erstellt:           September 2003
überarbeitet:  21. April 2005

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Canadier und GPS Info - Seite
von Ralf Schönfeld

 

 

Rückblick von Ralf Schönfeld auf:

 

 

„Circle Trip on Arctic Rivers“
Mit Falt-Canadiern in der Einsamkeit Lapplands

Teil 2:  Reisaelv

 

 

 

Anmerkung:
Teil 1
ist der Beginn der Paddeltour auf dem Poroeno/ Lätäseno und Kautokeinoelv (zum Teil 1)


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Lappland    die letzte Wildnis Europas, und das Reich der Mitternachtssonne.
Eventuell erinnert sich noch der eine oder andere Leser vom ersten Teil unseres Wildnis-Trips mit Faltcanadiern auf der Finnmarksvidda an diese geflügelten Worte, und die „blumigen“ Zitaten aus Reiseführern.
Bisher wurden alle Erwartungen zur vollen Zufriedenheit erfüllt, bis auf eine Ausnahme. Dazu aber gleich.

Lätäseno von Teil 1

Auf diesem ersten Abschnitt der Tour sind wir mit Tandem „PakCanoe’s“ des Herstellers Pakboats auf den anspruchsvollen Wildnisflüssen Poroeno und Lätäseno „stech“-gepaddelt.
Weit abseits der Zivilisation liegen diese in völliger Einsamkeit. Der Poroeno führt dabei zu Beginn durch eine landschaftlich sehr reizvolle Gebirgswelt mit alpinem Charakter.

Haben die Boote über die Wasserscheide in ein System kleiner Seen und Bächlein portagiert, die in das Quellgebiet des Kautokeinoelvas entwässern.
Über dieses Wildwasser-Flüsschen gelangten wir letztendlich zur norwegischen Siedlung Kautokeino, dem Zentrum der Samen in Norwegen, der Ur-Bevölkerung Lapplands.
Der Wasserstand war uns dafür insgesamt leider nicht so besonders wohlgesonnen. Ein bisschen mehr Wasser hätten wir uns schon gewünscht.

In Kautokeino haben wir uns dann einen wohlverdienten Ruhetag gegönnt. Sightseeing und Shopping war angesagt.
Doch nun ist’s vorbei mit der Faullenzerei, die PakCanoe’s sollen uns weiterbringen.
Der Kreis unseres „Circle Trip on Arctic Rivers“ ist ja noch nicht geschlossen. Ein Fluss fehlt noch in der Kette der einsam gelegenen Paddelträume, um uns zum Ausgangspunkt der Tour zurückzuführen.

Schulbus von
Kautokeino

Der 15-sitzige Schulbus von Guovdageaidnu, so der Name von Kautokeino auf samisch, bringt uns mit Sack und Pack auf halbwegs guter Straße in Richtung Bidjovagge Gruver, einer nicht mehr aktiven Kupfer-Mine.
Unser Ziel ist zunächst der nordwestlich von Kautokeino gelegene See Raisajavri.

Auf den Polstern des Busses räkelt sich ein international bunt zusammengewürfeltes Grüppchen von 8 Personen.
Mit dabei sind Rolf Kraiker mit Frau Debra und seinen beiden jugendlichen „Kidis“ Kyle und Brendan aus Ontario in Kanada, Laurie Gullion aus Massachusetts USA, Espen Brestbakmo aus Norwegen, Alv Elvestad aus New Hampshire USA, sowie der Schreiberling dieser ergreifenden Zeilen aus Old Germany.
Es sind Freunde und Bekannte von dem erfahrenen Tour-Guide und Gebietskenner Alv Elvestad.
Der rückwärtige Teil des Busses ist bis zum Dach mit Gepäck vollgestopft. Es kommt doch so einiges zusammen.
Zudem sind wir wieder mit „PakCanoe“ Faltcanadiern der amerikanischen Firma Pakboats outgefittet, die momentan noch zusammengepackt ungeduldig auf ihren Einsatz warten.

