Malawi 2007

Das warme Herz Afrikas
 

Schnipsel einer Radtour


Malawi ist unter Aquarienfreunden recht bekannt, weil im gleichnamigen Malawi-See Buntbarsche leben, die man nirgendwo sonst in der Welt finden kann. Malawi ist auch unter Schnorchelfreunden recht bekannt, weil man hier im Süßwasser so farbenprächtige Fische bestaunen kann, wie es sie sonst nur im Meer zu sehen gibt. Weil man sich dabei im Malawi-See prima Bilharziose (oder Schistosomiasis) einfangen kann, ist Malawi auch unter Tropenärzten recht bekannt.
Unter allen anderen Mitmenschen ist Malawi weitgehend unbekannt und weil alles Unbekannte zunächst mal irgendwo in Afrika vermutet wird, vermuten sie es irgendwo in Afrika. Damit liegen sie richtig. Malawi liegt irgendwo in Afrika, genauer gesagt im nordöstlichen Südafrika oder im südlichen Ostafrika. Fragt man die Malawier, dann liegt es im südöstlichen Zentralafrika.

Malawi ist leider auch bei den United Nations sehr bekannt. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt und war 2005 das absolute Schlusslicht der Statistik. Nach aktuellen Zeitungsberichten aus Malawi leben derzeit ca. 63% der Menschen unter der absoluten Armutsgrenze und müssen mit weniger als 1 US$ pro Tag über die Runden kommen. Fast drei Viertel der restlichen Einwohner liegen nur knapp über diesem Wert und können bei einer schlechten Ernte o.ä. schnell darunter rutschen. Der durchschnittliche Verdienst im Land beträgt ca. 3.800 Kwachas (nicht ganz 19 Euro) pro Monat.
52% der derzeitigen Bevölkerung werden hochgerechnet auf ihr gesamtes Leben mit durchschnittlich _weniger_ als _einer_ Mahlzeit pro Tag auskommen müssen (wir gehen halt einfach mal zum Kühlschrank, wenn wir was essen wollen). Etwa die Hälfte der Bevölkerung sind Kinder bis 15 Jahre, obwohl die Kindersterblichkeit bei rund 10% liegt. AIDS, Malaria, TBC und die Zustände im Land schrauben die Lebenserwartung auf eine Größenordnung von etwas über 40 Jahren herab.

All diese Zahlen mögen die Eignung Malawis als Reiseland für eine Radtour zweifelhaft erscheinen lassen, doch das täuscht auch ein wenig. Malawi, "the warm heart of Africa", wie es auch häufig genannt wird, ist trotz aller Armut ein friedliches Land mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen, die stolz auf ihr Land sind und sich freuen, wenn es einem Ausländer bei ihnen gefällt. Gelegentlich kommt es vor, dass Einheimische einem im Vorbeifahren ein "Welcome in Malawi" zurufen, etliche Menschen grüßen, etwa 95% der Kinder winken einem weißen Radfahrer begeistert zu.

Radfahren in Malawi ist -abgesehen vom Klima und den zeitweise heftigen Steigungen- relativ einfach. Die Verkehrsdichte auf den Straßen ist recht gering, aber ein Rückspiegel ist dennoch sehr wichtig. Das Land ist relativ dicht besiedelt, sodass es kein Problem ist, an Essen und Wasser (oder Tee, Cola, Bier)zu kommen. Mit einfachen und einfachsten Bedingungen sollte man allerdings klarkommen und den Anblick von Ratten oder Kakerlaken sollte man auch ertragen können. Man bekommt sie des öfteren zu Gesicht ...

Den Malawiern ist durchaus bewusst, dass sie in einem der ärmsten Ländern leben. Die Aufschrift auf der Front einer etwas besseren Kneipe lässt dies erahnen.

 

In einer kleinen Stadt findet man praktisch alles, was man braucht ...

 

Die diesjährige Tour fahre ich zusammen mit Thomas, den ich über ein Internetforum kennenlerne. Nach einigen Mails und Telefonaten lernen wir uns aber erst auf dem Flughafen in Amsterdam persönlich kennen. Vorsichtshalber sind wir beide so ausgerüstet, dass wir uns trennen und notfalls alleine fahren könnten, falls wir uns nicht verstehen sollten. Eine Trennung gibt es dann wie geplant kurz vor Ende der Tour, denn Thomas fliegt eine Woche früher zurück als ich und ich hänge noch eine kleine Schleife dran. Ansonsten klappt alles prima und wir haben die gleiche Einstellung zum Reisen, eine vergleichbare Kondition und -auch nicht ganz unwichtig- einen ähnlichen Sinn für Humor.

