A & L - Universität Freiburg, Institut für Soziologie
HS "Technik soziologisch betrachtet", Prof. Dr. Nina Degele, Sommersemester 2001
(Deutsche Erstausgabe als Hardcover 1998,
im Original: Life on the Screen, Simon & Schuster,
New York 1995)
1) Quelltext und Benutzeroberfläche
2) Gibt es intelligentes Leben auf Laufwerk C\: ?
3) Spieglein, Spieglein an der Wand - wer hat die meisten Ich's im Online - Land?
Jenseits von spontanen Regungen wie blinder Wut (wenn das Betriebssystem mal wieder abstürzt) und stiller Freude (wenn das Betriebssystem mal nicht abstürzt) entfalten Computer noch ungleich subtilere Wirkungen - sie verändern, so Turkle, ihre Benutzer:
"Computer tun nicht nur Dinge für uns, sondern auch mit uns, und dies betrifft auch unsere Sicht von uns und anderen." (37)*
- und zwar, weil ebendiese Nutzer weit davon entfernt sind, den Computer als bessere Schreibmaschine zu begreifen, sondern sich "an Computerbildschirmen in [ihre] eigenen Dramen projizieren" (38) - und das ändert, kurz gesagt, alles:
"Wir benutzen das Leben am Computerbildschirm, um uns mit neuen Betrachtungsweisen über Evolution, Beziehungen, Sexualität, Politik und Identität vertraut zu machen. Wie das im einzelnen geschieht, ist das Thema dieses Buches."
Nach diesen einleitenden Thesen gliedert Turkle ihr Buch in drei Großkapitel, in denen erstens um unterschiedliche kognitive Stile bei der Arbeit am Computer, zweitens um definitorische Mensch- / Maschinengrenzen und drittens um Personen, die das titelgebende "Leben im Netz" führen.
1) Quelltext und Benutzeroberfläche
Turkle beginnt mit einer Untersuchung, was Menschen mit ihren Computern tun, und vor allem: wie sie das tun - denn im Umgang mit dem Rechner zeigen sich persönliche Züge seines Herren und Meisters: "Jeder formt den Computer nach seinem Bilde." (44). Der Computer wird damit zu Diagnoseinstrument, zum "Rorschachtest" (44), an dem sich individuelle Projektionen ablesen lassen. Sie kommt so zu zwei Arten humankognitiver Betriebssysteme: erstens den Kontrollfanatikern, die entweder mit dem Risiko hantieren ("Hacker") oder es zu vermeiden suchen ("Hobbyisten"), indem sie durch Programmierung das Innere des Rechners zu beherrschen suchen - das sind die "modernen" Menschen; modern, weil sie unter der Oberfläche die Funktionsregeln suchen, also von durchsichtigen, analysierbaren und im Notfall reparablen Maschinen ausgehen. Zweitens die experimentellen Herumspieler ("user"), die ihre Maschine gar nicht verstehen und durchschauen, also beherrschen wollen, sondern im Gegenteil von ihrer Undurchsichtigkeit fasziniert sind und lieber auf der Oberfläche - dem Interface - surfen, statt die Analysemethodik der Moderne anzuwenden - das sind dann die postmodernen Menschen.
Turkle liefert damit eine schlüssige Erklärung für den Siegeszug von grafischen Interfaces (Windows) und des WWW (grafische Browser wie Mosaic, Netscape & Co). Ihr großer Verdienst ist es hier, Technik nicht selbstreferentiell durch die Technik zu erklären, sondern psychologische und kulturelle Faktoren aufzuzeigen, indem sie die betreffenden Techniken mit epochalen Denkströmungen wie Moderne und Postmoderne verbindet. Bei all ihrem Lob der Postmoderne geht sie dabei amüsanterweise klassisch modern vor: sie bleibt nicht an der Oberfläche (dem Erfolg der grafischen Interfaces), sondern gelangt ganz im Sinne der klassischen Moderne via Analyse zu den bestimmenden Regeln dahinter. (Ganz aus scheint es demnach doch noch nicht mit der Moderne zu sein - vielleicht sind wir ja auch, wie Bruno Latour meint, nie modern gewesen?)
