erstellt:           September 2003
überarbeitet: 21. April 2005

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Canadier und GPS Info - Seite
von Ralf Schönfeld

 

 

Rückblick von Ralf Schönfeld auf:

 

 

„Circle Trip on Arctic Rivers“
Mit Falt-Canadiern in der Einsamkeit Lapplands

Teil 1:  Poroeno/ Lätäseno und Kautokeinoelv

 

 

 

Anmerkung:
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Lappland    die letzte Wildnis Europas, und das Reich der Mitternachtssonne.
Die meisten Reiseführer geizen nicht mit Superlativen, wenn es um den äußersten Norden des europäischen Festlandes geht.
Gewaltige Entfernungen in rauem, fast menschenleeren Gebiet über Schweden, Norwegen und Finnland verteilt, der Nordkalotte.
Im Winter fast 6 Monate Dunkelheit, erbärmliche Kälte bis –45°C, Polarlicht und enorme Schneemassen.
Im Sommer trockene warme lange Tage mit blühenden Blumen, rauschenden Flüssen, unendlichen Wäldern, glasklaren Seen und wild stechenden Mückenschwärmen    und nun sind wir gespannt was uns hier als Paddler tatsächlich erwartet.

Die internationale
„Crew“

Wir, das sind Rolf Kraiker mit Frau Debra und seinen beiden jugendlichen „Kidis“ Kyle und Brendan aus Ontario in Kanada, Laurie Gullion aus Massachusetts USA, Espen Brestbakmo aus Norwegen, Lena Jinnegren aus Schweden, Linda Jones und Alv Elvestad aus New Hampshire USA, sowie der Schreiberling dieser ergreifenden Zeilen aus Old Germany.
Es sind alles Freunde und Bekannte von dem erfahrenen Tour-Guide und Gebietskenner Alv Elvestad.

 

Laurie und die „Kraikers“ sind in der nordamerikanischen Paddlerszene berühmte Persönlichkeiten. Rolf Kraiker http://www.blazingpaddles.on.ca/ ist in Kanada ein bekannter Buchautor, Fotograf und Canoe-Instructor Trainer mit deutschen Wurzeln. Bekannt ist er vor allem durch seine Publikationen von langen anspruchsvollen Wildnistouren mit Familie, also mit Debra und den beiden „Boys“ wie er sie nennt.
Spannende Berichte von Laurie, ebenfalls Canoe-Instructor Trainerin und Buchautorin, sowie von Rolf sind regelmäßig in den nordamerikanischen Paddler-Magazinen zu finden.
Espen http://www.undervegs.no/ leitet im Sommer geführte Paddeltouren in Nord-Norwegen und im Winter Hundeschlittentouren als Musher.

Norwegische
Atlantikküste

Von dem kleinen Dörfchen Sappen im wunderschönen Reisadalen, einem der bezauberndsten Täler Norwegens an der wild zerrissenen Atlantikküste, sind wir heute gemeinsam zu unserem „Circle Trip on Arctic Rivers“ aufgebrochen.
Über mehrere einsam gelegene Wildnis-Flüsse möchten wir in 16 Tagen dorthin zurückkehren.

Nun warten wir an einem kleinen Landungssteg beim Örtchen Kilpisjärvi in finnisch Lappland auf das kleine Wasserflugzeug, das uns zu den Oberläufen des Poroeno bzw. Lätäseno bringen soll.
Weit abseits der Zivilisation liegen diese in völliger Einsamkeit. Der Poroeno führt zu Beginn durch eine schwer zugängliche gebirgige Wildnis.
„Kilpis“ liegt am äußersten Nordwest-Zipfel von Finnland, am berühmten Dreiländereck von Schweden, Norwegen und Finnland.
Stets allgegenwärtig ist die markante Gestalt des Saana, einem heiligen Berg der Samen.

Übrigens befindet sich nicht weit von hier der Startpunkt des legendären 500 km langen „Arctic Canoe Race“, das auf dem Könkämäeno/ Muoniojoki/ Torniojoki bis zum bottnischen Meerbusen führt. Insgesamt aber doch mehr eine Domaine der Seekajaker.

Uns dagegen geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um das Naturerlebnis auf anspruchsvoll zu befahrenden Wildnisflüssen mit Wandercanadiern in der eindrucksvollen Landschaftsszenerie Nordskandinaviens. Dabei wollen wir gerne auf die Vorzüge von Faltcanadiern zurückgreifen.

