Essay zur Seminarvorlesung
"Globalisierung und europäische Sozialstruktur"
(Schwengel SS 98)

 

JURY SOZIALZEICHEN

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<datenbankabfrage nr 7608354 datum 07-09-3089 user-id: christian haug ->suchbegriff: globalisierung AND beispieltext, zeitgeschichtlich<- der universale brockhaus edition 3000 dankt für ihren besuch, kosten wurden abgebucht, besuchen sie uns bald wieder>

< definition >

Globalisierung: Modewort des ausgehendenden 20. Jahrhunderts nach Christus, inhaltlich diffus und mit kontroversen Auffassungen verbunden.
Allgemein ist darunter ein fortschreitender Prozeß wechselseitiger (v. a. ökonomischer und politischer) Verflechtung auf supranationaler Ebene zu verstehen.
Soziohistoriker sehen zwei bestimmende Faktoren: 1) technischer Fortschritt: Ansatzweise tritt G. schon im frühen 18. Jh. n. Chr. auf (-> Fernhandel, Segelschiffahrt), verstärkt sich mit der ersten technischen Revolution (-> Dampfmaschine, Elektrizität, Manchester – Kapitalismus) und tritt mit der zweiten technischen Revolution (-> Internet, Massenmedien) in seine von starken Spannungen (v. a. sozial und politisch) geprägte Hauptexpansionsphase ein. 2) politisch – religiöser Kontext: nach Wegfall der großen religiösen Bewegungen (-> Christentum) etablieren sich politisch – weltanschauliche Blöcke (-> kalter Krieg, Kapitalismus, Kommunismus), die sich im wesentlichen durch ihre ökonomischen Aussagen unterscheiden, wodurch Ökonomie an Stelle der Religion tritt (-> Säkularisierung).
Ab ca. 1990 n. Chr. Niedergang des Kommunismus (-> IWF, B. Jelzin) und Monopol der kapitalistischen Strömung und ihrer Staatsdoktrin, des -> Neoliberalismus, der G. als absolute Notwendigkeit und ideale Utopie propagiert.
Gegner des Neoliberalismus (-> P. Bourdieu) kritisieren schon damals den künstlich erzeugten Notwendigkeitsdiskurs und fordern eine Revision des streng ökonomistischen Weltbildes sowie eine stärkere Beachtung sozialer Belange.

< zeitgeschichtlicher beispieltext, quelle unbekannt, datierung: zwischen 1990 und 2000 >

 