Das grafische Interface wird so zum Kind der Postmoderne - aber nicht nur: die Postmoderne ist nämlich, so Turkle, auch ein Kind des grafischen Interfaces. Computer sind nämlich nicht irgendwelche Objekte, sondern evokative Objekte: sie haben ganz bestimmte Eigenschaften (hier: Interfaces), die Ideen verkörpern, unters Volk bringen und über diesen subtilen "Ideenschmuggel" - quasi als trojanische Pferde - das Denken ihrer Anwender verändern. Im vorliegenden Falle macht Turkle grafische Interfaces als Materialisierung postmoderner Philosophie aus: sie sind oberfächenbetont, opak, tragen uneindeutige Zeichen - und erwecken damit den Anschein einer so hohen Komplexität, daß der methodischen Analyse das spielerisch - interaktive Experimentieren im Vagen vorzuziehen ist. Das mag gewagt klingen; aber welcher Anwender liest heute noch telefonbuchdicke Handbücher von Programmen, statt einfach draufloszuprobieren?
2) Gibt es intelligentes Leben auf Laufwerk C:\ ?
Im zweiten Kapitel arbeitet Turkle mit dem Konzept des evokativen Objekts Computer weiter, nur geht es jetzt nicht mehr um Feld - Wald - und Wiesen - PCs und ihre Besitzer, sondern um hochspezialisierte Anwendungen in Wissenschaftsdisziplinen, die dem Normalbürger denn auch reichlich "speziell" vorkommen mögen: KI (Künstliche Intelligenz) und AL (Artificial Life).
Sie zeichnet dabei diskursanalytisch Bedeutungswandlungen der Begriffe "Leben" und "Intelligenz" im Wissenschaftszirkus nach - um diese Debatten dann elegant wieder auf den Boden des Allgemeinverständlichen zu holen, indem sie anhand von Interviews mit Kindern zeigt, wie sich das Verständnis von Rechnern verändert.
Und da hat sich tatsächlich einiges verändert, wie die Diskussionen (der Erwachsenen) um den Stellenwert des Computers zeigen: in den achtzigern wurde erbittert um die Frage gestritten ob Computer intelligent seien; in den neunzigern hat sich die Debatte laut Turkle auf die Frage verlagert, ob sie lebendig sein könnten. Und wieder ist der Computer nicht nur Objekt der Auseinandersetzung, sondern auch Subjekt: über scheinbar ebenso harmlose wie populäre Spiele wie SimCity transportiert er nämlich diese hehren Fragen mitten ins Allgemeinbewusstsein - und verändert so die strittigen Konzepte selbst. (Mittlerweile ist auch der Hollywood - Mainstream in den achtzigern angekommen, wie Steven Spielbergs neuer Film "AI - Artificial Intelligence" zeigt.)
Turkle zeichnet diesen Prozeß am Beispiel von "Psychotherapieprogrammen" wie DEPRESSION 2.0 nach: de facto tut dieses Programm nichts weiter, als papageienhaft die Eingaben des Nutzers ebenjenem als Frage reformuliert zurückzugeben. Der Witz dabei ist, daß es funktioniert: der Anwender kann sich nicht nur an einem geschützten Ort seine Probleme von der Seele reden, sondern beginnt auch sein selbstgeschildertes und automatisch hinterfragtes Verhalten zu reflektieren - boshaften Zeitgenossen mag an dieser Stelle einiges zu Wesen und Wert der Psychoanalyse in den Sinn kommen.
Turkle nutzt diese Thematik, um die gesellschaftliche Dialektik von Ablehnung und Aneignung von Ideen via Denkobjekt Computer zu schildern und die dahinterliegenden Mechanismen aufzuzeigen: Vermenschlichung, pragmatische Macht der Gewohnheit, quantitative und qualitative Relativierung (195).
All diese "Deutungstricks" haben denn auch bereits ihre Wirkung entfaltet: während in den 80ern in Turkles Seminaren eher moralisch - grundsätzlich um "Therapieprogramme" gestritten wurde (Tenor: "Ist das erlaubt?"), verlagerte sich in den neunzigern die Diskussion auf ihre Anwendung (Tenor: "Wie setzen wir's denn am sinnvollsten ein?"). Turkle nennt diese Einstellung die "neue Lässigkeit", die postmoderne Variante des Pragmatismus.
Den meisten Menschen mögen DEPRESSION 2.0 und Konsorten völlig zu Recht reichlich fremd und abseitig vorkommen; nimmt man sich aber aktuelle Debatten aus Wissenschaft und Technologie mit Turkles begrifflichem Instrumentarium vor, so erweist sich ihre Erklärungskraft: die agrikulturelle Gentechnik ist so ein Fall.