Die letzten Kilometer bis zur Einsatzstelle am Seeufer führen über einen schmalen hundsmiserablen Feldweg. Nur etwas für hochbeinige Geländewagen.
Den Gepäcktransport erledigt so ein Gefährt für uns, wir pilgern den Weg. Da sagen wir doch nicht nein. Allemal besser als selber die Packsäcke schleppen.

Aufbau der
PakCanoe

Sogleich fangen wir mit dem Zusammenbau der Boote an, wir möchten heute noch lospaddeln.
Nun schon mit dem Aufbau der PakCanoe’s vertraut, geht dies flux von der Hand.
Es vergehen keine 30 Minuten, bis aus den kompakten Gepäckstücken unter unseren Händen vollwertige „richtige“ Canadier entstehen.
Wie wir bisher gesehen haben, müssen Faltcanadier einen Vergleich mit Booten mit festem Rumpf nicht scheuen.
Eine robuste PVC-beschichtete Gewebeplane ähnlich wie bei LKW-Planen, sowie ein solides Gerippe aus Aluminium-Röhrchen ermöglichen dies.

Wir treten ein in den Reisa-Nationalpark.
6 Solo-Boote in 14, 15 und 16-Fuß Ausführung, sowie ein 17-Fuß Tandem PakCanoe machen sich auf den Weg über den langgestreckten See.
Der Reisaelv nimmt dort seinen Lauf nordwärts zur norwegischen Atlantikküste.

Unser Ziel ist der Reisafjord, ein weit ins Land reichender Meeresarm zwischen der Barentsee und dem Europäischen Nordmeer, 447 Meter tiefer gelegen.
Gute 114 Paddelkilometer warten auf uns. Bei dem Höhenunterschied schon eine Herausforderung. Der Wasserstand vermutlich auch, wir sind gespannt.
In den zurückliegenden Tagen wurden wir nicht gerade verwöhnt.

Lappland aus dem
Bilderbuch

Die Landschaft präsentiert sich uns wieder so, wie wir sie bereits auf dem vorhergehenden Paddeltrip auf Poroeno/ Lätäseno und Kautokeinoelv kennengelernt haben  -  Lappland aus dem Bilderbuch.
Eine baumlose, vom Wind gepeitschte subarktische offene Hochfläche, die Finnmarksvidda.
Sanft hügelige Tundra mit flachen Tälern, überzogen mit einem Teppich aus Moosen und Flechten.
Nur kleine verkrüppelte Fjellbirken können sich in den Niederungen halten, und an den Uferrändern Weiden.

Der sehr einsam fließende schmale Reisaelv beginnt zunächst mit zahllosen „Drop-and-Pool Rapids“, ideal für Solo-Boote.
Der Wasserstand ist nicht gerade üppig zu nennen, aber er reicht meistens gerade so aus. Nur ein paar Mal ist aussteigen und schieben angesagt.

Trotzdem sind wir schon ziemlich neugierig, welcher Wasser-Level uns wohl die nächsten Tage erwartet, wenn wir die Schluchtstrecke erreichen. Es ist das spektakuläre Herzstück des Reisa’s.
Der vergangene Winter mit sehr wenig Schnee, eine frühe Schneeschmelze, und der trockene heiße Sommer sind haupsächlich Ursache dafür, daß die Flüsse derzeit allgemein wenig Wasser führen.

Reisaelv

Einen kleinen Wasserfall mit anschließendem „Bonsai“-Canyon müssen wir kurz umtragen.
Auf der topographischen Karte ist das Gebiet als Sumpfland eingezeichnet. Für einen Sumpf ist so eine Schikane ja fast schon hinterhältig zu nennen.

Aber der Reisa ist an dieser Stelle ein sehr trügerischer Fluß. Das weite offene Plateau verengt sich vor uns, die umgebenden Berge erreichen nun Höhen bis zu 900 Meter.
Man könnte sich einbilden in der Ferne ein dumpfes Gurgeln zu vernehmen, aber die Landschaft zwischen den Bergen sieht nach wie vor ziemlich eben und flach aus, einfach harmlos.