„Streik“

Vor uns türmt sich ein ansehnlicher Berg von Gepäck    bei 10 Personen kommt doch so einiges zusammen. Zudem sind wir mit noch verpackten „PakCanoe’s“ outgefittet. Es sind Faltcanadier der amerikanischen Firma Pakboats. Alv ist der Konstrukteur und Hersteller dieser Boote.

Aber es gibt überraschend ein kleines Problem. Die vorgebuchte einmotorige Cessna „Skywaggon“ streikt.
Mit teilweise zerlegtem Motor steht sie am Ufer vor uns. Nun ja, besser jetzt als nachher auf dem Flug.
In dem Gesichtsausdruck des Piloten ist auch ohne Worte abzulesen, dass dieses Flugzeug uns heute nirgendwo mehr absetzen wird.
Glücklicherweise ist gleich nebenan der Heli-Port. Wir werden vom Air Charter Unternehmen ersatzweise umdirigiert. Da zeigen wir uns natürlich flexibel.

Der Helikopter vom französischen Typ Ecureuil mit den riesigen seitlichen Drahtkörben für Gepäck ist vollgestopft.
Erbarmungslos brennt dabei die Sonne vom wolkenlosen Himmel, der Schweiß rinnt in Strömen. Das Thermometer strebt eilig der 30 Grad Marke zu.
Die Reiseführer scheinen wohl doch nicht zu übertreiben.
Drei Mal muss sich die Maschine abmühen, bis alle Paddler mit ihrem Geraffel aus Kilpis abtransportiert sind.

Schade    im wahrsten Sinne des Wortes ist der faszinierende Flug über die karge Tundra zur Einsatzstelle an dem einsam gelegenen Bergsee wie im Fluge vergangen.
Dieser liegt eingebettet in einer grandiosen alpinen Gebirgswelt.
Wer sonst Finnland nur mit sanften Hügeln, den Tunturis, in Verbindung bringt, findet sich hier in einer wirklich schon arktischen Gebirgswelt wieder. Für unser Gastgeberland schon einzigartig.

An der Einsatzstelle

Es ist Teil des Kaledonischen Gebirges, das vom Süden Norwegens bis in den hohen Norden reicht, und somit auch die Küste Lapplands säumt.
Ein alpines Fjell, ein Gebirge mit Trogtälern, Karen und alpinen Gipfelformen.

Direkt am Ufer des malerischen Sees schlagen wir das Lager auf, eingerahmt von bis zu 1370 Meter hohen schneeverzierten Gipfeln.
Beherrschende Berggestalt in dieser Region ist der Halti, der höchste Berg Finnlands. Allerdings entzieht sich dieser unseren Blicken. Vorgelagerte Berge versperren die Sicht.
1300 Meter hört sich nicht viel an, aber in nur 40 km Entfernung beginnt bereits das Europäische Nordmeer, also Meereshöhe.

Noch am Abend werden die Faltcanadier in dem baumlosen Hoch-Fjell startklar gemacht.
Insgesamt fünf 16- und 17-Fuß Tandem PakCanoe’s haben wir im Gepäck.
Die Einzelteile jeweils in einem Packsack von der Größe eines dicken fetten Rucksackes verstaut, haben die Boote in den Drahtkörben des Hubschraubers keinerlei Transportprobleme bereitet.

Für mich ist es die erste größere Unternehmung mit einem Faltcanadier.
Von daher bin ich schon gespannt, wie die faltbaren Verwandten all die unterschiedlichen Anforderungen erfüllen können, die so ein Wildnis-Trip von ihnen abverlangt. Eifrig bin ich am Erfahrungen sammeln.

Aufbau der
PakCanoe’s

„Null Problemo“

Nun betätigen wir uns als „Bootsbaumeister“, und binnen 30 Minuten nehmen PVC-Haut und Aluminiumgerippe eine feste Gestalt an. Der Aufbau ist wirklich einfach und problemlos. „Richtige“ Canadier, die äußerlich von einem festen Boot kaum zu unterscheiden sind, sind der Lohn für die Bemühungen.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Gepäck gewichtsmäßig geschickt im Boot zu verteilen, und los könnt’s gehen, die Paddel werden schon etwas ungeduldig.
Aber sie müssen sich noch etwas gedulden. Obwohl die Mitternachtssonne jetzt rund um die Uhr scheint, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Am Morgen klopfen Regentropfen auf’s Zeltdach. Ich bin etwas enttäuscht, soll uns das schöne Wetter schon verlassen haben?
Aber Kyle beruhigt mich. Es sind „nur“ Black Flies, die kleinen schwarzen übel beißenden Kriebelmücken, die Einlass in’s Zelt begehren. Na, das kann ja mückig werden.
Über die gestrigen heimtückischen Überfälle der „normalen“ Stechmücken beim Aufbau der Boote will ich mal lieber schweigen.

