Die Auszüge stehen auch als Datei zum Download bereit. (siehe unten)
AUSZÜGE
| Liebe
Leserin und lieber Leser, wie Sie
bereits im Vorwort erfahren haben, kann ich seit der Gefangenschaft kein Buch
mehr lesen, was auch dazu führte, daß ich mein Buch wie ein Blinder schreiben
musste. Dabei ist es unausweichlich, daß Fehler bei der Grammatik und
insbesondere der Interpunktion entstehen. Ich möchte Sie daher bitten,
über diese Mängel großzügig hinwegzusehen und sich mehr auf den Inhalt des
Buches zu konzentrieren. |
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Seite
9–18
(im Buch)
10
Jahre nach der Gefangenschaft
In
Schweiß gebadet wache ich auf. Ich bin froh, als ich feststelle, daß ich
in meinem Bett liege, denn noch vor wenigen Minuten erlebte ich zum ungezählten
Male die Schrecken meiner Gefangenschaft. Es
sind immer die gleichen, schrecklichen Verfolgungsträume, in denen ich
die unsagbaren Strapazen, die ausgestandenen Ängste und trügerischen
Hoffnungen der russischen Kriegsgefangenschaft im Traum wieder erlebe und
das 10 Jahre nach dieser unglücklichen Zeit, deren Spuren sich so tief
in Seele und Körper jener Menschen eingegraben haben, jener Heimkehrer,
die ihre Heimat wiedersehen durften.
In
amerikanische Gefangenschaft
an der Elbe
Es
ist der 2. Mai 1945, die Kämpfe um Berlin liegen hinter uns. Wir stehen
mit unserer 2 cm - Flak, welche auf eine Selbstfahrlafette montiert
ist, in einem kleinen Dorf kurz vor der Elbe, in der Nähe von
Wittenberge. Es ist ein heißer Tag, obwohl erst Anfang Mai. Abgesehen von
dem fernen Kanonendonner, der uns im Angesicht der nahen Rettung nur wenig
stört, ist es auf dem heißen Dorfplatz sehr ruhig, was meine Kameraden
zu einem kleinen Ausgang nutzen. Einige haben ein paar nette Mädchen
angesprochen und entschwinden bald mit ihnen unseren Blicken. Ich ziehe es
mit noch 2 Mann vor am Geschütz zu bleiben, denn der Russe hängt an
unseren Fersen. Plötzlich ein Heulen aus östlicher Richtung. Wir werfen
uns hinter die schützenden Raupen unserer Zugmaschine. Dann ein ohrenbetäubender
Krach. Später ein Pfeifen durch die Luft. Am Rande des kleinen Platzes
ist ein einstöckiges Haus
von einer schweren Granate getroffen worden. Alles ist in Aufregung. Schon
kommen einige meiner Kameraden im Laufschritt angerannt. Der Geschützführer
gibt den Befehl: "Sofort in Richtung Elbe absetzen!". Im
Rücken haben wir die Russen und kaum 6 Kilometer vor uns ist die
amerikanische Front entlang der Elbe. Nur nicht den Russen in die Hände
fallen, hämmert es in unseren Köpfen. Schlag auf Schlag detonieren um
uns herum die Granaten. Wir stehen mitten im Hexenkessel. Es fehlt der
Fahrer. Wir werden ungeduldig und schreien seinen Namen hinein in den Lärm
und suchen aufgeregt nach ihm. Während unsere Nerven zum Zerplatzen
gespannt sind, kommt er seelenruhig die Dorfstraße herauf, wirft den
Motor an und schon geht es heraus aus dem Chaos. Die
ersten Maschinengewehrgarben peitschen über unsere Köpfe hinweg, und
keiner außer dem Fahrer wagt sich auf die Zugmaschine. Alles rennt
nebenher durch den von der Sonne erhitzten Sandstreifen, der uns von der
Elbe trennt. Unerträglich wird die Wärme beim Laufen in der steifen
Uniform. Wir keuchen unter der Last unserer Ausrüstung. Bei jedem Schritt
versinken die Schuhe im losen Sand. Ein jeder schleppt seinen Karabiner,
die Gasmaske und die Munition, denn keiner möchte im Angesicht der Russen
ohne Waffen sein. Noch
3 Kilometer, dann haben wir es geschafft. Immer schneller, immer
schneller! Ständig schlägt mir beim Laufen die Gasmaske an den
Oberschenkel, und ich entschließe mich, angesichts der ohnehin unumgänglichen
Gefangenschaft, die Gasmaske in den Sand zu werfen. Doch kaum kullert
dieser Ausrüstungsgegenstand der nie gebraucht wurde zu Boden, schreit
mich unser Batterieführer im Kasernenhofton an und droht mir sogar mit
Erschießung. Er ist auch in dieser ausweglosen Lage immer noch der "pflichtbewußte"
deutsche Offizier, der noch nicht begriffen hat, daß der Krieg verloren
ist. Ich
laufe weiter und lasse mich nicht stören, denn in der Ferne sehe ich ganz
deutlich den langen Damm, hinter dem die Elbe mit ihrem eiskalten Wasser
mit reißender Geschwindigkeit dahinfließt. Über uns zieht ein
amerikanischer Nahaufklärer, der große Ähnlichkeit mit unserem
Fieseler-Storch hat, seine Kreise. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen,
es gilt, den schützenden Damm zu erreichen. Um
11.30 Uhr ist es geschafft. Unter
uns liegt die Elbe. Doch was wir da sehen, ist kein erfreuliches Bild. Die
amerikanische Front liegt am jenseitigen Ufer des Flusses, wo der Wald bis
an das Wasser reicht. Auf dem breiten Uferstreifen auf unserer Seite, auf
dem die Amerikaner nur einen Brückenkopf haben, zeigt sich ein Bild, wie
es in diesen Tagen an vielen Stellen entlang der Elbe zu sehen ist. Eine
ungeheure Menschenmenge, große Teile der geschlagenen deutschen
Wehrmacht, aber auch Zivilisten, die vor den Russen geflohen sind, warten
unten am Ufer auf die amerikanischen Fähren, welche unaufhaltsam das
Wasser kreuzen und die Menschen von der Ostseite an das gegenüberliegende
Ufer tragen. Unsere
Zugmaschine rollt langsam den Hang hinab. Wir halten auf die Menschenmenge
zu. Es geht noch vorbei an großen Mengen von Wehrmachtsfahrzeugen und
Ackerwagen, die aus den Trecks stammen und zum Teil eine sehr beachtliche
Strecke zurückgelegt haben. Überall liegen Verpflegung, Wäsche und
andere Dinge des täglichen Bedarfs zwischen diverser Munition auf dem
Boden herum. Doch niemand greift danach. Jeder möchte nur ans andere Ufer
und drängt sich zwischen die Landser am Anlegeplatz. Beim Amerikaner gibt
es genug an Verpflegung und Bekleidung, das wird überall erzählt. Als
wir die Menschenansammlung erreicht haben, kommen die amerikanischen
Posten an unser Geschütz und entwaffnen uns. Wir müssen sofort das
Fahrzeug verlassen. Ein Kamerad, der etwas liegengelassen hat, klettert
noch einmal hinauf, doch der Posten hebt die Maschinenpistole und schießt.
Um Haaresbreite gehen die Geschosse daneben. Wahrscheinlich war das so
gewollt. Doch wir verstehen diese Sprache und fassen nichts mehr an. Bald
hat sich unsere Geschützbedienung aus den Augen verloren. Ich gehe zunächst
einmal an das Wasser heran, strecke die Hand hinein, um zu sehen, wie kalt
es ist. Doch die eisige Kälte und die starke Strömung lassen keine
Hoffnung zu, das andere Ufer schwimmend zu erreichen, trotzdem wagen es
viele und springen ins Wasser. Nur wenige erreichen das andere Ufer, die
meisten behält der Strom. Ein Soldat versucht es zu Pferd. Er hat es fast
geschafft, doch kurz vor dem anderen Ufer sind beide plötzlich nicht mehr
zu sehen. Eine Arbeitsmaid zieht sich fast völlig aus und springt ins
kalte Wasser. Ich verfolge sie mit meinen Blicken und sehe noch genau, wie
man sie drüben in Decken einhüllt. Sie hat es geschafft. Sicherheit
verspricht nur das andere Ufer. Ich
traue meinen Augen nicht, als ich sehe, wie meine direkten Vorgesetzten,
zwei Offiziere und zwei Feldwebel, die Elbe mit einem kleinen gelben
Schlauchboot überqueren. Sie hatten anscheinend alles geplant, und
diesen Leuten hatten wir geglaubt und gehorcht. Wären sie nicht gewesen,
wären wir ein paar Tage früher an der Elbe gewesen und auf die andere
Seite des Flußes gekommen. Zum
Übersetzen komme ich noch lange nicht, denn vor mir stehen noch Tausende,
die früher da waren. Ich suche nach Benzinkanistern, doch diese sind
schon alle von Leuten kassiert worden, die den selben Gedanken wie ich
hatten, und die auch auf die selbe Art über die Elbe wollten. Obwohl ich
ein guter Schwimmer bin, möchte ich bei diesem kalten Wasser nicht ohne
einen Rettungsring hinüberschwimmen. Ein Benzinkanister an dem ich mich
noch festhalten könnte würde es auch tun, denn das Wasser im Fluß ist
nicht nur sehr kalt, es ist auch sehr reißend. Ich
bin gerade dabei, mich wieder den wartenden Menschen anzuschließen, um
immer näher an die Fähre zu gelangen, als amerikanische Posten
erscheinen und den Landsern Uhren und Fotos wegnehmen. An Pistolen haben
sie weniger Interesse, denn die braucht man nur aufzuheben. Eine 0/8 habe
ich mir in die Tasche gesteckt, werfe sie aber nach einiger Zeit wieder
weg, da sie meine Lage auch nicht verbessern kann. Um
15 Uhr wird plötzlich das Übersetzen eingestellt, was fast eine Panik
auslöst. Immerhin sind wir ja noch amerikanische Gefangene. Ich frage
einen Posten, warum dies geschehe. "Um
21 Uhr geht es weiter", ist seine Antwort. Als
etwas weiter flußaufwärts ein hoher deutscher Offizier erscheint, kommt
sofort eine Fähre herüber, nimmt den Offizier und auch die Soldaten, die
in der Nähe stehen, an Bord. Als die Fähre ablegen will, springt noch
ein Landser auf die überfüllte Fähre. Ein riesiger Amerikaner, ein Kerl
mit ungeheurer Kraft, packt den Soldaten an der Brust, streckt die Arme
aus und taucht ihn wie eine Maus bis über den Kopf so in die Elbe, daß
er schon einmal kräftig schlucken muß und hebt ihn dann jedoch an Bord.
Die Fahrt geht los und der glückliche, nasse Landser erreicht das
rettende Ufer. Dann
ist es wieder still, keiner verläßt seinen Platz am Ufer, jeder will
dabeisein, wenn es abends übers Wasser geht. Doch
plötzlich Kanonendonner. Alles starrt zum Elbdamm. Kanonenrohre von
Panzern schieben sich langsam über die Dammkrone, soweit man sehen kann.