Könnte es nicht sein, daß sich hier unter unseren Augen ein analoger Prozeß abgespielt hat? Der zeitunglesende Bürger fragt sich ja schon heute: Warum sich über etwas aufregen, das eh schon gemacht wird (pragmatische Macht der Gewohnheit)? Das sich außerdem in sehr begrenzten Umfang auf kontrollierten Anbauflächen abspielt (quantitative Relativierung)? Und schließlich will ja keiner Flora und Fauna um völlig neue Monstrositäten bereichern, sondern nur einzelne Eigenschaften bestehender Arten verbessern (qualitative Relativierung). Man darf gespannt sein, ob sich dieser Mechanismus auch in den Fragen der Humangenetik wiederholt - falls er nicht bereits abläuft oder schon vorbei ist.
3) Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer hat die meisten Ich's im Online - Land?
Nachdem Turkle die Rolle des Computers in Spezialdisziplinen und den Diffusionsprozeß des von und mit ihm dort erzeugten Sinneswandels beschrieben hat, wendet sie sich im dritten Kapitel dem Internet und seiner Rolle als identitätsbildendem Raum zu. Sie beschränkt sich dabei auf eine Domäne des Netzes, die Otto Normalsurfer vermutlich nicht näher liegt als die Debatten über künstliche Intelligenz: MUD's (Multi - User - Dungeons) - das sind textbasierte "Welten" im Netz, in denen eine interaktive Onlineversion klassischer Rollenspiele stattfindet, wobei die Spieler über eine Chatfunktion kommunizieren können.
Turkle beginnt mit einer kurzen Einführung zur Theorie der Identität: die früheren Vorstellungen von einer ebenso einheitlichen wie stabilen, "zusammengeschmiedeten" (289) Identität haben sich der postmodern fragmentarisierten Lebenswelt mit ihren heterogenen, parallel existierenden Bereichen angepaßt, das neue Leitbild ist laut Turkle die "multiple Identität" - das Ich ist nicht mehr eins, sondern viele.
Der Computer taucht jetzt nicht mehr als Denkobjekt auf, diese Rolle übernehmen die MUD's: sie eröffnen dem user die Möglichkeit beliebige virtuelle Identitäten anzunehmen und auszuagieren, ohne Konsequenzen im wirklichen Leben befürchten zu müssen. Turkle nennt diese virtuelle Narrenfreiheit mit einem Begriff von Eriksson ein "Moratorium"; Eriksson beschrieb damit die tendenzielle (Straf-) Freiheit, die die Gesellschaft Heranwachsenden einräumt, um Erfahrungen zu sammeln.
Freiheit heißt hier allerdings nur, daß die user keine Sanktionen Dritter im "RL" ("real life") zu fürchten haben; wie aber sieht es mit den psychischen Folgendes des bunten Treibens aus?
Die Autorin führt eine Fülle von Fallgeschichten an und kommt zu dem Schluß, daß die Onlinevariante von Psychodrama und Kompensation tatsächlich produktiv sein kann - aber nur, wenn es gelingt, die im "VL" ("virtual life") gemachten Erfahrungen ins RL mitzunehmen und psychisch zu integrieren.
Es folgen Ausführungen zu so ziemlich allen Phänomenen des MUDding von Suchtgefahren bis virtueller Vergewaltigung, die um den thematischen Kern multiple Identität kreisen, weshalb abschließend noch auf diesen Punkt eingegangen sei: das sich stellende
Grundproblem ist die nicht auszurottende Sehnsucht auch des postmodernsten Menschen, sich als Einheit zu erleben. Schon im RL des Normalbürgers existieren heute zahlreiche
verschiedene Rollen (Beruf, Freizeit, Familie, Freundeskreis, ...), die angesichts tendenziell schwindender lebenslanger Bindungen (Ehe, Arbeitgeber, Wohnort, ...) nicht eben einfach zu integrieren sind. Wo, fragt man sich, soll da der Nutzen im Hinzufügen von noch mehr - diesmal virtuellen - Rollen sein? Hieße das nicht Überbevölkerung durch Bevölkerungswachstum korrigieren?
