Die Auszüge stehen auch als Datei zum Download bereit. (siehe unten)

 

 

AUSZÜGE

Liebe Leserin und lieber Leser, wie Sie bereits im Vorwort erfahren haben, kann ich seit der Gefangenschaft kein Buch mehr lesen, was auch dazu führte, daß ich mein Buch wie ein Blinder schreiben musste. Dabei ist es unausweichlich, daß Fehler bei der Grammatik und insbesondere der Interpunktion entstehen. Ich möchte Sie daher bitten, über diese Mängel großzügig hinwegzusehen und sich mehr auf den Inhalt des Buches zu konzentrieren.  

  

  

 

 

Seite 9–18 (im Buch)  

10 Jahre nach der Gefangenschaft  

In Schweiß gebadet wache ich auf. Ich bin froh, als ich feststelle, daß ich in meinem Bett liege, denn noch vor wenigen Minuten erlebte ich zum ungezählten Male die Schrecken meiner Gefangenschaft.

Es sind immer die gleichen, schrecklichen Verfolgungsträume, in denen ich die unsagbaren Strapazen, die ausgestandenen Ängste und trügerischen Hoffnungen der russischen Kriegsgefangenschaft im Traum wieder erlebe und das 10 Jahre nach dieser unglücklichen Zeit, deren Spuren sich so tief in Seele und Körper jener Menschen eingegraben haben, jener Heimkehrer, die ihre Heimat wiedersehen durften.  

 

In amerikanische Gefangenschaft an der Elbe  

Es ist der 2. Mai 1945, die Kämpfe um Berlin liegen hinter uns. Wir stehen mit unserer 2 cm - Flak, welche auf eine Selbstfahrlafette montiert ist, in einem kleinen Dorf kurz vor der Elbe, in der Nähe von Wittenberge. Es ist ein heißer Tag, obwohl erst Anfang Mai. Abgesehen von dem fernen Kanonendonner, der uns im Angesicht der nahen Rettung nur wenig stört, ist es auf dem heißen Dorfplatz sehr ruhig, was meine Kameraden zu einem kleinen Ausgang nutzen. Einige haben ein paar nette Mädchen angesprochen und entschwinden bald mit ihnen unseren Blicken. Ich ziehe es mit noch 2 Mann vor am Geschütz zu bleiben, denn der Russe hängt an unseren Fersen. Plötzlich ein Heulen aus östlicher Richtung. Wir werfen uns hinter die schützenden Raupen unserer Zugmaschine. Dann ein ohrenbetäubender Krach. Später ein Pfeifen durch die Luft. Am Rande des kleinen Platzes ist ein  einstöckiges Haus von einer schweren Granate getroffen worden. Alles ist in Aufregung. Schon kommen einige meiner Kameraden im Laufschritt angerannt. Der Geschützführer gibt den Befehl: "Sofort in Richtung Elbe absetzen!".

Im Rücken haben wir die Russen und kaum 6 Kilometer vor uns ist die amerikanische Front entlang der Elbe. Nur nicht den Russen in die Hände fallen, hämmert es in unseren Köpfen. Schlag auf Schlag detonieren um uns herum die Granaten. Wir stehen mitten im Hexenkessel. Es fehlt der Fahrer. Wir werden ungeduldig und schreien seinen Namen hinein in den Lärm und suchen aufgeregt nach ihm. Während unsere Nerven zum Zerplatzen gespannt sind, kommt er seelenruhig die Dorfstraße herauf, wirft den Motor an und schon geht es heraus aus dem Chaos.

Die ersten Maschinengewehrgarben peitschen über unsere Köpfe hinweg, und keiner außer dem Fahrer wagt sich auf die Zugmaschine. Alles rennt nebenher durch den von der Sonne erhitzten Sandstreifen, der uns von der Elbe trennt. Unerträglich wird die Wärme beim Laufen in der steifen Uniform. Wir keuchen unter der Last unserer Ausrüstung. Bei jedem Schritt versinken die Schuhe im losen Sand. Ein jeder schleppt seinen Karabiner, die Gasmaske und die Munition, denn keiner möchte im Angesicht der Russen ohne Waffen sein.

Noch 3 Kilometer, dann haben wir es geschafft. Immer schneller, immer schneller! Ständig schlägt mir beim Laufen die Gasmaske an den Oberschenkel, und ich entschließe mich, angesichts der ohnehin unumgänglichen Gefangenschaft, die Gasmaske in den Sand zu werfen. Doch kaum kullert dieser Ausrüstungsgegenstand der nie gebraucht wurde zu Boden, schreit mich unser Batterieführer im Kasernenhofton an und droht mir sogar mit Erschießung. Er ist auch in dieser ausweglosen Lage immer noch der "pflichtbewußte" deutsche Offizier, der noch nicht begriffen hat, daß der Krieg verloren ist.

Ich laufe weiter und lasse mich nicht stören, denn in der Ferne sehe ich ganz deutlich den langen Damm, hinter dem die Elbe mit ihrem eiskalten Wasser mit reißender Geschwindigkeit dahinfließt. Über uns zieht ein amerikanischer Nahaufklärer, der große Ähnlichkeit mit unserem Fieseler-Storch hat, seine Kreise. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen, es gilt, den schützenden Damm zu erreichen.

Um 11.30 Uhr ist es geschafft.  Unter uns liegt die Elbe. Doch was wir da sehen, ist kein erfreuliches Bild. Die amerikanische Front liegt am jenseitigen Ufer des Flusses, wo der Wald bis an das Wasser reicht. Auf dem breiten Uferstreifen auf unserer Seite, auf dem die Amerikaner nur einen Brückenkopf haben, zeigt sich ein Bild, wie es in diesen Tagen an vielen Stellen entlang der Elbe zu sehen ist. Eine ungeheure Menschenmenge, große Teile der geschlagenen deutschen Wehrmacht, aber auch Zivilisten, die vor den Russen geflohen sind, warten unten am Ufer auf die amerikanischen Fähren, welche unaufhaltsam das Wasser kreuzen und die Menschen von der Ostseite an das gegenüberliegende Ufer tragen.

Unsere Zugmaschine rollt langsam den Hang hinab. Wir halten auf die Menschenmenge zu. Es geht noch vorbei an großen Mengen von Wehrmachtsfahrzeugen und Ackerwagen, die aus den Trecks stammen und zum Teil eine sehr beachtliche Strecke zurückgelegt haben. Überall liegen Verpflegung, Wäsche und andere Dinge des täglichen Bedarfs zwischen diverser Munition auf dem Boden herum. Doch niemand greift danach. Jeder möchte nur ans andere Ufer und drängt sich zwischen die Landser am Anlegeplatz. Beim Amerikaner gibt es genug an Verpflegung und Bekleidung, das wird überall erzählt.

Als wir die Menschenansammlung erreicht haben, kommen die amerikanischen Posten an unser Geschütz und entwaffnen uns. Wir müssen sofort das Fahrzeug verlassen. Ein Kamerad, der etwas liegengelassen hat, klettert noch einmal hinauf, doch der Posten hebt die Maschinenpistole und schießt. Um Haaresbreite gehen die Geschosse daneben. Wahrscheinlich war das so gewollt. Doch wir verstehen diese Sprache und fassen nichts mehr an.

Bald hat sich unsere Geschützbedienung aus den Augen verloren. Ich gehe zunächst einmal an das Wasser heran, strecke die Hand hinein, um zu sehen, wie kalt es ist. Doch die eisige Kälte und die starke Strömung lassen keine Hoffnung zu, das andere Ufer schwimmend zu erreichen, trotzdem wagen es viele und springen ins Wasser. Nur wenige erreichen das andere Ufer, die meisten behält der Strom. Ein Soldat versucht es zu Pferd. Er hat es fast geschafft, doch kurz vor dem anderen Ufer sind beide plötzlich nicht mehr zu sehen. Eine Arbeitsmaid zieht sich fast völlig aus und springt ins kalte Wasser. Ich verfolge sie mit meinen Blicken und sehe noch genau, wie man sie drüben in Decken einhüllt. Sie hat es geschafft. Sicherheit verspricht nur das andere Ufer.

Ich traue meinen Augen nicht, als ich sehe, wie meine direkten Vorgesetzten, zwei Offiziere und zwei Feldwebel, die Elbe mit einem kleinen gelben Schlauchboot überqueren. Sie hatten anscheinend alles geplant, und diesen Leuten hatten wir geglaubt und gehorcht. Wären sie nicht gewesen, wären wir ein paar Tage früher an der Elbe gewesen und auf die andere Seite des Flußes gekommen.

Zum Übersetzen komme ich noch lange nicht, denn vor mir stehen noch Tausende, die früher da waren. Ich suche nach Benzinkanistern, doch diese sind schon alle von Leuten kassiert worden, die den selben Gedanken wie ich hatten, und die auch auf die selbe Art über die Elbe wollten. Obwohl ich ein guter Schwimmer bin, möchte ich bei diesem kalten Wasser nicht ohne einen Rettungsring hinüberschwimmen. Ein Benzinkanister an dem ich mich noch festhalten könnte würde es auch tun, denn das Wasser im Fluß ist nicht nur sehr kalt, es ist auch sehr reißend.

Ich bin gerade dabei, mich wieder den wartenden Menschen anzuschließen, um immer näher an die Fähre zu gelangen, als amerikanische Posten erscheinen und den Landsern Uhren und Fotos wegnehmen. An Pistolen haben sie weniger Interesse, denn die braucht man nur aufzuheben. Eine 0/8 habe ich mir in die Tasche gesteckt, werfe sie aber nach einiger Zeit wieder weg, da sie meine Lage auch nicht verbessern kann.

Um 15 Uhr wird plötzlich das Übersetzen eingestellt, was fast eine Panik auslöst. Immerhin sind wir ja noch amerikanische Gefangene. Ich frage einen Posten, warum dies geschehe.

"Um 21 Uhr geht es weiter", ist seine Antwort.

Als etwas weiter flußaufwärts ein hoher deutscher Offizier erscheint, kommt sofort eine Fähre herüber, nimmt den Offizier und auch die Soldaten, die in der Nähe stehen, an Bord. Als die Fähre ablegen will, springt noch ein Landser auf die überfüllte Fähre. Ein riesiger Amerikaner, ein Kerl mit ungeheurer Kraft, packt den Soldaten an der Brust, streckt die Arme aus und taucht ihn wie eine Maus bis über den Kopf so in die Elbe, daß er schon einmal kräftig schlucken muß und hebt ihn dann jedoch an Bord. Die Fahrt geht los und der glückliche, nasse Landser erreicht das rettende Ufer.

Dann ist es wieder still, keiner verläßt seinen Platz am Ufer, jeder will dabeisein, wenn es abends übers Wasser geht.

Doch plötzlich Kanonendonner. Alles starrt zum Elbdamm. Kanonenrohre von Panzern schieben sich langsam über die Dammkrone, soweit man sehen kann. Sie  kommen näher, immer, immer näher, bis die Panzer, einer neben dem anderen, auf dem Elbdamm stehen. Alle Rohre sind nach unten auf die Menschenmenge gerichtet, ein schauriger Anblick. Wenn jetzt „der Russe“ schießt, gibt es ein einziges Massengrab, denn die wenigen amerikanischen Posten können sie unmöglich sehen.

Doch diese Gedanken sind schnell verflogen, als zwischen den Panzern Kosaken und Mongolen mit ihren langen Säbeln auftauchen. Zum größten Teil sehr junge Kerle in einer schauerlichen Ausrüstung. Vom HJ-Dolch mit Bindegarn aufgehängt, mit deutschen und auch russischen Maschinenpistolen und mit den langen krummen Säbeln der Kosaken kommen sie den Damm herunter. Sie stürzen sich in großen Scharen auf die wartende Menge mit dem „Kriegsruf“ Uhri, Uhri (Uhr). Wer nicht schnell seine Wertsachen herausrückt, weil schon ein Ami die Uhr oder den Foto kassiert hat, bekommt zur Bekräftigung der Forderung einen Schlag ins Kreuz.

