Die "Black Box" Technik öffnen: Eine Einführung in SCOT
1. Theoretischer Kontext: Spielarten des Konstruktivismus
SCOT ist ein Akronym und steht für "Social Construction of Technology". Der Name ist Programm und gibt das theoretische Umfeld an, in das SCOT einzuordnen ist - den Konstruktivismus. Da dieser sich in den letzten Dekaden zu einer vitalen theoretischen Strömung entwickelt hat, ist eine kurze Rundschau zur näheren Verortung hilfreich.
Karin Knorr Cetina (1998) unterscheidet drei "Spielarten des Konstruktivismus" (1998: 86ff); die sie nach den Untersuchungsgegenständen differenziert: Sozialordnung, Kognition und wissenschaftliches Wissen.
Die erste Spielart wird hierzulande vor allem mit Berger und Luckmann (1966) verbunden und untersucht das Miteinander von Menschen, also die Sozialordnung.
Ansatzpunkt der Analyse ist das scheinbare Paradoxon, dass sie als "objektiver" Tatbestand erlebt wird, obwohl sie doch von ihren Mitgliedern konstruiert wird. Zur Erklärung werden die Mechanismen der Konstruktion - Institutionalisierung, Objektivierung und Legitimation - herangezogen.
Die zweite Spielart beschäftigt sich mit Prozessen der Erkenntnis und Kognition; Untersuchungsgegenstand ist also das menschliche Gehirn sowie der Wahrnehmungsapparat. Aus Erkenntnissen der Philosophie, Neurowissenschaften und kognitiven Psychologie wird von Theoretikern wie Glasersfeld, Foerster, Maturana und Varela das Modell der autopoietischen Systeme abgeleitet: da das Gehirn ein informationell geschlossenes System ist, kann externe "Realität" nie repräsentiert, sondern lediglich intern konstruiert werden. In die Soziologie gelangte diese Konzeption vor allem durch die Arbeiten von Niklas Luhmann.
Als dritte Spielart nennt Knorr Cetina das "empirische Programm des Konstruktivismus" (1998: 91). Gegenstand der Untersuchung ist hier die Konstruktion von Wissen in der letzten Bastion "harter Objektivität", den Laboren der Naturwissenschaften. Wissenschaftliche Erklärungen von Phänomenen werden nun nicht mehr fraglos als Erklärung akzeptiert, sondern als selbst erklärungsbedürftig dekonstruiert (vgl. Knorr Cetina 1984 sowie Latour und Woolgar 1979).
2 Die "Paten" von SCOT
SCOT ist eng mit dieser dritten Spielart verbunden; im Folgenden sollen zwei seiner wichtigsten "Paten" behandelt werden: das "strong programme" und EPOR.
Der erste dieser Paten ist das "strong programme", wie es David Bloor (1976) formuliert hat. Bloor klagt die Anwendung sozialkonstruktivistischen Gedankenguts auf scheinbar "hartes", naturwissenschaftliches Wissen ein und formuliert vier methodische Prinzipien einer "starken" Wissenssoziologie:
Kausalität der Umstände, der "conditions which bring about belief or states of knowledge" (4).
Unparteilichkeit: "impartial [ity] with respect to truth and falsity, rationality or irrationality, success or failure. Both sides of these dichotomies will require explanation." (5).
Symmetrie des "style of explanation" (ebd.): "The same types of cause would explain, say, true and false beliefs." (ebd.).
Reflexivität: die Erklärungsmuster des Programms müssen auch auf Anwendungen des Programms selbst anwendbar sein (ebd.).
2.2 The Empirical Programme of Relativism (EPOR)
Der zweite Pate ist EPOR, wie von Collins (1981) formuliert. Im Vergleich zu Bloors strong programme ist EPOR stärker auf wissenschaftlichen Diskurs als auf wissenschaftliches Wissen ausgerichtet, teilt aber wesentliche konstruktivistische Grundannahmen.
Collins beschreibt EPOR als Dreischritt in der Analyse wissenschaftlicher Kontroversen; Ansatzpunkt ist dabei die Mehrdeutigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse. Diese im ersten Schritt aufgedeckte "interpretative flexibility" (4) von z. B. experimentell gewonnen Daten ist in aller Regel nicht identisch mit dem Ergebnis der Debatten; der zweite Schritt besteht daher in der Beschreibung und Verfolgung der "mechanisms which limit interpretative flexibility and thus allow controversies to an end" (ebd., Hervorhebung im Original). In der dritten Stufe werden diese "constraining mechanisms" (7) kausal an die "wider social and political structure" (ebd.) gekoppelt - was exakt Bloors erstem Prinzip der Fokussierung auf erkenntnissteuernde Rahmenbedingungen entspricht.