Turkle kommt zur Beantwortung dieser Frage auf den Begriff des Moratoriums zurück und faßt MUD's als "Soziallaboratorium" auf, in dem Menschen spielerisch lernen können, viele zu sein. Entscheidend ist dabei wiederum die Offenheit: wie online - Erfahrungen im RL nur nützen, wenn sie transportiert und integriert werden, so sollen auch die Einzelichs offen füreinander sein:
"Das entscheidende Charakteristikum des Modells vom flexiblen Selbst besteht darin, daß die Kommunikationskanäle zwischen den verschiedenen Aspekten offen sind." (426)
Die Vielheit ist also nicht das Problem, sondern die Kommunikation. Gelingt es, die innere Gruppe kommunikativ ordentlich zu erziehen, winken gar sozialpsychologische Utopien:
"Solange Identität noch als einheitlich und fest definiert wurde, war es relativ leicht, Abweichungen von einer Norm zu erkennen und zu sanktionieren. Das Konzept eines eher wandlungsfähigen Selbst erlaubt es hingegen, die eigene innere Vielfalt offener und in größerem Maße zu erkennen. Es erleichtert uns, das breite Spektrum der inkonsistenten Personae in uns (und bei anderen?) - vielleicht mit Humor, vielleicht mit Ironie - anzunehmen. Wir fühlen uns nicht gezwungen, die Elemente unserer multiplen Identität zu bewerten und Aspekte, die nicht unserem vorherrschenden Selbst entsprechen, zu verwerfen." (426 f).
Der theoretische Kontext ergibt sich aus Turkles Werdegang und Qualifikationen: Sherry Turkle hat Soziologie, Anthropologie und Persönlichkeitspsychologie studiert, lehrt am MIT Sozialwissenschaften und praktiziert als Therapeutin. Eine solche Reihung von Qualifikationen kann man entweder als Interdisziplinarität ansehen oder zu hierarchisieren versuchen; bei "Leben im Netz" entsteht nun sehr rasch das Bild einer überzeugten und engagierten Psychologin mit soziologischen Ambitionen.
Die verwendeten psychologischen Konzepte werden gut und prägnant in Anmerkungen dargelegt. Ihr Standpunkt in der Psychologie wird nicht explizit offengelegt; aus den Anmerkungen kann man aber schließen, daß sie zu den "modernen Freudianern" zählt: Freud verwendend, aber kritisch über ihn hinausgehend. Auf Lacan und andere progressive Freudschüler wird gelegentlich hingewiesen, sie werden aber nicht vertieft behandelt.
Was die Soziologie angeht, berichtet Turkle von einer Foucault - beeinflußten Studienzeit in Paris und nennt häufig Namen wie Derrida, Deleuze und Baudrillard, geht aber inhaltlich nur flüchtig auf sie ein, Zitate gibt es bedauerlicherweise nicht.
Was den weiteren theoretischen Kontext angeht, so läßt es die massive Häufung von Franzosen im letzten Satz schon ahnen: es wird postmodern. Zur Definition der Postmoderne paraphrasiert sie Frederic Jameson (Jameson, Frederic: Postmodernism or the Cultural Logic of Late Capitalism, New Left Review 146 (Juli - August 1984), S. 53 - 92.)
"Zu den kennzeichnenden Merkmalen der Postmoderne gehörten für ihn unter anderem der Vorrang der Oberfläche vor der Tiefe, der Simulation vor dem "Realen", des Spiels vor dem Ernst, [...]." (66)
Das ist sicher richtig, aber, freundlich formuliert, ergänzungsfähig. Dieses Zitat ist im übrigen typisch für Turkles Umgang mit nicht - psychologischer Theorie, der von eher flüchtigen Paraphrasen geprägt ist - die leider meist einige Fragen offenlassen (z. B. wie Jameson seine Charkterisierung der Postmoderne begründet).
Ihr Material entnimmt Turkle ihren Angaben nach klinischer Forschung, Feldstudien, ihren Erfahrungen aus ihren Lehrveranstaltungen am MIT; methodisch lassen sich diese drei Komponenten auf die Kategorien teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews zurückführen. Online befragte oder getroffene Interviewpartner wurden dabei immer auch im "RL" ("real life") befragt, was bei der Thematik des Buches ebenso lobenswert wie nötig ist.
