Vor dem Eurovision Song Contest herrscht Vorhersage-Chaos. Niemand kann voraussehen, worauf die Fans in 43 Ländern stehen. Ist das Aussehen wichtiger als der Song, ist das Feuerwerk heißer als das knappe Kleidchen? Stehen Spanier genauso wie Finnen auf blonde Unschuldsengel mit Gitarre, klingt aserbaidschanischer Pathos auch in Schweizer Ohren nach? Darüber scheint mir in Vergessenheit geraten zu sein, dass der Eurovision Song Contest ein Komponistenwettbewerb ist.
Das Internet-Unternehmen "Google" arbeitet nicht mit nationalen Stereotypen, wägt keine folkloristischen Besonderheiten gegen Fließband-Pop ab. Es wertet die Suchabfragen nach den 43 Teilnehmern aus. Im Jahr 2009 lagen der geigende Norweger Alexander Rybak und 2010 "unsere" Lena bei Google ebenso vorne wie in der Punktewertung. Da haben sich die damaligen Teilnehmerländer fleißig bei Google nach den Teilnehmern erkundigt. Jetzt erkennt man, dass reiner Zufall im Spiel war.
Der Sieger des diesjährigen Contest liegt mit absteigender Tendenz auf Platz 7. Es wird offensichtlich, dass Interesse am Interpreten mit Gewinnen des Contest nur zufällig übereinstimmt. Google versuchte trotzdem diesen Zusammenhang zu nutzen und wagte eine Prognose.
Ende April ließ Google die deutschen Fans hoffen: "Lena wieder auf Platz eins!", lautete die Schlagzeile. Doch seitdem hat sich was getan: Jedward, die schrägen Zwillinge aus Irland, die sogar Johnny Logan die Schamesröte ins Gesicht trieben, führen die Google-Rangliste an. Lena sitzt in der zweiten Reihe, gefolgt von der Armenierin Emmy - doch die schied bereits im ersten Halbfinale aus. Außerdem trat Israel an, vertreten mit Dana International, der Siegerin von 1998 - zog überhaupt nicht ins Finale ein und schied im zweiten Halbfinale aus. Wo landete der Topfavorit Jedward ("Lipstick") aus Irland ? Italien erreichte nach 14 Jahren Abstinenz einen zweiten Platz für eine tolle Komposition. Laut Google war das Interesse gleich 0, was den lezten Platz bedeutet.
Die Überraschung war groß: Mehrere Favoriten sind draußen, die man weit vorne im Finale sah. Nicht weiter kamen Norwegen ("Haba Haba"), Armenien ("Boom Boom") oder die Türkei. Mancher Experte fasst dies als persönliche Beleidigung auf und schimpft jetzt auf die Kulturlosigkeit von Juroren und Zuschauern, die je zur Hälfte entschieden, wer weiterkam.
Manche Buchmacher (z.B. bet-at-home.com) sehen den französischen Opernsänger Amaury Vassili vor Jedward und Lena und dann Aserbaidschan oder Großbritannien; hier belegte Lena bis gestern nur den siebten Platz.
Wer erinnert sich nicht an die Wettquoten für den Eurovision Song Contest 2010? Lena lag damals weit vorne und gewann. Jetzt sehen die ersten Wettanbieter Lena auch dieses Jahr wieder vorne. Interessanterweise sieht die Liste wie vom letzten Jahr aus, denn Aserbaidschan reiht sich erneut gleich hinter Deutschland ein. (Get the Best Eurovision Song Contest Odds)
Der Tipp des Experten Irving Wolther, der zum Eurovision Song Contest promoviert hat, lautet. "Finnland ist für mich am stärksten. Die Thematik - die Sorge um die Welt - bewegt die Menschen momentan." Das finnische Bubi-Gesicht Paradise Oskar singt in "Da Da Dam" mit Unschuldsmiene und zu sanften Gitarrenklängen von der Rettung der Welt, hinter ihm steigt ein großer blauer Globus auf. "Da hat man beim ersten Halbfinale im Saal ein richtiges Aufatmen gehört", sagte Wolther. Ähnlich wie Google hat der NDR-Experte Wolther bereits einen Voraussage-Erfolg vorzuweisen: Er sah Lena im vergangenen Jahr ebenfalls ganz vorn - und heute? "Ich sehe sie eindeutig in den Top Ten."
Irving Wolther können wir in einem interessanten Podcast hören.
Da stimmen ihm zwei Drittel der Deutschen zu: 66 Prozent glauben an eine Platzierung Lenas unter den ersten Zehn. Nur sechs Prozent glauben an eine erfolgreiche Titelverteidigung, wie eine Umfrage des Instituts YouGov ergab. Niemand konnte bisher seinen Grand-Prix-Titel verteidigen, obwohl es einige versucht haben. Nur ein einziger Sänger konnte bei 55. Wettbewerben überhaupt zweimal triumphieren: Der Ire Johnny Logan, 1980 und 1987. · dpa (AA 13.05.2011)