Irgendwie
ein Geheimnis. Irgendwie war es aber auch ganz normal.
Ich
kam ans Grab und wollte Blumen darauf legen, aber es lagen immer
schon frische Blumen da. Ich kannte kein Grab, auf dem ganzen
Friedhof nicht, auf dem immer frische Blumen lagen.
Jetzt
jährte sich der Todestag wieder und immer noch lagen frische
Blumen da.
Der
wievielte Todestag sich jährte, vermag ich nicht zu sagen, er
ist und war immer ohne Bedeutung.
Die
letzten Begegnungen sind es, die die Frage nach der Zeit
unwichtig machen.
In
meinem Dorf ist es überhaupt völlig unwichtig, nach der Zeit
zu fragen.
Vielleicht
haben wir deshalb immer so wenig miteinander geredet, weil eben
für das Unwichtige keine Zeit übrig bleibt.
Er
stand am Küchentisch und wartete auf mich. Wie immer sollte ich
zehn Eier zu ihm bringen.
Immer
am Montag war ich für diese zehn Eier zuständig. Unsere
Familie gab Eier, eine andere Familie Milch. Beim Bäcker holte
er sich jeden zweiten Tag sein Brot; ich glaube nicht, dass er
jemals etwas dafür bezahlte. Genau so war es beim Metzger. Bei
jeder Hausschlachtung gab ihm jede Familie etwas ab. Er fraß
sich durch.
Es
war normal, es war selbstverständlich, dass man ihn fütterte,
so wie die Kühe und die Rinder, wie die Schweine und die Hühner,
wie die Ziegen und die Schafe.
Er
stand am Küchentisch und ich brachte meine Eier. Besonders gut
gelaunt war er nie. Eher bruddlig und mürrisch. »Die Mutter
schickt die Eier«, meine Worte.
»Leg
sie auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu«, seine
Worte.
Jeden
Montag fast die gleichen Worte, nein, nicht fast die gleichen
Worte, es waren die gleichen Worte.
Mehr
war nicht zu sagen .Die gleichen Worte, die gleichen Tage, alles
ein Kreislauf, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter und wir
gehören dazu.
»Die
Mutter schickt die Eier«, meine Worte. Stille, da war einfach
eine unruhige Stille.
In
Gedanken sagte ich mir selbst die Worte, leg sie auf die Ablage
und mach die Tür hinter dir zu Aber es waren meine Worte, in
meinem Kopf. Hilflos wartete ich. Sekunden, die Stunden waren,
vergingen.
»Die
Mutter schickt die Eier«, deutlich hob ich meine Stimme an und
schrie meine Worte heraus.
»Die
Mutter schickt die Eier«. Ich brauchte seine Worte: - Leg sie
auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu -. Ich brauchte
seine Worte, ich brauchte sie so sehr, dass die Stille mir
unheimlich wurde, dabei waren es doch keine gehaltvollen Worte,
doch sie gehörten mir, diese einfachen Worte waren ein
unsagbarer Verlust, den ich kaum aushalten konnte.
Worte,
die er nicht sagte.
Ich
sah ihn.
Er
stand nur unter dem Türrahmen und hatte rot geweinte Augen. Ich
kannte ihn und meine Gedanken überschlugen sich, wie lange ich
ihn wohl kannte?
Immer
schon kannte ich ihn, jeder kannte ihn.
Er
war schon da, er war schon immer da. Ich hatte mir nie überlegt,
ob er eigentlich irgendwo anders gelebt haben könnte.
Nein,
er war schon immer da. So wie die Linde an der Kirche. Wie der
Brunnen vor der Brücke. Wie ...
Wie
schon alles in meinem Dorf immer da war.
Es
war zu keiner Zeit für mich wichtig, warum und wie lange etwas
da war.
Es
war so, wie es war.
War
es nicht müßig, sich Gedanken zu machen, wie und warum etwas
da war und wie lange. Ich fragte einmal nach der alten Linde
an der Kirche, wie alt sie wohl sein würde, doch diese Frage
wurde nur belächelt, sie sei schon lange da und würde wohl
noch lange stehn, wenn ich auch schon lange nicht mehr sein würde.
Ich
konnte mir gar nicht vorstellen, einmal nicht mehr zu sein.
Er
stand nur unter dem Türrahmen und hatte rot geweinte Augen.
»Die
Mutter schickt die Eier«, meine Worte.
»Kannst
du nicht auch einmal etwas anderes sagen, als die Mutter schickt
die Eier«, seine Worte. Warum sollte ich denn, sie schickte
doch die Eier, die ich immer brachte, »Warum, sie schickt doch
die Eier«, meine Worte. » Und du kannst nichts anderes sagen,
als immer nur » die Mutter schickt die Eier.«
»Immer
nur diese gleichen Worte, immer nur diese gleichen, immer nur,
immer nur, ... «‚ seine Worte.
