gerne gegeben.

Peinliche Aktion ... - das Wechselgeld lasse ich ihr zurück und nach der Übernachtung in der Stadt komme ich am nächsten Morgen nochmal vorbei, um mich zu entschuldigen und ihr eine Cola auszugeben.

 
Defekte Kette
Irgendwo in der Pampa springt mir die Kette runter, als mein pedalbetriebenes Schlaglochsuchgerät während eines Schaltvorgangs freudestrahlend ein Schlagloch meldet. Die Kette verklemmt sich umgehend irgendwie zwischen Umwerfer, Kettenblatt und Rahmen und drei Kettenglieder sehen nicht mehr ganz so aus wie noch kurz zuvor, als ich ihre Form noch als zweckmäßig bezeichnet hätte.
Jetzt springt die Kette ständig vom mittleren auf das kleine Kettenblatt, wenn etwas Kraft auf die Pedale wirkt und vom kleinen Kettenblatt springt sie nach einer weiteren Umdrehung ab. Zur Bestätigung der Gültigkeit von Murphy's Law habe ich ausgerechnet auf dieser Tour keine Ersatzkette dabei, sondern nur zwei Kettenglieder, die nun aber nicht ganz ausreichen und kürzen läßt sich die Kette auch nicht mehr.  
Im nächsten Dorf frage ich, ob mir jemand zwei Zangen ausleihen kann. Ein Jugendlicher schleppt einen hilfsbereiten Mann herbei, der sich sogleich mit einer Gripzange und einer Kombizange etwas rustikal an die Arbeit macht. Ich sehe mich derweil nach einem LKW um, auf den ich mein Fahrrad aufladen kann, aber meine Befürchtungen sind umsonst.
Nach nur etwa drei Minuten ist die Kette zwar immer noch verbogen, aber sie läuft wieder einwandfrei und nach dem Ölen sogar geräuschlos. Der Mann verschwindet so schnell, wie er gekommen war und ich kann mich wenigstens gerade noch bedanken.
Die Kette funktioniert seitdem wieder Hunderte von Kilometern ...

 
Durch die Pampa
Die Hauptstraße zwischen den Millionenstädten Kumasi und Accra ist mir zu gefährlich und nach mehreren knappen Situationen biege ich wieder ab in Richtung Nordosten und fahre über kleine Pisten einen zwangsläufig riesigen Umweg. Hier begegne ich manchmal über Stunden keinem Fahrzeug, manchmal auch einen ganzen Tag lang nicht.

Um ca. 16:30 Uhr erreiche ich einmal ein Dorf und beschließe, nach einem Platz zum Übernachten zu fragen. Nun ist es in afrikanischen Dörfern üblich, nach dem Dorfchef oder Dorfältesten zu fragen und diesen um Erlaubnis zu bitten, im Dorf übernachten zu dürfen, doch hier wird innerhalb einer halben Stunde gleich so etwas wie ein Ältestenrat einberufen. Sechs der acht Stühle sind besetzt, der siebte Dorfälteste kommt später hinzu. Ein Dorfbewohner muß förmlich das Anliegen vortragen, mich hier übernachten zu lassen. Der Dorflehrer übersetzt zwischen Englisch und Twi.

Die Dorfältesten sind natürlich verwundert und neugierig, fragen mich allerlei Sachen wie z.B., ob mich die Regierung geschickt hat und was ich unterwegs so esse. Eine weitere halbe Stunde später beschließt man zügig, daß ich übernachten dürfe und heißt mich offiziell willkommen.