Die amerikanischen Posten sind machtlos und müssen zusehen, wie Ringe und Uhren den Besitzer wechseln.

Als die Russen mit ihrer Beute einigermaßen zufrieden sind, denken sie daran, daß ja auch noch die Amerikaner begrüßt werden müssen. Sie fallen den etwas reservierten Amerikanern in ihrer ungestümen Art um den Hals und bieten Wodka und ihre Zigaretten (Machorka in Zeitungspapier eingerollt) an, was die Amis in Verlegenheit bringt.

Anschließend werden einige Bilder zur Erinnerung an die "herzliche Begrüßung" an der Elbe gemacht.

Schnell vergrabe ich noch meine Papiere und die sonstigen Sachen, an denen ich erkannt werden könnte, in dem feuchten Boden des Elbufers, indem ich mit meinen Fallschirmjägerstiefeln ein Loch stampfe, die Sachen, die wir ja jetzt nicht mehr brauchen, hineinwerfe und das Loch zutrete.

Eine Gruppe hoher russischer Offiziere nähert sich dem Elbufer und wird von dort mit einer amerikanische Fähre übergesetzt. Allmählich begreifen wir, daß wegen uns verhandelt werden soll. Wir ahnen, daß wir wahrscheinlich ausgeliefert werden sollen. Für uns gibt es trotz aller Überlegungen kein Entrinnen mehr aus diesem Kessel. Nach einer knappen halben Stunde kommt die Abordnung der Russen zurück, und die amerikanischen Posten verlassen das rechte Elbufer. Wir sind an die Russen ausgeliefert worden.

Die Dämmerung ist schon hereingebrochen, als uns die Russen mit lautem Geschrei zusammentreiben. Sie schreien "dawei" und "pisträ", Wörter die uns in die Glieder fahren und die uns die ganzen endlosen Jahre der Gefangenschaft begleiten werden. Die russischen Soldaten zwingen uns mit Schlägen und Tritten, uns zu einer Marschkolonne zu formieren. Sie treiben uns nach Osten den Elbdamm hinauf und  bis zum nächsten Ort.

Es sind Männer und Frauen, Soldaten und Zivilisten in dieser grauen Kolonne, die mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen über den Marschboden in eine ungewisse Zukunft hineinlaufen.

Die Angst vor den Russen und ihrer Brutalität ist groß. Man weiß ja, wie sie in Ostpreußen gehaust haben, und wir haben auch mitangesehen, wie sie die Trecks der Flüchtlinge, die Frauen und Kinder mit Jagdbombern brutal zusammengeschossen haben.

Groß ist auch unsere Enttäuschung über die Amerikaner. Da hatten wir doch gedacht, daß wir bei einer westlichen Armee, welche die Genfer Konvention unterschrieben hat, diese auch einhalten würde, und daß wir als Kriegsgefangene in sicheren Händen wären. Doch jetzt diese maßlose, und unglaubliche Enttäuschung.

Wir waren ja der Freiheit und der Menschenwürde so nahe gewesen. Aber für all diese Gedanken bleibt uns jetzt keine Zeit. Noch immer hören wir in der Nähe Gefechtslärm. Die SS-Verbände, die weiter südlich stehen, wehren sich erbittert, und es wird noch lange dauern, bis auch sie den Russen in die Hände fallen.

Inzwischen ist es recht dunkel geworden, alles wirkt schemenhaft. Rechts neben unserer Kolonne stehen am Straßenrand große Stalinpanzer bis hin zum Elbdamm. Einer hinter dem anderen. Die Kolosse wirken in der Dunkelheit wie große Monster, welche oben mit Betten und Matratzen aus deutschen Häusern beladen sind.

Da, wo die Panzer aufhören, sehe ich runde Einmanndeckungslöcher, welche deutsche Soldaten irgendwann ausgehoben haben. Sie sind groß genug, um sich stehend darin zu verstecken. Doch was ist, wenn einen die Russen doch noch entdecken sollten? Dann ist das der sichere Tod.

Ich will erst hineinspringen, zögere noch etwas, um dann doch weiterzugehen. Am nächsten Tag bin ich froh, daß ich mich nicht versteckt habe, denn die Frauen im nächsten Dorf warnen uns, nur nicht abzuhauen. Die Russen hätten die Elbe dicht besetzt und würden jeden erschießen, der an die Elbe käme.

Die Menschenkolonne schiebt sich nur langsam vorwärts, denn richtig laufen kann man bei den vielen Menschen nicht. Die meisten Gefangenen gehen mit gesenktem Kopf und sehen in der Dunkelheit nicht den Russen, der ständig hinter einem großen Panzer hervorkommt und mit einem Riesen-Schraubenschlüssel auf die Köpfe der dicht an den Panzern entlanggehenden Leute einschlägt. Es liegen schon einige am Boden und andere stolpern drüber. Ich habe Glück, weil ich den Russen rechtzeitig gesehen habe. Ich schiebe mich in die Mitte der Kolonne.

Unser nächtlicher Marsch geht weiter bis zur Ortsmitte von Lanz, einem kleinen Ort in der Nähe der Elbe. Auf der rechten Straßenseite ist zwischen den Häusern ein großer, mit Palisaden eingezäunter Grab- und Wiesengarten. An beiden Seiten führen Wege entlang. Anscheinend ist das der geeignete Platz für die Gefangenen, weil die russischen Posten um die Fläche herumgehen können.

Der größere Teil der Gefangenen wird noch auf andere Flächen verteilt.

Wir müssen uns auf dem Anfang Mai noch sehr kalten Boden flach hinlegen. Keiner darf aufstehen. Es wird sonst sofort geschossen. Ich liege da, wo die Erde umgegraben ist. Es ist, als würden sich ,mir große kalte Steine in den Leib drücken. Wir liegen dicht an dicht. Alles durcheinander, Soldaten, Flakhelferinnen, Nachrichtenhelferinnen, Arbeitsmaiden und Zivilisten. Ich habe noch meine Wehrmachtsdecke und kann mich damit zudecken. Andere liegen da, nur mit dem, was sie auf dem Körper tragen. Sie frieren. Die Frauen zwischen uns haben Angst, doch in dieser Nacht werden sie noch einmal davonkommen. Die Russen können sie nicht erkennen, es ist zu dunkel.

Meine Gedanken sind in dieser Nacht zu Hause. Mich quält der Gedanke, ob es bei uns in Hessen auch zu Kämpfen gekommen sein könnte. Was ist mit den Angehörigen, mit Vater, Mutter und meinen 3 Brüdern? Der ältere Bruder ist auch an der Ostfront. Doch ich sollte dies alles erst viele Jahre später erfahren.

Ich muß an die Leute von Lanz denken, das Dorf in dem wir uns jetzt befinden. Wie werden die Russen mit den Zivilisten umgehen? Wie groß wird das Leid der Frauen sein?

Ich kann in dieser Nacht kein Auge zumachen, und viele andere auch nicht. Obwohl für uns die Kämpfe zu Ende sind, stehen wir wahrscheinlich erst am Beginn von Leid und möglicherweise auch Tod.

Am anderen Morgen als es hell wird, dürfen wir aufstehen. Alle Glieder sind steif und schmerzen. Ich vergrabe noch schnell meine Uhr, es war ein Geschenk. Die Russen sollen die Uhr nicht bekommen. Auf dem Weg neben dem Garten liegen einige Pistolen. Es ist unglaublich, daß einige Landser diese noch bei sich trugen, um möglicherweise Selbstmord zu begehen. Da es jedoch kein Entrinnen mehr gibt, ist es jetzt tödlich, noch eine Pistole zu haben. Als die Russen die Pistolen sehen, werden sie richtig wütend.

Ich gehe anschließend zum Zaun, wo ein russischer Offizier steht, der gut deutsch spricht. Es ist ein russischer Jude, der zwar freundlich spricht, aber keinen Zweifel daran läßt, daß wir nicht heimkommen, sondern alle nach Sibirien geschickt werden. Er sollte recht behalten.

Wir hatten schon einen Tag nichts mehr gegessen und die Russen können uns auch nichts geben, sie sind selber am Hungern. Die russischen Posten werden langsam  nervöser. Sie fangen an zu schreien, "dawei" und " pisträ" und befehlen uns, in Reihen mit je zehn Mann anzutreten.

Es ist ein sonniger Morgen und ein klarer Himmel. Kein Lüftchen geht, und es ist, als würde uns das Atmen schwerfallen. Es ist wie eine Beklemmung im Brustkorb über dem Herzen. Selbst das Denken fällt uns an diesem Tag recht schwer.

Wir werden zum Dorfplatz geführt, wo wir mit den anderen Gefangenen zusammentreffen. Es ist eine endlose Kolonne, bunt gemischt.

Unter großen Kastanienbäumen hat sich eine große russische Blaskapelle mit ihren in der Sonne blinkenden Instrumenten aufgestellt. Sie stehen oben auf einem großen Podest, von wo aus sie gut und weit über die Menschenmenge, über die Gefangenen, hinwegsehen können.

Es ist der 3. Mai 1945. Ein Tag, den die Überlebenden dieser Tragödie nie vergessen werden.

Die Kapelle auf dem Podest ist von hohen russischen Offizieren flankiert, daneben russische Fahnen.

Als die Kapelle anfängt, die russische Nationalhymne zu spielen (für mich eine schwermütige Melodie), zittern uns die Beine und die Köpfe sinken immer tiefer. Wir sind Teil einer geschlagenen Armee. Alle Anstrengungen, das Eindringen der Russen nach Deutschland zu verhindern, sind gescheitert.

Langsam bewegt sich die Kolonne der Besiegten, der deutschen Kriegsgefangenen, an der Kapelle vorbei zum Ortsausgang von Lanz. Es beginnt der lange Hungermarsch von der Elbe, durch ganz Norddeutschland, bis nach Polen. Noch wissen wir nicht, daß viele Gefangene diesen Marsch nicht überleben werden.  

 

Seite 40-47 (im Buch)  

Wir sind schon circa 14 Tage unterwegs und allmählich geht der lange Hungermarsch zu Ende. Wir kommen nach Stargard in Pommern. Wir laufen durch die ganze Stadt, die inzwischen von polnischen Zivillisten besetzt wird, denn Stargard gehört jetzt zu Polen. Auf der rechten Seite unseres langen Zuges, da wo die Gefangen dicht an den Häusern vorbeigehen, erscheint in einen schmalen Hausflur eine Frau in der Tür und reicht denen, die gerade in ihrer Nähe sind, ein paar Stückchen helles Brot. Etliche Hände strecken sich danach aus, doch es reicht nur für zwei oder drei Leute. Ich gehe gerade auf der anderen Seite des Zuges und habe kein Glück, etwas davon abzubekommen. Aber ich freue mich, daß es doch noch ein paar Deutsche in Stargard gibt, die Mitleid mit den Kriegsgefangenen haben.

Wir kommen an eine ehemaligen Schule. Sie stammt wahrscheinlich noch aus der Kaiserzeit und ist ein stattliches Gebäude mit einer Menge gehauener Steine an den Ecken und um die Fenster. Sie hat zwischen den einzelnen Gebäudeflügeln einen schönen runden aber auch hohen Turm, welcher wahrscheinlich das Treppenhaus enthält und sehr gut zu dem übrigen Bild der Schule paßt.

Als wir den eingezäunten Schulhof betreten, bekommen wir jedoch einen großen Schrecken. Im Hof sind zwei große Latrinengruben ausgehoben, mit waagrechten Stangen rundherum, den sogenannten Donnerbalken. Die Gruben sind voller Blut. Wir wissen sofort, daß hier die Ruhr herrscht. Die Gefangenen, die schon vor uns da waren, hatten alle die Ruhr, es ist jedoch niemand mehr von ihnen zu sehen. Wahrscheinlich gab es unter ihnen auch Tote, und die Überlebenden sind sicherlich schon auf dem Weg nach Rußland. In den Gruben schwimmen eine Menge deutscher Geldscheine und wir wundern uns, wie die da hineinkommen. Doch wir sollen es sehr bald erfahren.