Sie kommen näher, immer,
immer näher, bis die Panzer, einer neben dem anderen, auf dem Elbdamm
stehen. Alle Rohre sind nach unten auf die Menschenmenge gerichtet, ein
schauriger Anblick. Wenn jetzt „der Russe“ schießt, gibt es ein
einziges Massengrab, denn die wenigen amerikanischen Posten können sie
unmöglich sehen. Doch
diese Gedanken sind schnell verflogen, als zwischen den Panzern Kosaken
und Mongolen mit ihren langen Säbeln auftauchen. Zum größten Teil sehr
junge Kerle in einer schauerlichen Ausrüstung. Vom HJ-Dolch mit
Bindegarn aufgehängt, mit deutschen und auch russischen Maschinenpistolen
und mit den langen krummen Säbeln der Kosaken kommen sie den Damm
herunter. Sie stürzen sich in großen Scharen auf die wartende Menge mit
dem „Kriegsruf“ Uhri, Uhri (Uhr). Wer nicht schnell seine Wertsachen
herausrückt, weil schon ein Ami die Uhr oder den Foto kassiert hat,
bekommt zur Bekräftigung der Forderung einen Schlag ins Kreuz. Die
amerikanischen Posten sind machtlos und müssen zusehen, wie Ringe und
Uhren den Besitzer wechseln. Als
die Russen mit ihrer Beute einigermaßen zufrieden sind, denken sie daran,
daß ja auch noch die Amerikaner begrüßt werden müssen. Sie fallen den
etwas reservierten Amerikanern in ihrer ungestümen Art um den Hals und
bieten Wodka und ihre Zigaretten (Machorka in Zeitungspapier eingerollt)
an, was die Amis in Verlegenheit bringt. Anschließend
werden einige Bilder zur Erinnerung an die "herzliche Begrüßung"
an der Elbe gemacht. Schnell
vergrabe ich noch meine Papiere und die sonstigen Sachen, an denen ich
erkannt werden könnte, in dem feuchten Boden des Elbufers, indem ich mit
meinen Fallschirmjägerstiefeln ein Loch stampfe, die Sachen, die wir ja
jetzt nicht mehr brauchen, hineinwerfe und das Loch zutrete. Eine
Gruppe hoher russischer Offiziere nähert sich dem Elbufer und wird von
dort mit einer amerikanische Fähre übergesetzt. Allmählich begreifen
wir, daß wegen uns verhandelt werden soll. Wir ahnen, daß wir
wahrscheinlich ausgeliefert werden sollen. Für uns gibt es trotz aller Überlegungen
kein Entrinnen mehr aus diesem Kessel. Nach einer knappen halben Stunde
kommt die Abordnung der Russen zurück, und die amerikanischen Posten
verlassen das rechte Elbufer. Wir sind an die Russen ausgeliefert worden. Die
Dämmerung ist schon hereingebrochen, als uns die Russen mit lautem
Geschrei zusammentreiben. Sie schreien "dawei" und "pisträ",
Wörter die uns in die Glieder fahren und die uns die ganzen endlosen
Jahre der Gefangenschaft begleiten werden. Die russischen Soldaten zwingen
uns mit Schlägen und Tritten, uns zu einer Marschkolonne zu formieren.
Sie treiben uns nach Osten den Elbdamm hinauf und
bis zum nächsten Ort. Es
sind Männer und Frauen, Soldaten und Zivilisten in dieser grauen Kolonne,
die mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen über den Marschboden
in eine ungewisse Zukunft hineinlaufen. Die
Angst vor den Russen und ihrer Brutalität ist groß. Man weiß ja, wie
sie in Ostpreußen gehaust haben, und wir haben auch mitangesehen, wie sie
die Trecks der Flüchtlinge, die Frauen und Kinder mit Jagdbombern brutal
zusammengeschossen haben. Groß
ist auch unsere Enttäuschung über die Amerikaner. Da hatten wir doch
gedacht, daß wir bei einer westlichen Armee, welche die Genfer Konvention
unterschrieben hat, diese auch einhalten würde, und daß wir als
Kriegsgefangene in sicheren Händen wären. Doch jetzt diese maßlose, und
unglaubliche Enttäuschung. Wir
waren ja der Freiheit und der Menschenwürde so nahe gewesen. Aber für
all diese Gedanken bleibt uns jetzt keine Zeit. Noch immer hören wir in
der Nähe Gefechtslärm. Die SS-Verbände, die weiter südlich
stehen, wehren sich erbittert, und es wird noch lange dauern, bis auch sie
den Russen in die Hände fallen. Inzwischen
ist es recht dunkel geworden, alles wirkt schemenhaft. Rechts neben
unserer Kolonne stehen am Straßenrand große Stalinpanzer bis hin zum
Elbdamm. Einer hinter dem anderen. Die Kolosse wirken in der Dunkelheit
wie große Monster, welche oben mit Betten und Matratzen aus deutschen Häusern
beladen sind. Da,
wo die Panzer aufhören, sehe ich runde Einmanndeckungslöcher, welche
deutsche Soldaten irgendwann ausgehoben haben. Sie sind groß genug, um
sich stehend darin zu verstecken. Doch was ist, wenn einen die Russen doch
noch entdecken sollten? Dann ist das der sichere Tod. Ich
will erst hineinspringen, zögere noch etwas, um dann doch weiterzugehen.
Am nächsten Tag bin ich froh, daß ich mich nicht versteckt habe, denn
die Frauen im nächsten Dorf warnen uns, nur nicht abzuhauen. Die Russen hätten
die Elbe dicht besetzt und würden jeden erschießen, der an die Elbe käme. Die
Menschenkolonne schiebt sich nur langsam vorwärts, denn richtig laufen
kann man bei den vielen Menschen nicht. Die meisten Gefangenen gehen mit
gesenktem Kopf und sehen in der Dunkelheit nicht den Russen, der ständig
hinter einem großen Panzer hervorkommt und mit einem
Riesen-Schraubenschlüssel auf die Köpfe der dicht an den Panzern
entlanggehenden Leute einschlägt. Es liegen schon einige am Boden und
andere stolpern drüber. Ich habe Glück, weil ich den Russen rechtzeitig
gesehen habe. Ich schiebe mich in die Mitte der Kolonne. Unser
nächtlicher Marsch geht weiter bis zur Ortsmitte von Lanz, einem kleinen
Ort in der Nähe der Elbe. Auf der rechten Straßenseite ist zwischen den
Häusern ein großer, mit Palisaden eingezäunter Grab- und
Wiesengarten. An beiden Seiten führen Wege entlang. Anscheinend ist das
der geeignete Platz für die Gefangenen, weil die russischen Posten um
die Fläche herumgehen können. Der
größere Teil der Gefangenen wird noch auf andere Flächen verteilt. Wir
müssen uns auf dem Anfang Mai noch sehr kalten Boden flach hinlegen.
Keiner darf aufstehen. Es wird sonst sofort geschossen. Ich liege da, wo
die Erde umgegraben ist. Es ist, als würden sich ,mir große kalte Steine
in den Leib drücken. Wir liegen dicht an dicht. Alles durcheinander,
Soldaten, Flakhelferinnen, Nachrichtenhelferinnen, Arbeitsmaiden und
Zivilisten. Ich habe noch meine Wehrmachtsdecke und kann mich damit
zudecken. Andere liegen da, nur mit dem, was sie auf dem Körper tragen.
Sie frieren. Die Frauen zwischen uns haben Angst, doch in dieser Nacht
werden sie noch einmal davonkommen. Die Russen können sie nicht erkennen,
es ist zu dunkel. Meine
Gedanken sind in dieser Nacht zu Hause. Mich quält der Gedanke, ob es bei
uns in Hessen auch zu Kämpfen gekommen sein könnte. Was ist mit den
Angehörigen, mit Vater, Mutter und meinen 3 Brüdern? Der ältere Bruder
ist auch an der Ostfront. Doch ich sollte dies alles erst viele Jahre später
erfahren. Ich
muß an die Leute von Lanz denken, das Dorf in dem wir uns jetzt befinden.
Wie werden die Russen mit den Zivilisten umgehen? Wie groß wird das Leid
der Frauen sein? Ich
kann in dieser Nacht kein Auge zumachen, und viele andere auch nicht.
Obwohl für uns die Kämpfe zu Ende sind, stehen wir wahrscheinlich erst
am Beginn von Leid und möglicherweise auch Tod. Am
anderen Morgen als es hell wird, dürfen wir aufstehen. Alle Glieder sind
steif und schmerzen. Ich vergrabe noch schnell meine Uhr, es war ein
Geschenk. Die Russen sollen die Uhr nicht bekommen. Auf dem Weg neben dem
Garten liegen einige Pistolen. Es ist unglaublich, daß einige Landser
diese noch bei sich trugen, um möglicherweise Selbstmord zu begehen. Da
es jedoch kein Entrinnen mehr gibt, ist es jetzt tödlich, noch eine
Pistole zu haben. Als die Russen die Pistolen sehen, werden sie richtig wütend. Ich
gehe anschließend zum Zaun, wo ein russischer Offizier steht, der gut
deutsch spricht. Es ist ein russischer Jude, der zwar freundlich spricht,
aber keinen Zweifel daran läßt, daß wir nicht heimkommen, sondern alle
nach Sibirien geschickt werden. Er sollte recht behalten. Wir
hatten schon einen Tag nichts mehr gegessen und die Russen können uns
auch nichts geben, sie sind selber am Hungern. Die russischen Posten
werden langsam nervöser. Sie
fangen an zu schreien, "dawei" und " pisträ" und
befehlen uns, in Reihen mit je zehn Mann anzutreten. Es
ist ein sonniger Morgen und ein klarer Himmel. Kein Lüftchen geht, und es
ist, als würde uns das Atmen schwerfallen. Es ist wie eine Beklemmung im
Brustkorb über dem Herzen. Selbst das Denken fällt uns an diesem Tag
recht schwer. Wir
werden zum Dorfplatz geführt, wo wir mit den anderen Gefangenen
zusammentreffen. Es ist eine endlose Kolonne, bunt gemischt. Unter
großen Kastanienbäumen hat sich eine große russische Blaskapelle mit
ihren in der Sonne blinkenden Instrumenten aufgestellt. Sie stehen oben
auf einem großen Podest, von wo aus sie gut und weit über die
Menschenmenge, über die Gefangenen, hinwegsehen können. Es
ist der 3. Mai 1945. Ein Tag, den die Überlebenden dieser Tragödie nie
vergessen werden. Die
Kapelle auf dem Podest ist von hohen russischen Offizieren flankiert,
daneben russische Fahnen. Als
die Kapelle anfängt, die russische Nationalhymne zu spielen (für mich
eine schwermütige Melodie), zittern uns die Beine und die Köpfe sinken
immer tiefer. Wir sind Teil einer geschlagenen Armee. Alle Anstrengungen,
das Eindringen der Russen nach Deutschland zu verhindern, sind
gescheitert. Langsam
bewegt sich die Kolonne der Besiegten, der deutschen Kriegsgefangenen, an
der Kapelle vorbei zum Ortsausgang von Lanz. Es beginnt der lange
Hungermarsch von der Elbe, durch ganz Norddeutschland, bis nach Polen.
Noch wissen wir nicht, daß viele Gefangene diesen Marsch nicht überleben
werden. Seite 40-47
(im
Buch)
Wir
sind schon circa 14 Tage unterwegs und allmählich geht der lange
Hungermarsch zu Ende. Wir kommen nach Stargard in Pommern. Wir laufen
durch die ganze Stadt, die inzwischen von polnischen Zivillisten besetzt
wird, denn Stargard gehört jetzt zu Polen. Auf der rechten Seite unseres
langen Zuges, da wo die Gefangen dicht an den Häusern vorbeigehen,
erscheint in einen schmalen Hausflur eine Frau in der Tür und reicht
denen, die gerade in ihrer Nähe sind, ein paar Stückchen helles Brot.
Etliche Hände strecken sich danach aus, doch es reicht nur für zwei oder
drei Leute. Ich gehe gerade auf der anderen Seite des Zuges und habe kein
Glück, etwas davon abzubekommen. Aber ich freue mich, daß es doch noch
ein paar Deutsche in Stargard gibt, die Mitleid mit den Kriegsgefangenen
haben. Wir
kommen an eine ehemaligen Schule. Sie stammt wahrscheinlich noch aus der
Kaiserzeit und ist ein stattliches Gebäude mit einer Menge gehauener
Steine an den Ecken und um die Fenster. Sie hat zwischen den einzelnen Gebäudeflügeln
einen schönen runden aber auch hohen Turm, welcher wahrscheinlich das
Treppenhaus enthält und sehr gut zu dem übrigen Bild der Schule paßt. Als
wir den eingezäunten Schulhof betreten, bekommen wir jedoch einen großen
Schrecken. Im Hof sind zwei große Latrinengruben ausgehoben, mit
waagrechten Stangen rundherum, den sogenannten Donnerbalken. Die Gruben
sind voller Blut. Wir wissen sofort, daß hier die Ruhr herrscht. Die
Gefangenen, die schon vor uns da waren, hatten alle die Ruhr, es ist
jedoch niemand mehr von ihnen zu sehen. Wahrscheinlich gab es unter ihnen
auch Tote, und die Überlebenden sind sicherlich schon auf dem Weg nach Rußland.