Noch eine unschwierige Schnelle, dann mündet von rechts ein kleines Bächlein ein.
Urplötzlich gerät an dieser Stelle der Reisaelv außer Sicht, vor uns türmen sich an den Ufern Felsen auf.
Der Fluss verschwindet vor uns in einer spektakulären düsteren engen Schlucht, und stürzt sich in einer Reihe von schmalen eingekerbten Wasserfällen innerhalb von 1,5 Kilometern um 100 Meter in die Tiefe.
Dieser erste Canyon des Reisa kündigt zudem den Anfang unserer ersten langen Portage an, und läutet insgesamt den Beginn des abenteuerlichen und anspruchsvollen Teils dieses Wildnis-Trips ein.

Bei der Portage
ist die Schlucht kaum
 zu sehen

Wir transportieren all unser Hab und Gut die 1,5 Kilometer weg- und steglos am Fuß der Berge entlang über die karge Tundra. Von Gletschern einst glattgeschliffene Felsplatten sind in die Hochfläche eingelagert.
Das sumpfige moorige Terrain ist durch den heißen Sommer glücklicherweise staubtrocken. Dafür sucht man das arktische Wollgras mit seinem hübschen weißen Wollschopf vergebens. Die kleinen Tümpelchen sind alle ausgetrocknet.
Allerdings sind die Farben jetzt alle etwas tristbraun.
Erst im Herbst ist es soweit: Dann glüht die Tundra zu einer unbeschreiblichen Farbenpracht auf, die ihresgleichen sucht.

Wirklich angenehme Umtragungen gibt’s ja eigentlich nicht, aber das im Vergleich zu einem starren Canadier doch deutlich geringere Gewicht ihrer faltbaren Verwandten macht die Schlepperei schon erträglicher.
Erfreulicherweise lassen sich keine stechwütigen Mosquitos blicken, die die trotzdem schweißtreibende Arbeit schamlos ausnutzen könnten. Die Sonne brennt erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel, die Temperaturen sind hochsommerlich.

Der tiefe
Canyon

Die Schlucht ist so eng, dass diese bei der Portage nur als ein dunkler gewundener Schatten in dem ungeschützten grauen Fels des Hochplateaus erscheint. Sie ist kaum auszumachen.
Insgesamt sind wir gut 3 Stunden als Packesel unterwegs.
Nachdem wir erfolgreich eine Stelle ausgemacht haben, an der wir in die unzugänglich erscheinende Schlucht hinabklettern können, schlagen wir dort müde und abgekämpft das Camp auf.
Den Abstieg behalten wir uns für morgen vor, auch wenn jetzt die Mitternachtssonne rund um die Uhr scheint.
Schon etwas unheimlich, wenn man über die Abbruchkante in die Tiefe blickt. Der Fluss hat sich so tief in den Canyon hineingefressen, dass von dem Wasser fast nichts zu hören ist.

Früh sind wir auf den Beinen.
Vorsichtig wird zunächst das Gepäck über den sehr steilen, mit Flechten bewachsenen Abbruch und über grobes Blockwerk nach unten transportiert. Die Boote folgen.
Sie werden über die Flanke zu den untenstehenden Paddelkameraden abgeseilt. Man möchte meinen eine Tortur für die 7 Faltcanadier, aber so etwas kann ihnen nichts anhaben.

Abstieg in Schlucht

Ganz ohne kleines Menschenopfer geht der Abstieg dann aber doch nicht über die Bühne.
Laurie und Alv verletzen sich an den scharfkantigen Felsen und dem losen Geröll an der Hand. Vor allem Laurie hat es an der Handfläche ziemlich erwischt, zum Halten des Paddels natürlich ganz schlecht.
Wieder einmal erweist sich jedoch „Duct Tape“, das universelle „Speziool“-Klebeband als hervorragendes Hilfsmittel für Reparaturen aller Art, egal ob Mensch oder Material.
Wichtig vor allem, einer Infektion der Wunden vorzubeugen. Debra erweist sich als perfekte „Medizin-Frau“ und „Menschen-Klempner“.