Über die malerischen
Bergseen

Während wir gemächlich über ein flussähnliches, mit Inseln garniertes Seen-System paddeln, und uns dann der Flusslauf des Poroeno aufnimmt, lassen wir zunehmend die eindrucksvolle Gebirgskulisse hinter uns    die Landschaft wird allmählich flacher, wirklich schade.
Aber jeden einzelnen Meter dieser einzigartigen Szenerie genießen wir.

Über den leichten schnellen Lauf der Faltcanadier auf den See- und Flachwasserpassagen dieses ersten Abschnittes bin ich angenehm überrascht. Die Fahreigenschaften sind mit denen eines vergleichbaren Expeditions-Canadiers mit starrem Rumpf durchaus vergleichbar.
Wenn man da im Vergleich an das zähe und windanfällige Fahrverhalten von Schlauchcanadiern denkt, wäre das Fahrvergnügen auf dieser ersten Etappe der Flussreise schon etwas getrübt. Da käme auch die herrliche unberührte Landschaft nicht dagegen an.

Getrübt ist die Paddelfreude trotzdem etwas. Zwischen den einzelnen Seen sollen eigentlich Vergnügen bereitende Stromschnellen die Paddlerherzen erfreuen.
Der Wasserstand ist jedoch leider ganz und gar nicht üppig zu nennen. Dafür wird teilweise Wasserwandern im wahrsten Sinne des Wortes praktiziert, paddeln wenn möglich so gut es geht die seichten mit Steinen gespickten Passagen, treideln, oder ziehen und zerren die Boote notgedrungen über die Steine. Je nach Situation eben.
Das Bachbett aus glitschigen glatten Steinen ist dabei äußerst unsicher zu begehen und bietet uns kaum einen Halt.
Es wird also eine breite Palette geboten, Langeweile kommt da keine auf.

„Wasserwandern“

Das zweite Lager wird direkt oben auf dem charakteristischen Moränenrücken „Poroharju“ aufgeschlagen, der schon von weitem sichtbar ist und schnurgerade die ganze Landschaft durchzieht.
Dieser „Esker“ wie ihn die amerikanischen Paddelkameraden nennen, ist schon eine einzigartige sehenswerte geologische Formation in diesem flachen Land.

Das Landschaftsbild hat sich nämlich grundlegend geändert.
Am Morgen noch im Gebirge, befinden wir uns nun auf der unendlich erscheinenden, kahlen weiten, vom Wind gepeitschten Hochebene der Finnmarksvidda. Lappland wie aus dem Bilderbuch.
Baumlose, sanft hügelige Tundra mit flachen Tälern, überzogen mit einem Teppich aus Moosen und Flechten.
Für viele Leute wirkt Lappland eintönig, mich dagegen fasziniert die Schlichtheit und Vielfalt Nordskandinaviens immer wieder aufs Neue.

Der Sommer ist hier nur sehr kurz, die Vegetation dafür jetzt umso aktiver. Die wärmenden Strahlen der Sonne rund um die Uhr werden nun intensiv ausgenutzt.
Nur kleine verkrüppelte Fjellbirken können sich in den Niederungen halten, und an den Uferrändern Weiden.
Allerdings sind die Farben jetzt im Sommer alle etwas tristbraun.
Erst im Herbst glüht dann die Tundra zu einer unbeschreiblichen Farbenpracht auf, die ihresgleichen sucht.

Steinige Rapids

Wir bewegen uns dabei auf dem 69-ten Breitengrad, also auf der gleichen geographischen Breite wie Sibirien, die Brooks Range am Nordrand Alaskas oder die südliche Hälfte Grönlands, also wahrlich schon in arktischen Gefilden.
Der Polarkreis liegt bereits fast 300 km südlicher.
Dieser imaginäre Kreis bei 66°33‘ Nord trennt die gemäßigten Klimazonen von den Polarzonen und stellt die Grenze zur Mitternachtssonne des arktischen Sommers dar.

Bei Sommer-Sonnwend, am 21. Juni also, geht die Sonne exakt am Polarkreis an diesem einen Tag nicht unter. Sie touchiert kurz den Horizont und steigt dann wieder auf.
Je weiter nördlich davon, umso länger dauert die Phase der Mitternachtssonne an. Im Winter dann das umgekehrte Spiel mit der Polarnacht.

Aber bevor wir wieder an den Winter denken, genießen wir erst mal Sonnenschein rund um die Uhr. Da wird auch die Nacht zum Paddeltag.

