Caligo - unabhängige Literaturzeitschrift
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lesefutter sommer 2010

Reisebüro  Aljona Murygina

„Hatten Sie einen angenehmen Tod?“.„Er war durchaus akzeptabel. Danke der Nachfrage.“.„Wir würden uns freuen, wenn Sie uns auch das nächste Mal wieder beehren.“.Shuka verabschiedete sich mit einer Verbeugung vom achtbeinigen Ochsenfrosch. Dieser rückte als höfliche Geste seinen gelben Hut um 23 Grad nach rechts.
Das verspielte Plätschern eines Baches ertönte. Ein neuer Kunde. Shukas Spitzohren fuhren in die Höhe. „Nehmen Sie doch Platz. Wir freuen uns, Sie im Reisebüro Letum begrüßen zu dürfen. Shuka, mein Name. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Höflichkeit war das Alpha und Omikron. Der geflügelte Nilpferdalligator nahm das Sitzkissen vom Stuhl, schob selbigen beiseite und ließ sich mit einer grazilen Bewegung auf dem Boden nieder, das Sitzkissen als Fußablage für die stämmigen Füße. Shuka beugte sich ein wenig über ihren Bürotisch, um dem Kunden so besser ihr Ohr leihen zu können. Mit einem leichten Knacken löste sie ihr linkes Ohr und reichte es hinunter.


Das Wichtelgeschenk  Sibylle Schreiber

Ich weiß noch nicht, ob ich meinen Beruf jemals wieder ausüben werde. Momentan befinde ich mich in einem Sabbatical und lasse mich treiben. Manchmal schaffe ich es, ein paar Stunden nicht an Rafael zu denken, aber dann schlägt die Erinnerung wieder mit voller Wucht zu.
Ich bin eigentlich Lehrerin an einer Sonderschule, heutzutage „Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt“ genannt. Rafael war einer meiner Lieblingsschüler, obwohl ich dies immer zu verbergen suchte. Er war ein zurückhaltender, engelsgleicher Junge von vierzehn Jahren, der schwer zu durchschauen war. Rafael hatte in diversen Intelligenztests unterschiedlich abgeschnitten, so dass wir uns nicht sicher waren, wo wir ihn einordnen sollten. Auf einer normalen Schule hatte er jedoch keine Chance, weder war er in der Lage, dem Lehrplan zu folgen, noch konnte er Freunde gewinnen. Unser Team dagegen bestand aus hoch engagierten Pädagogen, die die Kinder auf eine Welt vorbereiten wollten, die ihnen mit Ablehnung entgegentreten würde.


Esra  Jörn Birkholz

Aus unterschiedlichen Gründen, die zu erläutern ich keine Lust habe, und durch einen seltsamen Zufall bin ich in Düsseldorf beim Bärenhäuser Kunstforum nominiert worden. Am späten Nachmittag treffe ich ein und betrete, mein „Kunstwerk“ unter dem Arm haltend, einen tristen aber geräumigen Innenhof. Geschäftiges Treiben, leichter Nieselregen. Junge gepflegte Menschen laufen hin und her und hantieren mit Werkzeugen herum. Pavillons werden hochgezogen, eine Bühne wird aufgebaut und ein umfangreiches Büffet aufgestellt. Eine mitteljunge Frau mit Naturlocken tritt auf mich zu.
„Hallo.“
„Hallo.“
„Ich bin die Sandra und wie heißt du?“
„Max.“
„Nachname?“
„Bellinger.“
„Bellinger“, wiederholt sie und beginnt sofort, eine bereits abgegrabbelte Liste durchzublättern.
„Stellplatz 14 … da am Ende der Mauer.“
„Danke. Findet das Ganze also draußen statt?“
Sie mustert mich leicht vorwurfsvoll.
„Ja, so stand es auch ausdrücklich in dem Anschreiben.“
„Hab’s nicht genau gelesen, aber mir soll’s recht sein.“
„OK, also da drüben in dem Karton sind Schrauben und so weiter, und da vorne kannst du dir Kunststoffplane rausholen, damit dein Kunstwerk nicht beschädigt wird … sonst noch Fragen?“
„Denke nicht.“
„Gut, dann bis nachher.“


Wohin läuft die Zeit?  Ingrid Dressel

Frau Lämmchen wohnte im 2. Stock rechts im 6 - Familienhaus. Sie war klein, circa 150 cm, und fast genau so breit. Ich weiß nicht, wie sie passende Kleidung fand, wahrscheinlich musste alles an den Ärmeln und Beinen gekürzt werden, wenn es in der Breite passte. Sie war in mausgrau gekleidet, und hatte dazu ihre mausgrauen Haare zu einer kurzen Stoppelfrisur gefönt, und ich glaube, sie trug eine Brille. Oder vielleicht trug sie ab und zu eine Brille.
Ihr Ehemann war nach langer Krankheit gestorben, und der Hauswirt sagte: „Seit dem ist sie so auseinander gegangen“.
Frau Lämmchen arbeitete an der Uni in einer Putzkolonne. „Gutes Geld, mit der Rente meines Mannes und der Arbeit “- meinte sie. Jeden Morgen fuhr sie mit dem Bus zur Arbeit – und als ich in meiner Anfangszeit in diesem Haus einmal die Haustür abschloss, fand Frau Lämmchen morgens nicht so schnell ihren Schlüssel – und verpasste den Bus. Sie war sehr böse auf mich und teilte mir ihr Dilemma direkt und unmissverständlich mit, so dass ich es nie wieder wagte, die Haustür abzuschließen.
Dies löste wohl die erste Feindschaft zwischen uns aus. Ich war über ihrer Wohnung im Dachgeschoss eingezogen – und führte, man kann sagen, ein sehr lebendiges Leben.

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Fotos: oben © Panorama Quartz Mountain Oklahoma, Brandon (bmckinney)
links © Bücherrücken, Susanne Lenhard