In den Gruben schwimmen eine Menge deutscher Geldscheine und wir wundern
uns, wie die da hineinkommen. Doch wir sollen es sehr bald erfahren. Wir
werden auf die Klassenzimmer verteilt und legen uns wegen der starken
Erschöpfung gleich auf den harten Fußboden, um ein bißchen
auszuruhen. Wir bekommen wieder einige Stückchen von dem harten
getrockneten Brot und dazu Wasser. Zu diesem Brot muß man eine Menge
Wasser trinken, denn das Brot saugt sich förmlich mit Wasser voll. Der
Durst ist nach dem langen Marsch ebenfalls groß. Wer ein bißchen
Erfahrung hat oder sich in medizinischen Dingen auskennt, weiß, daß die
Ruhr nur mit dem Trinkwasser zusammenhängen kann. Doch der Durst ist größer
als jede Vorsicht und im Handumdrehen haben wir alle die Ruhr. Das
große Rennen zur Toilette geht los. Mancher der am Anfang noch etwas überflüssiges
Papier hat, ist dies bald los, aber das Rennen geht weiter und so bleiben
nur noch die Geldscheine, von denen jeder Landser mehr oder weniger viele
gehortet hat. Man weiß ja nie, ob man nicht doch noch dafür Verwendung
haben könnte. Auch ich werde auf diese Weise mein Geld fast restlos los.
Wir liegen hier in Stargard schon einige Tage fest, und es sieht ganz so
aus, als wäre der Marsch zu Ende. Wenn nur die Ruhr nicht gekommen wäre. Es
sterben die ersten Kranken und es werden immer mehr. Wenn ich mich in der
Nähe des Tores aufhalte, sehe ich, wie sie auf russischen Panjewagen
weggefahren werden. Ich möchte dieses Schicksal nicht teilen und beschließe,
nichts mehr zu essen und besonders nichts mehr zu trinken. Ich verkrieche
mich in den Keller des runden Turmes, wo keine Fenster mehr sind und die
Luft feucht und kühl ist. Es ist aber auch dunkel, und ich gewöhne mich
erst langsam an die Dunkelheit. Indem ich die Wände und den ganzen Raum
mit den Händen abtaste, stelle ich fest, daß wohl einer der hier tätigen
Lehrer ein Angler gewesen sei muß, denn es steht allerhand Anglergerät
an den Wänden. Ich
komme nur noch aus meinem Versteck, wenn ich zur Latrine muß und bei
einer solchen Gelegenheit höre ich, daß ganz in der Nähe der Schule,
einige geschlossene Viehwaggons angefahren wurden. Jetzt muß ich aber
aufpassen, daß ich den bevorstehenden Abtransport der Gefangenen per Bahn
nicht verpasse. Es ist allemal besser weiter von hier weg, auch gegen
Osten, verfrachtet zu werden, als an der Ruhr zu sterben. Am nächsten Tag
habe ich Glück, und es gelingt mir, mit den ersten Gefangenen den langen
Güterzug zu erreichen und im Viehwaggon eingesperrt, die Abreise antreten
zu können. Mit
diesem Abtransport ging der lange Hungermarsch, quer durch das nördliche
Deutschland von der Elbe bis nach Polen, zu Ende. Unser Weg führte durch
die Städte Perleberg, Pritzwalk, Wittstock, Mirow, Wesenberg,
Neustrelitz, Neubrandenburg, Strasburg, Pasewalk, Stettin, Stargard und
durch viele Dörfer. Wir sind die ganze Strecke eher getrieben worden, als
daß wir gelaufen sind. Mancher der Gefangenen hat diesen langen
Hungermarsch nicht überlebt. Wir legten insgesamt 250 km zurück.
Seite 61 - 67
30
Tage im Viehwaggon nach Sibirien
Eines
Tages, so gegen Mittag, kommt der Befehl, mit Gepäck, gemeint sind die
paar Habseligkeiten die uns noch keiner weggenommen hat, anzutreten und
sich zu einem Zug zu formieren. Es ist nur ein kurzer Marsch, bis wir die
Waggons erreicht haben. Rudolf und ich haben Glück, denn wir kommen
zusammen in einem Waggon unter. Nun beginnt eine Odyssee die genau 30 Tage
dauern wird. Es ist gut, daß wir das und was diese lange Fahrt sonst noch
mit sich bringen wird, noch nicht wissen. Wir
sind mit 50 Mann in einem Waggon untergekommen, je 10 Mann oben auf einer
der beiden Pritschen. Dreißig Mann liegen am Waggonboden. Es ist
stockdunkel im Waggon, weil alle Türen geschlossen sind. Selbst die
Luftklappen oberhalb der Pritschen sind geschlossen und mit Stacheldraht
von außen versperrt. Unten im Waggonboden ist auch diesmal wieder ein
Loch in der Mitte des Waggons ca. 15x15 cm groß. Direkt neben dem Loch
liegen auf beiden Seiten Gefangene mit ihren Köpfen. Es
stinkt und es zieht und nicht jeder trifft genau dieses Loch, wenn er
einmal austreten muß. Ich kann diese Leute neben dem Loch nur bedauern,
und versuche nur dann mein Geschäft zu verrichten, wenn der Zug einmal hält
und die Gefangenen neben dem Loch aufgestanden sind. Der Waggon ist
einfach zu klein für so viele Leute. Doch das ist nur der Anfang, und es
sollte noch viel schlimmer kommen. Die Waggons, mit denen wir nach
Nordosten wegfahren, sind für die europäische Schmalspur, und die führt
ja noch bis nach Ostpreußen. Als
wir den Südwesten von Ostpreußen durchqueren, werden die Wälder immer
größer und dichter, und so kommt es, daß wir in einem der Wälder noch
vor Königsberg anhalten, um Wasser und auch etwas Brot zu fassen. Die Türen
der Waggons werden erstaunlicherweise geöffnet, und wir dürfen uns sogar
im Bereich der Türen etwas die Beine vertreten. Vor jedem Waggon stehen
einige Landser, als von hinten die Russen „stoy, stoy" (stehen-bleiben)
schreien und ganz aufgeregt sind. Erst dann sehen wir, was los ist, der ältere
Ostpreuße aus dem letzten Lager in Graudenz haut ab, er versucht mehr
torkelnd als laufend den Wald zu erreichen, der sich einige Meter neben
der Bahnstrecke entlangzieht. Wir müssen sofort in die Waggons zurück.
Mehrere Russen nehmen sofort mit ihren Wolfshunden die Spur des Flüchtenden
auf. Der Mann kann noch nicht allzuweit sein, denn er konnte ja kaum
laufen. Als wir dann das Feuer von Maschinenpistolen hören, wissen wir,
der Mann ist tot. Es dauert auch nicht lange, da schleppen sie ihn zum Zug
und werfen ihn in den letzten Waggon. Diesmal kommen wir um unser Essen,
denn die Russen haben wohl keine Lust mehr, uns noch etwas zu geben. Als
wir wieder einmal durch eine Ortschaft kommen, bleibt der Zug stehen, und
der erschossene Landser wird ausgeladen und einfach neben den Bahnkörper
gelegt. Es ist anzunehmen, daß irgendwelche Leute ihn dann in der Nähe
seiner Heimat in ostpreußischer Erde begraben haben. In dem seelischen
Zustand in dem sich dieser Mann schon seit Graudenz befand, hätte er
Sibirien sowieso nicht überlebt. Er wäre nicht mehr in der Lage gewesen,
um sein Leben kämpfen zu können, denn dafür war ein seelisches
Gleichgewicht und gute Nerven die Voraussetzung. Unsere
Fahrt geht weiter durch Ostpreußen, bis wir Königsberg erreichen. Wir
fahren direkt in einen großen Bahnhof ein. Wir stehen an einem
betonierten Bahnsteig, so wie ich sie von Bahnhöfen im Westen
Deutschlands kenne. Uns gegenüber stehen eine Menge geschlossener
Viehwaggons, ebenfalls ein Transportzug für Kriegsgefangene. Wir
erkennen dies an den mit Stacheldraht zugenagelten Luftklappen. Wir warten
und warten, bis dann unsere Waggontür aufgerissen wird und wir auf die
andere Seite des Bahnsteigs müssen. Es gilt wieder einmal schnell alles
zusammenzuraffen, damit ja nichts liegen bleibt. Wir müssen in den uns
direkt gegenüberliegenden Waggon einsteigen, und schon geht der übliche
Kampf um die Plätze los. Rudolf und ich sind jung und flink und wir
halten zusammen. Nur so gelingt es uns auf der linken oberen Pritsche,
gleich vor der Luftklappe zwei Plätze nebeneinander zu finden, während
unten der Kampf um die restlichen Plätze weitergeht. Wir haben Glück,
denn unser Waggon ist kleiner als die anderen und es passen nur 50 Leute
hinein. Die meisten Waggons, russische 60 Tonner, sind so groß, daß sie
100 Gefangene aufnehmen können. Es
dauert eine ganze Zeit bis alle Gefangenen umgeladen sind. Wir stellen
gleich fest, daß auch diese Waggons nach dem gleichen Schema eingerichtet
wurden. Im Waggon ist es recht dunkel, aber es gelingt mir, die Luftklappe
etwas nach außen gegen den Stacheldraht zu drücken und so haben wir
dennoch, direkt vor unserem Lager, etwas Licht. Ein Glück, daß die
Klappe außen nicht verriegelt war. Auf den Pritschen und darunter kann
man nicht stehen, man kann sich nur aufsetzen, weil die Kopffreiheit durch
das Waggondach und unten durch die Pritsche begrenzt ist. Stehen kann man
nur in der Mitte, da wo auch das Kloloch ist, und selbst hier können
höchstens 15 Leute stehen. Als sich der Zug endlich in Bewegung
setzt, wissen wir, daß wir jetzt Breitspur unter den Rädern haben, und
daß wir eine weite Reise vor uns haben. Rudolf
und ich haben das Glück, daß wir während der Fahrt neben der Luftklappe
etwas vorbeischauen können. So sehen wir, daß nordöstlich von Königsberg,
aber auch schon vorher, die Russen neben der Bahn, besonders in der Nähe
von Bahnhöfen, Maschinen aus der Landwirtschaft, aus der Industrie und
auch Teile von Flugzeugen zusammengetragen
haben. Sie sind mitunter dem Regen ausgesetzt und sollen alle nach Rußland
abgefahren werden. Im östlichen Teil von Ostpreußen sehen wir noch
einige Leute auf einem Acker arbeiten, während in weiten Teilen das ganze
ehemalige deutsche Land recht leer an Menschen ist. Wir sehen aber auch
die schöne und waldreiche Landschaft und besonders die großen Seen haben
es uns angetan, denn zu Hause in meiner Heimat gibt es kaum solche Gewässer,
höchstens einmal einen Stausee. Wir
sind schon einige Tage auf den Gleisen der russischen Breitspur unterwegs,
als in der Dunkelheit plötzlich die linke Pritsche, auf welcher auch
Rudolf und ich liegen, herunterkracht und mit voller Last, einschließlich
der darauf liegenden Menschen, auf die Untenliegenden fällt. Lautes
Schreien und Stöhnen und auch Streit sind die Folge, denn jetzt reicht
der Platz nicht mehr aus, daß alle liegen können. Die Leute streiten
weiter, aber keiner denkt einmal daran, was nun zu tun wäre und wie es
weiter gehen soll. Es ist das erste Mal, daß ich mit ansehen muß, wie
eine größere Anzahl an Menschen und insbesondere die Älteren sich wie
Herdentiere benehmen und nur noch drücken und drängeln, und das alles in
fast völliger Dunkelheit. Diese Erfahrung muß ich später noch öfter
machen, und ich bin froh, daß ich anders bin. Ich rede kurz mit Rudolf,
und dann müssen wir durch noch lauteres Schreien den anderen erst einmal
beibringen, daß ich wahrscheinlich eine Lösung für unser Problem habe,
daß ich wenigstens versuchen werde die zerstörte Pritsche wieder zu
erneuern. Es
dauert eine geraume Zeit bis sich die Gefangenen unseren Anweisungen fügen
und sich in der anderen Hälfte des Waggons so zusammendrängen, daß ich
Platz zum Arbeiten habe. Meine Überlegungen gehen dahin, daß ich mit dem
gleichen Material, den gleichen Brettern und Nägeln und in relativer
Dunkelheit, alles wieder aufbauen muß. Ich muß also technisch besser
arbeiten, als die Leute, welche diese Pritschen gezimmert hatten. Ich weiß,
daß ich keine zusätzlichen Nägel zur Verfügung haben werde, aber ich
weiß auch, daß ich in meinem Gepäck eine schwere Beißzange habe,
welche ich damals in Graudenz den Russen weggenommen hatte, die
wahrscheinlich jeder andere liegengelassen hätte. Ich
habe mir viel vorgenommen und darf jetzt die Mitgefangenen nicht enttäuschen.