Jäh wechselt die Landschaftsszenerie.
Hinter uns die sanft hügelige Hochfläche der Finnmarksvidda, typisch Lappland eben, und vor uns nun ein imposanter felsig-schroffer Canyon, der uns zur 450 Meter tiefer liegenden, wild zerklüfteten norwegischen Atlantikküste führen soll.

Wir haben wieder „unseren“ Fluss.
Unmittelbar nach dem letzten Wasserfall werden die PakCanoe‘s eingesetzt und beladen.
Der Reisaelv hat nun grundlegend seinen Charakter geändert.
Es beginnt sofort mit starker Verblockung. Ein Rapid folgt auf den anderen. Der Wasserstand ist ganz und gar nicht üppig zu nennen.
Das Gefälle ist mit 12 Metern pro Kilometer schon beachtlich.

Starkes Gefälle

Es ist der Punkt gekommen, an dem ein zurück aus dem Canyon fast nicht mehr möglich ist, „The Point of no Return“ ist erreicht. Der anspruchsvolle Part auf dem Reisa beginnt.
Zahlreiche Stromschnellen sind fahrbar, aber viele Passagen erfordern auch kompliziertes Treideln.
Bei dem schwer zugänglichen Terrain allerdings sehr aufwendige, zeitraubende Aktionen.
Teilweise stehen wir bis zur Hüfte im tosenden Wasser.

Aber wie immer ist das Teamwork einfach perfekt. Die Gruppe harmoniert hervorragend, die Stimmung top.
Die Stunden verrinnen. An umtragen ist auch nicht zu denken.
Senkrechte Felswände, brüchige Schluchtflanken, große Felsblöcke, grobes Geröll und glitschige Steine im Bachbett machen das Gehen zu einem Unternehmen mit erhöhtem Risiko.
Portagen sind in diesem Gelände nicht möglich.

Die Wendigkeit von Solo-Booten bewährt sich nun bestens. Da haben Debra und Brendan im 17-Fuß Tandem-Boot trotz Wildwasser-Fitting schon deutlich mehr zu schuften.
Für eine hohe Manövrierfähigkeit sind die beiden Sitze ganz eng beieinander in der Mitte des Bootes angeordnet.

Aufwendiges Treideln

Wir schöpfen nun einen der Vorteile dieser Faltcanadier voll aus.
Durch Konzentration des Gewichtes zur Bootsmitte hin, kann der Kielsprung deutlich vergrößert werden. Der Wendigkeit im Wildwasser sind somit keine Grenzen gesetzt.
Zudem sorgen wir durch eifriges vertilgen unserer Vorräte dafür, dass die Lage des Schwerpunktes immer optimaler wird.
Auf der Flachwasserpassage über den Raisajavri haben wir dagegen das Gewicht gleichmäßig über das Boot verteilt.
So können je nach gewünschter Fahreigenschaft und Einsatzbedingung, durch einfache Gewichtsverteilung verschiedene Bootscharaktere in einem einzigen Boot realisiert werden. Schon genial.

Viele Möglichkeiten zum Lagern bietet das Terrain nicht.
Meist im Bereich von Zuflüssen, die das Flüsschen zunehmend mit Wasser speisen und großartig über Kaskaden von der Hochebene herabeilen, können wir für die Camps ein kleines Fleckchen Erde abtrotzen.

Leider kann Linda auf der zweiten Etappe dieser Flussreise nicht mehr bei uns sein.
Nun haben Debra und Espen die schwierige Aufgabe übernommen, die hungrigen Mäuler der Paddler am Abend zu stopfen. Aber es sind würdige Nachfolger an den Kochtöpfen über dem offenen Feuer.
Ein stets leckeres reichhaltiges Dinner mit allerlei Köstlichkeiten verwöhnt uns weiterhin.

Lagerplatz

Als Beispiele will ich nur die Rentier-Fleischklößchen mit Pilz-Rahmsauce, Pellkartoffeln und Rotkraut erwähnen, oder die Spaghetti mit Lachs-Ragout und Gemüse.
Ich kann’s verstehen. Da kann schon Neid aufkommen.
Dank und Anerkennung ist den Köchen jedenfalls von allen gewiß, sich nach einem harten und anstrengenden Paddeltag soviel Mühe und Arbeit zu machen. Helfende Hände gibt es natürlich ebenfalls zur genüge.

