Kamerun 2003

Afrique en miniature ...


Schnipsel einer Radtour


Skiträger im Regenwald
 
Kamerun ist ein Land in Äquatornähe mit Regenwald und großteils tropischem und subtropischem Klima. In den meisten der etwa 200 dort gesprochenen Sprachen dürfte es z.B. keine Entsprechung für die wahllos herausgegriffenen deutschen Wörter "Schneepflug" oder "Riesenslalom" geben, was ja angesichts der klimatischen Verhältnisse weder verwerflich ist noch großartige Verwunderung auslöst. Was jedoch dagegen Anlaß zum Staunen gibt, ist die Tatsache, daß dennoch 30-40% aller Taxis mit Skiträgern auf dem Dach unterwegs sind. Diese als Spoilerersatz montierten Statussymbole entbehren nicht einer gewissen Komik und sind wahrscheinlich der Grund dafür, daß auch der folgende Reisebericht wie immer ausnahmsweise nicht ganz so ernst verfaßt werden konnte ...      

 

 
Das Leben nach dem Tod ...
 
Als ich am ersten Morgen in Kamerun auf Martin, den Geistlichen der Deutschen Seemannsmission in Douala treffe, fragt er mich, ob ich für den nicht auszuschließenden Fall meines baldigen Ablebens in Kamerun bestattet oder überführt werden möchte. Diese Art von Humor mag ich ja normalerweise, aber Martin übertreibt etwas. Er möchte Kopien unserer Reisepässe und die Telefonnummern der nächsten Angehörigen.
Während ich langsam begreife, daß er es ernst meint, erzählt er noch ein paar Geschichten von tödlich verunglückten Touristen, an deren Identifizierung und Überführung er  von Zeit zu Zeit beteiligt ist und davon, daß der Tod für die Menschen hier einfach so alltäglich ist, daß man bei einem Unfall nicht wirklich auf Hilfe hoffen brauche. Während man gerade schmerzhaft damit beschäftigt sei, in die ewigen Jagdgründe überzutreten, würden sich eventuelle Unfallzeugen bereits Kleidung sowie Hab und Gut unter sich aufteilen. Die Armut der Leute sorge dafür und ein Menschenleben sei nicht viel wert. Dazu müssen die Menschen zu oft miterleben, daß andere sterben, sei es an Malaria und anderen Krankheiten oder eben aufgrund von Unfällen.

  

 
Verrückte
 
Während Falko und ich mit dem Packen der Räder beschäftigt sind, beobachtet uns Hans und fragt Martin, ob wir Deutsche sind. Martins Antwort: "Das sind Verrückte". Kurz und knapp, staubtrocken und vielleicht auch zutreffend.. Hans, ein Entwicklungshelfer aus Deutschland, hat es uns später erzählt ...
Zwei Stunden nach unserer Abfahrt aus Douala überholt uns Hans mit seinem Pickup. Er hält an und fragt uns nach unserer Route. Für den Fall, daß wir durch Kumba kommen, gibt er uns seine Adresse und lädt uns zum Übernachten ein. Auch er meint schließlich noch, wir sollten stets alle Sinne beisammen haben. Es sei gefährlich auf den Straßen ...

 

 
Piste um den Mount Cameroon
 
Wir fahren über Limbe zum Cape Debundscha, einem der drei regenreichsten Plätze der Erde. Nicht ganz unerwartet regnet es unterwegs. Und nicht zu knapp. Macht aber nichts, denn beim Radeln bei über 30 Grad und 98% Luftfeuchtigkeit sind wir eh schon pitschnaß und das meiste geht sowieso vorbei.
Etwas später geht die Teerstraße in eine Piste über und die Piste bald in irgendwas anderes, wofür es möglicherweise noch keinen deutschen Begriff gibt (dafür aber welche in 200 verschiedenen Sprachen Kameruns). Zahlreiche scharfkantige, kopfgroße Steine liegen auf dem Weg. Später besteht der Weg bloß noch aus solchen. Da es regnet, ähnelt der Weg eher einem Bachbett. Es geht in Richtung des über 4.000 Meter hohen Mount Cameroon stetig bergauf. Gegen die Strömung. Zur Abwechslung und unserer beinahe grenzenlosen Begeisterung gibt es gelegentlich ein paar Schlammlöcher. Wir sehen bald aus wie ziemliche Ferkel und verbringen die Zeit mit verschiedenartigen Flüchen. Kurz zuvor hatte man uns noch geraten, lieber umzukehren, weil der Weg zu schlecht sei für Fahrräder oder Autos. Wir wußten es natürlich besser ...

