Der PHÖNIX
Anarepa Ralpachan

DER LORBEER -

Lorbeerbäume wachsen hierzulande in Kübeln. Diese stehen über Winter in einem kühlen hellen Raum, sommertags im Freien. Dort verbreiten sie im Umkreis von zehn Metern einen Hauch üppiger, südländischer Vegetation und beweisen zum Stolz ihres Besitzers höhere Gartenbaukunst. Wer aber den Lorbeer richtig kennenlernen will, fährt südwärts über die Alpen oder bucht einen Flug nach Mallorca, vielleicht nach Teneriffa. Am besten jedoch macht er sich auf nach Delphi, dem Heiligtum des Apoll, am Fuß des Berges Parnaß in Griechenland. 

Apoll, Sohn des Zeus und der Leto, war einer der großen Götter Griechenlands. Er hütete, was hell und gut war, die Jugend, die Dichtung und die Musik. Er hielt seine Hand schützend über Ackerbau und Heilkunst, über das Vieh auf der Weide und die Schiffe auf dem Meer. Mit scharfem Blick erkannte er Gegenwart und Zukunft. Bei all dem war er schön - nun ja, wie eben Apoll. Alles was Apoll tat oder war, hatte Maß und Ziel. Wenn er Gewalt anwendete, so hatte auch das seinen Grund. Zum Beispiel wollte er die heilige Stätte Delphi für sich erobern, denn hier ging der Blick in die Zukunft noch tiefer und weiter als überall anderswoauf der Erde. Doch der Drache Python - von dem übrigens die Pythonschlangen den Namen haben und wonach man sich ungefähr vorstellen kann, wie schrecklich der Drache aussah - , dieser Drache Python bewachte das Heiligtum.

Apoll blieb nichts anderes übrig, als ihn zu töten. Nach dem Kampf reinigte er sich mit dem Laub des Lorbeers von Blut und Schuld. Rein und strahlend nahm er das Heiligtum in Besitz. Die Griechen bauten ihrem Gott einen herrlichen Tempel und opferten ihm auf dem Apolloaltar, indes die Priesterin Pythia im Zustand der Verzückung kundtat, was sie 'Delphisches Orakel' nannte und, so heißt es, Apollo selbst ihr eingab. Wie sie es schaffte, Kontakt mit Apollo aufzunehmen, blieb ungewiß. Einige sagen, betäubender Erddampf habe sie in Ekstase versetzt, andere sprechen von geheimnisvollem Wasser, andere vom Laub des Lorbeers, das sie kaute. Vielleicht war es wirklich Lorbeerlaub, denn Lorbeer wuchs als heiliger Baum des Gottes überall in Delphi. Er wächst auch sonst, wo Apoll verehrt wurde, in ganz Griechenland und im Römischen Reich.

Lorbeer verscheucht nicht nur Gebrechen des Leibes, sondern tilgt auch Krankheiten der Seele, die aus Schwachheit, Verstrickung und Schuld entstanden. Lorbeer zeugt vom Sieg über sich selbst, von der Weisheit des Wissenden, von der Demut des Erkennenden. Darum ist er das Zeichen der Sänger, der Dichter der Seher. Sieg im Zeichen des Lorbeers war ursprünglich versöhnlicher Sieg und oft ein Sieg des Geistes über die menschliche Natur. Wenn später römische Legionäre nach gewaltigen Schlachten des vergossenen Blutes überdrüssig waren und es sühnen wollten, reinigten sie, gleich Apoll, Waffen, Gerät und Feldzeichen mit Lorbeerblättern. Um ihre Stirnen wanden sie Lorbeerkränze. Allmählich ging dieses authentische esoterische Wissen verloren und übrig blieb lediglich das exoterische Brauchtum. So wandelte sich das Zeichen der Sühne in die Corona triumphalis, den Kranz des Erfolges und des Ruhmes. Selbst im Titel 'Baccalaurus' steckt der Hinweis auf die beerentragenden Lorbeerzweige, mit denen sich früher junge, frisch gebackene Doktoren nach bestandenem Examen schmückten. Lorbeer heißt botanisch nach seinem römischen Namen 'laurus nobilis'.

In einen Lorbeerstrauch verwandelte sich einst auch die schöne Nymphe Daphne, um sich Apollo zu entziehen, der sie mit seiner Liebe verfolgte. Man schrieb dem Lorbeer mancherlei wundertätige Kräfte zu: So sollten Wahnsinnige unter dem Einfluß des Lorbeers zur Ruhe kommen. Man wähnte sich im Schutz der Lorbeerwälder vor der Pest sicher. Von Kaiser Commodus, der 180 bis 192 nach Christus regierte, wird berichtet, daß er bei jeder Andeutung von Pest furchtsam in einen nahegelegenen Lorbeerhain flüchtete. Ein anderer römischer Herrscher, Kaiser Tiberius, hatte Angst vor Gewittern. Sowie die ersten schwarzen Wolken aufzogen, lief er schon, einen schützenden Lorbeerkranz zu holen, denn zu allen anderen Fähigkeiten besitzt der Lorbeer auch noch die Gabe, Blitze abzuwenden. Tatsächlich soll Lorbeer, im Gegensatz zu Walnuß und Buche, die häufig vom Blitz getroffen werden, selten mit Blitzen in Berührung kommen. Dies wird dem hohen Ölgehalt zugeschrieben, denn das Öl hemmt die Leitfähigkeit, so daß die Blitze sich lieber andere Blitzableiter suchen.

Ein Lorbeerbaum wurde sogar zum Retter des Apollotempels in Rom, als während eines großen Brandes weite Teile der Stadt in Schutt und Asche sanken und selbst die Regia, die Königsburg in Flammen stand. Aber der Tempel des Apollo blieb vom Brande verschont, weil ein Lorbeerbaum dem Feuer den Zugang verwehrte.

Heute dient der Lorbeer in der Hauptsache dazu, Braten, Fisch, Liköre und Essig angenehm zu würzen und Geschmack zu verleihen. Aus den Früchten gewinnt man grünes, stark riechendes, zähes Lorbeeröl als Ausgangsmaterial für Salben allerlei Art. Dieses Lorbeeröl ist auch bekannt dafür, daß es Fliegen und sonstige Insekten vertreibt. Früher war es deshalb üblich, Türen und Fenster, z.B. von von Fleischerläden mit Lorbeeröl zu bestreichen. Bitterliköre mit Lorbeerzusatz erfreuen sich hoher Wertschätzung als appetitanregende, magenstärkende Getränke. Während des Sommers pflückt man nach Bedarf Blätter und junge Triebspitzen. Tee aus den Blättern beseitigt Magenstörungen. Man rechnet 6 Gramm Lorbeerblätter auf einen Liter Wasser. So ist dieser Baum mit den immergrünen Blättern vielseitiger talentiert, als es auf den ersten Blick erscheint, wenn er da nur in der sommerlichen Sonne steht und sich wärmt. Möge sie ihm gut bekommen und ihm von den Gestaden Griechenlands erzählen, von den alten Geschichten und dem jungen, schönen Gott, der um seine verborgenen Kräfte wissend, sich seiner zuerst bediente.

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Wolfgang Dietermann

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