Jeder Tag bietet neue Herausforderungen und scheint spektakulärer als der vergangene.
Insgesamt ist die Landschaft von einer wilden abweisenden schroffen Schönheit und garantiert ein ganz besonderes Naturerlebnis.
Mit einer Mischung aus paddeln und treideln können die zahllosen Hindernisse und das starke Gefälle überwunden werden.

Wie jeden Tag ist die Mittagsrast ein kulinarischer Hoch-Genuß. Das reichhaltige leckere Büffet das Debra zur Selbstbedienung immer auftischt, lässt jedenfalls keine Gourmet-Wünsche offen.
Keine leichte Aufgabe all die hungrigen Paddlermägen zu stopfen, der Energieverbrauch ist bei so viel „Action“ schon enorm.

An einer Stelle verengt ein gewaltiger Felssturz der erste wenige Jahre zurückliegt, den Fluss auf eine Breite von etwa 1,5 Meter.
Als Alv 1982 den Fluss mit Angelruten bewaffnet zum ersten Mal besucht hat, gab es dieses Nadelöhr noch nicht.
Riesige Granitquader bedecken die steile Bergflanke.

Starke Verblockung

Aus geologischer Sicht betrachtet scheint dieses Gebiet noch sehr aktiv zu sein. Nach wie vor befördern Steinschläge Felsblöcke von der Größe eines Autos ins Flussbett.
Blickt man die Schluchtwände hochwärts können exakt die Stellen ausgemacht werden, an denen die Felsbrocken herausgebrochen sind, und nun Mitten im Fluss liegen. Viele dieser Ausbruchstellen sehen frisch aus.
Nicht umsonst sind daher viele der Rapids grobschlächtig und ungehobelt.

Der Fluss selbst und das umgebende Terrain ist ein großartiges Erlebnis und Herausforderung für routinierte Paddler und Outdoorer, aber ein Alptraum für eine unerfahrene Gruppe.
Ein Rückzug aus der Schlucht ist praktisch nicht möglich.
An dieser Stelle möchte ich daher nicht versäumen, kurz einen Gefahrenhinweis einzuflechten.

Im DKV Auslandsführer Skandinavien (Stand: 3. Auflage 1995) ist vermerkt:
“Die Reisa ist ein leichter, hindernisfreier Wanderfluß mit Zahmwasser in einem landschaftlich besonders reizvollen Tal, ......“
Werden die Paddler mit Motorbooten flussauf nach Needrefoss befördert, wie meistens, dann trifft diese Aussage auch zu.
Nicht aber wenn im Oberlauf des Flusses beim Raisajärvi eingesetzt wird. Dies ist dann doch eine sehr ernst zu nehmende anspruchsvolle Unternehmung.

Alv hat hier schon Canadier-Wracks gefunden. Deshalb sich nicht von den ersten problemlosen Kilometern und den unvollständigen Angaben im Kanuführer verleiten lassen, unvorbereitet die Tour in Angriff zu nehmen.

Wasserfall
bei Tierta

Am Ende dieser ersten Schluchtstrecke bei Tierta stellt sich uns unverfroren ein 10 Meter hoher Wasserfall in den Weg.
Rechtzeitig landen wir an. Der Fluß stürzt sich kaum vorher wahrnehmbar in einen dunkelgrünen Gumpen.
Wir portagieren über eine luftige Felskante, und seilen dann das Gepäck und die PakCanoe‘s an senkrechter Felswand in die Tiefe ab.

Brendan nutzt jede Gelegenheit aus, um die Blinker der in Kautokeino neu erworbenen Angel zu baden.
Wie schon öfters ist ihm das Jagdglück dabei hold. Bereits nach kurzer Zeit baumeln drei ganz ordentliche Fischlein am Galgen.
Wie immer macht Espen sofort an Ort und Stelle ein Feuer und brät die Beute. Mit allgemeinem genüsslichen Schmatzen werden die unglücklichen Fischlein weggeputzt.