Wir werden auf die Klassenzimmer verteilt und legen uns wegen der starken  Erschöpfung gleich auf den harten Fußboden, um ein bißchen  auszuruhen. Wir bekommen wieder einige Stückchen von dem harten getrockneten Brot und dazu Wasser. Zu diesem Brot muß man eine Menge Wasser trinken, denn das Brot saugt sich förmlich mit Wasser voll. Der Durst ist nach dem langen Marsch ebenfalls groß. Wer ein bißchen Erfahrung hat oder sich in medizinischen Dingen auskennt, weiß, daß die Ruhr nur mit dem Trinkwasser zusammenhängen kann. Doch der Durst ist größer als jede Vorsicht und im Handumdrehen haben wir alle die Ruhr.

Das große Rennen zur Toilette geht los. Mancher der am Anfang noch etwas überflüssiges Papier hat, ist dies bald los, aber das Rennen geht weiter und so bleiben nur noch die Geldscheine, von denen jeder Landser mehr oder weniger viele gehortet hat. Man weiß ja nie, ob man nicht doch noch dafür Verwendung haben könnte. Auch ich werde auf diese Weise mein Geld fast restlos los. Wir liegen hier in Stargard schon einige Tage fest, und es sieht ganz so aus, als wäre der Marsch zu Ende. Wenn nur die Ruhr nicht gekommen wäre.

Es sterben die ersten Kranken und es werden immer mehr. Wenn ich mich in der Nähe des Tores aufhalte, sehe ich, wie sie auf russischen Panjewagen weggefahren werden. Ich möchte dieses Schicksal nicht teilen und beschließe, nichts mehr zu essen und besonders nichts mehr zu trinken. Ich verkrieche mich in den Keller des runden Turmes, wo keine Fenster mehr sind und die Luft feucht und kühl ist. Es ist aber auch dunkel, und ich gewöhne mich erst langsam an die Dunkelheit. Indem ich die Wände und den ganzen Raum mit den Händen abtaste, stelle ich fest, daß wohl einer der hier tätigen Lehrer ein Angler gewesen sei muß, denn es steht allerhand Anglergerät an den Wänden.

Ich komme nur noch aus meinem Versteck, wenn ich zur Latrine muß und bei einer solchen Gelegenheit höre ich, daß ganz in der Nähe der Schule, einige geschlossene Viehwaggons angefahren wurden. Jetzt muß ich aber aufpassen, daß ich den bevorstehenden Abtransport der Gefangenen per Bahn nicht verpasse. Es ist allemal besser weiter von hier weg, auch gegen Osten, verfrachtet zu werden, als an der Ruhr zu sterben. Am nächsten Tag habe ich Glück, und es gelingt mir, mit den ersten Gefangenen den langen Güterzug zu erreichen und im Viehwaggon eingesperrt, die Abreise antreten zu können.

Mit diesem Abtransport ging der lange Hungermarsch, quer durch das nördliche Deutschland von der Elbe bis nach Polen, zu Ende. Unser Weg führte durch die Städte Perleberg, Pritzwalk, Wittstock, Mirow, Wesenberg, Neustrelitz, Neubrandenburg, Strasburg, Pasewalk, Stettin, Stargard und durch viele Dörfer. Wir sind die ganze Strecke eher getrieben worden, als daß wir gelaufen sind. Mancher der Gefangenen hat diesen langen Hungermarsch nicht überlebt. Wir legten insgesamt 250 km zurück.  

 

Seite 61 - 67

30 Tage im Viehwaggon nach Sibirien    

Eines Tages, so gegen Mittag, kommt der Befehl, mit Gepäck, gemeint sind die paar Habseligkeiten die uns noch keiner weggenommen hat, anzutreten und sich zu einem Zug zu formieren. Es ist nur ein kurzer Marsch, bis wir die Waggons erreicht haben. Rudolf und ich haben Glück, denn wir kommen zusammen in einem Waggon unter. Nun beginnt eine Odyssee die genau 30 Tage dauern wird. Es ist gut, daß wir das und was diese lange Fahrt sonst noch mit sich bringen wird, noch nicht wissen.  

Wir sind mit 50 Mann in einem Waggon untergekommen, je 10 Mann oben auf einer der beiden Pritschen. Dreißig Mann liegen am Waggonboden. Es ist stockdunkel im Waggon, weil alle Türen geschlossen sind. Selbst die Luftklappen oberhalb der Pritschen sind geschlossen und mit Stacheldraht von außen versperrt. Unten im Waggonboden ist auch diesmal wieder ein Loch in der Mitte des Waggons ca. 15x15 cm groß. Direkt neben dem Loch liegen auf beiden Seiten Gefangene mit ihren Köpfen.

Es stinkt und es zieht und nicht jeder trifft genau dieses Loch, wenn er einmal austreten muß. Ich kann diese Leute neben dem Loch nur bedauern, und versuche nur dann mein Geschäft zu verrichten, wenn der Zug einmal hält und die Gefangenen neben dem Loch aufgestanden sind. Der Waggon ist einfach zu klein für so viele Leute. Doch das ist nur der Anfang, und es sollte noch viel schlimmer kommen. Die Waggons, mit denen wir nach Nordosten wegfahren, sind für die europäische Schmalspur, und die führt ja noch bis nach Ostpreußen.

Als wir den Südwesten von Ostpreußen durchqueren, werden die Wälder immer größer und dichter, und so kommt es, daß wir in einem der Wälder noch vor Königsberg anhalten, um Wasser und auch etwas Brot zu fassen. Die Türen der Waggons werden erstaunlicherweise geöffnet, und wir dürfen uns sogar im Bereich der Türen etwas die Beine vertreten. Vor jedem Waggon stehen einige Landser, als von hinten die Russen „stoy, stoy" (stehen-bleiben) schreien und ganz aufgeregt sind. Erst dann sehen wir, was los ist, der ältere Ostpreuße aus dem letzten Lager in Graudenz haut ab, er versucht mehr torkelnd als laufend den Wald zu erreichen, der sich einige Meter neben der Bahnstrecke entlangzieht. Wir müssen sofort in die Waggons zurück. Mehrere Russen nehmen sofort mit ihren Wolfshunden die Spur des Flüchtenden auf. Der Mann kann noch nicht allzuweit sein, denn er konnte ja kaum laufen. Als wir dann das Feuer von Maschinenpistolen hören, wissen wir, der Mann ist tot. Es dauert auch nicht lange, da schleppen sie ihn zum Zug und werfen ihn in den letzten Waggon. Diesmal kommen wir um unser Essen, denn die Russen haben wohl keine Lust mehr, uns noch etwas zu geben. Als wir wieder einmal durch eine Ortschaft kommen, bleibt der Zug stehen, und der erschossene Landser wird ausgeladen und einfach neben den Bahnkörper gelegt. Es ist anzunehmen, daß irgendwelche Leute ihn dann in der Nähe seiner Heimat in ostpreußischer Erde begraben haben. In dem seelischen Zustand in dem sich dieser Mann schon seit Graudenz befand, hätte er Sibirien sowieso nicht überlebt. Er wäre nicht mehr in der Lage gewesen, um sein Leben kämpfen zu können, denn dafür war ein seelisches Gleichgewicht und gute Nerven die Voraussetzung.

Unsere Fahrt geht weiter durch Ostpreußen, bis wir Königsberg erreichen. Wir fahren direkt in einen großen Bahnhof ein. Wir stehen an einem betonierten Bahnsteig, so wie ich sie von Bahnhöfen im Westen Deutschlands kenne. Uns gegenüber stehen eine Menge geschlossener Viehwaggons, ebenfalls ein Transportzug für Kriegsgefangene. Wir erkennen dies an den mit Stacheldraht zugenagelten Luftklappen. Wir warten und warten, bis dann unsere Waggontür aufgerissen wird und wir auf die andere Seite des Bahnsteigs müssen. Es gilt wieder einmal schnell alles zusammenzuraffen, damit ja nichts liegen bleibt. Wir müssen in den uns direkt gegenüberliegenden Waggon einsteigen, und schon geht der übliche Kampf um die Plätze los. Rudolf und ich sind jung und flink und wir halten zusammen. Nur so gelingt es uns auf der linken oberen Pritsche, gleich vor der Luftklappe zwei Plätze nebeneinander zu finden, während unten der Kampf um die restlichen Plätze weitergeht. Wir haben Glück, denn unser Waggon ist kleiner als die anderen und es passen nur 50 Leute hinein. Die meisten Waggons, russische 60 Tonner, sind so groß, daß sie 100 Gefangene aufnehmen können.

Es dauert eine ganze Zeit bis alle Gefangenen umgeladen sind. Wir stellen gleich fest, daß auch diese Waggons nach dem gleichen Schema eingerichtet wurden. Im Waggon ist es recht dunkel, aber es gelingt mir, die Luftklappe etwas nach außen gegen den Stacheldraht zu drücken und so haben wir dennoch, direkt vor unserem Lager, etwas Licht. Ein Glück, daß die Klappe außen nicht verriegelt war. Auf den Pritschen und darunter kann man nicht stehen, man kann sich nur aufsetzen, weil die Kopffreiheit durch das Waggondach und unten durch die Pritsche begrenzt ist. Stehen kann man nur in der Mitte, da wo auch das Kloloch ist, und selbst hier können  höchstens 15 Leute stehen. Als sich der Zug endlich in Bewegung setzt, wissen wir, daß wir jetzt Breitspur unter den Rädern haben, und daß wir eine weite Reise vor uns haben.

Rudolf und ich haben das Glück, daß wir während der Fahrt neben der Luftklappe etwas vorbeischauen können. So sehen wir, daß nordöstlich von Königsberg, aber auch schon vorher, die Russen neben der Bahn, besonders in der Nähe von Bahnhöfen, Maschinen aus der Landwirtschaft, aus der Industrie und auch Teile von Flugzeugen  zusammengetragen haben. Sie sind mitunter dem Regen ausgesetzt und sollen alle nach Rußland abgefahren werden. Im östlichen Teil von Ostpreußen sehen wir noch einige Leute auf einem Acker arbeiten, während in weiten Teilen das ganze ehemalige deutsche Land recht leer an Menschen ist. Wir sehen aber auch die schöne und waldreiche Landschaft und besonders die großen Seen haben es uns angetan, denn zu Hause in meiner Heimat gibt es kaum solche Gewässer, höchstens einmal einen Stausee.

Wir sind schon einige Tage auf den Gleisen der russischen Breitspur unterwegs, als in der Dunkelheit plötzlich die linke Pritsche, auf welcher auch Rudolf und ich liegen, herunterkracht und mit voller Last, einschließlich der darauf liegenden Menschen, auf die Untenliegenden fällt. Lautes Schreien und Stöhnen und auch Streit sind die Folge, denn jetzt reicht der Platz nicht mehr aus, daß alle liegen können. Die Leute streiten weiter, aber keiner denkt einmal daran, was nun zu tun wäre und wie es weiter gehen soll. Es ist das erste Mal, daß ich mit ansehen muß, wie eine größere Anzahl an Menschen und insbesondere die Älteren sich wie Herdentiere benehmen und nur noch drücken und drängeln, und das alles in fast völliger Dunkelheit. Diese Erfahrung muß ich später noch öfter machen, und ich bin froh, daß ich anders bin. Ich rede kurz mit Rudolf, und dann müssen wir durch noch lauteres Schreien den anderen erst einmal beibringen, daß ich wahrscheinlich eine Lösung für unser Problem habe, daß ich wenigstens versuchen werde die zerstörte Pritsche wieder zu erneuern.