Die Finnmarksvidda

Und das Wetter zeigt sich auf der gesamten Tour überraschenderweise von seiner besten Seite. Die Regentropfen können wir fast an einer Hand abzählen, trotz drohendem Gewölk ab und zu.
Normalerweise muss schon damit gerechnet werden, dass tiefhängende Wolken und nieseliger Dauerregen diese Idylle trüben können. Gute Regenbekleidung wird dann der intimste Weggefährte.
In Richtung Kautokeino ist der Himmel beerrabenschwarz, es tobt dort ein heftiges Gewitter. Wir bleiben glücklicherweise verschont.

Der zweite Paddeltag soll uns die erlebnisreichsten Wildwasser Abenteuer in Finnland bescheren.
Insgesamt gesehen sind die Rapids auf dem Trip meist alle sehr lang und weisen zudem ein sehr starkes Gefälle auf. In diesem Abschnitt stürzt sich das Flüsschen immerhin mit 6 Metern pro Kilometer zu Tal, die steilste Passage gar mit 10 Metern pro Kilometer.
Bei der Länge der einzelnen Stromschnellen kann man schon fast in Kilometern rechnen.
Mal sehen, welchen Strich uns dabei der niedrige Wasserstand durch die Paddelrechnung machen wird. Aber wie auch immer, es ist auf jeden Fall eine Herausforderung für uns.

Es ist so, wie schon befürchtet.
Das Wasser ist immer dann verdammt knapp, wenn sich der Fluss in einem der zahlreichen „Koski’s“ mit sattem Gefälle zu Tal stürzt.
„Koski“    wohl eines der am einfachsten zu erlernenden Worte der etwas komplizierten finnischen Sprache: Koski = Stromschnelle.
Um den finnischen Sprach-Schnellkurs kurz komplett zu machen: Joki = Fluss, Järvi = See, Saari = Insel.

Im Kehrwasser

Stets versuchen wir jeden nur möglichen Pfad paddelnd herunterzuschleichen, der wenigstens halbwegs in der Lage ist einem Canadier ausreichend Auftrieb zu bieten, bevor sich das Wasser mit der Zeit in der Breite des Flussbettes verliert.
Bei dem niedrigen Pegelstand wie wir ihn jetzt vorfinden, gleicht ein großer Teil der Schnellen eher gigantischen Steingärten, als einem paddelbaren Fluss.
Bei so vielen erfahrenen Paddlern auf dem Trip ist es immer ein interessantes Spielchen, welche Crew wohl die beste Linie erwischt und am weitesten kommt, bevor die Fahrt auf dem Trockenen endet.
Passagen mit Wuchtwasser bleiben die große Ausnahme.

Aber wie auf jedem Fluss kann natürlich der Wasserstand das Gesicht eines Flusses stark verändern. Vom lächerlichen Rinnsaal bis zur totbringenden Walze sind den wahren Gegebenheiten keine Grenzen gesetzt.

Bei all den Aktionen bleibt natürlich ab und zu ein heftigerer Steinkontakt nicht aus. Häufig müssen wir auch die Boote, mit Sack und Pack beladen, über die Steine ziehen und zerren, oder treideln.
Die Belastung für den Rahmen und die Außenhaut ist schon extremst zu nennen, überhaupt wenn die Länge und Anzahl all dieser Rapids berücksichtigt wird.

Rapid mit
„richtig“ Wasser

Jedenfalls ist es schon erstaunlich und kaum fassbar, wie das die Außenhaut dieser Boote bisher einfach so ohne Blessuren wegsteckt. Es ist kaum etwas zu sehen.
Faltcanadier sind doch nicht so filigran und
Schwerstarbeit müssen ebenfalls die armen Paddel leisten.

Sehr schnell machen wir auf dem Trip die Erfahrung, dass die Norweger ein ausgesprochenes Talent für Understatement haben.
Wenn Alv andeutet, dass der nächste Rapid „easy“ sein würde, bedeutet dies einiges an kniffligem Treideln und durchs Wasser waten.
Eine „moderate“ Portage bedeutet das Erklettern von Felsen, dem Umgehen eines Wasserfalles, und dem Herunterlassen der Boote auf der anderen Seite an Seilen.
Eine „interessante“ Stromschnelle garantiert mindestens ein paar Momente, bei denen man das Paddel schon sehr eisern umfasst.
Keiner von uns wollte ihn sagen hören, dass die nächste Herausforderung „schwierig“ sein würde – dankenswerter Weise spricht er diese Worte nie aus.

