Das hier ist:

Die ausformulierte Fassung eines Referates (HS Literaturtheorie bei Prof. Renner im WS 01/02).
Ziel des Unternehmens war es, (sehr, sehr stark vereinfachte :) Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie vorzustellen, um dann zu diskutieren, inwieweit Kunst und Literatur als Systeme beschreibbar sind.


Kunst und Literatur als System?


0. Inhalt:

1. System / Umwelt

2. Systemdifferenzierung

3. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

4. Das Medium Kunst

5. Das Medium Literatur


1. System / Umwelt

Wenn man nach Systemen fragt, fragt man nach abgeschlossenen Einheiten. Damit etwas abgeschlossen ist, muss es eine Grenze haben: Systeme haben also Grenzen.

Ausserhalb dieser Grenzen gibt es aber noch mehr: das ist die Umwelt. Diese Umwelt hat im Gegensatz zum System keine Grenze. Das bedeutet, dass in der Umwelt viel mehr Ereignisse auftreten, als das System bewältigen kann.

Da das System sich nicht um alles kümmern kann, was in der Umwelt passiert, muss es auswählen, worum es sich kümmert. Diese Auswahl findet statt, indem das System sich selektiv blind stellt: was das System nicht interessiert, das nimmt es nicht wahr. Für eine Auswahl braucht man ein Auswahlkriterium, in der Systemtheorie ist das gleichzeitig Grenze und Identität des Systems. Ein Zentrum gibt es wie bei Derrida nicht.

BSP: Deutschland als System, Rest der Welt als Umwelt. In Deutschland passiert zwar schon recht viel, in der Welt aber noch viel mehr. Der deutsche Staat reagiert aber erst dann, wenn "deutsche Interessen" betroffen sind - das ist das Auswahlkriterium. Was deutsche Interessen sind, bestimmt Deutschland - und gleichzeitig kann man sagen, dass die Identität der BRD durch ihre Interessen definiert wird. Kriege in Zentralafrika oder die Verfolgung der Kurden in der Türkei waren z. B. jahrelang ohne Interesse für das System BRD.

Wenn etwas in der Welt passiert, was Deutschland nicht interessiert, nennt man das gerne "totschweigen". Dieser Ausdruck trifft in Bezug auf Systeme recht gut zu, denn soziale Systeme sind Kommunikationssysteme: sie produzieren und rezipieren nur Kommunikation.

Die Elemente eines Systems sind Kommunikationen. Daraus folgt zweierlei: erstens geht es nicht um Menschen, Parteien oder Firmen, sondern nur um das, was sie sagen oder schreiben.

Zweitens gilt: worüber niemand redet, das gibt es für das System nicht.

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2. Systemdifferenzierung

Im Geschichtsunterricht haben wir alle mal von der Entstehung der Städte gehört. Manche werden sich in diesem Zusammenhang vielleicht noch an den Begriff der Arbeitsteilung erinnern: statt dass Alle sich um Alles kümmern, spezialisieren sich die Menschen auf bestimmte Aufgaben, es entstehen Berufe.

Auf der Ebene gesellschaftlicher Entwicklung gibt es einen vergleichbaren Prozeß. Moderne Gesellschaften sind nach Luhmann funktional differenziert: für bestimmte Aufgaben gibt es spezielle Systeme. Solche Aufgaben sind z. B. Wissenschaft, Recht, Wirtschaft, Politik und Kunst. Für alle diese Bereiche gibt es jeweils eigene Systeme, die sich um nichts anderes als ihren "Beruf" kümmern.

Zu welchem System ein einzelner Mensch gehört, hängt davon ab, was er gerade tut: während ich referiere, gehöre ich zum Wissenschaftssystem. Wenn ich danach auf die Bank gehe, gehöre ich zum Wirtschaftssystem. Wenn ich auf der Bank einen Revolver zücke, gehöre ich (genauer: meine Kommunikation) vermutlich bald darauf zum Rechtssystem - als Angeklagter.

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3. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Den speziellen Aufgaben der jeweiligen Funktionssystemen entspricht ein je eigenes Kommunikationsmedium.

Ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium besteht aus drei Komponenten: erstens dem Medium selbst. Im Rechtssystem wäre das Medium "Recht".

Die zweite Komponente ist der Code. Ein Code ist eine binäre Unterscheidung. Anhand des Codes wird festgestellt, ob es sich bei einer bestimmten Kommunikation um die Sache eines bestimmten Systems handelt. Er entspricht also dem, was unter Punkt 1 "Selektionskriterium" genannt wurde. Im Rechtssystem wäre der Code "recht / unrecht". Wenn man einen solchen Code hat, braucht man aber noch Regeln und Methoden zu seiner Anwendung - schließlich muss man wissen, wann und warum etwas recht oder unrecht ist. Diese dritte Komponente ist das Programm, im Rechtssystem wären das Gesetze.

Das Ganze läßt sich auch als "Bauanleitung" für systemgerechte Kommunikation lesen:

wendet man das Programm korrekt an, dann erhält man eine Kommunikation, auf die der Code anwendbar ist. Ist der Code anwendbar, dann nutzt die Kommunikation das entsprechende Medium und gehört damit zum entsprechenden Teilsystem.

