Merkblatt 2: Konzentrationsübung

Toni Delz, Frühjahr 1978


Bei der Konzentrationsübung "fixieren" wir unsere Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Punkt. Unser Gemüt - der denkende und wahrnehmende Teil unseres Bewußtseins - folgt unserer Aufmerksamkeit. Ziel einer Konzentrationsübung ist es, unser Denken auf den einen Gegenstand unserer Konzentration zu lenken und dort festzuhalten, ohne irgendeinen anderen Gedanken aufkommen zu lassen. Das Ziel der Übung kann als erreicht gelten, wenn uns dies für die Dauer von mindestens 10 Minuten gelingt.

Für Anfänger ergeben sich hier oft einige Schwierigkeiten, "denn unser Denken ist wie ein geschwätziger Affe". Die Tchan-Meister, die diesen Ausdruck prägten, wußten sehr genau wovon sie sprachen.. Es gibt nach ihrer Erfahrung mehrere Möglichkeiten, diesen Schwierigkeiten zu begegnen:

Sobald der Übende bemerkt, daß seine Gedanken zerstreut sind und sich ständig neue Gedankenformen bilden, soll er sich bemühen die Übung selbst als ersten und wichtigsten Gedanken vor Augen zu haben. Die richtige Denkeinstellung wäre etwa: 'Alles andere werde ich später überlegen'. Vielleicht sollte er auch versuchen sich noch besser zu entspannen, bevor er die Übung wieder aufnimmt. Gelingt es ihm aber trotzdem nicht, sich zu konzentrieren, so kann er folgendes versuchen:

  1. Ganz ruhig von eins bis fünfzig zählen und - um der Gewöhnung zu entgehen die Zahlenreihe rückwärts von 50 - 1 aufnehmen, bis die Gedankentätigkeit stiller geworden ist und die Übung wieder aufgenommen werden kann.
  2. Gedanken lassen sich auch dadurch auslöschen, daß man sich auf einen einzigen von ihnen konzentriert und ihn zu seinem Ursprung zurückverfolgt, indem man betrachtet, wie er entsteht. Bei dieser Rückwärtsentwicklung des Gedankens ist es wesentlich, daß man demselben keineswegs die Möglichkeit der Vorwärtsentwicklung gibt, sondern ihn "fallen läßt". "Wer so bei der Quelle der Gedanken selbst verweilt, für den hört das Entstehen neuer Gedanken von selbst auf" führen die taoistischen Texte weiter aus. Diese Methode eignet sich gut für Menschen, die Gelassenheit besitzen, denn ein Forcieren oder gar Verkrampfen würde die Gehirntätigkeit nur anregen.
  3. Es gibt noch eine dritte Methode, die man aber nur anwenden sollte, wenn die beiden ersteren nicht zum Erfolg geführt haben: Wird die erste Methode als "die einfache" und die zweite als "die tiefwirkende" bezeichnet, so trägt die dritte eher einen "radikalen" Charakter. Sie besteht ganz einfach darin, daß sich der Übende mit der flachen rechten Hand stark auf den linken Oberschenkel schlägt. Hierdurch werden physische Spannungen gelöst und die Konzentration kann erreicht werden.
Die eigentliche Konzentrationsübung kann sowohl im Zimmer, wie auch im Freien durchgeführt werden. Zu Beginn ist es wohl ratsam, dafür zu sorgen, daß man ungestört ist. Im weiteren Verlauf des Trainings wird aber empfohlen, diese Übung gerade auch in einer Umgebung zu machen, die keinerlei Rücksicht auf den Übenden nimmt. Eine Pflanze oder ein Baum ist - mehr als ein Tier oder ein lebloser Gegenstand - als Übungsobjekt ausgezeichnet geeignet.


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