Schon spät ist es, als wir am Ende eines Koskis auf einer Insel das verdiente Nachtlager aufschlagen. Soo viele Möglichkeiten zum Lagern bietet das Terrain auf der Tour insgesamt nicht.
Wie jeden Abend macht sich Linda sehr viel Arbeit und gibt sich sehr viel Mühe, der hungrigen Meute ein leckeres Dinner zu zelebrieren. Gekocht wird dabei grundsätzlich über dem offenen Feuer.

„Steingärten“

Der ausgefeilte Speiseplan Linda‘s ist jedenfalls auch eines Luxus-Restaurants würdig.
Da nimmt man doch ein paar Kilos mehr bei den Portagen gerne in Kauf. Und wir tun alle unser bestes, dass diese Kilos ständig weniger werden.

Trotzdem möchte ich dadurch nicht Espen’s und Lena’s Menü in Vergessenheit geraten lassen, das sie an einem Abend in Form von Rentiergulasch mit Schinken und Pilzen, Preiselbeeren, Kartoffelsalat, Gemüse und anschließendem norwegischen Linien-Aquavit servieren.
Der Zusammenhalt und die Kameradschaft der Gruppe ist einfach „great“ zu nennen.

Das glasklare Wasser leitet uns weiter.
Vor uns erobert ein stattlicher Rentier-Bulle schwimmend die andere Uferseite.
Wer Wert legt auf Tierbegegnungen und Beobachtungen wird allerdings von Lappland insgesamt enttäuscht sein. Die Jagd hat hier eine lange und intensiv ausgenutzte Tradition, nicht ohne folgen für das ökologische Gleichgewicht.

Das einzelne Rentier bleibt das einzige Großgetier, was wir während der gesamten Zeit zu Gesicht bekommen. Dabei sind die nomadisierenden Rene sowieso nur halbwild zu nennen. Stehen sie doch unter der Obhut und Zucht der Menschen und werden ausnahmsweise nicht bejagt.
Dafür ist die arktische Flora umso üppiger. Ein Schlaraffenland für Laurie’s Studien.

Nochmals Paddelvergnügen pur, dann mündet von rechts der unscheinbare Rommaeno dazu, und nahtlos geht der Poroeno in den Lätäseno über.
Den „frischgebackenen“ Fluss verlassen sofort auf die nächsten Kilometer die strömenden Kräfte. Wir müssen selber Hand an die Paddel legen.

„Lavvu“

Wir passieren „Munnikurkkio“, die verlassene Station einer alten Grenzwache aus der Zeit des kalten Krieges direkt neben dem Fluss.
Die Grenzen zu Norwegen und auch zu Russland sind zum Greifen nah.
Wir sind doch etwas überrascht, in dieser totalen Einöde so viele stattliche, neu aussehende Gebäude anzutreffen. Wir hatten eigentlich eher eine kleine alte windschiefe Holzbaracke erwartet.
Ein Meer von Kleinen Weidenröschen säumt das Gelände, deren rote Blüten sich im Wind wiegen.

Und wir kommen doch noch zu unserem „alten Gemäuer“. Unweit der Grenzwache ein altes Lavvu aus Holzknüppeln, das mit Erde gedeckt ist. Früher die typischen Behausungen der Sami, der Urbevölkerung Lapplands.
Im schwedisch/ deutschen Sprachgebrauch sind die Lavvus besser bekannt als Kothen.

Bei den zurückliegenden, technisch anspruchsvollen Wildwasserpassagen haben sich diese Faltcanadier ebenfalls hervorragend bewährt.
Durch Konzentration des schwereren Gepäcks mehr in der Bootsmitte kann der Kielsprung deutlich vergrößert werden. Der Wendigkeit im Wildwasser sind somit keine Grenzen gesetzt. Kein Kehrwasser ist mehr vor der paddelwütigen Meute sicher.

PakCanoe m. Gepäck
in „Big Water“

 

Debra u. Kyle Kraiker
im PakCanoe 170

Zudem verhält sich das Alu-Gerippe unter den ankommenden Wellen in Längsrichtung flexibel. Dadurch kann sich der Bug etwas heben und über das Wasser gleiten.
Die Wellen und Walzen können dadurch „abgeritten“ werden, anstatt in sie hineinzustechen und die schwerbeladenen Boote eventuell „abzufüllen“.
Es ist halt schon ein Unterschied, ob man unter „Playboat“-Bedingungen im Wildwasser herumtollt, oder auf einer Gepäcktour weit abseits der Zivilisation.