Rudolf hilft mir dabei, alle Nägel aus den Brettern der Waggons zu
ziehen, auch wenn sie inzwischen krumm sind oder schon vorher krumm
hineingeschlagen wurden. Besonders wichtig sind die waagrechten Hölzer,
welche die ganze Pritsche trugen und an den Seitenwänden des Waggons
angenagelt waren. Bei meinen Überlegungen komme ich darauf, daß ich alle
Nägel in einem anderen
Einschlagwinkel in die Wände und nur an Stellen, wo das Waggonholz
besonders fest ist, einschlagen muß. Vorher aber muß ich alle Nägel
erst einmal gerade klopfen, und das ist mit einer Zange gar nicht so
leicht, und einen Hammer habe ich nicht. Mit
viel Geduld gelingt es mir das erste tragende Holz an der Wand
anzuschlagen. Ich bin zufrieden und die Leute im Raum beruhigen sich immer
mehr, sie stehen und staunen, vielleicht auch mit einem bißchen Mißtrauen.
Es gelingt mir auch, das zweite Tragholz anzunageln, aber schon entsteht
Unruhe auf der anderen Seite. Rudolf und ich sind gerade dabei die
waagrechten Bretter aufzulegen, da kommen schon die ersten, wollen uns zur
Seite schieben und sich einen Platz erobern. Wir müssen Gewalt einsetzen,
um die Leute zurückzuhalten, bis alles fertig ist. Wir müssen auch
sicherstellen, daß wir unsere alten Plätze wieder bekommen. Dabei wäre
alles so einfach gewesen, wenn jeder wieder seinen alten Platz eingenommen
hätte. Aber so eine Überlegung kann ich vergessen, denn in
Gefangenschaft herrschen andere Regeln. Jedenfalls hat diese Pritsche alle
Stöße und Belastungen bis nach Sibirien ausgehalten. Ein
paar Tage später, wir stehen wieder einmal in einem Wald, als russische
Posten unsere Waggontür aufreißen und Noschik (Messer) schreien. Sie
haben ein kleines Säckchen in der Hand und wollen alle Messer einsammeln,
nachdem sie gesehen haben, daß einige Gefangene kleine Löcher in die Türen
geschnitzt haben, um nach draußen sehen zu können und um festzustellen
zu können, wohin die Reise geht. Es ist auch gar nicht so einfach dreißig
Tage in einem dunklen Raum sitzen zu müssen. Die Leute, welche die Löcher
geschnitzt haben, hätten jedoch damit rechnen müssen, daß die Russen
das sehen. Wie ängstlich die Russen sein können, haben wir ja oft genug
gesehen. Nachdem die Posten alle Messer ein-gesammelt haben - das glauben
sie wenigstens - schließen sie die Türen, und wir denken, es ist alles
gut abgegangen. Es
dauert nicht lange und sie reißen die Türen erneut auf und diesmal sind
sie recht grob. Wir müssen alle von der linken Seite des Waggons sofort
auf die rechte Seite hinüber wechseln. Ein Posten kommt in den Waggon und
steigt oben auf unsere Pritsche, da wo ich sonst liege. Unser Gepäck mußten
wir alle an unseren Plätzen liegen lassen. Ich
bin der erste, den er zu sich herüberholt. Ich hatte vorher jedoch keine
Zeit mehr, um noch etwas verstecken zu können, bevor wir nach rechts mußten.
Nur meinen Hirschfänger, ein großer Dolch, den ich auch in Graudenz
mitgehen ließ, konnte ich noch in meinem linken Ärmel verschwinden
lassen. In dem Moment, da ich mich vor dem Russen hinknien muß, reiße
ich meine Arme hoch, mit einem leichten Schwung nach vorne, so daß der
Dolch aus meinem linken Ärmel an dem Russen vorbei fliegt und hinter ihm
zu liegen kommt, so wie ich es auch beabsichtigt hatte. Das war mein Glück.
Denn hätte er mir diesen Dolch aus der Jacke geholt, wäre das sehr
schlecht für mich gewesen. Ich
muß ohne zu zögern meinen Tornister aufmachen. Da kommen das Messer mit
den Horngriff, eine Schere und die große Beißzange zum Vorschein. Der
Russe nimmt mir alles weg und selbst meine Nadeln will er auch noch haben.
Das übrige läßt er mir. Doch als er aufstehen will, sieht er den Dolch
hinter sich. Ich denke, daß ich jetzt aus dem Zug geholt und erschossen
werde. Der Tod des Ostpreußen war ja noch nicht lange vorüber. Der
Posten wird sehr wütend, er droht mir und schreit mich laufend an, so daß
die übrigen Gefangenen im Waggon auch auf mich schimpfen und mir sogar
drohen. Sie haben Angst, daß auch sie darunter zu leiden hätten. Eigentlich
habe ich schon innerlich mit meinem Leben abgeschlossen, als mir auffällt,
wie der Russe den einmalig schönen Hirschfänger mit den vielen
Einlegearbeiten anschaut. Es fällt mir auf, daß der Posten ständig zu
seinen Vorgesetzten und dann wieder auf den Dolch schaut. Scheinbar kämpft
er innerlich mit sich selber, ob er
Meldung machen soll oder nicht. Zu guter Letzt schaut er nur noch auf den
Dolch, er droht mir noch einmal und steckt den Dolch dann ein. Hätte er
Meldung gemacht, wäre er den Dolch an die Vorgesetzten losgeworden.
Dadurch, daß er den Dolch einsteckte, war mein Leben gerettet. Den
Mitgefangenen habe ich aber nicht vergessen, daß sie mich bei diesem
Vorfall am liebsten gelyncht hätten. Daß ich mit der jetzt
entschwundenen Beißzange ihnen so viel Gutes getan hatte, spielte nun
auch keine Rolle mehr. Die Russen haben noch einmal, man glaubt es kaum,
ein halbes Säckchen voller Messer erbeutet. Nach diesem Vorfall werden
wir auf der ganzen Fahrt nicht mehr durchsucht. Nachdem
wir Ostpreußen verlassen haben, geht
unsere Fahrt durch das Memelgebiet nach Litauen. Hier werden die Wälder
immer größer. Wir erkennen an den schmucken und bunten Holzhäusern, daß
wir weiter nach Norden fahren, quer durch Litauen. Irgendwann sind wir
dann auf russischem Gebiet und haben gar nicht gemerkt, wo die Grenze
zwischen den baltischen Staaten und der Sowjetunion verlief. Man sieht
kaum noch Ortschaften, und die Wälder scheinen endlos zu sein. Sie sind
dichter, und es gibt viele, viele Birken entlang der Bahnstrecke. Wir überqueren
Flüsse und staunen über gewaltige Holzbrücken, die imstande sind die
enormen Lasten der russischen Breitspurbahn mit ihren 60-Tonnen
Waggons zu tragen. Bis
jetzt sind wir gut vorangekommen, und es gibt uns zu denken, als wir jetzt
immer öfter auf Güterbahnhöfen umherstehen müssen. Dabei wären wir
froh, bald am Ziel zu sein oder aussteigen zu können. In den Nächten ist
es recht kalt in den Waggons, und wenn man wirklich einmal eingeschlafen
ist, gibt es einen gewaltigen Donner, einen Stoß, so daß man fast von
der Pritsche fällt. Eine Rangierlok hat uns wieder einmal ein paar Meter
weitergeschoben und das häuft sich immer mehr. Die Lokführer der
Rangierloks wissen scheinbar nicht, daß in den Waggons Menschen sind. Man
kann auch nicht behaupten, daß die Russen bei ihrer Arbeit diszipliniert
vorgehen. Die
Tage vergehen, und wir sind immer noch in dem fast dunklen Käfig
eingesperrt, als auf der vorderen Seite des Waggons, auf
der uns gegenüberliegenden Pritsche ein Landser anfängt sich an
allen Ecken und Enden zu kratzen und zu jucken. Wir ahnen nichts Gutes und
tippen auf Kleiderläuse. Wir sollten recht behalten. Ein Glück, daß wir
am anderen Ende des Waggons liegen. Ein kleiner Trost. Doch von Tag zu Tag
kratzen sich immer mehr Leute und die Läuse kommen immer näher. So
bleibt es nicht aus, daß auch Rudolf und ich anfangen zu kratzen. Es ist
besonders unangenehm, weil wir nicht einfach aufstehen können, was nur möglich
ist, wenn die Leute in der Mitte des Waggons aufgestanden sind. Es ist der
einzige Platz, an dem man gerade stehen kann. Überhaupt haben es die
Leute, die auf dem Waggonboden liegen, wesentlich schwerer, denn der Boden
und ihr Lager ist von unten her kälter als unsere Pritschen. Wir
nähern uns allmählich dem Ural-Gebirge, welches für sein besonders
schlechtes, kaltes und rauhes Klima bekannt ist. Aber vorher überqueren
wir noch die Kama, einen der Hauptquellflüsse der Wolga. Die Wolga(Volga)
haben wir schon vor einiger Zeit ganz im Norden überquert, und jetzt
fahren wir über die Kama. Sie ist auch ein stattlicher und breiter Fluß.
Die sehr große Eisenbahnbrücke über die Kama, ist ebenfalls ganz aus
Holz und verdient alle Hochachtung. Besonders die Baumeister und Erbauer
dieser in Europa wohl einmaligen Brücken verdienen allen Respekt. Wir
fahren nicht die meistbefahrene Route von Moskau über Ufa nach Celjabinsk
zur Transsibirienstrecke, sondern wesentlich weiter nördlich über Kiro
und Perm (am Ural) nach Vergaturi (Verhoture) in Sibirien. Als
wir durch das Ural-Gebirge fahren, liegt schon Schnee, und wir
sehen, daß an den Bäumen viele Flechten wachsen und in Bärten herunterhängen.
Es gibt hier viele Birken, und das Klima ist in dieser Gebirgsregion
besonders menschenfeindlich. Der Ural trennt bekanntlich Europa von
Sibiriren, und die Grenze liegt auf dem Kamm des Gebirges. In
diesem Gebiet befinden sich die schlimmsten russischen Straflager, weil
hier die Menschen durch das schlechte Klima nur eine geringe Überlebenschance
haben. Wir sind froh, als wir diese Gegend hinter uns haben, denn wir
haben in den kalten Waggons sehr gefroren. Hinter dem Ural hört der
Schnee wieder auf, aber das Klima ist hier auch nicht viel besser, denn
wir kommen jetzt in das Gebiet der Wetterscheide zwischen dem inneren
Sibirien und dem Ural. Während das innere Sibirien ein trockenkaltes
Klima hat, ist der Ural naß und kalt. Hinter dem Ural stoßen zwei
Klimazonen aufeinander, und so entsteht in dieser Region ein besonders
ungesundes Klima, welches gerade im Winter von Nachteil ist. Hier gibt es
viel Schnee, aber auch strenge Kälte bis minus 60 Grad, und gerade die
Luftfeuchtigkeit bei strenger Kälte ist sehr gefährlich. Bei diesem
Klima ist es nicht verwunderlich, daß in den Lagern die sehr ansteckende
offene Tuberkulose grassiert. Wir
befinden uns jetzt in dem Gebiet, in dem schon die russischen Zaren ihre
Straflager hatten und wo heute noch mehr Lager gebaut werden, nachdem die
Russen fast ihre gesamte Rüstungsindustrie
aus strategischen Gründen hinter den Ural verlegten. Hier werden neue Städte
aus dem Boden gestampft und neue Bahnlinien durch den Urwald der Taiga
verlegt. Hier liegen unermeßliche Bodenschätze, aber hier gibt es auch
einen großen Reichtum an Holz in unberührten Urwäldern. Für die hier
anfallenden Arbeiten werden eine Menge an Strafgefangenen und deutschen
Kriegs-gefangenen gebraucht. Freiwillig geht hier kaum jemand hin und
selbst die Russen, die hier in den Orten oder Städten leben, sind
entweder entlassene Strafgefangene oder die Kinder dieser Leute, denn
niemand durfte diese Gegend jemals wieder verlassen. Auch viele deutsche
Kriegsgefangene aus dem ersten Weltkrieg waren hier eingesperrt und
mancher liegt auch hier begraben. Wir
sind schon in der Nähe unseres Zielortes, das spüren wir. Wir bereiten
uns allmählich auf das Verlassen der Waggons vor, indem wir unsere paar
Sachen zusammenpacken, denn wir werden ebenfalls in diesen abgelegenen
Straflagern verschwinden und das möglicherweise für immer.