 

 
"Geklaute Fahrräder"
 
Wir kommen am späteren Nachmittag in ein Dorf und denken, es sei genau die richtige Zeit, sich mal nach einem Übernachtungsplatz umzuschauen. Wir erkundigen uns nach dem Dorfchef, um ihn um die Erlaubnis zum Zelten zu fragen. Der Dorfchef überläßt uns einen leerstehenden Raum, in dem wir zum Schutz vor Moskitos unsere Innenzelte aufstellen und die Zeltleinen an den herumliegenden Packtaschen abspannen. Die Fahrräder seien sicher und es würde hier nichts geklaut, meint er. Da sie völlig verdreckt sind, lassen wir sie vor dem Haus stehen und schließen sie nur aneinander.

Irgendwann in der Nacht wache ich auf und denke, ich könne ja mal schauen, wieviel von unseren Fahrrädern noch übrig ist. Genau nichts ist mehr übrig. Sie sind weg. Fassungslos wecke ich Falko und sage "Die Fahrräder sind weg". Er schnellt in Sekundenbruchteilen aus seinem Zelt und lautstark diskutierend irren wir in Unterhosen rat- und radlos durch die afrikanische Nacht. Während Falko kurz später die Räder von außen durch einen Spalt in einem anderen Raum des Hauses entdeckt, kommt uns auch schon schlaftrunken der Dorfchef entgegen und beruhigt uns. Man habe die Fahrräder dann lieber doch mal irgendwo untergestellt, meint er.

 

 
Verschimmeltes Brot
 
In einem etwas größeren Dorf gibt es zahlreiche kleine Läden und wir halten es für eine gute Idee, die günstige Gelegenheit zu nutzen, etwas zu essen einzukaufen. Während sich Falko von der Dorfbevölkerung wegen unserer Reise ein paar Löcher in den Bauch fragen läßt, ziehe ich los, um Brot aufzutreiben, um diese und andere Löcher in der Magengegend baldmöglichst zu schließen.

Ein hilfsbereiter Kameruner führt mich in einen Laden, der Brot verkaufen soll. Sämtliches Brot, das hier zum Verkauf angeboten wird, ist mehr oder weniger stark bis vollständig verschimmelt. Sämtliche Farbnuancen handelsüblichen Qualitätsschimmels -von weiß über ein grünliches Blaugrau bis hin zu einem edlen Mattschwarz- sind hier in überraschend großer Auswahl vertreten. Mahlzeit und guten Appetit! Wer in aller Welt ißt so etwas noch? Ich bin fassungslos und kann kaum glauben, was ich da sehe, aber das ist Alltag in Afrika. Für die Menschen hier ist es die tägliche Realität.
Geistesgegenwärtig erkläre ich die Situation für ein Mißverständnis. Nicht Brot wolle ich kaufen, sondern Bier und aufgrund meines miserablen Englischs habe ich nur die Wörter verwechselt. Daraufhin erklärt mir der Ladenbesitzer, ich müsse drei Läden weiter gehen. Erfreut nehme ich seinen Rat an und flüchte mich aus seinem Laden, ohne ihn vor den Kopf stoßen zu müssen, weil mir sein Brot nicht gut genug ist und er freut sich, weil er mir weiterhelfen konnte. So ist allen gedient. Afrika, wie es leibt und lebt.

Drei Läden weiter gibts dann nicht nur Bier, sondern zufällig auch sogar Brot in einer für uns genießbaren Form.

 

 
Besuch bei Hans
 
Wir erreichen das forstwirtschaftliche Trainingszentrum der Presbyterian Church in Kumba. Zufällig ist an diesem Wochenende das zweimal jährlich stattfindende Treffen der im westlichen Kamerun tätigen Mitarbeiter dieser Organisation und es findet zufällig hier in Kumba bei Hans und seiner Frau Friedrun statt. Beide sind in verschiedenen Ländern Afrikas geborene Deutsche und haben jeweils einen Großteil ihres Lebens in Afrika verbracht. Es ist sehr interessant und informativ, mit den beiden zu quatschen. 2004 werden die beiden nach Deutschland zurückkehren.
Bei dem Treffen lernen wir noch eine Menge weitere interessante Menschen kennen und das beschert uns auf unserer Reise noch zwei weitere Anlaufstationen in Manyemen und Kumbo.