Turkles Quellenangabe muß man allerdings noch um die Fachdiskurse einzelner Disziplinen (Psychologie, KI (Künstliche Intelligenz) und AL (Artificial Life)) ergänzen, die sie sich über den Besuch von Fachtagungen erschlossen hat.
Die Autorin selbst charakterisiert ihr Werk als
"Sehr persönliches Buch, basiert auf ethnographischen und klinischen Beobachtungen, bei denen die Forscherin selbst mit ihrer Sensibilität und ihren Vorlieben ein wichtiges Instrument der Erkenntnisgewinnung darstellt." (517).
Diese Beschreibung läßt schon ahnen, daß der "Subjektivitätsfaktor" relativ hoch ist.
1. Quantitative Dimension
Das Werk bietet eine Fülle an Fallstudien Einzelner, die der Methodik nach zur qualitativen Empirie gehören: teilnehmende Beobachtung, Interviews und Diskussionen. Quantitativ sind diese Materialien leider weder aufgeschlüsselt (Anzahl Befragter, Alter, Geschlecht, Bildung, ...) noch ausgewertet (auch qualitative Interviews lassen sich quantitativ auswerten: z. B. wie viele der Interviewten einen bestimmten Punkt angesprochen / bejaht haben etc.).
Nun könnte man wenigstens die qualitativen Ergebnisse (Grundgesamtheit: alle Befragten) durch quantitative Angaben zur "Welt da draußen" (Grundgesamtheit: alle Netznutzer / Amerikaner / Erdenbürger?) abstützen (Statistiken zu Größe und Nutzung des Netzes gibt es reichlich - und gab es auch 1995 schon), was Frau Turkle aber leider unterläßt.
Auf quantitative Aspekte wird also - abgesehen von Formulierungen wie "viele Menschen" - nicht eingegangen. Plausibilität wird hergestellt, indem Turkle jeweils ein bis drei Zitate aus selbst durchgeführten Interviews anführt, um dann allgemeine Schlüsse zu ziehen - ob das unter Psychologen als empirische Absicherung gilt, kann ich nicht beurteilen; für Soziologen ist eine Fallzahl von 3 doch arg klein.
Falls doch einmal Zahlen auftauchen, sind sie vage und nicht verifizierbar. Eine der einzigen Quantifizierungen findet sich auf Seite 343: ein japanischer MUD namens "Habitat", heißt es da, habe "... nach einigen Schätzungen [...] etwa 1,5 Millionen user [...]." Etwa eine Viertelseite weiter im Text ist von in diesem MUD beobachtbaren virtuellen Transvestismus die Rede; eine Fußnote verweist an dieser Stelle (also nicht bei der Zahlenangabe) auf einen Vortrag (Redner und Konferenz sind angegeben, Titel nicht), der scheinbar zwar gehalten, aber nie publiziert wurde.
Wer hier wie was wann geschätzt hat, ist damit nicht nachvollziehbar. Nun geht es an dieser Stelle aber nicht nur um eine je nach Lesart schlampige oder fehlende Quellenangabe: das wirkliche Problem liegt darin, daß die genannte Zahl (wo auch immer sie herkommen mag) die einzige konkrete Quantifizierung zur Teilnehmeranzahl von MUD's im gesamten Buch darstellt. Dadurch kann der Eindruck entstehen, MUD's wären Massenveranstaltungen - was meines Wissens absolut nicht zutrifft.
2. Datenquellen
Für die von Turkle genutzten Materialien, also: die Daten, auf denen ihre Schlüsse aufbauen, sind in ihrem Buch keine konkreten Quellen angegeben.
Das ist einerseits logisch, da sie die Vorarbeiten selbst erledigt hat, andererseits bedauerlich, da damit der Weg von den Fakten zu den Schlüssen - von den im Buch enthaltenen Ausschnitten abgesehen - nicht überprüfbar ist. Quantitative empirische Quellen Dritter werden nicht angeführt.
3. Befragte
Turkle spricht in ihrem Nachwort die Zusammensetzung ihrer Probanden für den dritten Teil des Buches ("Im Internet") an :
"1992 konzentrierte ich meine Forschungen [...] auf die Frage nach der personalen Identität im Internet. Im Juli desselben Jahres veranstaltete ich zusammen mit [...] wöchentliche Pizzapartys für MUD - User im Raum Boston. [...] Im darauffolgenden Herbst setzte ich dann meine Interviews mit Personen fort, die intensiv MUDding betrieben; [...]. (522)
Diese Ausführungen lassen auf quantitativer Ebene mehr Fragen offen, als sie beantworten. Was man immerhin daraus schließen kann, ist daß sie mit Personen gearbeitet hat, die intensiv MUDding betrieben haben - und die damit nicht gerade typische Durchschnittsbürger sind, also können die Interviews nicht als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung angesehen werden - dazu bräuchte es quantitative Absicherung.