3.1 Gegenstandsbereich und epistemologischer Status
Von den anderen Konstruktivismen unterscheidet sich SCOT durch den Gegenstandsbereich "Technik", der in Übereinstimmung mit den Konstruktivismen der dritten Spielart als sozial konstruiert und damit konsequenterweise nicht als erklärungsmächtig, sondern vielmehr als erklärungsbedürftig verstanden wird. Ansonsten lässt sich SCOT über weite Strecken als Übertragung der Hauptelemente des strong programme und von EPOR auf Technik- statt Wissensgeneseforschung begreifen. Dies beginnt mit terminologischen Übereinstimmungen ("interpretative flexibility" sowie "wider context") und setzt sich beim epistemologischen Status fort: analog zum strong programme und EPOR begreift Bijker SCOT weniger als geschlossenes theoretisches System, sondern eher methodisch, als flexibles baukastenförmiges Analyseinstrumentarium für empirische Anwendungen:
The model will not be a set of narrowly defined concepts to be employed indiscrimantely in empiric research. Rather, it will be a heuristic device, a set of sensitizing concepts that will allow us to scope out relevant points, but one that will require adaptation and reformulation for use in new instances. (Bijker 1995: 17).
In "Of Bicycles, Bakelites and Bulbs" wendet Wiebe Bijker nun die "heuristic device" SCOT auf die drei titelgebenden Artefakte an. Er begnügt sich allerdings nicht mit der Analyse der Geneseprozesse, sondern strebt eine Theorie soziotechnischen Wandels (Bijker 1995: 13) an, die durch Generalisierung der Ergebnisse der empirischen Arbeiten gewonnen werden soll. Diese Vorgehensweise ist typisch für den Charakter von SCOT als empirisches Werkzeug, mit dem Fallstudien produziert werden, aus denen dann Schlussfolgerungen abgeleitet werden - die Theorie soll sich an der Empirie mit jeder Studie durch "adaptation and reformulation" (s.o.) weiterentwickeln.
Was dabei allerdings nicht zur Diskussion steht, sind vier Grundanforderungen, die sich aus einer Kombination von Kritik konventioneller Technik- und Innovationsforschung sowie der Übernahme von oben geschilderten Postulaten der Science Studies ergeben.
Bijkers erster Kritikpunkt ist der technologische Zirkelschluss vieler Arbeiten: Erfolg oder Scheitern einer Technik werden durch Technik erklärt. Dem setzt er als erste Anforderung die wissenschaftssoziologische Perspektivenverschiebung entgegen, nach der technischer Erfolg nicht erklärungsmächtig, sondern -bedürftig ist. Dabei gilt es die Bloorschen Postulate von Unparteilichkeit und Symmetrie zu beachten, nach denen Erfolge und Misserfolge gleichberechtigt zu beachten und gleich zu erklären sind. In beiden Fällen wird als Erklärung der Prozess der sozialen Konstruktion von Technik herangezogen; Technik wird also als sozial konstruiert dekonstruiert.
Dekonstruktive Verfahren sind Kontingenzdetektoren, die ihrer Aufgabe oft ebenso hervorragend wie einseitig nachkommen: sie decken unermüdlich Kontingenzen (A) auf, tendieren aber dazu, einschränkende Faktoren nicht wahrzunehmen oder unterzubewerten.
In SCOT sind deshalb zwei "Kontingenzbremsen" implementiert. So soll - und das ist die zweite Grundforderung - eine Theorie soziotechnischen Wandels nicht nur ebendiesen Wandel, sondern auch sein Gegenteil, also Dauerhaftigkeit ("obduracy", Bijker 1995: 13) erklären können. Drittens sollen nicht nur kontingenzträchtige Handlungsfreiheiten der Akteure aufgedeckt werden, sondern auch die strukturellen Begrenztheiten dieser Spielräume ("structurally constrained aspects", ebd.) - die wie bei EPOR "wider context" genannt werden.