 

 
Schlammschlachten und Reifenpannen
Die Pisten unterwegs sind großteils in üblem Zustand. Viele Schlammlöcher machen das Vorankommen zu einer anstrengenden Sache. Einmal starten wir bereits um 7 Uhr morgens und fahren bzw. schieben bis 16 oder 17 Uhr. Die Tagesbilanz beläuft sich auf ernüchternde 27 km, umgerechnet auf die Stunde etwa halbes Fußgängertempo ...

In einem ausgetrockneten Schlammloch gerate ich mit den vorderen Packtaschen an die seitlichen Erdwälle. Ich steige über den Lenker ab, entnehme eine kleine Bodenprobe, schramme mir das Knie auf und ziehe mir eine schmerzhafte Beule am Schienbein zu, welches unglücklicherweise auf dem Lenkerende aufschlägt. Unangenehme Sache, dies. Falko hat zu dem Zeitpunkt auch schon zwei Bodenproben sichergestellt, eine davon in einem nicht ganz so gut ausgetrockneten Schlammloch ...

Nach nur einer Woche haben wir beide jeweils bereits einen Reifen (nicht nur Schlauch) verschlissen. Beide sind an der Seite durch die scharfkantigen Steine bis zu 25 cm lang aufgerissen.

 

 
Reverend Simon
 
Wir erreichen Bali kurz vor Einbruch der Dunkelheit und fragen uns zum Dorfchef durch. Man erklärt uns den Weg zum Fon's Palace und wir halten "Fon" für ein anderes Wort für "Chief". Auf dem Land hieß das Haus des Chiefs auch immer Chief's Palace. In Bali ist dieser Palace in der Tat ein beeindruckendes Bauwerk und so verwundert es auch nicht, daß wir dort nicht einfach so reingelassen werden und man uns den Weg zu zwei Hotels erklärt.
Wir fahren zu dem ersten der Hotels und es ist ganz passabel, hat aber keine Moskitonetze und so fahren wir weiter. Inzwischen ist es dunkel und das zweite Hotel finden wir nicht. Als wir an einer Kirche vorbeikommen, in deren Nebengebäude Licht brennt, klopfen wir an der Tür und fragen, ob wir neben der Kirche unsere Zelte aufstellen dürfen. Reverend Simon bittet uns herein und besteht darauf, daß wir in seinem Gästezimmer übernachten. Eine seiner Töchter bringt uns jeweils einen Eimer Wasser, damit wir uns waschen können und in der Zwischenzeit kocht uns seine Frau etwas zum Essen.
Nach dem Essen besuchen wir mit Simon noch eine wohlhabende Familie, für deren gestorbenes Familienoberhaupt am nächsten Tag eine dreitägige Death Celebration beginnt. Es gibt gleich wieder etwas zum Essen und Simon erklärt uns, daß es Brauch in Kamerun ist, Besuchern etwas zum Essen anzubieten und der Besucher wenigstens eine Kleinigkeit zu sich nehmen müsse, um den Gastgeber nicht zu beleidigen. Mit vollen Backen lauschen wir gespannt seinen Erklärungen. Radfahren macht hungrig und auf einige der Gepflogenheiten können wir uns mühelos einstellen ...

Falko und Reverend Simon

 