Es dauert eine geraume Zeit bis sich die Gefangenen unseren Anweisungen fügen und sich in der anderen Hälfte des Waggons so zusammendrängen, daß ich Platz zum Arbeiten habe. Meine Überlegungen gehen dahin, daß ich mit dem gleichen Material, den gleichen Brettern und Nägeln und in relativer Dunkelheit, alles wieder aufbauen muß. Ich muß also technisch besser arbeiten, als die Leute, welche diese Pritschen gezimmert hatten. Ich weiß, daß ich keine zusätzlichen Nägel zur Verfügung haben werde, aber ich weiß auch, daß ich in meinem Gepäck eine schwere Beißzange habe, welche ich damals in Graudenz den Russen weggenommen hatte, die wahrscheinlich jeder andere liegengelassen hätte.

Ich habe mir viel vorgenommen und darf jetzt die Mitgefangenen nicht enttäuschen. Rudolf hilft mir dabei, alle Nägel aus den Brettern der Waggons zu ziehen, auch wenn sie inzwischen krumm sind oder schon vorher krumm hineingeschlagen wurden. Besonders wichtig sind die waagrechten Hölzer, welche die ganze Pritsche trugen und an den Seitenwänden des Waggons angenagelt waren. Bei meinen Überlegungen komme ich darauf, daß ich alle Nägel  in einem anderen Einschlagwinkel in die Wände und nur an Stellen, wo das Waggonholz besonders fest ist, einschlagen muß. Vorher aber muß ich alle Nägel erst einmal gerade klopfen, und das ist mit einer Zange gar nicht so leicht, und einen Hammer habe ich nicht.

Mit viel Geduld gelingt es mir das erste tragende Holz an der Wand anzuschlagen. Ich bin zufrieden und die Leute im Raum beruhigen sich immer mehr, sie stehen und staunen, vielleicht auch mit einem bißchen Mißtrauen. Es gelingt mir auch, das zweite Tragholz anzunageln, aber schon entsteht Unruhe auf der anderen Seite. Rudolf und ich sind gerade dabei die waagrechten Bretter aufzulegen, da kommen schon die ersten, wollen uns zur Seite schieben und sich einen Platz erobern. Wir müssen Gewalt einsetzen, um die Leute zurückzuhalten, bis alles fertig ist. Wir müssen auch sicherstellen, daß wir unsere alten Plätze wieder bekommen. Dabei wäre alles so einfach gewesen, wenn jeder wieder seinen alten Platz eingenommen hätte. Aber so eine Überlegung kann ich vergessen, denn in Gefangenschaft herrschen andere Regeln. Jedenfalls hat diese Pritsche alle Stöße und Belastungen bis nach Sibirien ausgehalten.

Ein paar Tage später, wir stehen wieder einmal in einem Wald, als russische Posten unsere Waggontür aufreißen und Noschik (Messer) schreien. Sie haben ein kleines Säckchen in der Hand und wollen alle Messer einsammeln, nachdem sie gesehen haben, daß einige Gefangene kleine Löcher in die Türen geschnitzt haben, um nach draußen sehen zu können und um festzustellen zu können, wohin die Reise geht. Es ist auch gar nicht so einfach dreißig Tage in einem dunklen Raum sitzen zu müssen. Die Leute, welche die Löcher geschnitzt haben, hätten jedoch damit rechnen müssen, daß die Russen das sehen. Wie ängstlich die Russen sein können, haben wir ja oft genug gesehen. Nachdem die Posten alle Messer ein-gesammelt haben - das glauben sie wenigstens - schließen sie die Türen, und wir denken, es ist alles gut abgegangen.

Es dauert nicht lange und sie reißen die Türen erneut auf und diesmal sind sie recht grob. Wir müssen alle von der linken Seite des Waggons sofort auf die rechte Seite hinüber wechseln. Ein Posten kommt in den Waggon und steigt oben auf unsere Pritsche, da wo ich sonst liege. Unser Gepäck mußten wir alle an unseren Plätzen liegen lassen.

Ich bin der erste, den er zu sich herüberholt. Ich hatte vorher jedoch keine Zeit mehr, um noch etwas verstecken zu können, bevor wir nach rechts mußten. Nur meinen Hirschfänger, ein großer Dolch, den ich auch in Graudenz mitgehen ließ, konnte ich noch in meinem linken Ärmel verschwinden lassen. In dem Moment, da ich mich vor dem Russen hinknien muß, reiße ich meine Arme hoch, mit einem leichten Schwung nach vorne, so daß der Dolch aus meinem linken Ärmel an dem Russen vorbei fliegt und hinter ihm zu liegen kommt, so wie ich es auch beabsichtigt hatte. Das war mein Glück. Denn hätte er mir diesen Dolch aus der Jacke geholt, wäre das sehr schlecht für mich gewesen.

Ich muß ohne zu zögern meinen Tornister aufmachen. Da kommen das Messer mit den Horngriff, eine Schere und die große Beißzange zum Vorschein. Der Russe nimmt mir alles weg und selbst meine Nadeln will er auch noch haben. Das übrige läßt er mir. Doch als er aufstehen will, sieht er den Dolch hinter sich. Ich denke, daß ich jetzt aus dem Zug geholt und erschossen werde. Der Tod des Ostpreußen war ja noch nicht lange vorüber. Der Posten wird sehr wütend, er droht mir und schreit mich laufend an, so daß die übrigen Gefangenen im Waggon auch auf mich schimpfen und mir sogar drohen. Sie haben Angst, daß auch sie darunter zu leiden hätten.

Eigentlich habe ich schon innerlich mit meinem Leben abgeschlossen, als mir auffällt, wie der Russe den einmalig schönen Hirschfänger mit den vielen Einlegearbeiten anschaut. Es fällt mir auf, daß der Posten ständig zu seinen Vorgesetzten und dann wieder auf den Dolch schaut. Scheinbar kämpft er innerlich mit sich selber, ob  er Meldung machen soll oder nicht. Zu guter Letzt schaut er nur noch auf den Dolch, er droht mir noch einmal und steckt den Dolch dann ein. Hätte er Meldung gemacht, wäre er den Dolch an die Vorgesetzten losgeworden. Dadurch, daß er den Dolch einsteckte, war mein Leben gerettet. Den Mitgefangenen habe ich aber nicht vergessen, daß sie mich bei diesem Vorfall am liebsten gelyncht hätten. Daß ich mit der jetzt entschwundenen Beißzange ihnen so viel Gutes getan hatte, spielte nun auch keine Rolle mehr. Die Russen haben noch einmal, man glaubt es kaum, ein halbes Säckchen voller Messer erbeutet. Nach diesem Vorfall werden wir auf der ganzen Fahrt nicht mehr durchsucht.

Nachdem wir Ostpreußen verlassen haben, geht  unsere Fahrt durch das Memelgebiet nach Litauen. Hier werden die Wälder immer größer. Wir erkennen an den schmucken und bunten Holzhäusern, daß wir weiter nach Norden fahren, quer durch Litauen. Irgendwann sind wir dann auf russischem Gebiet und haben gar nicht gemerkt, wo die Grenze zwischen den baltischen Staaten und der Sowjetunion verlief. Man sieht kaum noch Ortschaften, und die Wälder scheinen endlos zu sein. Sie sind dichter, und es gibt viele, viele Birken entlang der Bahnstrecke. Wir überqueren Flüsse und staunen über gewaltige Holzbrücken, die imstande sind die enormen Lasten der russischen Breitspurbahn mit ihren 60-Tonnen Waggons zu tragen.

Bis jetzt sind wir gut vorangekommen, und es gibt uns zu denken, als wir jetzt immer öfter auf Güterbahnhöfen umherstehen müssen. Dabei wären wir froh, bald am Ziel zu sein oder aussteigen zu können. In den Nächten ist es recht kalt in den Waggons, und wenn man wirklich einmal eingeschlafen ist, gibt es einen gewaltigen Donner, einen Stoß, so daß man fast von der Pritsche fällt. Eine Rangierlok hat uns wieder einmal ein paar Meter weitergeschoben und das häuft sich immer mehr. Die Lokführer der Rangierloks wissen scheinbar nicht, daß in den Waggons Menschen sind. Man kann auch nicht behaupten, daß die Russen bei ihrer Arbeit diszipliniert vorgehen.

Die Tage vergehen, und wir sind immer noch in dem fast dunklen Käfig eingesperrt, als auf der vorderen Seite des Waggons, auf  der uns gegenüberliegenden Pritsche ein Landser anfängt sich an allen Ecken und Enden zu kratzen und zu jucken. Wir ahnen nichts Gutes und tippen auf Kleiderläuse. Wir sollten recht behalten. Ein Glück, daß wir am anderen Ende des Waggons liegen. Ein kleiner Trost. Doch von Tag zu Tag kratzen sich immer mehr Leute und die Läuse kommen immer näher. So bleibt es nicht aus, daß auch Rudolf und ich anfangen zu kratzen. Es ist besonders unangenehm, weil wir nicht einfach aufstehen können, was nur möglich ist, wenn die Leute in der Mitte des Waggons aufgestanden sind. Es ist der einzige Platz, an dem man gerade stehen kann. Überhaupt haben es die Leute, die auf dem Waggonboden liegen, wesentlich schwerer, denn der Boden und ihr Lager ist von unten her kälter als unsere Pritschen.

Wir nähern uns allmählich dem Ural-Gebirge, welches für sein besonders schlechtes, kaltes und rauhes Klima bekannt ist. Aber vorher überqueren wir noch die Kama, einen der Hauptquellflüsse der Wolga. Die Wolga(Volga) haben wir schon vor einiger Zeit ganz im Norden überquert, und jetzt fahren wir über die Kama. Sie ist auch ein stattlicher und breiter Fluß. Die sehr große Eisenbahnbrücke über die Kama, ist ebenfalls ganz aus Holz und verdient alle Hochachtung. Besonders die Baumeister und Erbauer dieser in Europa wohl einmaligen Brücken verdienen allen Respekt.

Wir fahren nicht die meistbefahrene Route von Moskau über Ufa nach Celjabinsk zur Transsibirienstrecke, sondern wesentlich weiter nördlich über Kiro und Perm (am Ural) nach Vergaturi (Verhoture) in Sibirien.

Als wir durch das Ural-Gebirge fahren, liegt schon Schnee, und wir sehen, daß an den Bäumen viele Flechten wachsen und in Bärten herunterhängen. Es gibt hier viele Birken, und das Klima ist in dieser Gebirgsregion besonders menschenfeindlich. Der Ural trennt bekanntlich Europa von Sibiriren, und die Grenze liegt auf dem Kamm des Gebirges.

In diesem Gebiet befinden sich die schlimmsten russischen Straflager, weil hier die Menschen durch das schlechte Klima nur eine geringe Überlebenschance haben. Wir sind froh, als wir diese Gegend hinter uns haben, denn wir haben in den kalten Waggons sehr gefroren. Hinter dem Ural hört der Schnee wieder auf, aber das Klima ist hier auch nicht viel besser, denn wir kommen jetzt in das Gebiet der Wetterscheide zwischen dem inneren Sibirien und dem Ural. Während das innere Sibirien ein trockenkaltes Klima hat, ist der Ural naß und kalt. Hinter dem Ural stoßen zwei Klimazonen aufeinander, und so entsteht in dieser Region ein besonders ungesundes Klima, welches gerade im Winter von Nachteil ist. Hier gibt es viel Schnee, aber auch strenge Kälte bis minus 60 Grad, und gerade die Luftfeuchtigkeit bei strenger Kälte ist sehr gefährlich. Bei diesem Klima ist es nicht verwunderlich, daß in den Lagern die sehr ansteckende offene Tuberkulose grassiert.