(A) Der Begriff der Kontingenz wird in dieser Arbeit in Anlehnung an Luhmann gebraucht, also als Bezeichnung für einen Zustand, in dem etwas nicht zwingend notwendig ist, sondern es Alternativen gibt (Luhmann 1999: 137). Von diesen Alternativen mag es einige geben oder viele; auf eine Situation, in der es unendlich viele Alternativen gibt, werden m. E. gewöhnliche Sterbliche aber in der irdischen Realität nicht treffen, weil sie immer Einschränkungen unterliegen (z.B.: körperlicher Natur), ob sie sie nun wahrnehmen oder nicht. Kontingenz, wie hier gebraucht, bedeutet also keinesfalls völlige Beliebigkeit.Die vierte Forderung erweitert die Annahme der sozialen Konstruiertheit von Technik, indem sie sie auf Gegenseitigkeit stellt: Technik ist nicht nur sozial konstruiert, sie beeinflusst auch die Konstruktion von Sozialität. Beide Pole fließen ineinander und ergeben das "seamless web" (Bijker 1995: 13, Vgl. auch Bijker 1995a) moderner Gesellschaften, in dem Technisches und Soziales sich umeinander auskristallisieren, so dass a priori Unterscheidungen keinen Sinn mehr machen.
Bijker hat dieses Konzept am Beispiel des "Deltaplans" demonstriert, mit dem die Niederlande nach der Flut von 1953 den gesamten Küstenschutz reorganisierten und ein monumentales Deichbauprojekt starteten. Da die Deiche für die Niederlande von vitaler Bedeutung sind, ist seine Schlussfolgerung in diesem Fall durchaus plausibel:
Dutch society shaped the technology of the Deltaplan as much as the Deltaplan shaped Dutch society for the future. (Bijker 1995a: 249).
Ob das "seamless web" auch auf kleinere, unspektakulärere Techniken anwendbar ist, sei dahingestellt; Zweifel sind aber wohl angebracht.
Sozialkonstruktivistisch betrachtet ist Technikgenese der Weg vom Sozialen zum Artefakt; da der Prozess der Technikentwicklung zum Zeitpunkt der Untersuchung in aller Regel bereits abgeschlossen ist, muss die Analyse den umgekehrten Weg einschlagen: vom Artefakt zum Sozialen. Wie in den Science Studies folgt der Untersucher also den Protagonisten an ihren Arbeitsplatz; da der aber vom Personal in der Regel bereits verlassen wurde, ist das nur mittelbar möglich, also auf dem Umweg über Quellen - was SCOT in die Nähe von Diskursanalyse rückt.
Dieser Weg hat in SCOT die Form eines Dreischrittes, wobei jedem Schritt ein zentraler Begriff zugeordnet ist. Im folgenden sollen diese Konzepte in der Reihenfolge ihrer Anwendung vorgestellt, diskutiert und mit geeigneten Beispielen illustriert werden.
Zunächst gilt es, "das Soziale" zu definieren, um es dann dingfest zu machen. Bijker geht in seinen Studien zur Entwicklung des Fahrrads und der Leuchtstoffröhre von relevanten sozialen Gruppen ("relevant social groups", Bijker 1995: 45) aus, die sich um das Artefakt gruppieren und konstituieren (B).
Damit stellt sich sofort ein Abgrenzungsproblem: wer ist relevant, wer nicht? In der Lesart von SCOT muss eine soziale Gruppe eine Beziehung ("relation", 49) zu der betreffenden Technik haben, um relevant zu sein. Diese Beziehung wird als Geflecht von Problemen und Lösungen konzeptualisiert und führt zu gruppenspezifischen Zuweisung von Bedeutung(en) ("meanings attributed", 45), die dann wiederum die Entwicklung des Artefakts beeinflussen.
Im Unterschied zu traditioneller Technikforschung sind relevante Gruppen nun aber keinesfalls mit Nutzergruppen gleichzusetzen, auch Nichtnutzer können relevant sein - schließlich weisen beispielsweise gerade die Feinde einer Technik ihr Bedeutung im doppelten Sinne zu: erstens halten sie sie quantitativ für bedeutend genug, um dagegen zu opponieren, zweitens schreiben ihr qualitativ eine bestimmte Bedeutungen zu, indem sie sich ein Bild von ihr machen.
Eine solche Erweiterung des Relevanzrahmens macht Sinn (man denke nur an Gegner der Gentechnik!), verschärft aber auch die Abgrenzungsproblematik: ist dann jede soziale Gruppe, die sich jemals zu einer Technik geäußert hat, relevant?
Man wird hierzu bei Bijker und Pinch keine explizite Antwort finden, aus dem Aufbau der Fallstudien lässt sich aber eine implizite Antwort destillieren: behandelt werden nämlich nur die sozialen Gruppen, deren Auffassungen auch tatsächlich Folgen für die Genese des Artefakts hatten.