 
Einen Tag später erreiche ich am späten Nachmittag ein etwas größeres Dorf, in dem es einen Drinking Spot gibt. Da meine Wasservorräte aufgebraucht sind und ich mich die letzten Stunden ohne Wasser durch die Hitze gekämpft habe, freue ich mich über diese "schattige Quelle". Eine von vier Fragen hat sich damit schon mal geklärt und ich frage, ob es eine Herberge in dem Dorf gibt oder wenigstens einen Platz, wo ich mein Zelt aufstellen kann. Eine richtige Übernachtungsmöglichkeit gäbe es zwar nicht, aber ich könne mein Zelt direkt vor dem Eingang zum Drinking Spot aufstellen und Punkt zwei ist damit auch erfolgreich abgehakt. Von drei Seiten ist das Grundstück eingezäunt und von der vierten Seite drängeln sich die Kinder und kommen immer näher. Aus Angst, daß bei dem Rumgeschubse eines der Kinder zu Fall kommt und auf meinem Zelt landet und das Zeltgestänge zerbricht, zeichne ich mit einem Stein eine blödsinnige Grenzlinie auf den Boden. Erstaunlicherweise funktioniert das aber tatsächlich. Kein Kind tritt über diese Linie.
Als nächstes ist die Essensfrage zu klären und ich erkundige mich nach ... naja, nach etwas zum Essen halt.      ;-)
Der Inhaber des Spots fragt, was ich denn essen wolle und ich antworte ihm, daß es mir völlig egal sei, solange weder Fleisch noch Fisch noch Huhn enthalten ist und er entgegnet, daß seine Frau für mich kochen werde. In der Zwischenzeit könnte ich mich waschen. An der Rückseite des Hauses stehe ein Eimer Wasser bereit. Und somit waren die beiden letzten der vier Fragen auch geklärt - trinken, schlafen, essen, waschen.
Er geht erst noch einkaufen, während seine Frau die Feuerstelle anheizt und nach 90 Minuten stellt er mir zwei Töpfe und einen Teller auf den Tisch und meint, ich solle versuchen, alles aufzuessen. Ich gebe mir größte Mühe und haue etwa acht Kochbananen weg und dazu eine Soße aus Paprika und Bitterleaf(?) mit zwei hartgekochten Eiern, aber ich schaffe die Portion dennoch nicht ganz. Als ich dafür bezahlen will, ist er fast beleidigt. Die Getränke muß ich bezahlen, das ist schließlich sein normales Geschäft, aber das Essen ist umsonst ...

 
Das Tischtennismatch
In einer kleinen Stadt liegt der Markt direkt neben der Hauptstraße und im Vorbeifahren halte ich Ausschau nach leckerem Essen, als mein Blick auf zwei Männer fällt, die etwa 50 Meter entfernt Tischtennis spielen. Ich schiebe mein Rad zwischen den Marktständen hindurch, bis ich die beiden Spieler aus der Nähe sehen kann. Ich halte sie für Vereinsspieler beim Training, da es einige Zuschauer gibt und die beiden mit den gleichen Polohemden bekleidet sind. Und das Spiel selbst sieht für einen Laien wie mich auch recht passabel aus.
Kurz darauf ist ihr Match beendet und einer der Spieler kommt auf mich zu, gibt mir die Hand und drückt mir den Schläger in die andere. Ich habe seit Jahren keinen Tischtennisschläger mehr in der Hand gehalten, aber was solls. Ich stelle mein Fahrrad an eine Wand und trete gegen einen der Spieler an. Die ersten Bälle verfehlen die Platte gelegentlich recht deutlich und als ich mir den Schläger genauer anschaue, wird mir einiges klarer. Der Belag ist hier großflächig mit glattem Isolierband geflickt, auf der einen Schlägerseite zu etwa zwei Dritteln. Etwa 20 Sekunden, nachdem ich das überrascht zur Kenntnis genommen habe, kommt der "Schiedsrichter" mit einem "VIP-Schläger", der in Ordnung zu sein scheint, aber ich lehne ab. Wenn die Einheimischen hier mit solchen Schlägern spielen können, dann muß ich das halt auch. Bevor ich mit den Umständen wirklich klar komme, habe ich zwar bereits mit 0:3 Sätzen verloren, aber mich nach Punkten ganz wacker geschlagen. Die inzwischen leicht angewachsene Zuschauermenge hatte ja ohnehin nicht erwartet, daß ich gegen ihren "Champion" eine Chance haben würde und so paßt das schon. Alle Beteiligten einschließlich mir hatten ihren Spaß und jetzt gehts weiter mit dem Alltag. Als ich mich wieder auf dem Weg mache, begleiten mich die beiden Tischtennisspieler die 50 Meter bis zur Straße und verabschieden mich mit dem typischen ghanaischen Handschlag. Und mir selbst fällt erst im nächsten Dorf wieder ein, daß ich eigentlich Hunger hatte ...