Thomas hat eine Unterkunft für die erste Nacht ausgekundschaftet und veranlasst, dass uns ein Taxi vom Flughafen in Lilongwe abholt. Ich habe mich im Vorfeld darum gekümmert, dass wir überhaupt den Flughafen in Lilongwe erreichen, was mit Fahrrädern im Gepäck nicht immer so einfach ist. Christina aus dem Reiseladen Reis Aus in Trier hat das jedoch wie bereits im Vorjahr vorbildlich ausbaldowert.

Als wir Lilongwe nach Besuchen bei Bank und Supermarkt verlassen, ist es fast Mittag und bereits affenheiß, außerdem sind auf der Strecke ordentliche Berge zu bewältigen. Pünktlich mit Anbruch der Dämmerung finden wir eine Bleibe für die Nacht. Auf dem Gelände eines Waisenhauses dürfen wir unsere Zelte aufstellen. Es gibt hier auch eine Außentoilette, die wir nutzen könnten, aber ...

Schon an den Außenwänden tummeln sich die Kakerlaken bis zum Dach. Aus 1,5 Metern schauen wir durch den Eingang nach innen. Mehrere Hundertschaften afrikanischer Riesenschaben sind hier am Start und bieten einen faszinierend abscheulichen Anblick. An keiner Stelle könnte man einen Fuß auf den Boden setzen, ohne auf diese Viecher zu treten. Diese eine einzige Toilette beherbergt ein Vielfaches an Kakerlaken, als ich bisher während Radtouren durch zehn andere afrikanische Länder insgesamt zu Gesicht bekommen habe. Wer hier eine Wurst fabriziert, hat bestimmt 50 Kakerlaken auf sich rumkrabbeln, bevor er beginnt, sich den Hintern abzuputzen. Wir beschließen, den Straßenrand aufzusuchen, falls wir während der Nacht mal aus der Hose müssen.

Und ... am nächsten Morgen nach Sonnenaufgang ist wieder Ruhe auf der Toilette. Tagsüber kann man sie tatsächlich benutzen ...

Auch andere Insekten trifft man regional in größerer Anzahl an. Hier ein Foto einer Gottesanbeterin, die sich von den in einer Unterkunft umherschwirrenden Käfern ernährte. Das Insekt ist etwa 10-12 cm groß und sitzt an einer Zimmertüre.

 

Die Temperaturen und die Kraft der Sonneneinstrahlung unterwegs sind heftig. Thomas bekommt eine Sonnenallergie und einen Sonnenbrand auf den Fußrücken und muss einige Tage mit Socken fahren, ich selbst habe einen etwas geröteten Rücken, obwohl ich immer ein T-Shirt trage.

Wir haben Temperaturen von bis zu 42 Grad im Schatten und kommen bald an den Punkt, wo wir 36 Grad als angenehm kühl empfinden. Zuhause fährt bei solchen Temperaturen kein normaler Mensch mehr mit dem Rad ...
Wenn wir das Thermometer am Lenker befestigen und damit die Temperaturen einfangen, denen wir im Wechsel von Sonne und Schatten selbst auch ausgesetzt sind, kommen wir in Salima bereits morgens um 10:30 Uhr auf Werte um 48 Grad. Die Mittagsstunden in der Sonne sind kaum auszuhalten. Alle paar Kilometer müssen wir eine kurze Pause machen. An manchen Tagen kippe ich mir an den Dorfbrunnen eine Mütze voll kaltem Wasser über den Kopf und Rücken.

Auf dem Rückflug lerne ich eine Österreicherin kennen, die für einige Zeit ein Praktikum in einer Klinik gemacht hat. Sie erzählt von drei Deutschen, die letztes Jahr mit dem Fahrrad in Malawi unterwegs waren. Einer von ihnen hielt plötzlich an und meinte, ihm sei schlecht. Dann kippte er um und verstarb. Die Anstrengung in der Hitze war einfach zuviel.

Wichtige Gräber vor den Hütten eines kleinen Dorfes

 

Fortsetzung ...