Wir befinden uns jetzt in dem Gebiet, in dem schon die russischen Zaren ihre Straflager hatten und wo heute noch mehr Lager gebaut werden, nachdem die Russen  fast ihre gesamte Rüstungsindustrie aus strategischen Gründen hinter den Ural verlegten. Hier werden neue Städte aus dem Boden gestampft und neue Bahnlinien durch den Urwald der Taiga verlegt. Hier liegen unermeßliche Bodenschätze, aber hier gibt es auch einen großen Reichtum an Holz in unberührten Urwäldern. Für die hier anfallenden Arbeiten werden eine Menge an Strafgefangenen und deutschen Kriegs-gefangenen gebraucht. Freiwillig geht hier kaum jemand hin und selbst die Russen, die hier in den Orten oder Städten leben, sind entweder entlassene Strafgefangene oder die Kinder dieser Leute, denn niemand durfte diese Gegend jemals wieder verlassen. Auch viele deutsche Kriegsgefangene aus dem ersten Weltkrieg waren hier eingesperrt und mancher liegt auch hier begraben.

Wir sind schon in der Nähe unseres Zielortes, das spüren wir. Wir bereiten uns allmählich auf das Verlassen der Waggons vor, indem wir unsere paar Sachen zusammenpacken, denn wir werden ebenfalls in diesen abgelegenen Straflagern verschwinden und das möglicherweise für immer.

 

Lager Vergaturi  

Unser Zielort ist Vergaturi an der oberen Tura. Die Tura ist ein langer Fluß, der nach Norden fließt und bei Serginskij in den großen Ob mündet. Dieser wiederum fließt in das Eismeer. Die Russen sagen, daß in der Tura Gold gewaschen wird und daß der Fluß auch ein sehr fischreiches Gewässer sei. Vergaturi ist ein etwas größerer Ort, der an der zweigleisigen Bahnstrecke von Sverdlovsk nach Karpinsk im Nord-Ural liegt. Hier sind die großen Kohlengruben, in denen beste Speckkohle im Tagebau abgebaut wird. Man sagt, daß die Vorkommen fast unerschöpflich sein sollen.

Als wir ankommen, ist der Himmel grau und es weht ein eisiger Wind. Der ganze Eindruck von dieser Gegend läßt schon ein Gefühl von Einsamkeit und Abgeschiedenheit aufkommen. Es ist eine schwermütige Landschaft. Wir kommen uns vor wie am Ende der Welt. Hier ist bereits richtiges Spätherbstwetter, und man hat den Eindruck, daß schon Schneewolken am Himmel sind. Ja, in Sibirien fängt der Winter schon im September an, und es ist bereits Anfang September.

Unser Gefangenentransport wird ein Stück abseits vom Ort, schon am Rande des Urwaldes, der Taiga, vor dem Zaun eines großen Sägewerkes abgestellt. In circa 200 Metern sehen wir den Zaun eines Straflagers. Wir haben zu dieser Zeit noch nicht die geringsten Vorstellungen, wie so ein Lager aussehen könnte. Denn über solche Einrichtungen, in denen Menschen bis zum bitteren Ende gequält werden, war in unseren Schulen und zu Hause nichts bekannt.

Schon der Zaun, den wir vom Waggon aus sehen können, sieht wie ein Fort im „Wilden Westen“ von Amerika zur Zeit der Besiedlung aus. Lauter oben angespitzte hohe Pfähle, dicht aneinander gereiht, umschließen das Lager. Sie stehen so dicht, daß man nicht einmal einen Blick hindurch werfen kann. An den Ecken stehen von Posten besetzte hohe Wachtürme, an denen circa 1 Meter lange Eisenbahnschienen herunterhängen. Vor und hinter dem Holzzaun sind mehrere Meter breite Streifen, die man nicht betreten darf. Es wird sofort geschossen, wenn das jemand vergißt. Diese Streifen werden ständig umgepflügt und so geharkt, daß die Erde immer locker ist und die Russen sehen können, ob jemand abhauen wollte oder abgehauen ist.

Wir müssen noch eine ganze Zeit im Waggon warten und sind überrascht, als wir feststellen, daß das Lager noch besetzt ist. Ein ganzer Zug von zerlumpten russischen Strafgefangenen, Männer und Frauen durcheinander, kommen heraus und werden zu einer Stelle rechts vom Lagereingang dirigiert. Es ist kurz vor Mittag, und sie haben anscheinend noch nichts gegessen.

Endlich werden unsere Waggontüren weit aufgerissen, und wir müssen aussteigen. Da die Gleise etwas höher als der Boden liegen, müssen wir vom Waggonboden aus etwas mehr als einen Meter hinunter auf das Gelände. Ich fühle mich als junger Mensch noch gesund und möchte auch diesmal bei den ersten Kriegsgefangenen sein, die im Lager einrücken werden. Ich beschließe einfach, mit dem Tornister auf dem Rücken hinunterzuspringen. Gesagt, getan, und ich liege längs auf dem harten Boden, mit dem Gesicht nach unten. Die Beine haben mich einfach nicht mehr getragen, was in dem ausgehungerten Zustand und bei der langen Fahrt auch kein Wunder ist. Ich bin jedoch nicht der einzige, der hingefallen ist. Es liegen fast vor jedem Waggon Leute, denen es genauso ergangen ist. Wir müssen wieder einmal antreten, und unser Zug bewegt sich langsam in Richtung Lager, vorbei an den russischen Strafgefangenen. Als ich in die Gesichter dieser Leute schaue, die bestimmt viele Jahre oder sogar lebenslänglich Sibirien haben, verschlägt es mir fast den Atem. In ihren Gesichtern kann man ihr ganzes Schicksal und ihren gebrochenen Lebenswillen ablesen. Sie müssen wieder einmal umziehen, damit wir in ihr Lager einrücken können. Auch für die Strafgefangenen sind wir ein ungewohnter Anblick und vielleicht hat der eine oder der andere von ihnen sogar ein bißchen Mitleid mit uns, denn sie wissen, was uns noch bevorsteht.

Rudolf und ich sind bei den ersten die das Lager betreten, denn es geht darum, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Wir möchten außerdem zusammenbleiben, denn nur wenn man sich zusammentut, hat man eine Chance zu überleben. Da wir noch jung sind, und seelisch noch nicht so fertig wie die älteren Gefangenen, weil wir schnell und  gut reagieren, haben wir Vorteile, und sei es nur bei dem Kampf um einen Schlafplatz. Es gibt aber auch noch manche andere Situation bei der eine Zusammenarbeit sinnvoll ist, zum Beispiel bei der Arbeit oder der Suche nach etwas Eßbarem. Auch hierbei können wir uns gegenseitig unterstützen.

Nachdem wir einen Schlafplatz, eine Pritsche nur aus Brettern, gefunden haben, wird diese schnell durch das Ablegen unserer verbliebenen Sachen markiert. Meine Freunde und ich passen darauf auf, daß niemand uns den Platz streitig macht, wenn man aus irgendeinem Grund einmal die Baracke verlassen muß. Wir werden auch hier nur auf dem harten Boden oder auf harten Brettern schlafen, so wie wir es bis jetzt an allen Tagen der Gefangenschaft getan haben. Unsere Körper haben schon an den Stellen an denen wir seitlich aufliegen eine dunkelbraune Haut. Sie ist hart wie Leder. Doch es soll noch schlimmer kommen. Wir werden auch in den nächsten zwei Jahren noch so liegen.

Bevor die Mehrzahl der Gefangenen das Lager betreten kann, suche ich schon innerhalb des Lagers nach etwas Eßbarem. Ich habe recht schnell eine Baracke ausfindig gemacht, die aussieht, als könnte hier so etwas wie eine Küche sein. Ich betrete das Gebäude durch einen Seiteneingang und komme in einen Raum, der wohl der Eßraum ist. Auch dieser Raum ist noch aus der Zarenzeit und sieht entsprechend aus. Ich staune nicht schlecht, als ich durch eine Art Durchreiche einen Russen an einem Kessel stehen sehe. Der Kessel hat die Größe einer Feldküche, und es tritt noch Dampf nach oben aus. Da scheint noch etwas drinnen zu sein, denke ich so vor mich hin, als der alte Russe am Herd sich umdreht und mich ansieht.

Der Koch ist nicht groß, aber rund, halt wie die meisten Lagerköche noch recht gut genährt.  Seine Haare sind kurz geschnitten und stehen hoch. Er guckt mich aus großen aber freundlichen Augen an. Ich kann noch kein Wort russisch, und so mache ich ihm mit Gesten, indem ich mit meinen Händen zum Mund fahre, verständlich, daß ich großen Hunger habe. Es ist kaum zu glauben, aber der alte Mann  gibt mir in einer Holzschale etwas Haferbrei, etwas Kascha. Er hat wohl Mitleid mit mir, weil ich noch so jung bin. Als ich aber noch einmal bettele, habe ich kein Glück mehr, denn das Essen ist für die Russen die draußen am Tor warten. Ich werde diesen alten Mann aber immer in guter Erinnerung behalten.

Die übrigen deutschen Gefangenen bekommen an diesem Tag nichts mehr zu essen, denn wir müssen gleich, noch am Ankunftstag, das Lager verlassen und werden zum Ausgraben von Kartoffeln hinter das Lager geführt. Hier sind zwischen langen und breiten Hecken sowie anderem Gehölz auf lehmigem Boden, auf relativ kleinen Flächen, Kartoffeln angebaut worden. Hinter diesen nicht zusammenhängenden Ackerflächen beginnt schon der Wald. Es weht ein eiskalter Wind und die braunen Blätter an den Büschen rascheln laut und fliegen zwischen uns hindurch. Wir haben nur unsere dünne Wehrmachts-Sommerkleidung an und frieren erbärmlich. Ich habe noch meine Fallschirmjägerjacke, aber sie ist auch nicht dicker. Während der Fahrt haben wir in den Waggons den Wind doch nicht so stark abbekommen. Jetzt sind wir jedoch von der Kälte schon ganz steif geworden.

Wir haben damit gerechnet, daß man uns Spaten oder Grabgabeln für unsere Arbeit  aushändigt, aber weit gefehlt. Wir erfahren zum erstenmal, was es heißt, unter sibirischen Verhältnissen und unter primitivsten Bedingungen zu arbeiten. Wir bekommen zum Graben statt einer Grabgabel nur Holzspachteln ausgehändigt. Sie sehen aus wie die kleinen Spachteln, die man zu Hause für das Abkratzen eines Spatens verwendet hat. Sie sind etwas länger, vielleicht so 60  oder 70 cm und sind auch aus Holz. Wir müssen uns bücken, um den Boden zu erreichen. Man muß mit dem Handballen das Holz in den Boden drücken, um die Kartoffeln heraushebeln zu können.

Schon nach kurzer Zeit hat man Blasen an den Händen, und bei manchem Gefangenen bluten schon die Hände. Besonders schlimm ist es für Leute, die früher nicht körperlich gearbeitet haben und deren  Hände noch weich sind. Die Ausbeute an Kartoffeln ist gering, und die Posten wollen einfach nicht glauben, daß in dem harten Lehmboden nicht mehr drin ist. Die Posten schreien und schlagen immer mehr auf die Rücken der Gefangenen ein. Gar mancher fällt schon vor Schwäche um. Aber mehr Kartoffeln gibt es trotzdem nicht. Nach drei Tagen haben auch die Russen die Nase voll. Die Felder sind alle umgewühlt. Wir können zurück ins Lager.

Am nächsten Morgen ist erst einmal Zählappell. Wir müssen uns alle im Lagerhof in Fünferreihen aufstellen. Es ist eine lange Kolonne vom Lagertor bis zum Lagerende. Vor uns stehen die russischen Posten und haben Brettchen und Kreide in der Hand. Das große Zählen beginnt. Bei jeder Reihe machen sie einen Strich. Haben sie fünf Reihen gezählt, dann machen sie einen Querstrich auf dem Brettchen. So geht es bis zum Ende des Zuges. Haben sie fünf Querstriche gemacht, dann werden diese mit einen erneuten Strich addiert. Es dauert sehr lange, bis sie eine Gesamtsumme gefunden haben. Doch ein jeder der Zähler hat ein anderes Ergebnis. Sie streiten miteinander und fangen wieder von vorne an zu zählen, und so geht es noch lange. Wir stehen uns die Beine in den Bauch und sind froh, als sie endlich aufgeben. Anscheinend können die Posten immer nur bis fünf zählen. Jetzt ist beim Zählappell die Temperatur noch erträglich, aber im Winter bei minus 40 Grad und mehr, soll das noch anders werden. Dann stehen wir oft eine halbe Stunde und mehr auf einer Stelle und frieren.