Auf Wildnisflüssen, bei denen sich ja üblicherweise Seen, Flachwasser- und Wildwasserabschnitte verschiedenster Couleur ein wechselndes Stelldichein geben, ist es wirklich toll, durch einfache Gewichtsverteilung verschiedene Bootscharaktere in einem einzigen Boot realisieren zu können, je nach Einsatzbedingung eben.
Für Flachwasser Mensch und Gepäck so laden, dass sich eine möglichst gerade Kiellinie ergibt, im Wildwasser mehr oder weniger viel Kielsprung, genial.
Gegenüber einem starren Canadier bieten auf so einer Tour die Faltcanadier doch einige Vorteile.

Gemütliche Runde

Eine prachtvolle Blumenwiese beherbergt heute unsere Zelte. Nach der Umgebung und ein paar spärlichen Überresten zu urteilen, dürfte in früheren Jahrzehnten dieser Ort besiedelt und weiträumig landwirtschaftlich genutzt worden sein.
Jetzt überzieht ein farbenprächtiger Blumenteppich das für die lappländische Wildnis atypische Terrain.

Stets eine gemütliche Runde beim kräftigen, reichlichen Frühstück. Dabei natürlich obligatorisch die Kaffee-Pötte der nordamerikanischen Paddelkameraden in der Größe eines bayrischen Bierseidels.

Ein frischer Wind weht uns um die Ohren. Endlich mal lässt sich die unberührte Natur und das Lagerleben auch ohne die penetranten blutrünstigen Moskito-Girls genießen. Vor allem an Brendan und mir finden die stechwütigen Mädels besonderen gefallen.
Gemeinsam teilen wir das gleiche Schicksal.
Dafür will ich diesmal über die biestigen kleinen Black Flies schweigen, die auch dort herein- und herumkriechen, wo sie nun wirklich nicht hingehören.
Oft schon haben neidvoll schielende Blicke von mir die speziellen Mückenhemden der Kameraden getroffen. Da kann mein popeliges Kopfnetz doch nicht ganz mithalten.

Der Morgen ist ein kleiner Festtag für die Familie Kraiker. Rolf wird nach 25 Jahren mit Schere und Buschmesser seines Vollbartes entledigt. Für dieses denkwürtige Ereignis wird sogar eigens ein Barbier-Stuhl improvisiert.
Nun ja, besonders glücklich schaut Rolf nicht gerade aus, obwohl doch die Aktion unerwarteterweise ohne Blutvergießen von statten geht.

Wasserscheide wird
überquert

Ein letzter Blick auf die topographische Karte. Wir möchten nicht die Stelle verpassen, an der Alv plant dem Lätäseno den Rücken zuzukehren.
Ein heftiger Gegenwind schlägt uns heute entgegen, aber trotzig halten wir mit den Paddeln dagegen.

In einer ansonsten unbedeutenden langgezogenen Kurve verlassen wir den Lätäseno, und überqueren mit Sack und Pack über eine kleine Anhöhe die Wasserscheide.
Glücklicherweise halten sich die Moskitos bei der schweißtreibenden Arbeit vornehm zurück.
Letztendlich würde das Wasser des Lätäsenos am bottnischen Meerbusen in die Ostsee einmünden.

Die Boote wollen wir in einem versteckt liegenden See wieder zu Wasser lassen, der nordwärts zu dem Fluss Kautokeino bzw. Alta entwässert.
Dieser mündet dagegen beim Ort Alta an der norwegischen Atlantikküste ins Europäische Nordmeer.

Eine Kette kleiner Seen die durch schmale Bachläufe miteinander verbunden sind, teilweise eher Rinnsaalen gleich, soll uns zu der Siedlung Goatteloubbal leiten, einem Winterlagerplatz der Samen.
Erst kurz davor beginnt der Kautokeinoelv seinen offiziellen Lauf.
Es ist eine eher selten durchgeführte Unternehmung, fast schon expeditionsähnlich.
Der Kautokeinoelv ist auch unter dem Namen Altaelv bekannt, einem sehr berühmten Lachsgewässer. Er konnte aber hier im Oberlauf seinen ursprünglichen Namen bewahren.

Desinfizieren
der Ausrüstung

Bevor jedoch die Flussreise weitergeht, desinfizieren wir sorgfältig Boote, Teile der Ausrüstung und unser nasses Schuhwerk. Wird von einem Gewässer in ein anderes gewechselt, ist diese Desinfizierung vorgeschrieben.
Der weiteren Verbreitung des Lachs-Parasiten Gyrodactylus Salaris, einem Virus, soll so Einhalt geboten werden.
Trockene Gegenstände, wie beispielsweise die Paddel nach der Portage, brauchen diese Prozedur nicht über sich ergehen lassen.
Alv hat das Mittelchen von einem norwegischen Veterinär erhalten.