Daraus ließe sich nun wiederum der Vorwurf ableiten, hier würden konventionelle, also linear teleologische Erfolgsstorys reproduziert: das Artefakt ist erfolgreich, weil es den Bedürfnissen seiner Zeit entspricht - die ihrerseits einfach die Interessen der mächtigsten Gruppen spiegeln. Ein solcher Vorwurf greift allerdings zu kurz, da, dem Symmetriepostulat folgend, auch "gescheiterte" Varianten und Vorstufen der Endform des Artefakts gleichberechtigt analysiert werden sollen.
(B) Wobei man Gruppenbildung nicht nur im Sinne von Selbstkonstitution verstehen kann. So stellt Rosen (1993: 497) die These auf, dass die soziale Gruppe der Mountainbiker von der Fahrradindustrie mitkonstruiert wurde - einerseits durch die Versorgung mit Werten via Werbung, andererseits durch die artefaktvermittelte Einteilung in "sportliche" oder "Komfortfahrer".Exkurs: Zum Beispiel: Ein Missverständnis
Eine Illustration des Problemfeldes relevante soziale Gruppe und der möglichen Missverständnisse bietet die Kontroverse von Nick Clayton (seines Zeichens Ehrenherausgeber des Journals des "Veteran-Cycle Club") und Pinch & Bijker in "Technology & Culture". Clayton (Clayton 2002: 356) attackiert Bijker, weil dieser Frauen als relevante soziale Gruppe bei der Entwicklung früher Fahrradtypen ausgemacht hat: das sei Unsinn, schließlich seien Frauen damals überhaupt nicht Fahrrad gefahren.
Das sei schon richtig, entgegnen Pinch & Bijker, aber erstens hätten sie das nie behauptet und zweitens sei das sowieso irrelevant: Frauen hätten nichtsdestotrotz durchaus (negative) Auffassungen vom Hochrad gehabt, den Wunsch nach Radfahren gehegt und Fahrradingenieure hätten sich um die Konstruktion "frauentauglicher" Fahrradtypen bemüht, also seien sie sehr wohl relevant - Clayton habe wohl ihr Buch nicht richtig gelesen, verwechsle relevante soziale mit tatsächlichen Nutzergruppen und sei ein "naiver Empirist" (Bijker & Pinch 2002: 363). Clayton wiederum verteidigt sich in seiner Entgegnung auf diesen Vorwurf, indem er nochmals auf historischen Fakten beharrt (Clayton 2002a: 369f) und zieht sich mit dem Vorwurf, Pinch & Bijker mangele es an Schreibstil, aus der Debatte zurück.
4.2 Interpretative Flexibilität
Auf die Identifizierung und Beschreibung der relevanten sozialen Gruppen folgt im zweiten Schritt die Analyse der Bedeutung(en), die sie dem Artefakt zuordnen: welches Bild machen sich die Gruppen von der betreffenden Technik, welche Funktion(en) ordnen sie ihr zu? Da es sich in aller Regel um mehrere verschiedene Gruppen mit je spezifischen Vorstellungen und Problemen handeln wird, differieren auch die Definitionen hinsichtlich Sinn und Bedeutung. Da so einem Artefakt verschiedene Interpretationen zugeordnet werden können, hat es in konstruktivistischer Lesart (analog zu den von EPOR untersuchten wissenschaftlichen Daten) die Eigenschaft "interpretativer Flexibilität" - es ist nicht per se eindeutig festgelegt, sondern offen für Interpretation, sozusagen semantisch formbar. Exakt solche Bedeutungen übernehmen erstens als Zielvorstellungen eine Leitfunktion bei der Entwicklung von Technik und bestimmen zweitens, ob das fertige Produkt als "gelungen", "nützlich" oder schlicht "funktionierend" angesehen wird; und genau davon hängt es schließlich ab, ob das Produkt sich auf dem Markt durchsetzen kann.
Bijker zieht daraus die Konsequenz des "pluralism of artifacts" (Bijker 1995: 77): wenn es von einem Artefakt mehrere Interpretationen gibt, die letztlich bestimmen, ob es sich hierbei um ein funktionierendes oder ein nicht funktionierendes Artefakt handelt, dann handelt es sich auch nicht nur um ein, sondern um mehrere Artefakte.
