Unter Klaviatur versteht man die Gesamtheit der Tasten eines Tasteninstrumentes, wobei der Begriff sowohl für die Manuale als auch für die Pedale gilt. Das Manual (von manus, lat.: die Hand) umfasst alle Tasten, die mit der Hand gespielt werden, das Pedal (von pes, lat.: der Fuß) unfaßt alle Tasten, die mit den Füßen gespielt werden. [8]
Die heute beim modernen Klavier bekannte Klaviatur hat ihren Ursprung in der Tastenanordnung des Saitenklaviers, einer Art Zither. Hierbei war die diatonische Tonleiter maßgebend. Die diatonische Tonleiter c, d, e, f, g, a, h wurde auf die sieben weißen Tasten verteilt .

Abb.: 3: Diatonische Tonleiter
Interessanterweise kamen erst nach dem 12. Jahrhundert die schwarzen Tasten b, fis und gis hinzu, die Tasten für dis und eis sogar erst im 14. und 15. Jahrhundert. Daraus entwickelten sich merkwürdige Tastenanordnungen (vgl.Abb.4). In den tieferen Lagen verzichtete man ganz auf die Tasten für eis, dis, fis und gis, was zur Entstehung der sogenannten kurzen Oktave führte.

Abb.: 4: Kurze und gebrochene Oktave
Die Klaviatur entwickelte sich danach weiter von der kurzen Oktave über die gebrochene Oktave mit Doppeltasten zur heute gebräuchlichen Oktave. Erst als die Oktave mathematisch in zwölf Halbtöne aufgeteilt wurde (Das Wohltemperierte Klavier), konnte man in jeder Oktave zwölf Tasten gleichmäßig über die gesamte Klaviatur anordnen. Hierdurch wurde es möglich, auch das Spiel in den tiefen Tonlagen farbiger zu gestalten.
Die heute allgemein bekannte Klaviatur hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr verändert. Tastenlängen und Tastenbreiten wurden international einheitlich festgelegt (vgl. Abb.5).

Abb.: 5: Moderne Klaviatur
Der Tonumfang eines Flügels reicht über etwa sieben Oktaven von A2 bis C5, der eines Pianos dagegen ist um einige Töne geringer. Hinsichtlich des Tonumfangs ist das Klavier den meisten anderen Musikinstrumenten weit überlegen (vgl. Abb.6), vermutlich ein Grund dafür, dass die Beliebtheit dieses Instruments ständig zunahm.

Abb.: 6 : Vergleich, des Tonumfangs verschiedener Musikinstrumente [10]
Auf die Beschreibung von Kuriositäten während der Entwicklung der Klaviatur möchte ich in diesem Zusammenhang nicht verzichten.
Es wurden beispielsweise Versuche unternommen, die Klaviatur in mehr als zwölf Tonstufen zu unterteilen, um somit die Zwischentöne noch feiner abzustufen.
Derartige Instrumente werden heute noch - allerdings ausschließlich zu Lehrzwecken - verwendet.
Aus dem Jahr 1907 sind Versuche von F.GLUTSAM mit einer sogenannten Bogenklaviatur bekanntgeworden . Die konzentrisch zum Spieler hin angeordneten Tasten sollten ein bequemeres Spielen ermöglichen (vgl. Abb. 7).
Im Gegensatz zu Bogenklaviatur behält die Strahlenklaviatur von A.SCHULZ die geradlinige Vorderkante bei und ordnet die einzelnen Tasten konzentrisch zum Spieler hin an, wodurch die Tasten unterschiedliche Breiten und Längen bekommen (vgl. Abb. 8)