Lager
Vergaturi
Unser
Zielort ist Vergaturi an der oberen Tura. Die Tura ist ein langer Fluß,
der nach Norden fließt und bei Serginskij in den großen Ob mündet.
Dieser wiederum fließt in das Eismeer. Die Russen sagen, daß in der Tura
Gold gewaschen wird und daß der Fluß auch ein sehr fischreiches Gewässer
sei. Vergaturi ist ein etwas größerer Ort, der an der zweigleisigen
Bahnstrecke von Sverdlovsk nach Karpinsk im Nord-Ural liegt. Hier sind die
großen Kohlengruben, in denen beste Speckkohle im Tagebau abgebaut wird.
Man sagt, daß die Vorkommen fast unerschöpflich sein sollen. Als
wir ankommen, ist der Himmel grau und es weht ein eisiger Wind. Der ganze
Eindruck von dieser Gegend läßt schon ein Gefühl von Einsamkeit und
Abgeschiedenheit aufkommen. Es ist eine schwermütige Landschaft. Wir
kommen uns vor wie am Ende der Welt. Hier ist bereits richtiges Spätherbstwetter,
und man hat den Eindruck, daß schon Schneewolken am Himmel sind. Ja, in
Sibirien fängt der Winter schon im September an, und es ist bereits
Anfang September. Unser
Gefangenentransport wird ein Stück abseits vom Ort, schon am Rande des
Urwaldes, der Taiga, vor dem Zaun eines großen Sägewerkes abgestellt. In
circa 200 Metern sehen wir den Zaun eines Straflagers. Wir haben zu dieser
Zeit noch nicht die geringsten Vorstellungen, wie so ein Lager aussehen könnte.
Denn über solche Einrichtungen, in denen Menschen bis zum bitteren Ende
gequält werden, war in unseren Schulen und zu Hause nichts bekannt. Schon
der Zaun, den wir vom Waggon aus sehen können, sieht wie ein Fort im
„Wilden Westen“ von Amerika zur Zeit der Besiedlung aus. Lauter oben
angespitzte hohe Pfähle, dicht aneinander gereiht, umschließen das
Lager. Sie stehen so dicht, daß man nicht einmal einen Blick hindurch
werfen kann. An den Ecken stehen von Posten besetzte hohe Wachtürme, an
denen circa 1 Meter lange Eisenbahnschienen herunterhängen. Vor und
hinter dem Holzzaun sind mehrere Meter breite Streifen, die man nicht
betreten darf. Es wird sofort geschossen, wenn das jemand vergißt. Diese
Streifen werden ständig umgepflügt und so geharkt, daß die Erde immer
locker ist und die Russen sehen können, ob jemand abhauen wollte oder
abgehauen ist. Wir
müssen noch eine ganze Zeit im Waggon warten und sind überrascht, als
wir feststellen, daß das Lager noch besetzt ist. Ein ganzer Zug von
zerlumpten russischen Strafgefangenen, Männer und Frauen durcheinander,
kommen heraus und werden zu einer Stelle rechts vom Lagereingang
dirigiert. Es ist kurz vor Mittag, und sie haben anscheinend noch nichts
gegessen. Endlich
werden unsere Waggontüren weit aufgerissen, und wir müssen aussteigen.
Da die Gleise etwas höher als der Boden liegen, müssen wir vom
Waggonboden aus etwas mehr als einen Meter hinunter auf das Gelände. Ich
fühle mich als junger Mensch noch gesund und möchte auch diesmal bei den
ersten Kriegsgefangenen sein, die im Lager einrücken werden. Ich beschließe
einfach, mit dem Tornister auf dem Rücken hinunterzuspringen. Gesagt,
getan, und ich liege längs auf dem harten Boden, mit dem Gesicht nach
unten. Die Beine haben mich einfach nicht mehr getragen, was in dem
ausgehungerten Zustand und bei der langen Fahrt auch kein Wunder ist. Ich
bin jedoch nicht der einzige, der hingefallen ist. Es liegen fast vor
jedem Waggon Leute, denen es genauso ergangen ist. Wir müssen wieder
einmal antreten, und unser Zug bewegt sich langsam in Richtung Lager,
vorbei an den russischen Strafgefangenen. Als ich in die Gesichter dieser
Leute schaue, die bestimmt viele Jahre oder sogar lebenslänglich Sibirien
haben, verschlägt es mir fast den Atem. In ihren Gesichtern kann man ihr
ganzes Schicksal und ihren gebrochenen Lebenswillen ablesen. Sie müssen
wieder einmal umziehen, damit wir in ihr Lager einrücken können. Auch für
die Strafgefangenen sind wir ein ungewohnter Anblick und vielleicht hat
der eine oder der andere von ihnen sogar ein bißchen Mitleid mit uns,
denn sie wissen, was uns noch bevorsteht. Rudolf
und ich sind bei den ersten die das Lager betreten, denn es geht darum,
einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Wir möchten außerdem
zusammenbleiben, denn nur wenn man sich zusammentut, hat man eine Chance
zu überleben. Da wir noch jung sind, und seelisch noch nicht so fertig
wie die älteren Gefangenen, weil wir schnell und
gut reagieren, haben wir Vorteile, und sei es nur bei dem Kampf um
einen Schlafplatz. Es gibt aber auch noch manche andere Situation bei der
eine Zusammenarbeit sinnvoll ist, zum Beispiel bei der Arbeit oder der
Suche nach etwas Eßbarem. Auch hierbei können wir uns gegenseitig
unterstützen. Nachdem
wir einen Schlafplatz, eine Pritsche nur aus Brettern, gefunden haben,
wird diese schnell durch das Ablegen unserer verbliebenen Sachen markiert.
Meine Freunde und ich passen darauf auf, daß niemand uns den Platz
streitig macht, wenn man aus irgendeinem Grund einmal die Baracke
verlassen muß. Wir werden auch hier nur auf dem harten Boden oder auf
harten Brettern schlafen, so wie wir es bis jetzt an allen Tagen der
Gefangenschaft getan haben. Unsere Körper haben schon an den Stellen an
denen wir seitlich aufliegen eine dunkelbraune Haut. Sie ist hart wie
Leder. Doch es soll noch schlimmer kommen. Wir werden auch in den nächsten
zwei Jahren noch so liegen. Bevor
die Mehrzahl der Gefangenen das Lager betreten kann, suche ich schon
innerhalb des Lagers nach etwas Eßbarem. Ich habe recht schnell eine
Baracke ausfindig gemacht, die aussieht, als könnte hier so etwas wie
eine Küche sein. Ich betrete das Gebäude durch einen Seiteneingang und
komme in einen Raum, der wohl der Eßraum ist. Auch dieser Raum ist noch
aus der Zarenzeit und sieht entsprechend aus. Ich staune nicht schlecht,
als ich durch eine Art Durchreiche einen Russen an einem Kessel stehen
sehe. Der Kessel hat die Größe einer Feldküche, und es tritt noch Dampf
nach oben aus. Da scheint noch etwas drinnen zu sein, denke ich so vor
mich hin, als der alte Russe am Herd sich umdreht und mich ansieht. Der
Koch ist nicht groß, aber rund, halt wie die meisten Lagerköche noch
recht gut genährt. Seine
Haare sind kurz geschnitten und stehen hoch. Er guckt mich aus großen
aber freundlichen Augen an. Ich kann noch kein Wort russisch, und so mache
ich ihm mit Gesten, indem ich mit meinen Händen zum Mund fahre, verständlich,
daß ich großen Hunger habe. Es ist kaum zu glauben, aber der alte Mann
gibt mir in einer Holzschale etwas Haferbrei, etwas Kascha. Er hat
wohl Mitleid mit mir, weil ich noch so jung bin. Als ich aber noch einmal
bettele, habe ich kein Glück mehr, denn das Essen ist für die Russen die
draußen am Tor warten. Ich werde diesen alten Mann aber immer in guter
Erinnerung behalten. Die
übrigen deutschen Gefangenen bekommen an diesem Tag nichts mehr zu essen,
denn wir müssen gleich, noch am Ankunftstag, das Lager verlassen und
werden zum Ausgraben von Kartoffeln hinter das Lager geführt. Hier sind
zwischen langen und breiten Hecken sowie anderem Gehölz auf lehmigem
Boden, auf relativ kleinen Flächen, Kartoffeln angebaut worden. Hinter
diesen nicht zusammenhängenden Ackerflächen beginnt schon der Wald. Es
weht ein eiskalter Wind und die braunen Blätter an den Büschen rascheln
laut und fliegen zwischen uns hindurch. Wir haben nur unsere dünne
Wehrmachts-Sommerkleidung an und frieren erbärmlich. Ich habe noch
meine Fallschirmjägerjacke, aber sie ist auch nicht dicker. Während der
Fahrt haben wir in den Waggons den Wind doch nicht so stark abbekommen.
Jetzt sind wir jedoch von der Kälte schon ganz steif geworden. Wir
haben damit gerechnet, daß man uns Spaten oder Grabgabeln für unsere
Arbeit aushändigt, aber weit
gefehlt. Wir erfahren zum erstenmal, was es heißt, unter sibirischen Verhältnissen
und unter primitivsten Bedingungen zu arbeiten. Wir bekommen zum Graben
statt einer Grabgabel nur Holzspachteln ausgehändigt. Sie sehen aus wie
die kleinen Spachteln, die man zu Hause für das Abkratzen eines Spatens
verwendet hat. Sie sind etwas länger, vielleicht so 60
oder 70 cm und sind auch aus Holz. Wir müssen uns bücken, um den
Boden zu erreichen. Man muß mit dem Handballen das Holz in den Boden drücken,
um die Kartoffeln heraushebeln zu können. Schon
nach kurzer Zeit hat man Blasen an den Händen, und bei manchem Gefangenen
bluten schon die Hände. Besonders schlimm ist es für Leute, die früher
nicht körperlich gearbeitet haben und deren
Hände noch weich sind. Die Ausbeute an Kartoffeln ist gering, und
die Posten wollen einfach nicht glauben, daß in dem harten Lehmboden
nicht mehr drin ist. Die Posten schreien und schlagen immer mehr auf die Rücken
der Gefangenen ein. Gar mancher fällt schon vor Schwäche um. Aber mehr
Kartoffeln gibt es trotzdem nicht. Nach drei Tagen haben auch die Russen
die Nase voll. Die Felder sind alle umgewühlt. Wir können zurück ins
Lager. Am
nächsten Morgen ist erst einmal Zählappell. Wir müssen uns alle im
Lagerhof in Fünferreihen aufstellen. Es ist eine lange Kolonne vom
Lagertor bis zum Lagerende. Vor uns stehen die russischen Posten und haben
Brettchen und Kreide in der Hand. Das große Zählen beginnt. Bei jeder
Reihe machen sie einen Strich. Haben sie fünf Reihen gezählt, dann
machen sie einen Querstrich auf dem Brettchen. So geht es bis zum Ende des
Zuges. Haben sie fünf Querstriche gemacht, dann werden diese mit einen
erneuten Strich addiert. Es dauert sehr lange, bis sie eine Gesamtsumme
gefunden haben. Doch ein jeder der Zähler hat ein anderes Ergebnis. Sie
streiten miteinander und fangen wieder von vorne an zu zählen, und so
geht es noch lange. Wir stehen uns die Beine in den Bauch und sind froh,
als sie endlich aufgeben. Anscheinend können die Posten immer nur bis fünf
zählen. Jetzt ist beim Zählappell die Temperatur noch erträglich, aber
im Winter bei minus 40 Grad und mehr, soll das noch anders werden. Dann
stehen wir oft eine halbe Stunde und mehr auf einer Stelle und frieren. Nachdem
das Zählen beendet ist, geht es zum Sägewerk, unserer zukünftigen
Arbeitsstelle. Der Weg ist nicht weit, und wir erreichen bald das große
Tor des eingezäunten und weitläufigen Geländes. Eine Unmenge Holz liegt
hier umher. Die Baumstämme aus dem nahen Urwald sind zu hohen Bergen
aufgestapelt. Wir stellen jedoch bald fest, daß das was wir sehen gar
kein richtiges Sägewerk ist, sondern eher ein Verladeplatz für Baumstämme,
für Grubenholz und für Holzkohle. Ja, es gibt hier eine große Köhlerei
mit 4 langen, gemauerten Meilern. Die Öfen sind gewölbt und werden von
unten beheizt. Der Holzverbrauch für diese großen Brennöfen scheint
enorm zu sein. Weiter hinten auf dem Gelände gibt es noch eine Ziegelei,
die ebenfalls mit Holz als Brennmaterial betrieben wird. Ein
Gleis der russischen Breitspurbahn führt erst gerade, und dann weiter
hinten in einem leichten Linksbogen über den gesamten Platz bis zur Köhlerei.
