| Berliner Morgenpost 29.11.02
von Rudi Skrobek
Hörsaal statt Hartplatz
Jana Kandarr wohnt und studiert jetzt
in Berlin
- und spielt für Blau-Weiß
in der Bundesliga
Tennis-Bundesliga in Berlin? Bislang eine
Domäne der Herren des
LTTC Rot-Weiß. Doch nun schickt
sich Lokalrivale Blau-Weiß an, in
die Damen-Bundesliga aufzusteigen. Und
als Topspielerin ist dabei
die Neu-Berlinerin Jana Kandarr (26) am
Start.
Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit,
im Mai 2001. Jana Kandarr
spielt gegen die Tennis-Sandplatzspezialistin
Amelie Mauresmo auf
dem ausverkauften Centrecourt von Roland
Garros. Es ist die erste
Runde der French Open. Die deutsche Außenseiterin
kämpft
bravourös gegen die Turnierfavoritin
- und katapultiert die an fünf
gesetzte Französin mit 7:5 und 7:5
aus dem
Grand-Slam-Wettbewerb. Eine Sensation.
Im Juni rangiert Kandarr
auf Platz 42 der Weltrangliste der Damen.
Ihr Karrierehöhepunkt.
«Das war das wohl größte
Match meiner Laufbahn», sagt Jana
Kandarr. Die mittlerweile 26-Jährige
ist gerade nach Berlin gezogen,
um Geowissenschaften an der Humboldt-Universität
zu studieren
und ihre Profi-Karriere nach acht Jahren
etwas ruhiger angehen zu
lassen. «Ich
werde zunächst zweigleisig fahren: das Tennis
einschränken
und das Studium als positive Abwechslung, als
Ausgleich in meinem
Leben sehen», erzählt die in Halle an der Saale
geborene und nach der Wende nach Karlsruhe
gezogene Kandarr.
Vorlesungen und Klausuren statt regelmäßigem
Reisestress,
Bibliothek statt Kabine, Hörsäle
statt Hartplätzen. Ein neues Leben
halt. «Ich
muss sehen, was nach dem Sport kommt.
Berufstennisspielerin
zu werden, war nie mein Traum. Mein
eigentliches Interesse
liegt woanders, in der Entwicklungshilfe»,
erklärt die 1,81 m große Sportlerin.
Mutter
Petra Kandarr hat für die
Entscheidung ihrer
Tochter Verständnis: «Man muss realistisch
sein. Der finanzielle
Aufwand als Berufssportler ist groß, Jana
muss alles selbst
bezahlen. Das Studium ist eine neue Basis», sagt
die Leichtathletik-Europameisterin
von 1969.
Jana Kandarr ist
es schwer gefallen, aus ihrem Karlsruher
Tennisumfeld wegzuziehen.
Eltern und Trainer kümmerten sich dort
um fast alles. «Berlin
hat mich als Stadt gereizt. Hier kann ich
wohnen und trainieren
und das Leben genießen», schwärmt
die
Nummer 130 der Welt,
die mit ihrer Cousine nach Kreuzberg
gezogen ist.
In Form hält
sich die Olympia-Teilnehmerin von Sydney im
Grunewald, beim
mondänen TC Blau-Weiß. «Bei Blau-Weiß bin
ich
sehr nett empfangen worden. Ein gut organisierter
Verein mit
familiärer Atmosphäre, alles
klappt reibungslos», berichtet Kandarr.
Den Kontakt stellte Peter Gorka her. Der
Vizepräsident des
Deutschen Tennisbundes ist befreundet
mit den Eltern der
deutschen Nummer sieben und mit einigen
Mitgliedern von
Blau-Weiß.
«Für uns ist Jana ein Riesengewinn.
Sie fordert keine
außergewöhnlich hohen finanziellen
Beträge und ist eine wichtige
Verstärkung für unsere Mannschaft»,
sagt Michael Brandt. Der
40-Jährige trainiert das erste Damenensemble
der «Blauen» -
zusammen mit A-Coach Christine Mallon.
Neben Jana Kandarr
präsentieren Brandt und Mallon noch
eine weitere Spitzenspielerin
auf der Anlage am Roseneck. Das 18-jährige
Nachwuchstalent
Scarlett Werner zieht ebenfalls nach Berlin,
um für den 1899
gegründeten Traditionsverein aufzulaufen.
Die Verpflichtungen der
erfahrenen Kandarr und der talentierten
Werner, ein «Meisterwerk»
der Verantwortlichen des finanzstarken
Klubs.
Meisterlich soll es in dem wohl idyllischsten
Tennisverein
Deutschlands auch in der kommenden Saison
zugehen. Mit Jana
Kandarr, Scarlett Werner und der Tschechin
Kveta Hrdlickova, die
seit Jahren in Berlin lebt, steuert das
Trainergespann Brandt/Mallon
einem großen Abenteuer entgegen.
Die in der vergangenen
Spielzeit nur knapp am Bundesligaaufstieg
gescheiterte Equipe
rückt in die deutsche Eliteliga nach,
weil der TC Saarlouis aus
finanziellen Gründen zurückziehen
musste.
«Ich hoffe, dass wir die Klasse halten
können. Denn fast alle
Vereine in der Bundesliga spielen mit
mehreren Ausländerinnen»,
weiß Kandarr. Die Studentin kennt
die Lage in Liga eins sehr genau,
schließlich wurde sie mit dem Heidelberger
TC mehrmals deutscher
Mannschaftsmeister. Einige Tipps aus ihrer
jahrelangen Bundesliga-
und Turnier-Erfahrung wird Jana Kandarr
im Training an ihre
Mannschaftskolleginnen weitergeben - und
den Blau-Weißen vom
Pariser Karriere-Highlight erzählen.
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