Die Szenerie wechselt wieder.
Das Tal wird ab hier zunehmend breiter, die Schluchtwände treten zurück.
Es „reift“ zu einem der schönsten Flüsstäler die Norwegen zu bieten hat. Wald macht sich breit.
Seit dem Start unseres Lappland-Trips in Kilpisjärvi stoßen wir nun zum ersten Mal auf „richtige“ Bäume. Die kleinen krüppeligen Fjell-Birken, eigentlich mehr Buschwerk als Baum, weichen zunehmend großen stattlichen Kiefern.

Imo-Falls

Wir gelangen zu den Wasserfällen von Imo. Sie sind eine der Haupt-Attraktionen im Reisa Nationalpark.
Jedoch besuchen nur ganz vereinzelt Wanderer und Rucksacktouristen diesen nun allgemein zugänglichen Teil des Tales.
Trotz des ungewöhnlich lang anhaltenden schönen Wetters treffen wir keinen Menschen.
Dieser Nationalpark wurde erst vor etwa 15 Jahren geschaffen und umfasst vor allem auch den zurückliegenden bizarren Oberlauf des Reisaelv.

Vorsichtig spähen wir über die luftige Felskante in den Abgrund hinunter.
Der Fluss hat sich ein verwirrendes System von tiefen Kanälen in den Fels gefräst.
Zwei grandiose, sich gegenüberliegende Wasserfälle stürzen gute 100 Meter in einen gemeinsamen Pool.
In einer Nische die traurigen Überreste eines Alu-Canadiers.

Für uns bedeutet dies mit der sich anschließenden engen unzugänglichen Schlucht eine weitere 1,5 Kilometer lange Umtragung.
Aber Portagen gehören zu einem „richtigen“ Wildnis-Trip auch einfach irgendwie dazu. Neben dem Paddeln und Lagerleben runden sie eine Tour erst so richtig ab.

Abseilen der
PakCanoes

Zunächst schlagen wir jedoch direkt vor dieser malerischen Kulisse das Nachtlager auf. Einfach gigantisch.
Da schmeckt doch das leckere, stets reichliche kräftige Frühstück gleich nochmal so gut.
Auf gut erkennbaren Trampelpfaden können wir Imo umtragen.
„Verblockung“ ganz anderer Art fordert uns nun. Die Boote müssen um Bäume herum und über Felsstufen bugsiert werden, die für die Wanderer kein Hindernis darstellen.
Die Hochfläche ist eine parkähnliche Märchenlandschaft mit mächtigen Kiefern und einem Teppich aus Rentierflechte. Eingelagert sind kleine Tümpelchen.
Der Steilabbruch hinunter zum Fluss erfordert dann wieder den Einsatz der gesamten Gruppe.

Bevor wir aber dies in Angriff nehmen, führt uns Alv zur allgemeinen Überraschung an fast senkrechter Wand in das Herz der Schlucht. Wir tauchen ab zu einer Sightseeing-Tour.
Das war einfach großartig, doch nun werden vorsichtig Gepäck und Boote über senkrechte Felsstufen und grobes Blockwerk nach unten befördert. Die PakCanoe’s üben sich wieder im Abseilen.

Nur sehr wenige Paddler befahren jährlich den Reisa in seinem Oberlauf, und wenn, vor allem Kajaker.
Von daher ist unsere Befahrung mit „popeligen“ Wander-Canadiern schon eine Seltenheit.
Als die Boote am Ausgang der Schlucht zu Wasser gelassen werden, warten wieder ein paar Kilometer vergnügliches Wildwasser bis Nedrefoss auf uns.
Bei dem niedrigen Wasserstand wird uns ganz besonders Fahrspaß geboten.

Bei Nedrefoss

Die senkrechten Schluchtwände bleiben zurück und lassen nun ein breites Tal entstehen. Wieder einmal wechselt die Landschaftsszenerie.
Eine etwas knifflige Stromschnelle wartet in Nedrefoss. Diese erfordert einige beherzte Richtungsänderungen, um riesigen Felsbrocken aus dem Weg zu gehen.