Möchte ich also zum Beispiel eine wissenschaftliche Aussage machen, muss ich zunächst das Programm der Wissenschaft anwenden: das sind Regeln und Methoden, die z. B. Überprüfung durch Nachvollziehbarkeit garantieren. Habe ich die Methoden korrekt angewendet, dann kann das Ergebnis nach dem Code wahr / unwahr beurteilt werden, verwendet also das Medium Wahrheit - und gehört damit zum Teilsystem Wissenschaft.

Weitere Beispiele:

System

Wissenschaftssystem

Rechtssystem

Kunstsystem

"Literatursystem"

Medium

Wahrheit

Recht

Kunst

Literatur (1)
Werk (2)

Code

wahr / unwahr

recht / unrecht

schön / häßlich
passend / unpassend

literarisch / nicht lit. (1)
unterhaltend / nicht unt. (2)

Programm

Methodik

Gesetze

Selbstprogrammierung

- ? -

(1) Siegfried J. Schmidt
(2) Niels Werber

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4. Das Medium Kunst

Beim Kunstsystem liegt der Fall leider nicht ganz so klar. Als Medium kann man zwar noch recht eindeutig "Kunst" identifizieren, doch bereits über den Code kann man sich streiten. Luhmann schlägt die Codierung "schön / häßlich" vor - aber Kunst verwendet heute ja durchaus bewußt "Häßliches". Eine Alternativcode wäre "passend / nicht passend" - als Kriterium für ein Kunstwerk wird damit die Frage gesetzt, ob seine Einzelelemente (Wörter, Farben etc.) zueinender passen.

Das nächste Problem ergibt sich, wenn man nach dem Programm der Kunst fragt. Ein möglicher Kandidat wären Stile. Das scheint zunächst einleuchtend, da viele Kunststile eine Art Programm haben, das festlegt, wie ein Kunstwerk zu sein hat, damit es einem bestimmten Stil zugeordnet werden kann (z. B. die Manifeste der Futuristen).

Nun soll aber das Programm auch als Herstellungsanleitung taugen: wenn ich also alle Kriterien des Programms beachte, sollte eigentlich ein Kunstwerk entstehen. In der Praxis sieht das aber leider anders aus - ich hielte mich zum Beispiel nicht für fähig, mit futuristischen Manifesten als Bauanleitung etwas zu kreieren, das dann auch tatsächlich ein futuristisches Kunstwerk wäre.

Luhmann versucht dieses Problem zu lösen, indem er von "Selbstprogrammierung" des Kunstwerks ausgeht. Der Begriff der Selbstprogrammierung geht vom Code "passend / nicht passend" aus. Die Herstellung eines Kunstwerks wird dann als eine ständige Wahl zwischen passenden und unpassenden Alternativen gedacht. Wenn ich also immer die richtige Alternative wähle, entsteht ein Kunstwerk. Wenn ich falsche Alternativen wähle, entsteht irgendetwas anderes. Das "selbst" in "Selbstprogrammierung" verweist darauf, dass die richtige Alternative immer vom Kunstwerk selbst abhängt: ob etwas "passt" oder nicht, hängt davon ab, was schon da ist oder noch dazukommt.

Beginne ich also z. B. ein Gemälde mit der Wahl einer Hintergrundfarbe, dann hängt es von der gewählten Farbe ab, ob die anderen Farben zu der Hintergrundfarbe passen oder nicht.

An dieser Stelle stellt sich natürlich die Frage, anhand welcher Kriterien man entscheiden soll, ob z. B. bestimmte Farben zueinender passen oder nicht. Luhmann würde hier auf den Gesamteindruck des fertigen Kunstwerks verweisen. Kunstfertigkeit ließe sich dann sozusagen als Kombinationsgeschick definieren. Das Programm eines Kunstwerks wäre dann das Kunstwerk selbst.

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5. Das Medium Literatur

Es gibt immer wieder Versuche, ein eigenständiges Literatursystem zu postulieren. Was das Medium angeht sind sich die Autoren noch einig: das Medium der Literatur ist Literatur. Genau wie beim Medium Kunst beginnen aber beim Code die Schwierigkeiten: Siegfried J. Schmidt schlägt als Code "literarisch / nicht literarisch" vor. Das ist nicht besonders aussagekräftig, weil das Problem damit nur auf die Frage nach der Definition von Literatur verlagert wird. Lösbar wäre diese Frage durch die Angabe eines Programms - Schmidt gibt aber keines an.

Niels Werber schlägt als Code "interessant / nicht interessant" vor, sieht Literatur also als Unterhaltungsmedium. Ein Programm gibt leider auch er nicht an. Weiterhin stellt sich für mich bei diesem Code die Frage, wie er die Unterscheidung z. B. der "Buddenbrooks" von einem Zeitungsartikel ermöglichen soll.

Ob man von einem eigenständigen Literatursystem ausgehen kann, ist damit fraglich - denn dann müsste es ein eigenes Medium samt Programm geben. Das einzig halbwegs plausible Programm scheint mir aber Luhmanns These von der Selbstprogrammierung zu sein. Da dieses Programm für das gesamte Kunstsystem gilt, wäre Literatur dann nur eine Variante der Kunst: mittels Sprache betriebene Kunst, aber eben kein eigenes System.


© Christian Haug 2002