 
Handeln auf dem Markt am Arts Centre
... während mir all die Erlebnisse dieser Reise so durch den Kopf gehen, beschließe ich, eine Djembe (bestimmte Art afrikanischer Trommel) aus Ghana mit nach Hause zu nehmen.
Zurück in Accra, begebe ich mich auf den Markt am Arts Centre, um eine dieser Trommeln zu erstehen, die hier auch direkt hergestellt werden. Man sieht die Leute überall dran herumwerkeln und trommeln können die meisten auch recht gut. Ich hätte gerne ein etwas größeres Modell von knapp über 60 cm Höhe und über 30 cm Felldurchmesser mit der qualitativ hochwertigeren Art der Bespannung.
Der Preis reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Die Forderungen liegen zwischen 650.000 und 850.000 Cedis (ca. 65-85 Euro), der Spitzenreiter verlangt 150 US-Dollar. Als ich ihm sage, daß ich eine Djembe in Europa schon wesentlich günstiger bekomme, liegt sein Preis plötzlich bei 45 Dollar. Am Ende bezahle ich 200.000 Cedis (knapp 20 Euro). Einen günstigeren Preis kann ich als Weißer hier nirgendwo aushandeln. Ich freue mich über den für unsere Verhältnisse guten Preis und darüber, den Verkäufer so weit herunter gehandelt zu haben. Er freut sich ebenfalls, denn draufgelegt hat er bei dem Handel sicher auch nicht ...     ;-)

 
Handeln auf dem Flughafen
Beim Einchecken in Accra bemängelt man meine Djembe, die zu groß sei für das Handgepäck und die ich nun ebenfalls aufgeben soll. Dadurch wird sie mitgewogen und mein Gepäck beträgt 7 kg mehr. Das restliche Gepäck, das ich in einem Monitorkarton transportiere, um nur ein Gepäckstück zu haben, paßt nicht auf die Waage am Schalter. Ich muß zu einer Lastenwaage, die anscheinend noch aus dem Gipskrieg stammt. Die mich begleitende Airline-Mitarbeiterin schätzt das Gepäckstück auf 23 kg, ohne es auch nur anzufassen. Die Waage zeigt dann tatsächlich zufällig 23 kg für das Gepäck, das in Frankfurt noch 14,8 kg wog. Irgendwie merkwürdig ...
Das Fahrrad paßt wegen geringerer Breite am Schalter auf die Waage und wiegt mit Verpackung etwa 19 kg.
Somit beträgt mein Gepäck 23+7+19 = 49 kg bei 20 kg Freigepäck. Für das Übergepäck von 29 kg will man nun 33 US-Dollar pro kg (also 957 US-Dollar) und meine inzwischen fortgeschrittene Sonnenbräune weicht einer plötzlich auftretenden Blässe mit einher gehender Atemnot.

Laut ursprünglicher Auskunft von Emirates soll jedes kg Übergepäck, wenn es durch ein Fahrrad verursacht wird, 5 Euro kosten. Kalkuliert waren demnach 15 kg Gepäck plus ca. 20 kg Fahrrad, also 15 kg Übergepäck zu je 5 Euro, in Summe 75 Euro (und die Djembe im Handgepäck). Von dieser Regelung weiß man hier jedoch nichts. Ein kg sei ein kg und es koste 33 US-Dollar.

In zähen Verhandlungen kann ich mein Übergepäck stufenweise herunter handeln und glaubhaft machen, daß mein Übergepäck statt 29 kg -genau genommen- ja eigentlich nur 5 kg beträgt (oder so ähnlich). Ich bezahle am Ende also 165 US-Dollar (5 kg je 33 US-Dollar) bzw. umgerechnet 150 Euro, was im Vergleich zur ursprünglichen Forderung günstig erscheint, aber mit der ursprünglichen Auskunft von Emirates dennoch nicht in Einklang zu bringen ist.


Die Angelegenheit ist noch nicht abgeschlossen. Hier kann Emirates noch etwas für oder gegen das Image tun.
Ich werde darüber weiter berichten ...