4. Schreibstil
Folgendes Zitat ist typisch für Turkles Stil:
"Solange Identität noch als einheitlich und fest definiert wurde, war es relativ leicht, Abweichungen von einer Norm zu erkennen und zu sanktionieren. Das Konzept eines eher wandlungsfähigen Selbst erlaubt es hingegen, die eigene innere Vielfalt offener und in größerem Maße zu erkennen. Es erleichtert uns, das breite Spektrum der inkonsistenten Personae in uns (und bei anderen?) - vielleicht mit Humor, vielleicht mit Ironie - anzunehmen. Wir fühlen uns nicht gezwungen, die Elemente unserer multiplen Identität zu bewerten und Aspekte, die nicht unserem vorherrschenden Selbst entsprechen, zu verwerfen." (426 ).
Von inhaltlichen Fragen mal abgesehen (warum soll Flexibilität nicht zur Norm taugen?) fallen hier mehrere Aspekte auf: erstens die Verwendung des Indikativs: "Es erleichtert uns..." statt: "Es könnte uns erleichtern...". Zweitens der Krankenschwesternplural ("Wie geht es uns denn heute?"): "Es erleichtert uns..." statt: "Es erleichtert manchen...". Drittens ist "Leben im Netz" überwiegend in der ersten Person Singular verfaßt, der Erzählstil sehr narrativ geprägt: "Ich sprach über meine Besorgnis mit einem Freund..." (21) - außer in theoretischen Passagen wie der obigen, in denen sich die Autorin, wie man so schön sagt, "an den Leser wendet".
Das alles kann mehrere Ursachen haben: erstens kulturelle (Turkle ist ja nun Amerikanerin), zweitens Disziplinzugehörigkeit (Mediziner etwa schreiben gerne Dinge wie: "We have seen that mortality raises the propability of death."). Im Medizinerbeispiel bezeichnet das "we" allerdings die Forschergruppe, Turkle konstruiert dagegen eine Autor - Leser - Gemeinschaft, genauer gesagt: eine Meinungs- und Erlebnisgemeinschaft.
Das mag didaktisch sinnvoll sein, da es die Leseranteilnahme steigern kann, fördert aber nicht unbedingt die reflektive Distanz zum Text, in dem es dazu noch über weite Strecken um subjektives Erleben geht. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch die Ich - Perspektive der Autorin und ihren stark narrativen Stil.
5. Fazit
Eine Abschätzung der empirischen Relevanz über den von Turkle untersuchten Personenkreis hinaus ist nicht möglich, die Frage nach der allgemeinen Gültigkeit der Ergebnisse nicht beantwortbar.
Turkles Buch wird in Wissenschaft und "Populärkultur" sehr unterschiedlich rezipiert: so findet man etwa über die Suchmaschine "Google" international ca. 21.000 Treffer, im deutschen Netz immerhin 1.640. Das stützt die - vom Verlag als Klappentext freudig zitierte - Einschätzung der Süddeutschen Zeitung von "Leben im Netz" als "Bibel der Computergeneration".
Macht man sich auf die Suche nach Turkles Spuren im Reich der Wissenschaft, so erlebt man eine Überraschung: IBR (Internationale Bibliographie der Rezensionen) verzeichnet nur drei Rezensionen: im "Journal of Communication" (1997/47/4), in "Contemporary Sociology" (1997/26/4) und in "Medien und Kommunikationswissenschaft" (1999/47/1).
Angesichts des Erscheinungsdatums des Buches in Amerika (1995) sind die englischsprachigen Journale etwas spät dran (beide 1997), was sich vermutlich dadurch erklärt, daß der Internet - Boom erst zu dieser Zeit so richtig losging.
Die Rezensionen sind dafür dann aber überwiegend positiv; das Journal of Communication bespricht in einer Sammelrezension sechs Werke zur Netzkultur und stellt fest:
"Turkle and Stone are right among the most influential proponents of a postmodern perspective on computing and identitiy, and the ideas in their books resonate throughout all of these books."