 
Death Celebration
 
Auf dem Heimweg fragt uns Simon, ob wir ihn am nächsten Tag zur Death Celebration begleiten wollen. Es würde uns bestimmt gefallen und außerdem habe er am nächsten Tag Geburtstag und würde sich freuen, uns am Abend als seine Gäste begrüßen zu dürfen. Wir bleiben also und und erleben eine dieser Todesfeiern, wie ich sie bisher nur als Touristenspektakel aus dem Fernsehen kenne, nur daß es diesmal keine Touristenveranstaltung ist und wir die einzigen Weißen sind. Unzählige traditionelle Gruppen machen Musik und führen rituelle Tänze mit verschiedenen Bedeutungen auf. Die Tänzer sind maskiert und die ganzen Rituale haben den Sinn, den Tod zu bekämpfen und dem Verstorbenen die Seele zu retten und eine Art Wiedergeburt zu ermöglichen, wenn ich es richtig verstanden habe. Gelegentlich werden Schüsse mit uralten Vorderladern abgefeuert und ein Heidenlärm veranstaltet. Der Fon von Bali ist ebenfalls anwesend und wir erkennen, daß dieser Fon ein sehr wichtiger Mann sein muß. Er sitzt etwas abgetrennt von den anderen mit einem guten Dutzend anderer wichtiger Leute in einem kleinen gemauerten Pavillon.
Hunderte von Menschen nehmen an dieser Death Celebration teil und es dauert vom Vormittag bis in die Nacht. Erst um 6 Uhr morgens verstummen die Trommeln, bevor es zwischen 10 und 11 Uhr weitergeht, insgesamt drei Tage und Nächte lang. Zwischendurch werden kleine Snacks gereicht und wir probieren Palmwein aus Rinderhörnern, wie er traditionell bei diesen Anlässen getrunken wird.
Am Abend feiert Simon seinen Geburtstag im Rahmen seiner besten Freunde und eines Personenkreises, der so etwas wie den Kirchenvorstand darstellt. Jeder Gast hält eine kleine Rede, in der der Gastgeber gewürdigt und seine guten Seiten und besonderen Fähigkeiten erwähnt werden. Falko nutzt die Gelegenheit für eine kurze Ansprache und bedankt sich für die Gastfreundschaft Simons und die der Kameruner im allgemeinen.

Am nächsten Morgen sind wir noch Gäste bei einem Gottesdienst, der uns sehr beeindruckt. Simons Tochter Anni zeigt uns anschließend noch den Markt und nicht einmal 48 Stunden, nachdem wir bei Simon einliefen, verlassen wir ihn wieder mit einem seltsamen Gefühl, welches mich immer überfällt, wenn ich derart gastfreundliche Menschen wieder verlassen muß, die ich nie zuvor sah und wahrscheinlich nie wieder sehen werde ...

 

 
Fon Angafor Mombo Oh III.
Fon Angafor Mombo Oh III. lernen wir eigentlich nur kennen, weil wir zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wissen, daß ein Fon ein Stammeskönig ist und in dem Glauben, daß Fon nur ein anderes Wort für Dorfchef ist, platzen wir in den Fon's Palace, um nach einer Zeltmöglichkeit zu fragen. Wir werden tatsächlich zum Fon vorgelassen und treten dem König völlig verdreckt und mit Radlerhosen etwas unpassend gekleidet gegenüber.
Er läßt uns etwas zu trinken bringen und präsentiert uns stolz sein Fotoalbum, in dem lauter wichtige Leute zu sehen sind, darunter andere Könige und höchste Politiker des Landes und quatscht mit uns so 90 Minuten.

 
Nachdem wir tatsächlich auf dem Gelände zelten dürfen, laden wir den Sohn des Fons und einige andere junge Leute zu einem kleinen Umtrunk in die Dorfkneipe ein (für umgerechnet 15 Cents pro Flasche leckeren Palmweins können wir uns das gerade noch leisten). In der Zwischenzeit muß einer der Diener auf unsere Zelte aufpassen.

Am nächsten Morgen kommt der Fon persönlich an unsere Zelte und fragt uns, wie lange wir zum Packen benötigen, weil er uns ein Frühstück bereiten lassen will. Es gibt Reis, Coco-Yam, Hähnchenkeulen, Sauce, Bananen, Wasser (originalverpackt) und französischen Rotwein(!). Wir schlagen uns den Bauch voll, bevor es zum "Fototermin" geht. Darauf sind wir nicht wirklich optimal vorbereitet. Fertig zur Abfahrt, tragen wir wieder unsere schmutzigen Radlerhosen und die seit Tagen ungewaschenen T-Shirts. Fon Angafor Mombo Oh III hat sich in seinen besten Leopardenfellmantel geworfen und trägt eine Hose aus dem gleichen Material. Erinnerungen an den Film "Der Prinz von Zamunda" werden wach. Wir machen ein paar Fotos, werden aber auch selbst von einem Diener gemeinsam mit dem Fon fotografiert. So absurd die gesamte Begegnung mit dem Fon verläuft, würde es mich auch nicht wundern, wenn sich im Fotoalbum des Fons neben all den wichtigen Lauten nun inzwischen auch noch das Foto zweier Weißer in völlig deplazierter und versiffter Radlerkluft befindet.