Exkurs: Zum Beispiel: "Harte Kerle" damals und heute
Ein mittlerweile klassisches Beispiel ist die Entwicklung des luftgefüllten Fahrradreifens: von Dunlop ursprünglich als "antivibration device" (Bijker 1995: 84) gedacht, interessierte er die relevante Gruppe "Hochradfahrer" überhaupt nicht (ebd.).
Neben "harten" Faktoren wie Pannenanfälligkeit und hohem Preis (80) waren dafür vor der "weiche" Faktor der Attitüde der Hochradler entscheidend: Bijker charakterisiert die Hochräder als "Macho Bicycles" (77), ihre Fahrer als "athletic" (40) "young men of [...] nerve" (41).
Bei den Nutzern der ebenso schwer handhabbaren wie gefährlichen Hochräder handelte es sich also um selbsternannte "harte Kerle", die den Reiz des Radelns wertrational in der Bewältigung der damit verbundenen Schwierigkeiten sahen - als sportliche Leistung also. Vibrationen wären dann nicht als technisch zu lösendes Problem, sondern als sportlich zu bewältigende Herausforderung einzuordnen. Technische Hilfsmittel wie der Luftreifen hätten in dieser Sichtweise zwar die Vibrationenen verringert, aber eben auch die sportliche Leistung und damit den Distinktionsgewinn.
Das änderte sich erst, als der Luftreifen bei Fahrradrennen Anwendung fand und die bis dato chancenlosen "low-wheeler" (82) mit Luftreifen die Hochräder ohne Luftreifen abhängten (ebd.). Nun wurde die ursprüngliche "antivibration device" (ebd.) als zweckrational sportlicher "high-speed-tire" (ebd.) uminterpretiert - und mit dem Prädikat "funktionierend" ("working", 13) versehen, das der unsportlichen "antivibration device" (82) versagt geblieben war.
Die "harten Kerle" sind nun nicht etwa mit den Hochrädern ausgestorben, man trifft sie heute vor allem auf Mountainbikes an. Seit Ende der der neunziger Jahre gelegentlich sogar auf einer eigenen Variante von Montainbikes: "Single-Speed Bikes" - also Räder, die nur einen einzigen "Gang" haben. Technikhistorisch gesehen ist das ein ziemlich erstaunlicher Rückschritt in die Zeit vor der Entwicklung der Gangschaltung, die ja gerade am Berg besonders funktional ist.
Was also war passiert? Das Phänomen liesse sich vielleicht (C) durch die Parallelexistenz zweier relevanter sozialer Gruppen erklären: erstens die Nachfahren im Geiste der "hardcore hippie bums" (Rosen 1993: 499), die Mountainbiking in den siebziger Jahren als Extremsportart entwickelt hatten (ebd.). Zweitens die "ordinären" Biker, die Mountainbiking inzwischen zur Breitensportart gemacht haben. Die Existenz der Letzteren stellte dann Erstere vor das Problem, dass die bloße Ausübung des Sports nicht mehr allzu viel Distinktionsgewinn verspricht.
In dieser Situation entdeckten die "Freaks" das eigentlich ausgestorbene Artefakt "Eingang'schaltung' " wieder. Für die "Ordinären" funktioniert es nicht, weil sie damit das im Breitensport unerwünschte Problem "Kraftverschwendung" haben, das durch die "kraftsparende" Mehrgangschaltung gelöst wurde. Für die "Freaks" hingegen funktioniert die Mehrgangschaltung nicht, weil sie "kraftsparend" ist und so die Zugangsschwelle zur Sportart so weit absenkt, dass von distinktiv wertvollem "Extremsport" keine Rede mehr sein kann. Die "Eingang'schaltung' " hingegen funktioniert wunderbar - gerade weil sie die Eigenschaft "Kraftverschwendung" hat und die Zugangsschwelle wieder so weit anhebt, dass der distinktiv wertvolle Extrem(sport)charakter von Mountainbike(r)n wieder hergestellt ist.
(C) Die folgenden Ausführungen basieren auf Gesprächen des Verfassers mit Mountainbikern. Der mangelhaften empirischen Absicherung wegen bittet der Verfasser, die folgenden Ausführungen als Interpretationsvorschlag ohne Anspruch auf Repräsenativität zu verstehen.Nachdem mit dem Konzept der interpretativen Flexibilität die gruppenspezifischen Zuschreibungen von Bedeutung von Artefakten identifiziert und so die Artefakte dekonstruiert wurden, gilt es im nächsten Schritt, das Verschwinden der Pluralität und damit der interpretativen Flexibilität nachzuzeichen - also die von EPOR postulierten "constraining mechanisms" (Collins 1981: 7) aufzuspüren. Dazu werden weitere Konzepte nötig, die es ermöglichen
[to] clean up the sociologist's desk, littered with artifacts after the sociological demonstration of interpretative flexibility. [...] after having carried out the sociological deconstruction we will now trace ist social construction. (Bijker 1995: 84).