Nachdem das Zählen beendet ist, geht es zum Sägewerk, unserer zukünftigen Arbeitsstelle. Der Weg ist nicht weit, und wir erreichen bald das große Tor des eingezäunten und weitläufigen Geländes. Eine Unmenge Holz liegt hier umher. Die Baumstämme aus dem nahen Urwald sind zu hohen Bergen aufgestapelt. Wir stellen jedoch bald fest, daß das was wir sehen gar kein richtiges Sägewerk ist, sondern eher ein Verladeplatz für Baumstämme, für Grubenholz und für Holzkohle. Ja, es gibt hier eine große Köhlerei mit 4 langen, gemauerten Meilern. Die Öfen sind gewölbt und werden von unten beheizt. Der Holzverbrauch für diese großen Brennöfen scheint enorm zu sein. Weiter hinten auf dem Gelände gibt es noch eine Ziegelei, die ebenfalls mit Holz als Brennmaterial betrieben wird.

Ein Gleis der russischen Breitspurbahn führt erst gerade, und dann weiter hinten in einem leichten Linksbogen über den gesamten Platz bis zur Köhlerei. Die Gleise einer Schmalspurbahn verlaufen in einem gleichbleibenden Abstand von circa 10 Metern zu den Gleisen der Breitspur, ebenfalls bis zur Köhlerei. Sie haben aber schon ein Stück vorher eine Weiche, von der aus die Gleise nach rechts an der Ziegelei vorbei zum  Sägewerk 2 und von dort in den Urwald hineinführen.

Wer aber in dem vermuteten Sägewerk nach einem Gatter oder sonstigen motorbetriebenen Sägen sucht, wird enttäuscht, denn das gesamte Holz wird von Hand geschnitten. Das Ganze ist bei den Unmengen an Holz, die hier angefahren und verbraucht werden, eine richtige Sklavenarbeit, eine Arbeit, die wir in Zukunft leisten müssen. Dazu kommen noch die schweren Verladearbeiten, und das bei unseren ausgezehrten Körpern.

Wir werden in Gruppen eingeteilt und den einzelnen Arbeiten zugeordnet. In unserer  Gruppe bekommt jeder eine Handsäge mit einem hölzernen Bügel. Die Säge ist eine recht eigentümliche Konstruktion. Das Sägeblatt ist ein amerikanisches Hobelzahnblatt. Ein solches Blatt hatte ich vorher noch nie gesehen. Ein jeder muß seinen Stamm alleine mit dieser Säge durchschneiden, immer zu Rollen von einem Meter Länge, die dann später auch noch zu spalten sind. Da diese Stämme aber oft bis zu einem Meter und mehr dick sind, ist es immer wieder erforderlich, den Stamm von mehreren Seiten einzusägen. Trotz der großen Bügelsägen müssen die Stämme, die ca. 5 Meter lang sind, mit Hilfe von Mitgefangenen dabei gedreht werden. Das Drehen ist sehr gefährlich, und wir müssen aufpassen, daß niemand dabei ein Bein bricht oder sich sonst irgendwie verletzt, denn das könnte einem Todesurteil gleichkommen. Es gibt keine medizinische Versorgung und nicht einmal Schmerzmittel. Für die Russen ist man nach einem schweren Unfall als Arbeitskraft meistens wertlos, weil man bei der anstehenden Arbeit nicht mehr eingesetzt werden kann.

Schrotsägen für zwei Mann gibt es ganz selten, und ich muß sagen, daß diese Hobelzahnblätter sehr gut schneiden, solange sie neu sind. Es ist immer noch besser, mit diesen Handsägen zu sägen, als sich mit einem Partner an der Schrotsäge abzuquälen. Mit einem Partner, der nicht sägen kann, weil er zu fest auf die Säge drückt.  Das eigentliche Problem  beginnt aber erst, wenn das Sägeblatt einmal stumpf ist und geschärft werden muß. Da haben sich Leute als „Schärfexperten“ ausgegeben, die es wahrlich nicht sind und nur die Blätter unbrauchbar machen. Wenn man dann sägt, läuft das schmale Blatt nach der Seite bis es waagrecht steht und ein Sägen unmöglich wird. Neue Blätter sind fast nicht zu bekommen, und man weiß nicht, wie man dann noch seine Norm erfüllen kann. Von der Norm, eine bestimmte Menge an Holz zu schneiden, hängt es oft ab, ob man überhaupt etwas mehr als die Mindestmenge zu essen bekommt oder nicht. Die russischen Aufseher im Sägewerk kontrollieren genau, ob man seine Norm auch wirklich erfüllt hat.

Schon einige Tage rackern wir uns auf dem Holzplatz ab und abends, wenn es dunkel wird, ziehen wir mit einem Stück Holz unter dem Arm auf wackeligen Beinen zum Lager. Als Öfen haben wir umgebaute Benzinfässer in den Baracken, manchmal auch einen gemauerten Ofen. Wir können uns ein bißchen Feuer machen, um unsere nasse Kleidung zu trocknen.

Als ich am ersten Abend zu meiner Pritsche komme, muß ich feststellen, daß man mir schon am ersten Tag meine schöne und große Wehrmachtsdecke gestohlen hat. Wir waren alle an der Arbeit, und die Sachen lagen unbeaufsichtigt auf der Pritsche. Es hat jetzt aber keinen Sinn mehr, darüber nachzugrübeln, ob die Russen oder eigene Mitgefangene mir das angetan haben. Doch vor Wut und vor Hilflosigkeit verkaufe ich in den nächsten Tagen alles, was ich sonst noch habe, mein Vergrößerungsglas, meine Brieftasche und alles andere für ein Stückchen Brot an die Russen im Sägewerk.

Nach diesem Verlust weiß ich jetzt, daß ich in der nächsten Zeit jede Nacht frieren muß, denn die Tage werden immer kälter. Ich habe nur noch das, was ich am Körper trage. Das rotkarierte Geschirrtuch, sowie mein kleiner Kochtopf sind mir noch geblieben. Mit dem Geschirrtuch werde ich mich von jetzt an jede Nacht zudecken. Es reicht aber nur für das Gesicht. Man kann darunter abschalten und an zu Hause  denken. Ohne dieses Tuch ist es schlecht möglich, denn in der Baracke ist es sehr laut. Man kann zwar den Lärm nicht verhindern, aber man möchte einfach alleine sein und das Tuch wirkt wie ein Vorhang. Da gibt es welche, die stöhnen, weil sie krank sind und Schmerzen haben. Andere heulen, weil sie Heimweh haben und wieder andere streiten sich mitunter um Kleinigkeiten, denn die Nerven der meisten haben sehr gelitten und selbst auf dem Holzplatz setzt sich das fort. Die Menschen schreien sich an und ein jeder möchte jeden umbringen. Sie stehen mit erhobenen Äxten voreinander und man glaubt, daß sie jeden Moment zuschlagen werden, aber es bleibt bei den Drohungen, es sind halt nur die Nerven.

 

Seite 95-104 

Das Jahr 1945 ist zu Ende gegangen, und ich habe außer der Ruhr bis jetzt noch keine neuen Krankheiten oder einen schwereren Unfall gehabt. Doch seit ein paar Tagen habe ich hohes Fieber und starke Kopfschmerzen. Ich bin schon einige Tage im Lager und habe immer noch Fieber. Gestern hörte man im Sägewerk, daß unser Lager aufgelöst werden soll. Wir glauben, daß es nur wieder einmal eine Parole ist. Doch das ist ein Irrtum, denn inzwischen wissen wir von den Russen, daß es wahr ist.

Mit Schrecken denke ich daran, was jetzt aus mir werden soll, denn ich bin doch sehr krank und könnte einen Transport nicht verkraften. Man sagt, daß die Todkranken in der Sanitätsbaracke mit dem Zug weggeschafft werden sollen. Später werden wir auch wirklich nie mehr etwas von ihnen hören. Alle übrigen Lagerinsassen müssen laufen. Unser Weg wird durch den Urwald bis zu einem weit entfernten Holzfällerlager führen.

Am 9. Januar 1946 geht es wirklich los. Ich werde dieses Datum in meinem Leben nie mehr vergessen. Wir müssen uns mitten im Lager mit unseren paar Habseligkeiten sammeln. Dann geht es zum Sägewerk, wo schon die offenen Waggons - die Plattformen, mit denen sonst das Holz aus dem Urwald angefahren wird - auf uns warten. Ich kann mich nicht alleine auf den Beinen halten und bin froh, daß mich zwei Freunde unter den Armen beim Laufen stützen. Am Morgen haben wir noch das übliche Stückchen Brot bekommen, aber nichts für den langen Marsch. Ich trage noch meinen Tornister und habe meine Sommersachen, die restlichen Wehrmachtskleider und meinen kleinen Kochtopf dabei. Meine Decke wurde mir ja am ersten Tag im Lager gestohlen.

Auf die Pritschenwagen der Schmalspurbahn haben einige Mitgefangene ein paar kurze Holzklötze hochkant hingestellt. Sie sollen als Sitzgelegenheit dienen. Doch die reichen bei weitem nicht aus, so daß alle sitzen können. So kommt es also dazu, daß viele auf dem kalten Boden sitzen müssen, wenn sie nicht etwas Gepäck haben, um sich darauf zu setzen.

Es ist ein kalter Morgen, so um die 40 Grad minus. Es ist leicht dunstig, und man sieht doch schon, daß es ein sonniger Tag werden wird. Als die Sonne am Horizont hochkommt, geht die Fahrt los. Je heller die Sonne scheint, um so mehr blendet uns die Schneedecke. Alles funkelt, und wir müssen die Augen schon etwas zukneifen. Der Schnee liegt, eigentlich wie immer in dieser Region, etwas mehr als einen Meter hoch. Obwohl draußen nur ein leichter Wind weht, frieren wir sehr. Das kommt vom Fahrtwind, der bei minus 40 Grad wie mit einem  Messer in unsere Gesichter schneidet.

Die Wagen haben kein Geländer, und so müssen wir uns aneinander oder an irgend etwas anderem festhalten, doch das geht nur schwer, weil die Arme schnell von der Kälte steif werden. Wir haben zwar unsere Pelzmäntel an, aber die halten nicht immer zusammen und manche Körperstellen sind dann dem Fahrtwind ausgesetzt. Unter dem Mantel tragen wir noch die übliche abgesteppte Wattekleidung - Jacke und Hose -, und oft schaut daraus die blanke Watte hervor. So bleibt es nicht aus, daß wir ständig durch den Funkenflug aus der Holzfeuerung der Dampflok zu brennen anfangen. Ein kleiner Funke genügt, und schon entsteht durch den Fahrtwind ein Brandherd. Erst qualmt es nur, aber dann entsteht eine offene Flamme. Wir müssen uns gegenseitig beim Löschen helfen. Ja, die Lok verbrennt nur Holz und hat am Schornstein keinen Rußfilter. So kommt es auch, daß im Sommer die Wälder entlang der Schmalspurbahn häufig am Brennen sind. Die Feuer werden nur selten gelöscht, weil der Wald einfach zu groß und weil scheinbar auch noch genug Holz vorhanden ist. Irgendwann gehen die Feuer dann von selber aus.

Bei der Abfahrt hatte ich Glück und konnte mich auf einen Holzklotz setzen. Es geht mir jedoch schlecht. Das Fieber ist immer noch hoch. Ich habe einen unwahrscheinlichen Durst. Das kommt bestimmt vom Fieber. Doch auf dem Wagen haben wir kein Wasser. So bleibt mir nichts anderes übrig, als kalten Schnee zu essen, von dem noch etwas auf dem flachen Wagenboden, auf der Plattform liegt.