Wir überqueren den ersten See zu dessen Ausfluss, und ziehen und schieben die Boote zunächst wie Schlitten rinnsaalabwärts. Teilweise ist dieser „Strom“ schmäler als die PakCanoe’s breit, also keine 95 Zentimeter.
Das bischen Wasser wird jedoch immer weniger, die Steine dafür umso mehr.
Trotz aller Bemühungen müssen wir wohl oder übel die Boote neben dem kümmerlichen Rinnsaal durchs Gelände zerren. Eine Portage ist wegen des dichten Gestrüpps und dem sumpfigen Gebiet nicht möglich.

Nach dem zweiten See ist der „Strom“ schon etwas größer. Allerdings ist er wieder ziemlich seicht, so dass wir die Boote wie gewohnt hinter uns herschleifen müssen, aber er ist wenigstens breit genug dafür. Wasserwandern im wahrsten Sinn des Wortes.
Wir schlüpfen unter einem Rentier-Zaun hindurch. Zeichen für uns, dass wir nun norwegisches Staatsgebiet entern.

Steinige, schmale
Rinnsaale

Nicht nur „V-Banken“ machen den Weg frei, sondern auch Kyle räumt überflüssige Steine größeren Kalibers aus der Treidel-Rinne. Doch dann versperrt urwaldähnliches Dickicht und umgestürzte Fjellbirken unser weiterkommen.
Eigentlich hätte man ja zu Hause ein wohlsortiertes Sortiment ausgesuchter Sägen, von der motorbetriebenen Kettensäge angefangen. Jetzt schnipfelt und schnapfelt ersatzweise das schweizer Taschenmesser von Rolf. Eifrige Helfer sind stets die rüsseligen Wegbegleiter.

Der Ausfluss eines weiteren Sees beginnt zunächst ganz hoffnungsvoll. Wir können ein ziemliches Stück tatsächlich richtig paddeln.
Müssen dann aber über treideln zum Zerren und Schleifen übergehen, bevor wir dann vor dem ausgetrockneten Bachbett kapitulieren müssen.
Die letzten paar hundert Meter zum sehnsüchtig erwarteten Beginn des nächsten Sees werden großräumig um das Dickicht herum portagiert.

Goatteloubbal

Wir haben es geschafft.
Unser „Strom“ erreicht den Kautokeinoelv kurz vor der Siedlung Goatteloubbal.
Es ist schon dämmrig, als wir müde und erschöpft das Lager am Rand des kleinen samischen Weilers errichten.
Im Sommer ist sie jedoch üblicherweise verlassen, die Samen sind mit ihren Rentieren jetzt auf den saftigen Weidegebieten an der Küste.
Der Ort ist in der Regel nur im Winter mit Motorschlitten erreichbar, die romantischen Rentierschlitten der Werbeindustrie haben schon längst ausgedient.

Zu unserer Überraschung, kommt doch tatsächlich ein Anwohner mit seiner Familie und betagtem Hund auf einem vierrädrigen Motorrad mit Anhänger durch den dichten Busch und Morast angetuckert.
Das schlammverkrustete Quad mit dem selbstgebastelten Hänger ist ein beeindruckendes sehenswertes Gespann.

Noch lange wird an diesem späten Abend am Lagerfeuer über die vorangegangenen Stunden erzählt.
Der vergangene Winter mit sehr wenig Schnee, eine frühe Schneeschmelze, und der trockene heiße Sommer sind hauptsächlich Ursache dafür, dass die Flüsse derzeit allgemein wenig Wasser führen.
Die Gegebenheiten in der Natur sind eben schwer vorauszuplanen.

Der Kautokeinoelv

Auch auf dem Kautokeinoelv ist uns der Wasserstand leider nicht so gnädig gestimmt, aber er könnte auch deutlich schlechter sein. Wir werden zunehmend bescheidener.
Jedenfalls können wir uns in bewährter Manier mit Paddeln, sowie gelegentlichem Treideln, Ziehen und Schieben über die zahlreichen Stromschnellen vorankämpfen. Diese sind wie gewohnt seicht und mit unzähligen Steinen garniert.