Das "Aufräumen" besteht dann schlicht und einfach darin, das weitere Schicksal der Artefaktdefinitionen im Diskurs der sozialen Gruppen nachzuvollziehen. Dieses Blackboxing, also die Momente des Verschwindens werden in SCOT als "closure" (84) und "stabilization" (ebd.) bezeichnet. Das Ballett der Bedeutungen wird dabei als evolutionärer Prozess von Variation und Selektion gedacht (87f), wobei Selektion als Schließung oder Stabilisierung auftreten kann.
Das Konzept der Schließung ist interaktionistisch geprägt, wurde aus der Wissenschaftssoziologie übernommen und bezeichnet das Ende einer Debatte, den Moment in dem die Verhandlung geschlossen wird (87). Bijker und Pinch unterscheiden zwei Varianten: erstens den "rhetorical closure" (Bijker & Pinch 1987: 44), bei dem sich die Gruppen darauf einigen, dass das Problem gelöst oder sogar überhaupt kein Problem sei - was keinesfalls bedeuten muss, dass es auch "tatsächlich" gelöst ist:
To close a technologivcal 'controversy', one need not solve the problems in the common sense of the word. The key point is whether the relevant social groups see the problem as being solved. (ebd., Hervorhebung im Original).
Die zweiten Form der Schließung erfolgt via "redefinition of the problem" (ebd.); so geschehen beim luftgefüllten Fahrradreifen, der erst akzeptiert wurde, nachdem das durch ihn zu lösende Problem von "Vibrationsdämpfung" zu "Geschwindigkeitssteigerung" umdefiniert worden war.
Wie eingangs angemerkt soll SCOT als Theorie soziotechnischen Wandels sowohl Veränderung als auch Dauerhaftigkeit einer Technik erklären. "Closure" zielt dabei auf die dynamische Komponente, indem die Interaktion zwischen mehreren Gruppen thematisiert wird (Bijker 1995: 87), in der sich die Bedeutungen verändern.
Auf die statische Komponente der Dauerhaftigkeit ("obduracy", ebd.) wird dagegen mit dem Konzept der Stabilisierung ("stabilization", ebd.) Bezug genommen. In den Fokus rücken hier gruppeninterne Prozesse, mit denen die "überlebende" Artefaktform gehärtet wird, indem die dazugehörige Bedeutung weiter ausgearbeitet und auf Dauer gestellt wird. Nachgewiesen wird das anhand der Beschreibungen des betreffenden Artefakts; die theoretische "Grundierung" ist hier also Semiotik statt Interaktionismus (85).
Beide Konzepte zielen drauf ab, den Mythos des heroischen Erfinders, also des genialen Eremiten, zu widerlegen, indem sie den kollektiven Charakter von Technikgenese betonen und sichtbar machen.
4.5 Two Aspects of One Process?
Die Konzepte von Schließung und Stabilisierung sind sich sehr ähnlich; Bijker merkt auch an, dass es sich um "two aspects of one process" (Bijker 1995: 85) handele. Sein Rekurs auf Interaktionismus versus Semiotik als unterschiedliche theoretische Hintergründe kann dabei m. E. nicht wirklich überzeugen, schließlich geht es hier wie dort um soziale Bedeutungskonstruktion als semiotische Interaktion.
Empirisch nützlich und theoretisch gut fundiert sind hingegen die Gegensatzpaare "Wandel / Konstanz" und "Inter- / Intragruppenprozesse". Auch die implizite Theorie, dass mehrere Gruppen durch eine Art "Grobdynamik" nach dem Motto "Welches von den vielen denkbaren Artefakten wollen wir überhaupt?" dekonstruktiv wirkt und so Wandel produziert, während eine einzelne Gruppe in einer "Feindynamik" entlang der Frage "Wie gestalten wir dieses eine Artefakt genau aus?" Konstanz erzeugt, ist intuitiv einleuchtend, müsste aber empirisch noch genauer belegt werden.
Exkurs: Zum Beispiel: Missing Groups
Da die beschriebenen Konzepte der Wissens- und Wissenschaftssoziologie sehr nahe stehen, kann man sie durchaus auch auf Wiebe Bijkers Schriften anwenden.