König Meier

"Die Arbeit ist zu teuer, der Standort Deutschland in Gefahr und die Grenze des bezahlbaren längst erreicht" erklingt alle Jahre wieder das rituelle Lamento der Arbeitgeberverbände anläßlich der Tarifverhandlungen. Die Arbeitnehmervertreter halten dagegen, daß ihre Klientel schließlich auch von etwas leben müsse und bescheidene Lohnzuwächse angesichts der Rekordabschlüsse deutscher Firmen zumutbar seien.
Ja was denn nun? Der Tagesschauzuschauer ist ratlos. Leben muß man, das steht mal fest.
Leben heißt heute geldverdienen, und das wollen denn natürlich auch die Arbeitgeber, die das Monopol auf die Zuteilung von Arbeit haben. Die wiederum, hört man ständig, haben ein Problem, das sich Konkurrenz nennt – und die ist heutzutage ganz besonders fies, wegen Globalisierung und so, weil jetzt ja alle mit allen konkurrieren. "Ogottogott, auf meinen Job warten ja auch schon sechs Millionen Chinesen." denkt der Tagesschauer, trinkt zwei Bier mehr als sonst und geht schlecht schlafen.
Zur gleichen Zeit sitzt dessen Personalchef noch am Schreibtisch und weiß nicht so recht, ob er sich die Hände reiben soll – die Bilanzen sind ja wieder mal prächtig!- oder ob nicht doch Sorgenfalten auf seiner Stirn angebrachter wären – die Personalkosten!-; schlußendlich entscheidet er sich dafür, beide Gesten zu kombinieren und noch mal die Gehaltslisten durchzusehen. Was er dabei sieht, sind natürlich nicht unruhig schlafende Arbeitnehmer, sondern nüchterne Zahlen, Gehalt und den Wert geleisteter Arbeit – und zwar im globalen Vergleich. Sollten die beiden Faktoren nicht zusammenpassen, wird das Problem eliminiert, das heißt entlassen, verschwindet aus der Firmenbilanz und hat sich damit erledigt. Oder?
Aus Sicht des Personalchefs ja, doch der hat ein Problem: er ist extrem kurzsichtig, sein Blickfeld reicht nicht über das Werkstor hinaus.
Dort draußen nämlich taucht das Problem wieder auf, und zwar im Arbeitsamt oder bei den anonymen Alkoholikern. Hier tut es genau das gleiche wie in der Firma: ein Problem sein nämlich, das heißt Kosten verursachen. Die aber gehen den Personalchef nichts mehr an, schließlich ist er nicht die Wohlfahrt – und genau da liegt der Hund begraben: die Rekordbilanzen der Konzerne sind unter anderem darauf zurückzuführen, daß sie sich gesundrationalisiert haben, das heißt, die belastenden Personalkosten auf den Staat verlagert haben. Im Bedarfsfalle stehen die Arbeitnehmer, genauer: die Arbeitsleistung ja wieder zur Verfügung. Dies ist die zweite Spielart neoliberalen Managements: das unternehmerische Risiko wird in "Flexibilität" umbenannt und an die Beschäftigten weitergegeben.
Begründet wird dies vom Personalchef mit der Verantwortung gegenüber dem Management, das sich wiederum auf die Aktionäre und Banken beruft, die eine gute Bilanz sehen wollen – ein geschlossener Kreislauf der Verantwortungsdelegation, der sich nur an der Bilanz orientiert und völlige Verantwortungslosigkeit produziert. Vollends paradox wird es, wenn der Problemfall – nennen wir ihn mal Meier - zwecks Altersvorsorge einige Aktien seines Arbeitgebers erworben hat; dann nämlich wird der Arbeitnehmer Meier zum Wohle und im Interesse des Aktionärs Meier wegrationalisiert, hat sich also irgendwie selbst gefeuert.
Daß hier de facto nicht wirklich Meiers Interessen, sondern die der Großaktionäre vertreten werden ist klar, ebenso klar ist, daß Firmenpolitik nicht von Kleinaktionären gemacht wird; nachdem der Gang an die Börse aber in den letzten Jahren zum Volkssport geworden ist, wäre eine Einflußnahme auf die Unternehmensstrategen für ein sozial verträglicheres Geschäftsgebaren durch Bündelung der Kleinaktionäre zumindest denkbar.
Denn genau das ist es, was die Misere bessern könnte: eine Geschäftspolitik, die sich nicht mehr nur von Quartal zu Quartal alleine an den Bilanzen orientiert, sondern soziale Faktoren mit in die Rechnung einbezieht.
Das klingt natürlich furchtbar naiv, da solches in der neoliberalen Ideologie des ökonomischen Autismus natürlich nicht vorgesehen ist und wird daher auch niemals von der Wirtschaft selbst in Betracht gezogen werden – es sei denn, sie wird dazu gezwungen.
Ganz unmöglich ist das nicht, denn die Wirtschaft scheint sich zwar einerseits als autarkes System zu begreifen, das sich seine eigenen Gesetze gibt; andererseits aber ist sie völlig von denen abhängig, in deren Interesse sie zu agieren vorgibt: der Mensch interessiert als Arbeitnehmer zwar nur in dem Teilausschnitt seines Lebens, in dem er arbeiten kann und will – selbst die Berufsausbildung wird ja zusehends weggekürzt- , als Konsument aber ist er bereits vor seiner Geburt Absatzanreiz für Schwangerschaftsratgeber und noch nach seinem Tod willkommener Kunde des Beerdigungsunternehmers.
Man müßte also die schizophrene ökonomische Sichtweise vom Mensch als einerseits ohnmächtigen Arbeitnehmer und andererseits allmächtigen Kunden wieder zusammenführen, dergestalt daß der Mensch als Konsument Einfluß nimmt auf sein Schicksal als Arbeitnehmer.
Nun klingt das immer noch ausgesprochen naiv, vor allem, da die angestrebte soziale Denkweise der Wirtschaft völlig fremd ist. Trotzdem wäre es nicht das erste Mal, daß dem ökonomischen System so ganz und gar untypische Verhaltensweisen aufgezwungen werden – man erinnere sich nur an den mächtigen ökologischen Diskurs, der ebenfalls vom Verbraucher ausging und erstaunlich viel bewirkt hat, vor allem dort, wo er politisch unterstützt wurde.
Vermittelbar ist das dem Ökonomen selbstverständlich nur in der einzigen Sprache, die er versteht: harte Zahlen. Das wäre in diesem Falle ein Maß für sozialverträgliche Beschäftigungspolitik, also soziale Folgekosten, die mit weiteren Zahlen gekoppelt werden müßten: Subventionen, Steuererleichterungen, Vergabe von Staatsaufträgen und vor allem: Verkaufszahlen, die Herr Meier als König Konsument mit festlegt und so nicht mehr nur Opfer, sondern auch Herr der allmächtigen Bilanzen wäre.

© christian haug '98