Die Gleise einer Schmalspurbahn verlaufen in einem gleichbleibenden
Abstand von circa 10 Metern zu den Gleisen der Breitspur, ebenfalls bis
zur Köhlerei. Sie haben aber schon ein Stück vorher eine Weiche, von der
aus die Gleise nach rechts an der Ziegelei vorbei zum
Sägewerk 2 und von dort in den Urwald hineinführen. Wer
aber in dem vermuteten Sägewerk nach einem Gatter oder sonstigen
motorbetriebenen Sägen sucht, wird enttäuscht, denn das gesamte Holz
wird von Hand geschnitten. Das Ganze ist bei den Unmengen an Holz, die
hier angefahren und verbraucht werden, eine richtige Sklavenarbeit, eine
Arbeit, die wir in Zukunft leisten müssen. Dazu kommen noch die schweren
Verladearbeiten, und das bei unseren ausgezehrten Körpern. Wir
werden in Gruppen eingeteilt und den einzelnen Arbeiten zugeordnet. In
unserer Gruppe bekommt jeder
eine Handsäge mit einem hölzernen Bügel. Die Säge ist eine recht
eigentümliche Konstruktion. Das Sägeblatt ist ein amerikanisches
Hobelzahnblatt. Ein solches Blatt hatte ich vorher noch nie gesehen. Ein
jeder muß seinen Stamm alleine mit dieser Säge durchschneiden, immer zu
Rollen von einem Meter Länge, die dann später auch noch zu spalten sind.
Da diese Stämme aber oft bis zu einem Meter und mehr dick sind, ist es
immer wieder erforderlich, den Stamm von mehreren Seiten einzusägen.
Trotz der großen Bügelsägen müssen die Stämme, die ca. 5 Meter lang
sind, mit Hilfe von Mitgefangenen dabei gedreht werden. Das Drehen ist
sehr gefährlich, und wir müssen aufpassen, daß niemand dabei ein Bein
bricht oder sich sonst irgendwie verletzt, denn das könnte einem
Todesurteil gleichkommen. Es gibt keine medizinische Versorgung und nicht
einmal Schmerzmittel. Für die Russen ist man nach einem schweren Unfall
als Arbeitskraft meistens wertlos, weil man bei der anstehenden Arbeit
nicht mehr eingesetzt werden kann. Schrotsägen
für zwei Mann gibt es ganz selten, und ich muß sagen, daß diese
Hobelzahnblätter sehr gut schneiden, solange sie neu sind. Es ist immer
noch besser, mit diesen Handsägen zu sägen, als sich mit einem Partner
an der Schrotsäge abzuquälen. Mit einem Partner, der nicht sägen kann,
weil er zu fest auf die Säge drückt.
Das eigentliche Problem beginnt
aber erst, wenn das Sägeblatt einmal stumpf ist und geschärft werden muß.
Da haben sich Leute als „Schärfexperten“ ausgegeben, die es wahrlich
nicht sind und nur die Blätter unbrauchbar machen. Wenn man dann sägt, läuft
das schmale Blatt nach der Seite bis es waagrecht steht und ein Sägen unmöglich
wird. Neue Blätter sind fast nicht zu bekommen, und man weiß nicht, wie
man dann noch seine Norm erfüllen kann. Von der Norm, eine bestimmte
Menge an Holz zu schneiden, hängt es oft ab, ob man überhaupt etwas mehr
als die Mindestmenge zu essen bekommt oder nicht. Die russischen Aufseher
im Sägewerk kontrollieren genau, ob man seine Norm auch wirklich erfüllt
hat. Schon
einige Tage rackern wir uns auf dem Holzplatz ab und abends, wenn es
dunkel wird, ziehen wir mit einem Stück Holz unter dem Arm auf wackeligen
Beinen zum Lager. Als Öfen haben wir umgebaute Benzinfässer in den
Baracken, manchmal auch einen gemauerten Ofen. Wir können uns ein bißchen
Feuer machen, um unsere nasse Kleidung zu trocknen. Als
ich am ersten Abend zu meiner Pritsche komme, muß ich feststellen, daß
man mir schon am ersten Tag meine schöne und große Wehrmachtsdecke
gestohlen hat. Wir waren alle an der Arbeit, und die Sachen lagen
unbeaufsichtigt auf der Pritsche. Es hat jetzt aber keinen Sinn mehr, darüber
nachzugrübeln, ob die Russen oder eigene Mitgefangene mir das angetan
haben. Doch vor Wut und vor Hilflosigkeit verkaufe ich in den nächsten
Tagen alles, was ich sonst noch habe, mein Vergrößerungsglas, meine
Brieftasche und alles andere für ein Stückchen Brot an die Russen im Sägewerk. Nach
diesem Verlust weiß ich jetzt, daß ich in der nächsten Zeit jede Nacht
frieren muß, denn die Tage werden immer kälter. Ich habe nur noch das,
was ich am Körper trage. Das rotkarierte Geschirrtuch, sowie mein kleiner
Kochtopf sind mir noch geblieben. Mit dem Geschirrtuch werde ich mich von
jetzt an jede Nacht zudecken. Es reicht aber nur für das Gesicht. Man
kann darunter abschalten und an zu Hause
denken. Ohne dieses Tuch ist es schlecht möglich, denn in der
Baracke ist es sehr laut. Man kann zwar den Lärm nicht verhindern, aber
man möchte einfach alleine sein und das Tuch wirkt wie ein Vorhang. Da
gibt es welche, die stöhnen, weil sie krank sind und Schmerzen haben.
Andere heulen, weil sie Heimweh haben und wieder andere streiten sich
mitunter um Kleinigkeiten, denn die Nerven der meisten haben sehr gelitten
und selbst auf dem Holzplatz setzt sich das fort. Die Menschen schreien
sich an und ein jeder möchte jeden umbringen. Sie stehen mit erhobenen Äxten
voreinander und man glaubt, daß sie jeden Moment zuschlagen werden, aber
es bleibt bei den Drohungen, es sind halt nur die Nerven. Seite 95-104
Das
Jahr 1945 ist zu Ende gegangen, und ich habe außer der Ruhr bis jetzt
noch keine neuen Krankheiten oder einen schwereren Unfall gehabt. Doch
seit ein paar Tagen habe ich hohes Fieber und starke Kopfschmerzen. Ich
bin schon einige Tage im Lager und habe immer noch Fieber. Gestern hörte
man im Sägewerk, daß unser Lager aufgelöst werden soll. Wir glauben, daß
es nur wieder einmal eine Parole ist. Doch das ist ein Irrtum, denn
inzwischen wissen wir von den Russen, daß es wahr ist. Mit
Schrecken denke ich daran, was jetzt aus mir werden soll, denn ich bin
doch sehr krank und könnte einen Transport nicht verkraften. Man sagt, daß
die Todkranken in der Sanitätsbaracke mit dem Zug weggeschafft werden
sollen. Später werden wir auch wirklich nie mehr etwas von ihnen hören.
Alle übrigen Lagerinsassen müssen laufen. Unser Weg wird durch den
Urwald bis zu einem weit entfernten Holzfällerlager führen. Am
9. Januar 1946 geht es wirklich los. Ich werde dieses Datum in meinem
Leben nie mehr vergessen. Wir müssen uns mitten im Lager mit unseren paar
Habseligkeiten sammeln. Dann geht es zum Sägewerk, wo schon die offenen
Waggons - die Plattformen, mit denen sonst das Holz aus dem Urwald
angefahren wird - auf uns warten. Ich kann mich nicht alleine auf den
Beinen halten und bin froh, daß mich zwei Freunde unter den Armen beim
Laufen stützen. Am Morgen haben wir noch das übliche Stückchen Brot
bekommen, aber nichts für den langen Marsch. Ich trage noch meinen
Tornister und habe meine Sommersachen, die restlichen Wehrmachtskleider
und meinen kleinen Kochtopf dabei. Meine Decke wurde mir ja am ersten Tag
im Lager gestohlen. Auf
die Pritschenwagen der Schmalspurbahn haben einige Mitgefangene ein paar
kurze Holzklötze hochkant hingestellt. Sie sollen als Sitzgelegenheit
dienen. Doch die reichen bei weitem nicht aus, so daß alle sitzen können.
So kommt es also dazu, daß viele auf dem kalten Boden sitzen müssen,
wenn sie nicht etwas Gepäck haben, um sich darauf zu setzen. Es
ist ein kalter Morgen, so um die 40 Grad minus. Es ist leicht dunstig, und
man sieht doch schon, daß es ein sonniger Tag werden wird. Als die Sonne
am Horizont hochkommt, geht die Fahrt los. Je heller die Sonne scheint, um
so mehr blendet uns die Schneedecke. Alles funkelt, und wir müssen die
Augen schon etwas zukneifen. Der Schnee liegt, eigentlich wie immer in
dieser Region, etwas mehr als einen Meter hoch. Obwohl draußen nur ein
leichter Wind weht, frieren wir sehr. Das kommt vom Fahrtwind, der bei
minus 40 Grad wie mit einem Messer
in unsere Gesichter schneidet. Die
Wagen haben kein Geländer, und so müssen wir uns aneinander oder an
irgend etwas anderem festhalten, doch das geht nur schwer, weil die Arme
schnell von der Kälte steif werden. Wir haben zwar unsere Pelzmäntel an,
aber die halten nicht immer zusammen und manche Körperstellen sind dann
dem Fahrtwind ausgesetzt. Unter dem Mantel tragen wir noch die übliche
abgesteppte Wattekleidung - Jacke und Hose -, und oft schaut daraus die
blanke Watte hervor. So bleibt es nicht aus, daß wir ständig durch den
Funkenflug aus der Holzfeuerung der Dampflok zu brennen anfangen. Ein
kleiner Funke genügt, und schon entsteht durch den Fahrtwind ein
Brandherd. Erst qualmt es nur, aber dann entsteht eine offene Flamme. Wir
müssen uns gegenseitig beim Löschen helfen. Ja, die Lok verbrennt nur
Holz und hat am Schornstein keinen Rußfilter. So kommt es auch, daß im
Sommer die Wälder entlang der Schmalspurbahn häufig am Brennen sind. Die
Feuer werden nur selten gelöscht, weil der Wald einfach zu groß und weil
scheinbar auch noch genug Holz vorhanden ist. Irgendwann gehen die Feuer
dann von selber aus. Bei
der Abfahrt hatte ich Glück und konnte mich auf einen Holzklotz setzen.
Es geht mir jedoch schlecht. Das Fieber ist immer noch hoch. Ich habe
einen unwahrscheinlichen Durst. Das kommt bestimmt vom Fieber. Doch auf
dem Wagen haben wir kein Wasser. So bleibt mir nichts anderes übrig, als
kalten Schnee zu essen, von dem noch etwas auf dem flachen Wagenboden, auf
der Plattform liegt. Wir
sind schon an einem Arbeitslager vorbeigekommen und auch schon ein Stück
davon entfernt, als wir rechts neben der Bahn in einiger Entfernung vom
Lager Frauen beim Holzfällen sehen. Es sind unverkennbar deutsche Frauen.