Nehmen wir zum Beispiel das Problem der "missing groups": wenn man den Diskurs analysieren will, stellt sich immer das Problem der Inklusion von Gruppen, die im Mainstreamdiskurs nicht inkludiert waren, also keine (schriftliche) Stimme hatten (z. B. Kinder) oder kein Gehör fanden (evtl.: Frauen).
Bijker widmet der Methodik zur Identifizierung relevanter sozialer Gruppen ein eigenes Kapitel und empfiehlt: " 'roll a snowball' and 'follow the actors' " (Bijker 1995: 46ff). Beides mildert das Problem, löst es aber nicht unbedingt: wenn die "missing group" nicht publiziert hat und die befragten Akteure deren Relevanz leugnen (oder nicht realisieren), bleibt sie unsichtbar.
Bijker erkennt das Problem und formuliert es in einer politischen und einer epistemologischen Variante. Für erstere verweist er auf seine Bakelitstudie, in der er sich mit Machtfragen beschäftigt; die epistemologische Formulierung kontert er mit dem Argument, der Analyst dürfe eben die Relevanzstrukturen der von ihm untersuchten Akteuren nicht fraglos übernehmen (48). Ist das Problem damit gelöst? Eigentlich nicht; auch wenn man Machtaspekte mit einbezieht und kritisch hinterfragt, werden machtlose Gruppen nicht unbedingt sichtbar. Bijker aber verweigert weitere Diskussion:
The problem of the 'missing groups' does not exist if the conceptual framework is taken in the right spirit [...] the goal is to develop a framework for scientific research, not a computer program for an expert system to carry out social studies of technology. (49, Hervorhebung im Original).
Das Interessante an diesem Zitat ist der Modus der Verweigerung - Bijker nimmt nämlich eine klassische Schließung vor, die er zudem gleich doppelt durchführt: zunächst kommt ein "rhetorical closure" ("the problem does not exist", s.o.), der das Problem als nicht existent setzt. Darauf folgt "closure by redefinition of the problem" ("the goal is to [...] , not to [...]", s.o.) - was eigentlich obsolet wäre: nichtexistente Probleme muss (und kann) man nicht redefinieren. Offensichtlich wollte Bijker ganz sicher gehen, dass die leidige Diskussion auch wirklich beendet ist.
Das Problem, könnte man sagen, existiert indessen ungerührt fort, aber das scheint Bijker nicht zu stören. Was übrigens durchaus logisch ist, schließlich gilt immer noch:
The key point is whether the relevant social groups see the problem as being solved. (Bijker & Pinch 1987: 44, Hervorhebung im Original).
Bijkers Argumentationsverhalten lässt sich also mit SCOT erklären; Bloors Forderung nach Reflexivität (Bloor 1976: 5) ist damit erfüllt.
Nun finden natürlich weder die intra - noch intergruppalen Prozesse in einem technischen Reinraum statt, vielmehr sind sie in übergreifende kulturelle, politische, ökonomische und institutionelle Diskurse mit ihren jeweiligen Logiken eingebunden. Dieser soziokulturelle "Metarahmen" taucht in SCOT als "wider context" (Bijker & Pinch 1987: 46) auf und wird vor allem über die Normen und Werte der Akteure, die ihre Bedeutungskonstruktion bestimmen, an das Artefakt angebunden (ebd.).
Die Analyseebene der "sociocultural and political situation" (ebd.) kann daher eine gute Anschlusstelle für kultursoziologische Fragestellungen bieten.
5 Opening the Black Box and Finding It Empty?
SCOT hat sich seit Mitte der 80er Jahre zu einer einflußreichen Theorieströmung entwickelt, es entstand eine Fülle von Fallstudien, die die Technikgenese von Artefakten vom Fahrrad (Bijker & Pinch 1987) über Ultrazentrifugen (Elzen 1986) bis hin zu Raketenleitsystemen (MacKenzie 1990) analysierten.
Eine der schärfsten Kritiken hat Langdon Winner mit seinem Aufsatz "Upon Opening the Black Box and Finding it Empty: Social Constructivism and the Philosophy of Technology" (Winner 1993: 362) vorgelegt. Im Folgenden sollen Winners Kritikpunkte vorgestellt und diskutiert werden; damit verbunden wird eine Darstellung der Konsequenzen, die aus den kritischen Punkten von SCOT für die vorliegende Arbeit gezogen wurden.