Der Paddelspaß kommt auf jeden Fall auch nicht zu kurz. Mit jedem Höhenmeter den es abwärts geht nimmt die Strömung zu, und bald schon löst zunehmend technische Paddelei im Wildwasser das „Wasserwandern“ ab.
Mit einem starren Boot wäre das, egal aus welchem Material, aber trotzdem eine ausgesprochene Materialschlacht geworden.
Man kann nur ungläubig mit dem Kopf schütteln, dass all die Torturen diesen Faltcanadiern nichts ernstliches anhaben kann.

Keine Langeweile

Zwei Seen lockern die Paddelei noch zusätzlich auf. Die Kameraden nutzen den leichten Wind, improvisieren aus den Booten Katamarane, und versuchen sich im Segeln.
Wie spanische Galeeren kommen sie über das Wasser gebraust.

Von hinten naht eiligen Schrittes schwarzes Gewölk, vereinzelt fallen schon die ersten Regentropfen. Wir halten Ausschau nach einem geeigneten Platz für’s Camp.
Auf der Anhöhe einer steilen schottrigen Uferböschung werden wir fündig. Alv hat ein geschultes Auge.
Ungläubig reiben wir uns die Augen: Ein wunderschönes parkähnliches Gelände mit kleinen Birkenbäumchen.

Ziemlich ungeschoren überstehen wir das kurze, über uns hinwegziehende Unwetter.
Nur in der Nacht regnet es etwas. Eine von uns willkommen geheißene Bereicherung für den Bach.
Den prachtvollen Morgen können wir wieder in vollen Zügen genießen.

Stets ein Hoch-Genuss: Die obligatorische ausgedehnte Mittagsrast jeden Tag.
Linda und Debra breiten eine Decke aus und fahren ein leckeres Selbstbedienungs-Büffet auf. Die Aufzählung all der kulinarischen

Mittagsrast

Köstlichkeiten, vom geräucherten Lachs angefangen, würde jetzt allerdings hier den Rahmen sprengen.
Espen steuert dann noch getrocknetes Rentier-Fleisch dazu, und Debra dasselbige vom Truthahn. Einfach zum Wegschmatzen sind Debra’s „Frucht-Letters“. Alles selbstgemacht.
Erstaunlich ist jedenfalls jedesmal, was so alles in die hungrigen Paddlermägen passt.

Eindrucksvolle sandige Steilufer sind im Bereich des kleinen Weilers Galaniito zu bestaunen.
Fleißige Vögel haben darin unzählige Bruthöhlen und Nester gebaut.
Der letzte Abschnitt ab Galaniito ist dann nur noch unschwieriges Flachwasser, nur ab und zu etwas seicht. Nahezu lautlos gleiten wir an vereinzelt stehenden Häusern und Gehöften vorbei.

Wie sich in den vergangenen Tagen eindrucksvoll gezeigt hat, sind Faltcanadier in der Praxis doch um ein vielfaches robuster und widerstandsfähiger, als es das dünne Alu-Gerippe und die dünne Bootshaut zunächst vermuten lassen.
Schon extrem, was den Booten an Belastungen die letzten Tage zugemutet wurde.
Aufgrund der positiven Erfahrungen und in Summe der guten Eigenschaften, kann ich mir inzwischen keinen besseren und geeigneteren Bootstyp mehr für Trips in die Wildnis vorstellen.

Eine letzte Links-Kurve und die „Hoppebake“, die Skisprungschanze, sowie die ersten Häuser von Kautokeino kommen in Sicht.
In dem Ort lassen wir es uns für einen Tag gut gehen. Es ist das Zentrum der norwegischen Rentierzüchter mit überwiegend samischer Bevölkerung.
Zahlreiche Sami sind in ihren traditionellen bunten Trachten anzutreffen.

Kautokeino bzw.
Guovdageaidnu

Wir nisten uns auf dem schönen gepflegten Campingplatz ein und hausen ganz ungewohnt komfortverwöhnt in einer Hütte.
In Guovdageaidnu, wie der Ort auf samisch heißt, ist Sightseeing und Shopping angesagt.

Dabei sind unsere Gedanken teilweise schon beim zweiten Abschnitt unserer Flussreise. Der Kreis des „Circle Trip on Arctic Rivers“ ist ja noch nicht geschlossen.
Dieser 2-te Teil soll uns die ständig wechselnden, atemberaubendsten und spektakulärsten Landschaftseindrücke liefern, die im Norden Skandinaviens auf einer Paddeltour vermutlich überhaupt erlebt werden können.
Auf dem Reisaelv von der Hochfläche der Finnmarksvidda hinunter zur 447 Meter tiefer gelegenen, grandios zerfurchten norwegischen Atlantikküste.
Dazu im zweiten Teil des Berichtes näheres.

 

 

Teil 2:   Der Reisaelv

 

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