SPRACHPRODUKTIONSMODELL NACH LEVELT

"Im Anfang war das Wort." Schon die Verfasser der Bibel wußten es: Sprechen ist ein Akt der Schöpfung. Nun ist zwar das  Alltagsprodukt nicht so spektakulär wie das biblische, dafür ist aber der irdische Schöpfungsvorgang einfacher zu verstehen. Vielleicht liegt das daran, daß hier das Wort nicht am Anfang, sondern am Ende steht. Ob allerdings das leveltsche Modell auch für göttliche Sprechakte gilt, ist noch nicht hinreichend geklärt - andererseits liegt nichts vor, was dagegen spräche...

Vorbemerkung: allgemeine Funktionsweise des Modells

Levelts Modell besteht aus drei Teilen, die er als Module versteht - das heißt, das jedes Teil / Modul eigenständig arbeitet und einen definierten in- und output hat. Der input eines Moduls besteht aus dem output seines Vorgängers.
Daß die Module eigenständig arbeiten bedeutet, daß jedes Modul eine bestimmte Aufgabe hat, die es alleine lösen muß. Da Levelt keine Rückmeldungen zwischen den Modulen annimmt, wird so ein einmal gemachter Fehler nicht sofort korrigiert, sondern mitgeschleppt.
Weiterhin nimmt Levelt an, daß Sprache inkrementell verarbeitet wird - das bedeutet, daß mehrere Prozesse gleichzeitig stattfinden können - und das, bevor sie überhaupt abgeschlossen sind.
So können z. B. Phoneme in die morphosyntaktische Struktur eingesetzt und sofort nach phonologischen Regeln bearbeitet werden, ohne daß schon alle Phoneme eines Wortes oder Satzes aus dem Lexikon abgerufen sind. Gleichzeitig können die noch fehlenden Phoneme abgerufen werden - gearbeitet wird einfach jeweils mit allem, was schon vorhanden ist.
Was wann vorhanden ist, hängt davon ab, in welcher Reihenfolge die Einzelteile in der Äußerung stehen: das ganze leveltsche Modell arbeitet immer von links nach rechts.
 
1) CONCEPTUALIZER
A)Makroplanung 
Am Anfang steht hier eine noch nicht sprachliche Mitteilungsabsicht, ein etwas-sagen-wollen. Im conceptualizer wird dann diese Mitteilungsabsicht geplant: 
es wird über die Art des Sprechaktes entschieden (Frage/ Aufforderung/ Ausruf?). 
B)Mikroplanung  
Weiterhin werden innerhalb der Äußerung Festlegungen gemacht: Perspektive (befindet sich die Frau vor dem Fenster oder das Fenster hinter der Frau?) und Prominenz (was ist dem Sprecher wichtig - Frau oder Fenster?) 
output:  die "message", das ist eine außer/ voreinzelsprachliche Szene nach Fillmore. 
2) FORMULATOR 

"the formulator maps messages onto linguistic form" (Levelt), auf gut deutsch: Aufgabe und Funktion des formulators ist es, die im conceptualizer festgelegten vorsprachlichen Strukturen sprachlich umzusetzen. Dies geschieht in zwei Stufen/ Prozessen: 

 

a) grammatical encoding

Durch Zugreifen auf das Lexikon werden die grammatischen Eigenschaften des betreffenden Lemmas verfügbar (z.B. Valenz, syntaktische Kategorie (Nomen, Verb, Adjektiv...)); diesen Eigenschaften entsprechen dann syntaktische Strukturen im späteren Satz, z. B. Aktiv/ Passiv, direktes/ indirektes Objekt, Subjekt etc..
So wird z.B. automatisch das erste Nomen, das verfügbar wird, zum Subjekt. Den Prozeß, durch den Funktion in Position übertragen wird, nennt man Diathese.
output: eine hierarchisch geordnete Oberflächenstruktur, wie man sie aus der IC- Analyse kennt, der allerdings noch die Lautform der Wörter fehlt: eine Struktur geordneter Inhaltsvorstellungen.
 

b) phonological encoding

Diese Struktur geordneter Inhaltsvorstellungen in einem zweiten Zugriff auf das Lexikon um die zugehörigen Ausdrucksvorstellungen angereichert und parallel dazu nach phonologischen Regeln (z.B. Auslautverhärtung, Koartikulation) bearbeitet.
So ensteht eine phonetische Repräsentation in Form von motorischen Impulsmustern (elektrische Nervenimpulse), die an die Artikulationsorgane weitergeleitet werden und die entsprechenden Muskeln reizen.
 

3) ARTICULATOR

"Articulator" heißt zu deutsch "Artikulatorik; auf dieser Stufe passiert nichts weiter, als daß die Impulsmuster von den Artikulationsorganen in Bewegungen umgesetzt werden, wodurch (aus-) gesprochene Sprache entsteht.