Winner beginnt seinen Aufsatz, indem er zunächst die methodische Klarheit lobt, die SCOT als theoretische Grundlage für detaillierte empirische Fallstudien zur Technikgenese einzelner Artefakte wertvoll mache (Winner 1993: 366) - allerdings nicht ohne den Seitenhieb, dass sich SCOT dadurch besonders für "less imaginative graduate students" (ebd.) empfehle.
Dagegen, so Winner weiter, stünde allerdings das gravierende methodische Problem der "missing groups", die er in "irrelevant groups" (369) umbenennt. Winner leitet aus diesem Problem den Vorwurf ab, SCOT sei implizit elitär, also konservativ (370) - weil nur privilegierte Gruppen als relevant erfasst würden.
Hierbei handelt es sich in der Tat um ein Problem, das ebenso ernst wie schwer vermeidbar ist - allerdings prinzipiell nicht nur bei SCOT, sondern bei jeder techniksoziologischen Theorie. Dem Untersucher, gleich welcher theoretischen Couleur, bleibt nur die Vorgehensweise, diese Problematik im Kopf zu behalten und ihre Effekte zu markieren - im Fall Playmobil etwa das Schweigen der relevanten, aber weitgehend unsichtbaren sozialen Gruppen von Kindern und Eltern.
5.2 Blinde Flecke: Technikfolgen und -evaluation
SCOT, so Winner weiter, ignoriere die sozialen Folgen der einmal entwickelten Technik völlig (Winner 1993: 368) (D).
Darüber hinaus attestiert er SCOT Kurzsichtigkeit, weil es über die einzelnen Akteure hinausreichende Effekte von Struktur und Kultur nicht erfasse (370) und stört sich an der Neutralität der sozialkonstruktivistischen Perspektive, die jede politische und moralische Evaluation ausschließe (371): "Interpretative flexibility soon becomes moral and political indifference." (372).
Abschliessend zieht Winner das Fazit, dass SCOT zwar Black Boxes öffne und einen "colorful array of social actors, processes and images therein" (375) zeige, das Resultat aber "remarkably hollow" (ebd.) sei, da es nicht gedeutet und bewertet würde. Die sozialkonstruktivistische Technikgeneseforschung schiene aber davon unbekümmert "content to define itself as narrow academic subfield - innovation studies." (376).
(D) Dieser Vorwurf wurde besonders von Vertretern einer feministischen Techniksoziologie (Vgl. z. B.: Berg & Lie 1995) zu Recht immer wieder erhoben. Manche neueren SCOT - Arbeiten (Vgl. Bijker & Bijstersveld 2000) versuchen hier gegenzusteuern, indem sie sich auf die Rolle weiblicher Akteure konzentrieren. Simms (2002: 30) ergänzt den wichtigen Punkt, dass SCOT vernachlässige, dass Technik nicht nur sozial konstruiert werde, sondern ihrerseits als Konstrukteur sozialer Beziehungen wirke. Degele (2002: 103) weist weiterhin darauf hin, dass SCOT die auf die Entwicklung folgende Nutzungsphase von Technik vernachlässigt.Die Vorwürfe von Folgenblindheit und evaluativer Enthaltsamkeit wird man kaum entkräften können. Sie rühren aber letztlich daher, dass Winner eine deskriptive Analyse von Technikgenese nicht für ausreichend hält, sondern auch Technikfolgenforschung und Technikevaluation einklagt.
Dazu ist zweierlei anzumerken: erstens stellt jede Theorie notwendigerweise eine Komplexitätstreduktion dar; wäre es anders, hätte sie die gleiche Komplexität wie die Welt, auf die sie sich bezieht und wäre unbrauchbar. Versteht man SCOT aber als deskriptive Technikgenesetheorie, so verliert Winners Kritik erheblich an Durchschlagskraft; er attestiert SCOT ja durchaus, ein probates - wenn auch natürlich nicht perfektes - Instrument der Technikgenese- oder Innovationsforschung zu sein, mit dem sich empirische Fallstudien produzieren lassen.
Im Übrigen spricht nichts dagegen, dass an sozialkonstruktivistische Technikgeneseanalysen von anderer Seite mit anderen theoretischen Werkzeugen Wirkungs- und Evaluationsanalysen angeschlossen werden. Winner räumt ja selbst ein, dass sozialkonstruktivistische Fallstudien hilfreich sein können, da sie soziale Anteile von Technikgenese sichtbar machen und so Handlungs- im Sinne von Gestaltungsspielräumen zumindest prinzipiell aufzeigen (Winner 1993: 375).
6. Literaturverzeichnis