Mit dieser Zeitschrift übereinstimmend lobt "Medien und Kommunikationswissenschaft" erstaunlicherweise Turkles empirische Fundiertheit - entweder haben die Medienwissenschaftler andere Vorstellungen von Empirie oder ich stelle zu hohe methodische Ansprüche; was "Contemporary Sociology" dazu sagt, war mangels Verfügbarkeit in der UB leider nicht feststellbar.
Wo sich meine Auffassung und die von "Medien und Kommunikationswissenschaft" dagegen treffen, sind generelle Kritikpunkte: so merkt Friedrich Kroetz ebenda sehr treffend an, daß es "In Turkles Perspektive für Pessimismus keinen Platz gibt.", ihre Ergebnisse zum Teil zum "Bereich der Spekulation" gehören und eine "deutlichere Beurteilung und Einordnung der [beschriebenen] Entwicklungen" nicht schaden könnte.
Turkles Buch besticht durch eine Fülle von Materialien und Ideen zum Weiterdenken. Ihre Ausführungen zu kognitiven Stilen im Umgang mit dem Computer sind exzellent, die Diskursanalysen aus der Wissenschaft ebenfalls hervorragend. Das theoretische Grundkonzept von Quelltext und Simulation, Moderne und Postmoderne: dito. Der Zusammenhang von Grundkonzept, Gesellschaftsanalyse und als Schlußfolgerung Identitätskonzept ist klar und einleuchtend.
Schwächen zeigt das Werk, wenn es vom weiter- zum nachdenken im Sinne von nachvollziehen und überprüfen geht: die Ergebnisse sind quantitativ nicht abgesichert, ihre empirischen Quellen nur auszugsweise zugänglich. Die allgemeine Gültigkeit von Turkles Ausführungen ist damit fraglich.
Die verwendeten Theoretiker werden eher flüchtig paraphrasiert, Ursprung und genauerer Sinn der verwendeten Konzepte bleiben meist (d. h. immer dann, wenn es nicht um Psychologen geht) ungeklärt. Ihre eigenen Theorien sind nur teilweise argumentativ gedeckt.
Mindestens gewöhnungsbedürftig ist Turkles Stil der sprachlichen Leservereinnahmung sowie ihre nicht allzugroße Zurückhaltung beim fraglosmachen ihrer Theorien.
Alle diese methodischen Mängel haben, das sei nicht verschwiegen, einen angenehmen Nebeneffekt: das Buch liest sich einfach und flüssig, wer etwas Zeit und Interesse mitbringt, kann sich ohne großes Kopfzerbrechen eine beachtliche Menge hochkarätiger wissenschaftlicher Theorie aneignen.
Zeit und Geduld braucht man dafür allerdings schon: Turkle schreibt recht redundant, und kommt oft vor lauter Fallgeschichten entweder kaum von der Stelle oder aber auf schon abgehandelte zurück. Um einen Leser zu Wort kommen zu lassen: "Es ziiiiiieeht sich." (Leserrezension bei amazon.de). Die wundersame Vermehrung der Seitenzahl auf der Reise des Buchs über den großen Teich hat ihm da sicher nicht gut getan: in der amerikanischen Originalausgabe hatte es noch 349 Seiten, die deutsche Übersetzung bringt es da bereits auf 543 (inklusive Anmerkungen & Register, ohne 530)- das wird wohl kaum nur an der zugegebenermaßen komplizierteren deutschen Syntax liegen...
Bei "Leben im Netz" handelt es sich damit inhaltlich um ein kaum verzichtbares Grundlagenwerk für Wissenschaftler aller Disziplinen oder auch interessierte Laien, die sich mit dem Netz und seinen Nutzern auseinandersetzen wollen. Wegen des formalen Mankos der fraglichen Allgemeingültigkeit scheint jedoch eine gewisse Vorsicht bei der Übernahme turkelscher Thesen in wissenschaftliche Arbeiten angeraten, oder, um es positiv zu formulieren: für Empiriker bietet die quantitative Absicherung von Turkles Theorien ein spannendes Arbeitsgebiet.
* Zitiert wird nach der Rowohlt - Taschenbuchausgabe (1999), die Zitate sind durch Seitenzahlen angegeben.
© Christian Haug 2001