Als wir am Fuße des Rapids unter einer Hängebrücke für die Wanderer hindurchschlüpfen, nimmt uns eine sanfte gleichmäßige Strömung auf. Ein neuer Abschnitt unserer Flussreise nimmt seinen Lauf.
Das ist auch besser so, denn die Fülle grandioser Landschaftseindrücke auf den nächsten 30 Kilometern wären bei technisch anspruchsvolleren Stromschnellen ein ernstes Sicherheitsrisiko.
Nehmen diese unsere Blicke doch so gefangen, dass kaum ein Auge auf die Geschehnisse auf dem Fluss geworfen wird.

Ein Highlight jagt das andere.

Im Pool des
Mollis Fossen

Wie erreichen den Mollis Fall. Gewaltige Wassermassen quellen über die Felskante und stürzen als gigantische Wassersäule 269 Meter im freien Fall in einen tiefen grünen Pool hinab, ein gewaltiges Naturschauspiel.
Es ist der höchste Wasserfall nördlich des Polarkreises auf der ganzen Welt.

Direkt vor dieser eindrucksvollen Kulisse nimmt unser Camp Gestalt an.
Freiwillig buckelt Kyle ein PakCanoe in den Pool direkt unterhalb dem Mollis Fall.
Kyle, Brendan, Espen und Debra toben sich in der gewaltigen Gischt der Wassermassen so richtig aus. Stolz präsentiert uns dabei ein Regenbogen seine Farben. Ein rießen Spaß für alle.

Unterhalb Mollis wird der Fluss jetzt breiter.
Wir gleiten durch das grüne fruchtbare Reisadalen, es ist eines der reizvollsten Flusstäler in ganz Norwegen.
Für viele Leute wirkt Lappland eintönig, mich dagegen fasziniert die Schlichtheit und Vielfalt Nordskandinaviens stets aufs neue.
Immer wieder erstaunlich, wie die langen Flussboote bei dem bescheidenen Wasserstand über die zahlreichen herrlichen, aber sehr seichten Kiesbankschwälle flußaufwärts fräsen. Ich tät’s nicht glauben, wenn ich es nicht selber sehen würde.

Stattliche Birken säumen den Fluss, und Gemüsegärten nutzen die wärmenden Strahlen der Sonne rund um die Uhr nun intensiv aus.
Der Sommer ist nur sehr kurz, die Vegetation dafür jetzt umso aktiver.
An den 1200 Meter hohen Bergen klammern sich dagegen noch eisern Schneefelder.
Mit jedem Kilometer wird das umgebende Gebirge schroffer und alpiner.

Das liebliche
Reisadalen

Wie bereits erwähnt, bewegen wir uns hier immerhin auf dem 69-ten Breitengrad. Es ist die gleiche geographische Breite auf der auch Sibirien, die Brooks Range am Nordrand Alaskas oder die südliche Hälfte Grönlands liegt, also wirklich schon in arktischem Territorium.
Aber der warme Golfstrom der an der norwegischen Küste entlangstreicht, macht dieses insgesamt milde Klima möglich.

Die letzte Eiszeit vor etwa 13 000 Jahren schmiedete das Reisadalen in ein u-förmiges Trog-Tal, als es sich dem Meer näherte.
Das Geröll der Gletschermoränen, das Eis war stellenweise bis zu 3000 Metern dick, ist für Paddler allgegenwärtig, wenn man sich Kilometer für Kilometer auf glasklarem Wasser an Kiesbänken entlang schlängelt.
Dominierten im Oberlauf riesige scharfkantige Felsblöcke das Geschehen, haben sie sich nun zu kleine runde Steine abgeschliffen.

Die träge Strömung spült uns nicht gerade sehr flott talabwärts. Die Arme werden lang und die Kniee weich.
Es ist schon spät, als wir das kleine Dörfchen Sappen erreichen, in dem das Elternhaus von Alv Elvestad, unserem Tour-Guide, steht.
Hier hatte vor 15 Tagen unser erlebnisreicher „Circle Trip on Arctic Rivers“ seinen Ausgang genommen, der Kreis ist nun geschlossen.