Wir sind schon an einem Arbeitslager vorbeigekommen und auch schon ein Stück davon entfernt, als wir rechts neben der Bahn in einiger Entfernung vom Lager Frauen beim Holzfällen sehen. Es sind unverkennbar deutsche Frauen. Auch wenn sie dick eingepackt sind, können wir das zweifelsfrei erkennen. Sie stehen im hohen Schnee und sägen - immer zu zweit - mit der Schrotsäge die Bäume in einer Höhe ab, in der man noch aufrecht stehen kann. Zu Hause wurden die Bäume ja immer am Boden abgeschnitten, doch hier dürfen die Baumstümpfe höher sein und werden dann irgendwann beim Abtransport des Holzes hindern.

Die Frauen unten im Wald tun mir leid. Was mögen die alles erlebt haben? Sie waren doch Freiwild für die russischen Soldaten. Sie wurden wahrscheinlich aus Ostpreußen verschleppt. Manche von ihnen sind im Krieg Flakhelferinnen oder Arbeitsmaiden vom weiblichen Arbeitsdienst gewesen. Manche hatte wohl eine Uniform an, als der Russe sie mitnahm. Diese Frauen sind sicherlich schlechter dran als wir Männer, denn ihnen fehlen hier in diesen Lagern die hygienischen Einrichtungen, auf die wir eher verzichten können. Während ich mir so meine Gedanken mache, sind die Frauen bereits unseren Blicken entschwunden.

Es geht weiter durch den endlosen Wald, und wir halten nicht einmal, um uns ein bißchen die Beine zu vertreten, um uns ein bißchen aufzuwärmen. Wie überall in den russischen Wäldern gibt es auch hier an dieser Bahnstrecke eine Menge Birken. Mit ihrer Schneelast auf den Zweigen sehen sie ganz hübsch aus. Es paßt einfach alles zueinander, auch wenn wir sie lieber mit grünen Blättern sehen würden. Diese sibirischen Winter sind für die Gefangenen in den Lagern besonders schlimm, weil sie sich bei der strengen Kälte nicht frei bewegen können. Die Winter sind auch sehr lang und dauern gewöhnlich von Mitte September bis in den Mai hinein.

Es ist schon später Nachmittag, als wir das Ende der Schmalspurbahn erreicht haben, und ich denke, daß wir so an die 50 km - oder etwas mehr - gefahren sind. Am Ende der Strecke liegt ein von einem hohen Zaun umgebenes Waldlager. Aneinandergefügte und angespitzte hohe Pfähle umgeben das ganze Lager.

Nachdem wir mit unseren steifgefrorenen Gliedern den Zug verlassen haben, laufen wir geradewegs auf das geschlossene Lagertor zu. Da schon bald die Dämmerung hereinbrechen wird, werden wir bestimmt hier in diesem vollständig von Wald umgebenen Lager einziehen. Sie müssen nur noch das Tor aufmachen. Doch weit gefehlt. Das Lagertor bleibt zu, und der Zug der Gefangenen schwenkt vor dem Lager nach links in den dichten Wald hinein.

Ich kann gerade noch sehen, daß vor dem Tor - etwas seitlich - kleine Scheiterhaufen aufgestellt sind. So, als wollte man sie jederzeit anstecken. Da fällt mir auch wieder ein, was man über eines dieser Waldlager erzählt hat. Dort sollen die Wölfe in der Mittagszeit, am hellen Tage, vor dem Lagertor ein Pferd gerissen haben. Diese Scheiterhaufen dienen wohl dazu, die Wölfe mit kleinen Feuern zu vertreiben.

Der Weg in den Wald ist eigentlich kein Weg, sondern eher ein schmaler Pfad. Wir müssen im Gänsemarsch laufen, mit immer einem Posten dazwischen. Ich habe immer noch Fieber und bin froh, daß mich zumindest am Anfang noch einer meiner Freunde stützen kann, denn der Schnee liegt auch hier einen Meter hoch, und meine Beine sind noch immer wackelig. Auch der Durst ist nach wie vor sehr groß. So greife ich beim Gehen immer mit der rechten Hand in den Schnee und schiebe mir eine Handvoll davon in den Mund.

Die Dämmerung rückt immer näher, und die Russen treiben uns an. Als wir eine größere Strecke gelaufen sind, kommt endlich das Zeichen für eine Pause. In diesem Moment fallen schon etliche Gefangene nach links und rechts in den Schnee. Auch ich lege mich in den kalten Schnee, aber ich kann wenigstens meinen Tornister unter mich legen.

Die Russen wollen nicht, daß wir uns hinlegen und fangen an zu schimpfen. Wahrscheinlich haben sie schon Erfahrung mit solchen Märschen durch den Wald gesammelt. Als die Pause beendet ist, weiß ich auch warum. Kaum einer von den Liegenden kommt noch alleine hoch. Einige schaffen das nur mit Hilfe von anderen Gefangenen, die stehen geblieben waren. Noch andere wollen überhaupt nicht mehr aufstehen, auch wenn sie sterben sollten, doch die Russen ruhen nicht eher, bis alle wieder auf den Beinen sind, und wenn es nicht anders geht, auch mit Schlägen.

Während wir so dahinlaufen, schaue ich, so schlecht es mir auch geht, immer wieder einmal auf den Boden. Ich möchte sehen, ob im Schnee noch ein paar Spuren vom Wild zu sehen sind. Anfangs ist das auch noch der Fall, obwohl ich viele der Spuren den mir bekannten Tieren nicht zuordnen kann. Besonders interessieren mich die Spuren von Wölfen. Je weiter wir jedoch in den Wald hineinkommen, um so weniger Spuren sieht man. Inzwischen ist es schon recht dunkel geworden. Man orientiert sich jetzt besser an dem Sternenhimmel, der als schmaler heller Streifen über dem Pfad zu sehen ist, als daß man auf den Boden schaut. Die Russen haben scheinbar keine große Angst, daß jemand von den Gefangenen in der Dunkelheit abhauen könnte. Sie wissen genau, daß das niemand überleben würde.

Ich habe inzwischen das Gefühl, als hätte mein Fieber durch den vielen Schnee, den ich esse, etwas abgenommen. Ich kann schon etwas besser laufen und habe auch nicht mehr diese Schwäche in den Beinen; wenigstens nicht mehr ganz so stark.

Als wir wieder eine ganze Zeit gelaufen sind, sehen wir rechts im dunklen Wald zwischen den Bäumen die Umrisse von Blockhäusern, so wie sie auch in den Dörfern stehen. Doch die Dunkelheit ist viel zu groß, als daß wir mehr erkennen können. Wir machen uns schon Hoffnung, in der Nähe von menschlichen Siedlungen zu sein. Möglicherweise kann man da auch übernachten.

Erst als wir näher kommen, sehen wir, daß schon recht große Bäume durch die Dächer der inzwischen stark verfallenen Holzhäuser hindurchgewachsen sind. Die Häuser gehörten wahrscheinlich einmal zu einem ganzen Ort, dessen Einwohner möglicherweise schon nach dem ersten Weltkrieg bei den Kämpfen zwischen den Kommunisten und den Zarentruppen, zwischen Rot und Weiß, umgekommen sind. Es könnte aber auch eine Epidemie gewesen sein, daß da niemand mehr lebt. Das ganze Dorf bietet in der Dunkelheit ein recht gespenstisches Bild.

Nachdem wieder ein größeres Stück gelaufen sind, wiederholt sich das ganze Bild noch einmal. Es ist wieder ein ehemaliges Dorf das untergegangen ist und bei dem ebenfalls die Bäume durch die Dächer gewachsen sind.

Wir sind ein weiteres Stück gelaufen als wir vor uns eine große Lichtung, eine sehr große schneebedeckte Fläche sehen. Der inzwischen aufgegangene Mond läßt die nächtliche Landschaft wie ein großes Leichentuch erscheinen. Die gesamte Fläche ist an ihren Rändern von Wald eingesäumt. In der Mitte der Fläche ist die dunkle Silhouette von einem recht großen Dorf zu erkennen, alles dunkle Holzhäuser. Als wir näher kommen, sehen wir jedoch, daß nirgendwo ein Licht brennt und daß keinerlei Anzeichen von Leben im Dorf zu erkennen sind.

Wir haben die ersten Häuser erreicht, und unser Weg führt mitten durch den Ort. Ein paar Häuser weiter sehen wir einen Schäfer mit seinem Hund, der selbst in der Nacht seine Herde noch bewacht, wahrscheinlich wegen der Wölfe. Es sollte aber der einzige Mensch sein, dem wir begegnen. Im Ort sind auf der Dorfstraße keinerlei Fußspuren zu sehen. Ein sicheres Zeichen, daß alle Häuser leer stehen. So kommt es auch, daß wir weiterziehen und  wieder über eine freie Fläche auf der anderen Seite des Dorfes dem Wald entgegenlaufen und darin verschwinden. Es geht über einen leicht ansteigenden Waldrand, hinein in den dichten sibirischen Urwald.

Alles wiederholt sich. Wir erreichen wieder einen Ort auf einer großen weißen Fläche. Doch hier scheint es Leben zu geben. Zumindest sind ein paar Häuser bewohnt, aber viele stehen leer. Wir werden in diese leeren Häuser einquartiert. Die Häuser sind jedoch eiskalt, und manche haben schon Löcher in den Wänden. Es ist keinerlei Möbel drinnen, keine Bank oder ein Bett. Wir müssen also auf dem Boden liegen, und es ist kaum ein Unterschied zu draußen; nur daß wir nicht im Schnee liegen müssen.

Am anderen Morgen sind wir wieder einmal steif von der Kälte, als es das erste Mal auf dem langen Marsch etwas zu essen gibt. Mit fünf Mann müssen wir uns eine stark gesalzene Scholle teilen. Man würde gerne auf das Salz verzichten, hätten wir nur nicht so einen großen Hunger.

Wir müssen an diesem Morgen und auch den ganzen Tag über ohne ein Stückchen Brot auskommen, denn es hat einfach keines gegeben.  Wir haben es geahnt, daß wir auf das Stückchen salziger Scholle viel Durst bekommen würden. Gerade für mich ist das sehr schlecht, da ich noch etwas Fieber und durch die Krankheit auch immer noch Durst habe. Es heißt wieder, kalten Schnee essen und noch mehr als vorher. Nachdem wir das Stückchen Fisch gegessen haben, geht es wieder in den nächsten Wald hinein, und alles, was wir an den Tagen zuvor erlebt haben, wiederholt sich. In den Pausen sinken wir wieder in den Schnee, und das Aufstehen fällt immer schwerer.

Am späten Nachmittag erreichen wir ein winterliches Tal mit viel Schnee und Eis. Wahrscheinlich ist es das Tal der Tura oder möglicherweise auch die Sosva. Gleich hinter den letzten Waldbäumen liegen die ersten Häuser eines kleinen Ortes, der sich an dem Fluß entlangzieht. Die breite Dorfstraße geht bergab hinunter zum Fluß, der in dieser Zeit vom Eis bedeckt ist. Vor den Häusern spielen in ihren Pelzkleidern einige Kinder oder sie fahren mit dem Schlitten die Straße zum Fluß hinunter.

Am Ortsausgang werfe ich einen Teil meiner Sommerkleidung weg. Ich kann das Gewicht nicht mehr tragen. Ich tue es, ohne dabei an die Folgen zu denken, doch wenn ich nicht zusammenbrechen will, habe ich keine andere Wahl.

Unten am Fluß führt unser Weg noch an schönen alten Blockhäusern vorbei, so wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte, was auch kein Wunder ist, denn wir waren ja bis dahin immer eingesperrt! Besonders schön sind die verzierten Fenstereinfassungen und die Dachüberstände mit Holzschnitzarbeiten von künstlerischem Wert. Heute jedoch sehen die Häuser so aus, als hätten die Bewohner kein Holz mehr, um das auszubessern, was im Laufe der Zeit schon stark gelitten hat. Im ganzen Dorf hat man den Eindruck, als wäre die Zeit stehen geblieben, als wäre noch alles so wie in der Zarenzeit.