Bevor wir uns auf den Weg machen, überreicht uns der Fon noch eine Art "Visitenkarte" samt Handy-Nr. und Datum und dem Hinweis, daß wir ihn doch anrufen mögen, falls wir irgendwo unterwegs in Schwierigkeiten geraten sollten. Er kenne überall im Land wichtige Personen und würde uns dann weiterhelfen. Der Zettel  landet umgehend im Reisepaß, wo er später noch gute Dienste leisten sollte ...    ;-)

 

 
John Peters Farm

Irgendwo unterwegs eiern wir gerade durch die Prärie und finden mal wieder keine geeignete Stelle zum Übernachten, obwohl es bereits höchste Zeit ist und die Dämmerung bald beginnt. Wie bestellt kommt uns John Peter mit seinem Motorrad entgegen und fragt uns auf Französich, ob wir bei ihm übernachten wollen. Obwohl unsere Französischkenntnisse quasi gegen Null tendieren, verstehen wir sein Angebot und nehmen es an. Nach 100 Metern Trampelpfad stehen wir vor seinem Haus, das von der Piste aus nicht zu sehen ist.
Während er uns ein Zimmer zum Übernachten anbietet, das wir für sein eigenes Schlafzimmer halten, versuchen wir ihm klarzumachen, daß wir lieber draußen im Zelt übernachten. Zum einen hätten wir gerne ein Moskitonetz um uns herum, zum anderen wollen wir unseren Gastgeber nicht irgendwo auf den nackten Fußboden verbannen.

John Peter möchte uns unbedingt seine Farm zeigen und einer von uns muß dran glauben. Leider bin ich es.
Ich schwinge mich also zum ihm auf seinen Feuerstuhl und er brettert los. Dabei geht es über Trampelpfade und die defekten Stoßdämpfer des Motorrades schlagen unterwegs bestimmt 50 mal bis zum Anschlag durch. Ich muß wegen des Gestrüpps ständig den Kopf einziehen und überlege, wie es sich wohl anfühlt, wenn sich ein abgebrochener Ast direkt von vorne ins Knie bohrt, während John Peter im Zentimeterabstand durch die Botanik fegt. Auf einem Stück Piste, das wir unterwegs befahren, dreht er sich plötzlich um und will mir irgendwelche Sachen erklären, während er durch 15 cm tiefe Längsrillen schlingert. Diese Besichtigungtour ist das mit Abstand gefährlichste Erlebnis der Reise und mein Schutzengel leistet ganze Arbeit. Ich glaube, ich habe Falko im Laufe des weiteren Abends zehnmal erzählt, daß er froh sein soll, nicht dabei gewesen zu sein.

Natürlich käme sich John Peter unhöflich vor, wenn er uns kein Abendessen anbieten würde und so macht sich seine Frau daran, die außenliegende Feuerstelle anzuheizen und zu kochen. Damit wir nicht unhöflich sind und ihn tödlich beleidigen, müssen wir natürlich auch kräftig essen, was auch immer es ist. Es sieht im ersten Moment nicht wirklich lecker aus, aber es schmeckt verflixt gut. Trotzdem liegt das Klopapier in der Nacht vorsichtshalber mal griffbereit. Man weiß ja nie ...

Am nächsten Morgen verlassen wir John Peter und seine Frau. Die beiden freuen sich offensichtlich, daß sie in ihrem kleinen Haus mal Gäste aus dem fernen Europa bewirten durften und wir freuen uns einmal mehr über die unglaubliche Gastfreundschaft im Land.

 

 
The Flintstones
Wir sitzen gerade zum Frühstück in einer der kleinen Buden eines Dorfes, die Cola verkaufen und essen dazu etwas von unserem Brot mit Ernußbutter, als ich gerade zur Tür hinaus blicke und meinen Augen nicht traue. Habe ich am Ende Fieber oder gar Halluzinationen?
Zum Glück ist es nur der normale tägliche Wahnsinn, der mich so durcheinanderbringt.