Auch wenn sie dick eingepackt sind, können wir das zweifelsfrei
erkennen. Sie stehen im hohen Schnee und sägen - immer zu zweit - mit der
Schrotsäge die Bäume in einer Höhe ab, in der man noch aufrecht stehen
kann. Zu Hause wurden die Bäume ja immer am Boden abgeschnitten, doch
hier dürfen die Baumstümpfe höher sein und werden dann irgendwann beim
Abtransport des Holzes hindern. Die
Frauen unten im Wald tun mir leid. Was mögen die alles erlebt haben? Sie
waren doch Freiwild für die russischen Soldaten. Sie wurden
wahrscheinlich aus Ostpreußen verschleppt. Manche von ihnen sind im Krieg
Flakhelferinnen oder Arbeitsmaiden vom weiblichen Arbeitsdienst gewesen.
Manche hatte wohl eine Uniform an, als der Russe sie mitnahm. Diese Frauen
sind sicherlich schlechter dran als wir Männer, denn ihnen fehlen hier
in diesen Lagern die hygienischen Einrichtungen, auf die wir eher
verzichten können. Während ich mir so meine Gedanken mache, sind die
Frauen bereits unseren Blicken entschwunden. Es
geht weiter durch den endlosen Wald, und wir halten nicht einmal, um uns
ein bißchen die Beine zu vertreten, um uns ein bißchen aufzuwärmen. Wie
überall in den russischen Wäldern gibt es auch hier an dieser
Bahnstrecke eine Menge Birken. Mit ihrer Schneelast auf den Zweigen sehen
sie ganz hübsch aus. Es paßt einfach alles zueinander, auch wenn wir sie
lieber mit grünen Blättern sehen würden. Diese sibirischen Winter sind
für die Gefangenen in den Lagern besonders schlimm, weil sie sich bei der
strengen Kälte nicht frei bewegen können. Die Winter sind auch sehr lang
und dauern gewöhnlich von Mitte September bis in den Mai hinein. Es
ist schon später Nachmittag, als wir das Ende der Schmalspurbahn
erreicht haben, und ich denke, daß wir so an die 50 km - oder etwas mehr
- gefahren sind. Am Ende der Strecke liegt ein von einem hohen Zaun
umgebenes Waldlager. Aneinandergefügte und angespitzte hohe Pfähle
umgeben das ganze Lager. Nachdem
wir mit unseren steifgefrorenen Gliedern den Zug verlassen haben, laufen
wir geradewegs auf das geschlossene Lagertor zu. Da schon bald die Dämmerung
hereinbrechen wird, werden wir bestimmt hier in diesem vollständig von
Wald umgebenen Lager einziehen. Sie müssen nur noch das Tor aufmachen.
Doch weit gefehlt. Das Lagertor bleibt zu, und der Zug der Gefangenen
schwenkt vor dem Lager nach links in den dichten Wald hinein. Ich
kann gerade noch sehen, daß vor dem Tor - etwas seitlich - kleine
Scheiterhaufen aufgestellt sind. So, als wollte man sie jederzeit
anstecken. Da fällt mir auch wieder ein, was man über eines dieser
Waldlager erzählt hat. Dort sollen die Wölfe in der Mittagszeit, am
hellen Tage, vor dem Lagertor ein Pferd gerissen haben. Diese
Scheiterhaufen dienen wohl dazu, die Wölfe mit kleinen Feuern zu
vertreiben. Der
Weg in den Wald ist eigentlich kein Weg, sondern eher ein schmaler Pfad.
Wir müssen im Gänsemarsch laufen, mit immer einem Posten dazwischen. Ich
habe immer noch Fieber und bin froh, daß mich zumindest am Anfang noch
einer meiner Freunde stützen kann, denn der Schnee liegt auch hier einen
Meter hoch, und meine Beine sind noch immer wackelig. Auch der Durst ist
nach wie vor sehr groß. So greife ich beim Gehen immer mit der rechten
Hand in den Schnee und schiebe mir eine Handvoll davon in den Mund. Die
Dämmerung rückt immer näher, und die Russen treiben uns an. Als wir
eine größere Strecke gelaufen sind, kommt endlich das Zeichen für eine
Pause. In diesem Moment fallen schon etliche Gefangene nach links und
rechts in den Schnee. Auch ich lege mich in den kalten Schnee, aber ich
kann wenigstens meinen Tornister unter mich legen. Die
Russen wollen nicht, daß wir uns hinlegen und fangen an zu schimpfen.
Wahrscheinlich haben sie schon Erfahrung mit solchen Märschen durch den
Wald gesammelt. Als die Pause beendet ist, weiß ich auch warum. Kaum
einer von den Liegenden kommt noch alleine hoch. Einige schaffen das nur
mit Hilfe von anderen Gefangenen, die stehen geblieben waren. Noch andere
wollen überhaupt nicht mehr aufstehen, auch wenn sie sterben sollten,
doch die Russen ruhen nicht eher, bis alle wieder auf den Beinen sind, und
wenn es nicht anders geht, auch mit Schlägen. Während
wir so dahinlaufen, schaue ich, so schlecht es mir auch geht, immer wieder
einmal auf den Boden. Ich möchte sehen, ob im Schnee noch ein paar Spuren
vom Wild zu sehen sind. Anfangs ist das auch noch der Fall, obwohl ich
viele der Spuren den mir bekannten Tieren nicht zuordnen kann. Besonders
interessieren mich die Spuren von Wölfen. Je weiter wir jedoch in den
Wald hineinkommen, um so weniger Spuren sieht man. Inzwischen ist es schon
recht dunkel geworden. Man orientiert sich jetzt besser an dem
Sternenhimmel, der als schmaler heller Streifen über dem Pfad zu sehen
ist, als daß man auf den Boden schaut. Die Russen haben scheinbar keine
große Angst, daß jemand von den Gefangenen in der Dunkelheit abhauen könnte.
Sie wissen genau, daß das niemand überleben würde. Ich
habe inzwischen das Gefühl, als hätte mein Fieber durch den vielen
Schnee, den ich esse, etwas abgenommen. Ich kann schon etwas besser laufen
und habe auch nicht mehr diese Schwäche in den Beinen; wenigstens nicht
mehr ganz so stark. Als
wir wieder eine ganze Zeit gelaufen sind, sehen wir rechts im dunklen Wald
zwischen den Bäumen die Umrisse von Blockhäusern, so wie sie auch in
den Dörfern stehen. Doch die Dunkelheit ist viel zu groß, als daß wir
mehr erkennen können. Wir machen uns schon Hoffnung, in der Nähe von
menschlichen Siedlungen zu sein. Möglicherweise kann man da auch
übernachten. Erst
als wir näher kommen, sehen wir, daß schon recht große Bäume durch die
Dächer der inzwischen stark verfallenen Holzhäuser hindurchgewachsen
sind. Die Häuser gehörten wahrscheinlich einmal zu einem ganzen Ort,
dessen Einwohner möglicherweise schon nach dem ersten Weltkrieg bei den Kämpfen
zwischen den Kommunisten und den Zarentruppen, zwischen Rot und Weiß,
umgekommen sind. Es könnte aber auch eine Epidemie gewesen sein, daß da
niemand mehr lebt. Das ganze Dorf bietet in der Dunkelheit ein recht
gespenstisches Bild. Nachdem
wieder ein größeres Stück gelaufen sind, wiederholt sich das ganze Bild
noch einmal. Es ist wieder ein ehemaliges Dorf das untergegangen ist und
bei dem ebenfalls die Bäume durch die Dächer gewachsen sind. Wir
sind ein weiteres Stück gelaufen als wir vor uns eine große Lichtung,
eine sehr große schneebedeckte Fläche sehen. Der inzwischen aufgegangene
Mond läßt die nächtliche Landschaft wie ein großes Leichentuch
erscheinen. Die gesamte Fläche ist an ihren Rändern von Wald eingesäumt.
In der Mitte der Fläche ist die dunkle Silhouette von einem recht großen
Dorf zu erkennen, alles dunkle Holzhäuser. Als wir näher kommen, sehen
wir jedoch, daß nirgendwo ein Licht brennt und daß keinerlei Anzeichen
von Leben im Dorf zu erkennen sind. Wir
haben die ersten Häuser erreicht, und unser Weg führt mitten durch den
Ort. Ein paar Häuser weiter sehen wir einen Schäfer mit seinem Hund, der
selbst in der Nacht seine Herde noch bewacht, wahrscheinlich wegen der Wölfe.
Es sollte aber der einzige Mensch sein, dem wir begegnen. Im Ort sind auf
der Dorfstraße keinerlei Fußspuren zu sehen. Ein sicheres Zeichen, daß
alle Häuser leer stehen. So kommt es auch, daß wir weiterziehen und
wieder über eine freie Fläche auf der anderen Seite des Dorfes
dem Wald entgegenlaufen und darin verschwinden. Es geht über einen leicht
ansteigenden Waldrand, hinein in den dichten sibirischen Urwald. Alles
wiederholt sich. Wir erreichen wieder einen Ort auf einer großen weißen
Fläche. Doch hier scheint es Leben zu geben. Zumindest sind ein paar Häuser
bewohnt, aber viele stehen leer. Wir werden in diese leeren Häuser
einquartiert. Die Häuser sind jedoch eiskalt, und manche haben schon Löcher
in den Wänden. Es ist keinerlei Möbel drinnen, keine Bank oder ein Bett.
Wir müssen also auf dem Boden liegen, und es ist kaum ein Unterschied zu
draußen; nur daß wir nicht im Schnee liegen müssen. Am
anderen Morgen sind wir wieder einmal steif von der Kälte, als es das
erste Mal auf dem langen Marsch etwas zu essen gibt. Mit fünf Mann müssen
wir uns eine stark gesalzene Scholle teilen. Man würde gerne auf das Salz
verzichten, hätten wir nur nicht so einen großen Hunger. Wir
müssen an diesem Morgen und auch den ganzen Tag über ohne ein Stückchen
Brot auskommen, denn es hat einfach keines gegeben.
Wir haben es geahnt, daß wir auf das Stückchen salziger Scholle
viel Durst bekommen würden. Gerade für mich ist das sehr schlecht, da
ich noch etwas Fieber und durch die Krankheit auch immer noch Durst habe.
Es heißt wieder, kalten Schnee essen und noch mehr als vorher. Nachdem
wir das Stückchen Fisch gegessen haben, geht es wieder in den nächsten
Wald hinein, und alles, was wir an den Tagen zuvor erlebt haben,
wiederholt sich. In den Pausen sinken wir wieder in den Schnee, und das
Aufstehen fällt immer schwerer. Am
späten Nachmittag erreichen wir ein winterliches Tal mit viel Schnee und
Eis. Wahrscheinlich ist es das Tal der Tura oder möglicherweise auch die
Sosva. Gleich hinter den letzten Waldbäumen liegen die ersten Häuser
eines kleinen Ortes, der sich an dem Fluß entlangzieht. Die breite
Dorfstraße geht bergab hinunter zum Fluß, der in dieser Zeit vom Eis
bedeckt ist. Vor den Häusern spielen in ihren Pelzkleidern einige Kinder
oder sie fahren mit dem Schlitten die Straße zum Fluß hinunter. Am
Ortsausgang werfe ich einen Teil meiner Sommerkleidung weg. Ich kann das
Gewicht nicht mehr tragen. Ich tue es, ohne dabei an die Folgen zu denken,
doch wenn ich nicht zusammenbrechen will, habe ich keine andere Wahl. Unten
am Fluß führt unser Weg noch an schönen alten Blockhäusern vorbei, so
wie ich sie vorher noch nie gesehen hatte, was auch kein Wunder ist, denn
wir waren ja bis dahin immer eingesperrt! Besonders schön sind die
verzierten Fenstereinfassungen und die Dachüberstände mit
Holzschnitzarbeiten von künstlerischem Wert. Heute jedoch sehen die Häuser
so aus, als hätten die Bewohner kein Holz mehr, um das auszubessern, was
im Laufe der Zeit schon stark gelitten hat. Im ganzen Dorf hat man den
Eindruck, als wäre die Zeit stehen geblieben, als wäre noch alles so wie
in der Zarenzeit. Wir
laufen über den Fluß und als wir wieder in einen Wald einbiegen, sitzen
auch hier wieder einmal sehr viele Birkhühner auf einem Baum. Sie fliegen
nicht einmal hoch, als wir direkt am Baum vorbeiziehen. Wahrscheinlich hat
der lange Winter so an ihren Kräften gezehrt, daß sie träge geworden
sind. Es
geht ein großes Stück durch den Wald, bis wir wieder den Fluß erreichen
und ein ganzes Stück auf ihm entlang laufen. Doch an der Stelle, wo am
Fluß das rechte Ufer auf einer großen Länge
recht steil ansteigt, an einem
richtigen Berghang, verlassen wir das Flußbett. Wir müssen nun an
dem bis dahin von niemandem betretenen schneebedeckten Hang nach oben.