Von
Gestalt war er nicht besonders groß, seit meiner Konfirmation
überragte ich ihn längst, doch so aufgebracht und wütend
glich er einem Baum, der durch den Wind noch mal so viele Äste
bekam.
Es
war Vater, der einst zur Mutter sagte, dass wir jeden Montag
zehn Eier zu ihm bringen sollen, die andern übernehmen auch
etwas und wir die Eier.
Es
war Vater, der einst sagte, dass er wieder da sein würde und
dass auch wir ihm helfen würden, mit soviel, dass es zum Leben
reichen würde.
Es
war Vater, der Mutter einst erklärte, dass er in der Stadt
gelebt hatte, obwohl seine Eltern es nicht gern sahen, dass er
fortging. Es war Vater, der sich stark machte, dass er wieder in
der alten Hofstelle seiner Eltern ein Zuhause finden konnte.
Es
waren alle Menschen vom Dorf, die nicht fragten, warum er so
verbittert zurückkam.
Es
waren alle Menschen vom Dorf, die ihn so annahmen, wie er war.
Es
waren alle Menschen vom Dorf, die ihn achteten und in Ruhe ließen.
Es
waren alle Menschen vom Dorf, die ...
Es
erbarmte mich, einen Mann vor mir zu sehn, der in seiner eigenen
Haut so unsagbar litt.
Es
flossen keine Tränen und doch waren seine Augen rot geweint, er
war gebückt von seiner Last, die ihn jahrelang geschunden haben
musste. Es war nicht das Klagen der Menschen wie etwa beim Zu
Grabe tragen
Es
war sein Klagen.
Er
kämpfte einen Kampf, mit den Waffen einer menschlichen Seele.
»Warum
lebst du hier in allen kalten Wintern«, meine Worte. »Warum
hast du niemals etwas anderes zu mir gesagt, als immer nur, leg
die Eier auf die Ablage und mach die Tür hinter dir zu«, seine
Worte.
Ja,
warum hatte ich niemals etwas anderes zu ihm gesagt. Niemals.
Nun
war wieder Montag, ich sollte die Eier bringen. Ich legte sie
nicht mehr auf die Ablage, nur noch an den Gartenzaun. So hielt
ich es mit meinen zehn Eiern, bis der erste Schnee fiel.
Heimlich hoffte ich jeden Montag, es würde niemals gefrieren,
ich müsste dann die Eier nur noch an den Gartenzaun legen. Aber
der Winter kam und ich öffnete wieder die Haustür. »Die
Mutter schickt die Eier«, meine Worte.
»Ist
es nicht seltsam, das, was man am meisten hasst, vermisst man
auch am meisten.
Bis
ich sie am Gartenzaun abholte, wurden sie schon oft von den
Katzen angefressen«, seine Worte.
»Warum
bist du zurückgekommen, mein Vater sagte, du hast lange fort
gelebt«, meine Worte.
»Das
sagt er, dein Vater, und was sagt er sonst noch, dein Vater?«,
seine Worte.
»Du
bist zurückgekommen, nur das war wichtig für meinen Vater,
wohl für alle im Dorf«, meine Worte. »Ja, ich bin zurückgekommen,
ich bin gegangen, weil ich dachte, ich müsste es hassen. Alles
müsste ich hassen, die Enge, den Mief, das Dorf. Als ich fort
war und meinte, das Leben gefunden zu haben, da hab ich es nicht
ertragen, fort zu sein. Und weißt du, was ich am meisten
bedaure, dass ich so viel Zeit vertan habe, mit meinem eigenen
Kampf, es mir einzugestehen, dass ich hierher gehöre.
Als
ich wiederkam, waren so viele, die ich liebte, nicht mehr da«,
seine Worte.
Die,
die mich liebten, haben es genau gewusst, niemals hätte auch je
einer darüber ein Wort verloren. Sie alle haben es gewusst,
dass ich nirgends anders leben könnte, es war nur eine Frage
der Zeit. Und diese Zeit habe ich lange verschenkt, verschenkt
an ein übervolles leeres Leben. Ja, für alle war nur wichtig,
dass ich wieder da war, für keinen war es eine Frage wert. Ein
Warum oder ein Wieso.
Fast
scheint es, als wären alle froh gewesen, dass ich wiederkam,
mein Wiederkommen gab ihnen recht.«
Wieder
liegen frische Blumen auf dem Grab, ich hab noch niemals so
viele frische Blumen auf einem Grab liegen sehen, immer wieder
nach so langer Zeit.
Ist
dies ein Geheimnis, er ging für alle weg und kam aber auch
wieder für alle zurück.
Hat
allen gezeigt, dass es sich nicht lohnt zu gehen, dass manches
einfach so ist, wie es ist.
Und
trotzdem ist es gut so.
Ja,
es ist vieles gut so, wie es ist, in meinem Dorf.