Da draußen fährt gerade ein Urenkel Barnie Geröllheimers, ein direkter Nachfahre der Flintstones-Dynastie mit seinem Fred-Feuerstein-Gedächtnis-Fahrrad vorbei, einem selbstgezimmerten Fahrrad aus groben Holzbalken, auf dessen Schreibenrädern aus Holz ein wenig Gummi von alten Autoreifen angebracht ist. Das Fahrrad ist eine technische Meisterleistung eines Jugendlichen, der mit einfachsten Mitteln eine Konstruktion zusammengedengelt hat, bei der die bemerkenswert runden Räder mit zwei krummen Nägeln exakt mittig gehalten werden und dessen Lenkung ohne Spiel genauso leichtgängig ist wie die unserer Mountainbikes. Ich bin stark beeindruckt. Einzig an den Bremsbelägen muß er wohl noch arbeiten. Die Hornhaut an seinen Fußsohlen bremst sich einfach zu schnell ab ...

 

 
Chutes de Ekom
 
Die Chutes de Ekom sind jene Wasserfälle, an denen der Tarzanfilm "Greystoke" mit Christopher Lambert gedreht wurde. Wir wollen diese Fälle auch besuchen, aber sie sind auf unserer Karte mal wüst irgendwo in der Gegend plaziert. Man kann nicht wirklich erkennen, wo sie genau sind und schon gar nicht, wie man dorthin kommt. Schon am Vorabend beginnen wir, uns durchzufragen. Als wir das letzte Dorf auf der Hauptstraße verlassen, rennen uns die Kinder in Scharen hinterher und brüllen unablässig "Cadeaux, Cadeaux". Ich würde den Kindern entnervt am liebsten ein paar Ohrfeigen verpassen und noch viel mehr natürlich denjenigen, die dafür sorgten, daß die Kinder von Weißen nun ständig Geschenke erwarten. Da haben die Filmfuzzis wohl bleibende Erinnerungen hinterlassen, denn Touristen gibt es hier nicht wirklich ausgesprochen viele.

Die letzten 11 km sind eine übel steile und schlechte Piste (wir wurden schon auf dem Hinweg bergab von einer Fußgängerin überholt), die dafür sorgt, daß wir auf dem Rückweg so ca. 8-9 km schieben müssen. Es strengt ziemlich an bei über 30 Grad im Schatten. Glücklicherweise gibt es nicht so viel Schatten. Ja, manchmal hat man richtig Glück ...

 

 
Straßenverkehr
 
Auf den Straßen Kameruns geht es oft chaotisch zu. Viele der dort fahrenden Autos wären eine Berreicherung für jeden mitteleuropäischen Schrottplatz und diese Fahrzeuge sind beladen bis zum Anschlag. Da sitzen dann Leute auf dem Dach oder im Kofferraum ganz normaler Pkws. In abgefahrene Autoreifen wird wieder ein neues Profil geschnitzt, bis der Reifen irgendwann geplatzt im Straßengraben liegenbleibt und sein Leben aushaucht - mit ihm oft das dazugehörige Auto und der Fahrer desselben.
Als Radfahrer ist ein Rückspiegel sehr wichtig, damit man von hinten herannahende Fahrzeuge sieht und abschätzen kann, was evtl. Hupen bedeutet. Meist heißt es nur "Hallo" oder "Achtung, nicht ausscheren, ich überhole jetzt". Manchmal bedeutet es aber auch "schnell weg von der Straße, wenn dir dein Leben lieb ist", besonders, wenn es sich um einen Lkw handelt, der nicht mehr bremsen kann und selbst gerade überholt wird oder wegen Gegenverkehr nicht genügend ausscheren kann.

Und manchmal ist auch der Gegenverkehr sehr entgegenkommend und man muß blitzschnell von der Straße, weil ein überholender Autofahrer auf einen zurast. Während es in Ostafrika half, einfach weiterzufahren, um den Autofahrer wieder zum Einscheren zu bewegen, fahren die in Kamerun manchmal einfach weiter und nehmen in Kauf, einen über den Haufen zu fahren, wenn man nicht die Straße verläßt. Oder sie haben die besseren Nerven, was ja auch nicht schwierig ist, wenn man mit einem Auto auf einen Radler zurast ...