Dieser außer-gewöhnlichen Belastung sind jedoch manche Gefangene nicht
mehr gewachsen. Als
ich am Hang auf halber Höhe bin, höre ich, wie hinten am Anfang des
Berges die russischen Posten ihre scharfen Wolfshunde auf jene Gefangenen
hetzen, die nicht mehr laufen können. Ich sehe wie sie auch noch auf
diese Leute einschlagen. Mancher greift sich ans Herz und fällt lautlos
um. Es gibt Tote. Die Russen laden sie auf einen Pferdeschlitten, den sie
wahrscheinlich nur für diesen Zweck mitgenommen haben. Sie nehmen die
Toten noch bis zur nächsten Ortschaft mit. Als
wir endlich oben am schneebedeckten Berg stehen, sehen wir in der Ferne
einen neuen Ort. Das nächste Ziel unseres langen Marsches! Dieser Ort
scheint größer zu sein, als die vorherigen. In der Mitte des Ortes
befindet sich ein Gemeindehaus oder ein Versammlungsgebäude. Als
wir den Ort erreicht haben, bleiben wir vor diesem Gebäude stehen. Ein
Teil der Gefangenen, darunter auch ich, werden hinein befohlen. Es ist
eine quadratische Halle, deren Decke eigentlich recht hoch ist. Ansonsten
ist der Raum kahl und wieder einmal sind keine Bänke oder Stühle darin.
Da viel zu viele Leute hineingestopft wurden, müssen die meisten in
dieser Nacht stehen oder können sich nur etwas hinhocken. Liegen kann
keiner. Auch dieser Raum ist eiskalt und entsprechend ist auch unser
Zustand am anderen Morgen. Als es hell wird, wird das Tor geöffnet, und
wir bekommen zu essen. Wir
staunen nicht schlecht, als man uns eine amerikanische Konservendose mit
einem Inhalt von einem halben Liter hineinreicht. Als man uns aber sagt,
daß das die Verpflegung für 52 Leute ist, sind wir erschüttert, denn
auch diesmal gibt es kein Brot. Wahrscheinlich war am Ort nichts verfügbar
oder aufzutreiben. Wir stehen jetzt vor der großen Aufgabe, die
Rindfleischkonserve aufzuteilen. Wir finden schließlich einen, der noch
ein größeres Messer dabei hat. Der Inhalt der Dose wird erst in
waagrechte Scheiben geschnitten und dann noch gewürfelt. Ein jeder
bekommt einen kleinen Würfel von der Größe eines Zuckerwürfels. Mehr
ist in der Dose nicht drin, und das bißchen muß auch noch einen ganzen
Tag reichen. Es ist aber Fleisch, und das ist mehr wert als irgend eine
Wasserbrühe. Es sollte jedoch das einzige Fleisch bleiben, das ich je in
der Gefangenschaft sehen sollte, - außer gelegentlich etwas Fisch. Unser
Marsch geht weiter und führt uns wieder durch einen großen Wald. Als wir
schon viele Stunden marschiert sind, liegt plötzlich ein Bahngleis hinter
den letzten Bäumen und versperrt uns den Weg. Es ist ein Gleis der
russischen Breitspur. Die Schienen sind aber noch sehr holprig, was ein
Zeichen dafür ist, daß an dieser Bahnstrecke noch gebaut wird. Hinter
den Gleisen liegt, entlang der Bahnlinie, dicht an den Bahnkörper
gedrängt, ein Gefangenenlager. Wir sind uns ganz sicher, daß wir da
hinein sollen. Wir sind froh, daß der lange und für manche auch tödliche
Marsch zu Ende sein soll. Vor
dem Lagertor geht es jedoch weiter in den nächsten Wald hinein und vorbei
an einem großen Holz- und Verladeplatz. Wir laufen noch viele Kilometer
und kommen dann an ein Holzfällerlager mitten im Wald. Es hat den für
uns bis dahin unbekannten Namen Kalipovka und es wird für mich das
schlimmste Lager sein, das ich je erleben sollte. Der lange Marsch ist
nun wirklich zu Ende, und das alles mitten im sibirischen Winter. Seite 119-122
Lager Worobino, das sogenannte Erholungslager. Hier
liegt also das sogenannte "Erholungslager". Die Russen nennen es
das Sonnenlager. Es wird uns noch so manche Überraschung bieten. Wir
haben gerade die erste Nacht auf den harten Pritschen hinter uns gebracht
und glauben, daß wir uns nun eine lange Zeit ausruhen und erholen können,
denn nach einem Arbeitslager sieht es ja hier nicht gerade aus. Die Sonne
scheint schon in das Lager, und wir versuchen uns zu entspannen. Wenn da
nur nicht die ganze Nacht dieser muffige Geruch in den alten Baracken
gewesen wäre, dann würden wir uns jetzt eigentlich wohl fühlen, so gut
wie das in Gefangenschaft überhaupt möglich ist. Dieser
Geruch nach Feuchtigkeit wird wahrscheinlich vom Fluß kommen, der direkt
vor dem Lager entlang fließt, denken wir. Wenn wir erst einige Tage hier
sind, werden wir uns schon daran gewöhnen. Uns
interessiert schon heute, ob wir nun mehr zu essen bekommen werden, damit
auch eine wirkliche Erholung unserer geschundenen Körper zu erwarten ist.
In Gedanken versunken gehe ich zum Küchengebäude, um mein erstes Stückchen
Brot abzuholen, aber es ist vergeblich. Es wird uns mitgeteilt, daß wir
erst am nächsten Tag verpflegt werden. Wir kennen das ja schon. Wir
sind dabei, uns das Lager etwas näher anzusehen, als die ersten Russen,
Mitglieder der Lagerleitung, das Lager betreten und uns vor die Baracken
beordern. Wir denken, daß wir wieder einmal gezählt werden sollen. Die
Russen gehen vor uns auf und ab und suchen sich aus den abgemagerten
Gefangenen, die sich hier eigentlich erholen sollen, die nach ihrer
Meinung noch arbeitsfähigen Leute heraus. Sie brauchen etwa zehn Mann für
eine „leichte Arbeit" im Wald. Es stellt sich jedoch bald heraus,
daß sie Bäume fällen sollen, daß sie Brennholz machen müssen. Es
gibt lange Gesichter, denn es gibt eigentlich niemand bei uns, der dazu körperlich
richtig in der Lage ist. Wir sind doch nur hierher geschickt worden, weil
wir arbeitsunfähig waren. Die Mehrzahl der Gefangenen können den ganzen
Tag ohne Arbeit im Lager verbringen. Ich bin zu schwach für diese Arbeit
und kann ebenfalls im Lager bleiben. Wenn die Holzfäller abends ins Lager
zurückkommen, sind sie von der Arbeit im hohen Schnee körperlich fertig
und erschöpft. Sie müssen auch täglich weit in den Wald hineinlaufen,
um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Es
sind so an die acht Tage vergangen, als der russische Lagerkommandant
wieder einmal im Lager erscheint, weil er Leute für irgendeine Arbeit
braucht. So an die 20 Mann. Diesmal hat es auch mich erwischt, und ich muß
mit den anderen vor das Lagertor. Hier stehen große Holzschlitten,
richtige Pferdeschlitten. Sie fassen gut und gerne zwei bis drei
Kubikmeter Brennholz. Doch so weit man auch schaut, es sind keine Pferde
zu sehen. Viel
zu spät begreifen wir, daß wir diese großen Schlitten ziehen sollen.
Wir bekommen ein langes und dickes Seil, so dick wie ein Glockenseil,
damit man es gut halten kann, und nicht aus den Händen rutscht. Bei
dieser Kälte müssen wir bei allen Arbeiten dicke Fausthandschuhe tragen
und damit auch das Seil halten. Wir müssen uns in einer Reihe aufstellen
und das Seil über die Schulter legen. Dann kommt das Kommando zum
Abmarsch. Unser Weg in den Wald ist eigentlich nur ein schmaler Pfad,
genau so breit wie der Schlitten. Links und rechts davon liegt der lose,
und circa einen Meter hohe Schnee und wer von der höher gelegenen
Schlittenspur zur Seite tritt versinkt darin. Es
ist eigentlich noch erträglich, den leeren Schlitten in den Wald zu
ziehen, wenn sich auch in unseren Reihen Leute befinden, die noch schwächer
sind als ich und die kaum ziehen können. Wirklich schlimm wird es erst
auf dem langen Heimweg, nachdem wir das schwere meterlange Holz auch noch
aufladen mußten, was weit über unsere Kräfte ging. Der Schlitten ist
hoch beladen, und die Russen wollten, daß wir immer noch mehr Holz darauf
laden sollten. Als
wir den Heimweg antreten, stellt sich sehr schnell heraus, daß sich
einige Gefangene beim Ziehen drücken wollen und nur so tun, als würden
sie ziehen. Anderen sieht man ihre Erschöpfung und Schwäche richtig an.
Einige torkeln nach der Seite und fallen von der Fahrbahn, hinunter in den
tiefen Schnee. Für sie ist es dann schwer, wieder auf die Beine und nach
oben auf die Fahrbahn zu kommen. Neben der Schlittenspur kann man im hohen
Schnee nicht laufen. Wir
laufen zwischen der festgefahrenen schmalen Spur der Schlittenkufen, auf
dem nur von den Füßen fest getretenen Schnee. Dieser ist jedoch nicht so
fest, wie der Schnee unter den Kufen, welcher durch das Gewicht der Ladung
zusammengedrückt wurde. Wir müssen uns schon sehr in die Riemen legen,
mit dem Oberkörper nach vorne, um den Schlitten überhaupt bewegen zu können.
Es zeigt sich hierbei sehr schnell, daß wirklich nur ein Teil der
Gefangenen den Schlitten zieht. Wer wirklich zieht, sinkt oft ruckartig
mit einen Bein in den zusammengetretenen Schnee, der auch hier noch einen
Meter hoch liegt und nur an der Oberfläche etwas härter ist. Man bricht
mit dem Bein so tief ein, daß man anschließend starke Schmerzen in den
Genitalien hat, weil das ganze Körpergewicht und der schwere Pelz den
Gefangenen nach unten drücken. Es ist genau wie beim Grubenholzschleppen
in Vergaturi, als wir in die verschneiten Löcher der Laufstege getreten
sind. Ich habe das doch schon oft genug am eigenen Leib erlebt. Wir
fahren den ganzen Tag mit dem Schlitten in den Wald und holen Holz. Jeden
Tag das gleiche, und wenn die Gefangenen umkippen, werden sie durch andere
ersetzt. Die Holzstapel vor dem Lager sind schon recht hoch und lang. Das
schlimmste daran ist, daß die Russen das Holz verkaufen, um damit in die
eigene Tasche zu wirtschaften. Sie tun es aus reiner Profitgier, wenn auch
die Gefangenen dabei draufgehen. Das
Essen im Lager ist keineswegs besser, als in den anderen Lagern.
Wahrscheinlich wird auch hier ein großer Teil der Lebensmittel von den
Russen verschoben, was in Rußland ganz normal ist. Die Gefangenen haben
letztlich auch in diesem Lager keine Möglichkeit, sich zu erholen. |
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Weitere Erlebnisse finden Sie im Buch Sibirien. Ich kann Ihnen versichern, daß auch die nächsten Seiten des Buches spannend, oder besser gesagt hoch-dramatisch bleiben.
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