Abb. 7.: Bogenklaviatur

Abb. 8.: Strahlenklaviatur
Bereits 1878 unternahm E.J.MANGEOT einen Versuch mit einem zweiten Manual, ähnlich dem bei der Orgel. Allerdings ordnete er bei diesem "Pianoforte a double clavier renverse" auf dem Obermanual die Töne in umgekehrter Reihenfolge an, die höchsten Töne lagen also auf der Klaviatur links, die tiefsten Töne dagegen rechts. Diese Anordnung ließ zwar einige klangliche und kompositorische Effekte zu, setzte sich aber vermutlich wegen der zu komplizierten Spielweise nicht durch.
1929 führte E.MOORS einen ähnlichen Versuch durch, wobei er jedoch von zwei gewöhnlichen Klaviaturen ausging, die er unmittelbar übereinandersetzte. Die Besonderheit bestand, darin, dass das obere Manual eine Oktave höher gestimmt war als das untere. Die Klaviaturen lagen zudem so eng beieinander, dass eine Hand gleichzeitig auf beiden Manualen spielen konnte, was den Umfang der anschlagenden Hand auf über zwei Oktaven erhöhte [12].
Auch wenn sich durch derartige Versuche neue Möglichkeiten ergaben, das Klavierspiel farbiger zu gestalten, so vermochten sie jedoch nicht, die alte gebräuchliche Form der Klaviatur zu verdrängen.
Ich vermute, dass der Grund hierfür einerseits in der komplizierten Spielweise, andererseits in der bereits vorhandenen Klavierliteratur, die hätte umgeschrieben werden müssen, zu suchen ist. Außerdem entwickelte sich das Klavier allmählich zu einem Instrument der Hausmusik, das übersichtlich und einfach zu bedienen sein musste.
Zur Anschlagapparatur gehören auch die Pedale, die beim Klavier jedoch nicht wie bei der Orgel der Tonerzeugung dienen, sondern den Klangcharakter des Manuals verschiedenartig beeinflussen.
Man unterscheidet heute zwischen dem Fortepedal und dem Pianopedal.
Das Fortepedal wird mit dem rechten Fuß bedient und bewirkt, dass beim Heruntertreten die Dämpfung der Saiten abgehoben wird. Dadurch schwingt der angeschlagene Ton lautstärker und anhaltender. Durch Treten des Pianopedals mit dem linken Fuß wird beim Flügel die Mechanik etwas zur Seite gerückt, so dass der aufschlagende Hammer nur zwei Saiten eines jeden Tones anschlägt. Der Ton klingt dadurch etwas weicher.
Einen ähnlichen Effekt erzielt man beim Piano dadurch, dass beim Treten des Pianopedals der Anschlagweg des Hammers verkürzt wird.
Die Pedale waren besonders zu Zeiten von Frederic Chopin oder von Franz Liszt für ein ausdrucksvolles Spiel von großer Bedeutung. Der Pedaleinsatz ist aus ihren Kompositionen "so wenig wegzudenken wie aus irgendeiner anderen Klaviermusik seit Ludwig van Beethoven [13].
Die Entwicklung des Klaviers wird eigentlich bestimmt durch die Entwicklung der Anschlagmechanik. In diesem Bereich waren die größten Schwierigkeiten zu überwinden.
Auf die Beschreibung der wichtigsten Entwicklungsstufen kann deshalb nicht verzichtet werden.
Ein Druck auf die in der Mitte drehbar gelagerte Taste führt den am Tastenende angebrachten Metallstift (Tangente) bis zur Saite, die er anreißt. Die Saite schwingt nur zwischen Steg und Tangente. Ihr freier Teil wird durch ein Tuch oder Filzstreifen, der zwischen den Saiten geführt ist, am Schwingen gehindert (vgl. Abb. 9). [14]

Abb.9: Tangentenmechanik des Klavichords 15)
Beim Niederdrücken einer Taste geht ein Springer hoch, der einen Kiel mit einem Dämpferfilz an der Saite vorbeiführt. Der Kiel ist nach oben abgewinkelt, so dass er im Heraufgehen die Saite anreißt. Er ist im oberen Teil des Springers an einem Schiffchen befestigt, das über eine Achse und eine Feder beweglich gelagert ist. Beim Herunterfallen drückt die Saite das Schiffchen mitsamt dem Kiel beiseite. Ein dicht über dem Kiel befindlicher Dämpferfilz sorgt dafür, dass die Saite dabei nicht ertönt (vgl.Abb. 10) [16].

Abb. 10: Kielmechanik des Cembalos [17]
Die ersten Flügel von CRISTOFORI zeigten bereits alle wesentlichen Bestandteile einer modernen Flügelmechanik.
Eine bewegliche Stoßzunge hebt beim Anschlag der Taste einen Treiber, der den belederten Hammer gegen die Saite schnellt. Kurz vor dem Aufschlag des Hammers auf die Saite gibt eine Stoßzunge die Hebelanordnung für einen unstarren Anschlag und danach für den Rückfall des Hammers frei, der dabei von einem Fänger aufgefangen Wird. Die Saitenschwingung wird durch einen Dämpfer beendet [18]. (Eine Abbildung dieser Mechanik konnte nicht gefunden werden.)
Der Vorgang der Tonerzeugung bei einem modernen Flügel geschieht in folgenden drei Phasen : l.Phase: Der Niederdruck der Taste bei t1, bewirkt ein Heben des Tastenstückes t2. Die ganze Hebelvorrichtung abc dreht sich um den Punkt d, bis c1, der untere Arm von c , an die Schraube zu liegen kommt (vgl.Abb.11) . Der Hammer erscheint um ein Stück der Saite nähergebracht.
2.Phase: Bei weiterem Tastendruck muss sich c, durch Anliegen von c1 an der Schraube gezwungen, nach rechts drehen. Der Hammer wird dabei noch weiter gehoben und schlägt an die Saite.
3.Phase: Bei weiterem Tastendruck gleitet nun die Hammernase vom oberen Ende von c ab, der Hammer fällt von selbst zurück und lässt die Saite frei ertönen. Durch leichtes Nachlassen des Tastendruckes gleitet c, durch die Feder f gezwungen, wieder unter die Hammernase, wodurch neuer Anschlag, die sogenannte Repetition, ermöglicht wird, ohne dass die Taste in ihre vollständige Ruhelage zurückzukehren braucht. [19]
Abb.11: Hammermechanik eines Flügels [20]
Beim Piano mit senkrechter Saitenbespannung bestand die Schwierigkeit darin, dass der Hammer nicht infolge der Schwerkraft frei zurückfallen konnte. Eine solche aufrechtstehende Stoßzungenmechanik verbesserte die Rückführung des Hammers nach dem Anschlag mit Hilfe eines Bändchens, wodurch die Repetition des Anschlags fast einem Flügel gleichkam (vgl. Abb. 12).
Abb. 12: Aufrechtstehende Stoßzungenmechanik [21]