Eines Abends sind wir auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit und stehen einige Minuten diskutierend am Straßenrand, bevor wir uns auf den Weg machen, irgendwo nachzufragen. In dem Moment kommt ein Fahrzeug schlingernd und mit quietschenden Reifen von der Straße ab und rutscht genau dort über den Schotter, wo wir 30 Sekunden zuvor noch standen. Nachdenklich und mit weichen Knien schauen wir zurück ...  

 

 
Douala
 
Douala ist ein heißes Pflaster, was nicht nur an den Temperaturen liegt. Man muß hier schon als Fußgänger ständig die Augen offen halten, aber als Radfahrer auf der Straße ist es wirklich spannend. Da hier jeder fährt, wie er es gerade so für richtig hält und sich das Vorfahrtsrecht unmittelbar aus dem Größenverhältnis der jeweils beteiligten Verkehrsteilnehmer errechnet, fährt man als Radler am besten zügig, aber defensiv, wobei gewisse Aktionen dennoch wie ein beherzter Suizidversuch aussehen. Andernfalls käme man als Linksabbieger jedoch über keine Kreuzung. Nebenbei muß man noch den Straßenbelag im Auge behalten, um wenigstens die größten Schlaglöcher zu vermeiden und nicht dort rein zu fahren, wo eigentlich ein Kanaldeckel drauf gehört.
Einmal gibt es einen kleinen Rempler mit einem Moped, welches mich etwas knapp überholt. Ich mache einen Schlenker nach rechts, das Moped nach links. Man schaut sich kurz kopfschüttelnd an, als ob jeweils der andere ein psychokeramisches Defizit (also nicht mehr alle Tassen im Schrank) hätte und fährt dann entspannt weiter, als sei nix gewesen. Wenige Meter später steht man nebeneinander an der Kreuzung und alles ist vergessen. Man lächelt und grüßt sich höflich.

Wenn man das zweifelhafte Glück hat, eine Kreuzung zu erreichen, die von einem Verkehrspolizisten geregelt wird, dann wird es erst so richtig lustig. Kameruns Verkehrspolizisten werden zweifellos systematisch darin ausgebildet, mit geringsten Mitteln das größte Chaos zu veranstalten. Eine Uniform, zwei Arme und eine Trillerpfeife reichen aus. Jeden Nachmittag, wenn der Verkehrsfluß an den größeren Kreuzungen langsam etwas zähfließender wird, bevölkern Verkehrspolizisten die großen Kreuzungen und machen innerhalb weniger Minuten einen einzigen großen Parkplatz aus den Hauptverkehrsstraßen. Sie stehen mitten auf der Kreuzung, drehen sich permanent hin und her, fuchteln sinnfrei mit den Armen umher und pfeifen mit ihrer Trillerpfeife jedem hinterher, der sich wagt, die Kreuzung zu überqueren. Die zwangsläufige Folge davon ist, daß sich aus Angst vor den an Ort und Stelle zu bezahlenden Strafen niemand mehr zu fahren traut und innerhalb kürzester Zeit die Kreuzungen dicht sind. Als Radfahrer schlängelt man sich an den Autos vorbei, überquert fröhlich pfeifend die Kreuzung (Autos fahren dort ja keine) und grüßt den Polizisten mit einem freundlichen Winken. Der winkt freundlich lächelnd zurück und sorgt bei den Autofahrern für zusätzliche Verwirrung.     ;-)
Diese für uns befremdliche Situation beschert jedoch zahlreichen Afrikanern ein kleines Einkommen. Sie schieben irgendwelche kleinen Wagen mit Backwaren, Tee oder Kaffee und anderen Dingen durch die Straßen und verhindern, daß die Menschen in ihren Autos verhungern, die Autos auf den Straßen verrotten und damit wiederum die Polizisten arbeitslos machen. Es muß ein ausgeklügeltes System sein, von dem alle profitieren, welches wir als Touristen jedoch nur ansatzweise verstehen.   

Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich schwieriger als erwartet. Am Ende dürfen wir glücklicherweise in der Bibliothek der Seemannsmission übernachten, da unsere sämtlichen Bemühungen, eine Unterkunft zu finden, vergebens sind.
Am Abend essen wir eine Kleinigkeit mit Pommes Frites und irgendwie war das Frittierfett in einem Zustand, der bei Stiftung Warentest wohl bestenfalls ein "mangelhaft" hätte erzielen können.
Gegen Mitternacht bekomme ich einen ersten akuten Anfall von Würfelhusten und im weiteren Verlauf der Nacht fülle ich fleißig vorverdaute Nahrung portionsweise in Plastikbeutel ab. Falko hält derweil zu Ehren von Villeroy & Boch eine stundenlange Andacht ab und verneigt sich ehrfürchtig vor dem großen weißen Porzellanaltar. Wir holen wirklich das Letzte aus uns raus, aber trotzdem schaffen es einige Krankheitserreger vom Magen bis in den Darm und sorgen am nächsten Tag für reichlich Party zwischen den Eingeweiden. Tiefe Bassklänge verursachen ein ständiges Rumpeln. Zahlreiche dringende Krisensitzungen werden einberufen. Das Klopapier wird knapp ...

 

 
Erlebnisse unterwegs
 
Wir haben auf dieser Radtour bei den verschiedensten Menschen übernachtet - bei einem Stammeskönig und einem Reverend, einem Farmer und einem Entwicklungshelfer, einer Lehrerin und bei Dorfchefs, in einer Kneipe und Schule. Wir haben direkt neben Gräbern gezeltet und hatten anderswo nächtlichen Besuch durch Ratten im Zimmer, die sich durch meine Packtasche zum Brot durchgefressen haben. Wir haben bei Zivildienstleistenden aus Deutschland in einer Art Jugendbetreuungsstätte übernachtet, in einem Krankenhaus und bei der Polizei. Und genau dort entfaltete die "Visitenkarte" des Fons Angafor Mombo Oh III. seine hilfreiche Wirkung. Irgendein Wichtigtuer von Polizeichef zitiert uns in seine Wachstube, nachdem wir zunächst unsere Zelte auf dem Gelände aufbauen durften. Während Falko bei den Zelten und Rädern bleibt, die inzwischen von Dutzenden Schaulustigen belagert sind, begebe ich mich mit unseren Pässen in sein Büro und er kontrolliert sie gewissenhaft, bevor er mir erklärt, daß er sie aus Sicherheitsgründen über Nacht einbehalten müsse. Da ich keine Lust habe, sie am nächsten Morgen gegen eine "Aufbewahrungsgebühr" zurückkaufen zu müssen, diskutiere ich fast eine halbe Stunde erfolglos mit ihm rum. Als ich schon aufgeben will, nehme ich noch schnell den Zettel mit der Telefonnummer des Fons an mich und will aufstehen. Der Polizeichef befürchtet nun anscheinend große Probleme, denn er schlägt umgehend vor, daß ich die Pässe doch mitnehme und er sich nur ein paar Daten daraus abschreibt. Damit bin ich einverstanden, denn nach dem ganzen Aufstand kann er mich ja jetzt nicht so einfach gehen lassen, ohne sein Gesicht zu verlieren.         

Polizeikontrollen gibt es überhaupt sehr viele im Land und sie sind bei Autofahrern -Touristen wie Einheimischen- gefürchtet, weil meistens irgendeine Phantasie-Strafe mit Grober-Unfug-Gebühr für irgendwas fällig wird. Als Radfahrer fahren wir meist einfach vorbei und grüßen freundlich. Ein paarmal werden auch wir angehalten und ausgefragt, die Pässe kontrolliert und als klar ist, daß wir aus Deutschland kommen, wünscht man uns eine gute Reise. Einmal bekommen wir an einer Kontrollstation sogar Palmwein angeboten. Ein anders Mal sitzen wir in der Nähe einer Polizeikontrolle an einem Tisch vor einer Straßenkneipe. Während Falko eine Cola trinkt, habe ich eine Hopfenkaltschale vor mir stehen, als plötzlich ein hochrangiger Polizist auftaucht. Ich befürchte schon Ärger, weil ich als Verkehrsteilnehmer Bier trinke, aber er kontrolliert nur unsere Pässe und die Gültigkeit der Gelbfieberimpfung. Als Falko seinen Impfpaß nicht gleich findet, ist der Polizist auch damit zufrieden, daß Falko ihm versichert, eine gültige Impfung zu haben. Eigentlich wollte sich der Polizist ja nicht so lange mit uns aufhalten, sondern nur ebenfalls ein Bier trinken ...  

 

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