Wir laufen über den Fluß und als wir wieder in einen Wald einbiegen, sitzen auch hier wieder einmal sehr viele Birkhühner auf einem Baum. Sie fliegen nicht einmal hoch, als wir direkt am Baum vorbeiziehen. Wahrscheinlich hat der lange Winter so an ihren Kräften gezehrt, daß sie träge geworden sind.

Es geht ein großes Stück durch den Wald, bis wir wieder den Fluß erreichen und ein ganzes Stück auf ihm entlang laufen. Doch an der Stelle, wo am Fluß das rechte Ufer auf einer großen Länge  recht steil ansteigt, an einem  richtigen Berghang, verlassen wir das Flußbett. Wir müssen nun an dem bis dahin von niemandem betretenen schneebedeckten Hang nach oben. Dieser außer-gewöhnlichen Belastung sind jedoch manche Gefangene nicht mehr gewachsen.

Als ich am Hang auf halber Höhe bin, höre ich, wie hinten am Anfang des Berges die russischen Posten ihre scharfen Wolfshunde auf jene Gefangenen hetzen, die nicht mehr laufen können. Ich sehe wie sie auch noch auf diese Leute einschlagen. Mancher greift sich ans Herz und fällt lautlos um. Es gibt Tote. Die Russen laden sie auf einen Pferdeschlitten, den sie wahrscheinlich nur für diesen Zweck mitgenommen haben. Sie nehmen die Toten noch bis zur nächsten Ortschaft mit.

Als wir endlich oben am schneebedeckten Berg stehen, sehen wir in der Ferne einen neuen Ort. Das nächste Ziel unseres langen Marsches! Dieser Ort scheint größer zu sein, als die vorherigen. In der Mitte des Ortes befindet sich ein Gemeindehaus oder ein Versammlungsgebäude.

Als wir den Ort erreicht haben, bleiben wir vor diesem Gebäude stehen. Ein Teil der Gefangenen, darunter auch ich, werden hinein befohlen. Es ist eine quadratische Halle, deren Decke eigentlich recht hoch ist. Ansonsten ist der Raum kahl und wieder einmal sind keine Bänke oder Stühle darin. Da viel zu viele Leute hineingestopft wurden, müssen die meisten in dieser Nacht stehen oder können sich nur etwas hinhocken. Liegen kann keiner. Auch dieser Raum ist eiskalt und entsprechend ist auch unser Zustand am anderen Morgen. Als es hell wird, wird das Tor geöffnet, und wir bekommen zu essen.

Wir staunen nicht schlecht, als man uns eine amerikanische Konservendose mit einem Inhalt von einem halben Liter hineinreicht. Als man uns aber sagt, daß das die Verpflegung für 52 Leute ist, sind wir erschüttert, denn auch diesmal gibt es kein Brot. Wahrscheinlich war am Ort nichts verfügbar oder aufzutreiben. Wir stehen jetzt vor der großen Aufgabe, die Rindfleischkonserve aufzuteilen. Wir finden schließlich einen, der noch ein größeres Messer dabei hat. Der Inhalt der Dose wird erst in waagrechte Scheiben geschnitten und dann noch gewürfelt. Ein jeder bekommt einen kleinen Würfel von der Größe eines Zuckerwürfels. Mehr ist in der Dose nicht drin, und das bißchen muß auch noch einen ganzen Tag reichen. Es ist aber Fleisch, und das ist mehr wert als irgend eine Wasserbrühe. Es sollte jedoch das einzige Fleisch bleiben, das ich je in der Gefangenschaft sehen sollte, - außer gelegentlich etwas Fisch.

Unser Marsch geht weiter und führt uns wieder durch einen großen Wald. Als wir schon viele Stunden marschiert sind, liegt plötzlich ein Bahngleis hinter den letzten Bäumen und versperrt uns den Weg. Es ist ein Gleis der russischen Breitspur. Die Schienen sind aber noch sehr holprig, was ein Zeichen dafür ist, daß an dieser Bahnstrecke noch gebaut wird. Hinter den  Gleisen liegt, entlang der Bahnlinie, dicht an den Bahnkörper gedrängt, ein Gefangenenlager. Wir sind uns ganz sicher, daß wir da hinein sollen. Wir sind froh, daß der lange und für manche auch tödliche Marsch zu Ende sein soll.

Vor dem Lagertor geht es jedoch weiter in den nächsten Wald hinein und vorbei an einem großen Holz- und Verladeplatz. Wir laufen noch viele Kilometer und kommen dann an ein Holzfällerlager mitten im Wald. Es hat den für uns bis dahin unbekannten Namen Kalipovka und es wird für mich das schlimmste Lager sein, das ich je erleben sollte. Der lange Marsch ist nun wirklich zu Ende, und das alles mitten im sibirischen Winter.

 

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Lager Worobino, das sogenannte Erholungslager.  

Hier liegt also das sogenannte "Erholungslager". Die Russen nennen es das Sonnenlager. Es wird uns noch so manche Überraschung bieten.

Wir haben gerade die erste Nacht auf den harten Pritschen hinter uns gebracht und glauben, daß wir uns nun eine lange Zeit ausruhen und erholen können, denn nach einem Arbeitslager sieht es ja hier nicht gerade aus. Die Sonne scheint schon in das Lager, und wir versuchen uns zu entspannen. Wenn da nur nicht die ganze Nacht dieser muffige Geruch in den alten Baracken gewesen wäre, dann würden wir uns jetzt eigentlich wohl fühlen, so gut wie das in Gefangenschaft überhaupt möglich ist.

Dieser Geruch nach Feuchtigkeit wird wahrscheinlich vom Fluß kommen, der direkt vor dem Lager entlang fließt, denken wir. Wenn wir erst einige Tage hier sind, werden wir uns schon daran gewöhnen.

Uns interessiert schon heute, ob wir nun mehr zu essen bekommen werden, damit auch eine wirkliche Erholung unserer geschundenen Körper zu erwarten ist. In Gedanken versunken gehe ich zum Küchengebäude, um mein erstes Stückchen Brot abzuholen, aber es ist vergeblich. Es wird uns mitgeteilt, daß wir erst am nächsten Tag verpflegt werden. Wir kennen das ja schon.

Wir sind dabei, uns das Lager etwas näher anzusehen, als die ersten Russen, Mitglieder der Lagerleitung, das Lager betreten und uns vor die Baracken beordern. Wir denken, daß wir wieder einmal gezählt werden sollen. Die Russen gehen vor uns auf und ab und suchen sich aus den abgemagerten Gefangenen, die sich hier eigentlich erholen sollen, die nach ihrer Meinung noch arbeitsfähigen Leute heraus. Sie brauchen etwa zehn Mann für eine „leichte Arbeit" im Wald. Es stellt sich jedoch bald heraus, daß sie Bäume fällen sollen, daß sie Brennholz machen müssen.

Es gibt lange Gesichter, denn es gibt eigentlich niemand bei uns, der dazu körperlich richtig in der Lage ist. Wir sind doch nur hierher geschickt worden, weil wir arbeitsunfähig waren. Die Mehrzahl der Gefangenen können den ganzen Tag ohne Arbeit im Lager verbringen. Ich bin zu schwach für diese Arbeit und kann ebenfalls im Lager bleiben. Wenn die Holzfäller abends ins Lager zurückkommen, sind sie von der Arbeit im hohen Schnee körperlich fertig und erschöpft. Sie müssen auch täglich weit in den Wald hineinlaufen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.

Es sind so an die acht Tage vergangen, als der russische Lagerkommandant wieder einmal im Lager erscheint, weil er Leute für irgendeine Arbeit braucht. So an die 20 Mann. Diesmal hat es auch mich erwischt, und ich muß mit den anderen vor das Lagertor. Hier stehen große Holzschlitten, richtige Pferdeschlitten. Sie fassen gut und gerne zwei bis drei Kubikmeter Brennholz. Doch so weit man auch schaut, es sind keine Pferde zu sehen.

Viel zu spät begreifen wir, daß wir diese großen Schlitten ziehen sollen. Wir bekommen ein langes und dickes Seil, so dick wie ein Glockenseil, damit man es gut halten kann, und nicht aus den Händen rutscht. Bei dieser Kälte müssen wir bei allen Arbeiten dicke Fausthandschuhe tragen und damit auch das Seil halten. Wir müssen uns in einer Reihe aufstellen und das Seil über die Schulter legen. Dann kommt das Kommando zum Abmarsch. Unser Weg in den Wald ist eigentlich nur ein schmaler Pfad, genau so breit wie der Schlitten. Links und rechts davon liegt der lose, und circa einen Meter hohe Schnee und wer von der höher gelegenen Schlittenspur zur Seite tritt versinkt darin.

Es ist eigentlich noch erträglich, den leeren Schlitten in den Wald zu ziehen, wenn sich auch in unseren Reihen Leute befinden, die noch schwächer sind als ich und die kaum ziehen können. Wirklich schlimm wird es erst auf dem langen Heimweg, nachdem wir das schwere meterlange Holz auch noch aufladen mußten, was weit über unsere Kräfte ging. Der Schlitten ist hoch beladen, und die Russen wollten, daß wir immer noch mehr Holz darauf laden sollten.

Als wir den Heimweg antreten, stellt sich sehr schnell heraus, daß sich einige Gefangene beim Ziehen drücken wollen und nur so tun, als würden sie ziehen. Anderen sieht man ihre Erschöpfung und Schwäche richtig an. Einige torkeln nach der Seite und fallen von der Fahrbahn, hinunter in den tiefen Schnee. Für sie ist es dann schwer, wieder auf die Beine und nach oben auf die Fahrbahn zu kommen. Neben der Schlittenspur kann man im hohen Schnee nicht laufen.

Wir laufen zwischen der festgefahrenen schmalen Spur der Schlittenkufen, auf dem nur von den Füßen fest getretenen Schnee. Dieser ist jedoch nicht so fest, wie der Schnee unter den Kufen, welcher durch das Gewicht der Ladung zusammengedrückt wurde. Wir müssen uns schon sehr in die Riemen legen, mit dem Oberkörper nach vorne, um den Schlitten überhaupt bewegen zu können. Es zeigt sich hierbei sehr schnell, daß wirklich nur ein Teil der Gefangenen den Schlitten zieht. Wer wirklich zieht, sinkt oft ruckartig mit einen Bein in den zusammengetretenen Schnee, der auch hier noch einen Meter hoch liegt und nur an der Oberfläche etwas härter ist. Man bricht mit dem Bein so tief ein, daß man anschließend starke Schmerzen in den Genitalien hat, weil das ganze Körpergewicht und der schwere Pelz den Gefangenen nach unten drücken. Es ist genau wie beim Grubenholzschleppen in Vergaturi, als wir in die verschneiten Löcher der Laufstege getreten sind. Ich habe das doch schon oft genug am eigenen Leib erlebt.

Wir fahren den ganzen Tag mit dem Schlitten in den Wald und holen Holz. Jeden Tag das gleiche, und wenn die Gefangenen umkippen, werden sie durch andere ersetzt. Die Holzstapel vor dem Lager sind schon recht hoch und lang. Das schlimmste daran ist, daß die Russen das Holz verkaufen, um damit in die eigene Tasche zu wirtschaften. Sie tun es aus reiner Profitgier, wenn auch die Gefangenen dabei draufgehen.

Das Essen im Lager ist keineswegs besser, als in den anderen Lagern. Wahrscheinlich wird auch hier ein großer Teil der Lebensmittel von den Russen verschoben, was in Rußland ganz normal ist. Die Gefangenen haben letztlich auch  in diesem Lager keine Möglichkeit, sich zu erholen.

 

Weitere Erlebnisse finden Sie im Buch Sibirien. 

Ich kann Ihnen versichern, daß auch die nächsten Seiten des Buches spannend, oder besser gesagt hoch-dramatisch bleiben.

 

 

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