Rast in Sappen

Aber natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, auch die letzten verbleibenden Kilometer bis nach Storslett an der Mündung des Reisaelvs in den Reisafjord genießerisch hinunterzugleiten.
Die vielen problemlosen Kiesbankschwälle lassen das Paddler-Herz nochmals höher schlagen. Fahrspaß pur.
Ganz hoch schlägt das Herz bei Kyle, Brendan und Laurie, als eine Surfwelle unvorsichtig unseren Weg kreuzt.

Trotz geladenem Gepäck laufen die Faltcanadier in den Schwallstrecken angenehm trocken.
Da sich das Alu-Gerippe unter den ankommenden Wellen in Längsrichtung flexibel verhält, kann sich der Bug etwas heben und über das Wasser gleiten.
Die Wellen und Walzen können dadurch „abgeritten“ werden, anstatt in sie hineinzustechen und das Boot eventuell „abzufüllen“.
Bei einer Tour mit Sack und Pack eine sehr positiv zu wertende Eigenschaft.

Überall rinnen Schmelzwasser-Bächlein die felsigen steilen Klippen herunter.
Eine letzte langgezogene, nicht enden wollende S-Kurve, und das Europäische Nordmeer an der grandios zerfurchten norwegischen Atlantikküste ist erreicht.
Auf den letzten paar Kilometern war der Einfluss der Gezeiten auf dem Flüsschen schon etwas zu spüren.

Nur noch wenige Kilometer sind es von hier bis zum nördlichen Ende des europäischen Festlandes.
Die 307 Meter hohe, nahezu senkrecht ins Eismeer abbrechende Klippe des Nordkapps, dem Mekka aller wohnmobilfahrenden Nordlandtouristen, ist nur 235 Kilometer Luftlinie entfernt.

Die Küste ist
erreicht

Ein letztes Mal wurschteln wir unsere Gebeine aus den Booten und zerren die PakCanoe’s aus dem Wasser.
Wirklich beeindruckend, daß Faltcanadier im praktischen Gebrauch doch um ein vielfaches robuster und widerstandsfähiger sind, als man es dem dünnen Alu-Gerippe und der dünnen Bootshaut zunächst zutrauen würde.
Die Belastung der Boote in den vergangenen Tagen ist jedenfalls schon extrem zu nennen.
Für Wildnis-Trips kann ich mir kaum mehr etwas geeigneteres und universelleres vorstellen.

Ein Jammer naht, denn mit dem Zerlegen der PakCanoe‘s wieder in handliche Gepäckstücke, nimmt auch diese großartige, erlebnisreiche Tour ein jähes Ende, eine Tour voller Spannung und Abwechslung.
Ein Trip auf dem Reisa ist wegen den ständig wechselnden, atemberaubenden und spektakulären Landschaftseindrücken wohl die eindruckvollste Paddeltour, die im Norden Skandinaviens vermutlich überhaupt erlebt werden kann.

Da bleibt mir nur noch, mich bei den getreuen Paddelkameraden, und für die beispiellose Gastfreundschaft der Elvestad’s ganz herzlich zu bedanken.

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Übrigens organisieren Alv und Linda Elvestad nahezu jeden Sommer ähnliche, aber einfachere Canadier-Touren im Norden von finnisch/ norwegisch Lappland.
Infos dazu auf der Webseite von Pakboats unter http://www.pakboats.com/


Ebenso veranstaltet Espen Brestbakmo von „Undervegs“ geführte Touren im hohen Norden Norwegens.
Infos zu Espen’s Touren unter http://www.undervegs.no/

 

Sehenswert ist auch die Webseite des bekannten kanadischen Buchautors, Fotografen und Canoe-Instructor Ausbilders Rolf Kraiker und dessen Frau Debra unter http://www.blazingpaddles.on.ca/  (und natürlichen deren „Boys“ Kyle und Brendan).

Ein ausführlicher Erfahrungsbericht über die PakCanoe’s von der Fa. Pakboats ist auf der extra Seite „PakCanoe’s in der Praxis“ zu finden.

 

 

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