15. Reisetag 15.09.2002
gefahrene Kilometer: 264 km
Total: 5513 km
Strecke: Tineghir - Djebel Saghro (ansatzweise) - Ouarzazate 
Besichtigungen:
 - Schlucht bei Tineghir
 - Ausläufer des Djebel Saghro

Tagesbewertung:
 
 
Tineghir - Ouarzazate - Foto CG

Tja, wir stehen auf, und da wir kein Geld haben, um das Hötel zu bezahlen, suchen wir irgend ne Bank, aber haben natürlich alle zu, wegen Sonntag. Toll. Irgendson Kunde vom Hotel kommt dann mit mir mit, sucht seinen Kumpel auf, er kann aber gerade auch nicht tauschen, und so lädt uns der Hotelbesitzer zu 'ner kleinen Wanderung ins Berberviertel ein, wo er angeblich jemanden kennt, der Geld tauschen könnte, wobei wir nebenbei mal eine typische Berberfamilie sehen sollen. Naja, wir ham weder wirklich Lust noch wirklich Zeit, aber was solls, wir haben keine Wahl und es kann ja doch interessant werden.
Nach 5 Minuten kommen wir da an und werden freundlich empfangen, müssen aber die Schuhe ausziehen, wobei ich fast wieder Komplexe kriege. Denn: ich habe unlängst faulheitsbedingt und die Folgen nicht ahnen könnend das Anziehen von Socken verworfen, so dass sich in meinen Schuhen mit den Tagen eine gewisse Aura entwickelt hat, die anfangs lediglich die Innensohlen löste (welche dann auf dubiose Weise verschwanden). Dann aber ließen sich die Gerüche irgendwann nicht mehr weglüften, so dass sie nun im Schuh festsitzen und sich binnen weniger Sekunden Tragzeit auf die Füße zurückübertragen. Das als kurzer Exkurs.
Nun denn...ich stinker dort also die Bude voll, wir kriegen zum Dank dafür Minztee mit Zucker, kriegen das Geld getauscht, es setzt ein Smalltalk ein, dessen Inhalt sich, für grobschlächtige Waldschrate wie uns fast unbemerkt, slighty dem Thema Teppiche und Kilims (auch Teppiche, bloß anders) nähert. Irgendwie werden wir dessen gewahr, bemerken, dass die Teppiche, die bereits auf dem Fußboden herumlagen, eh schon eine Pseudobehaglichkeit mit subtil-unterbewusster Vorahnung in uns aufgebaut haben, da kommt auch schon ein weiterer Unkunde ins Zimmer und rollt irgendwelche Teppiche vor uns aus, für die wir einen Preisvorschlag unterbreiten sollen. Nachdem wir 15 Minuten lang versuchen, den schmalen Grat zu finden, der zwischen der Beleidigung der Leute und dem Sich-Übern-Tisch-Ziehen- Lassen liegt (eine für Europäer höchst unbehagliche Situation), lassen die Berber von uns ab, weil es ja doch nichts zu holen gibt, und wir machen uns jetzt schleunigst auf den Weg.

 
Tineghir, Oase - Foto CGirgendwo dahinter, Architektur - Foto MTInszenierung I - Foto CG

Zuerst geht es zur Todhra-Schlucht, die ich schon vom vorigen Jahr kenne, die Micha aber noch sehen will. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Stelle vorbei, die einen soften Ausblick auf die Oase Tineghir bietet, so dass wir foto-stop-mäßig anhalten, wohlweislich, dass irgendwelche Araber, die Knete für Nichts (bestenfalls für Klimbim) haben wollen, nicht weit sein können. Und schon kommen sie angelaufen, wir probieren, uns zu beeilen, aber die Typen sind schneller und wickeln uns blaue Beduinentücher um den Kopf, ein Vorgang, den wir freundlicherweise nicht ablehnen. Wir wissen letztenendes nicht wirklich, ob man uns die Dinger käuflich andrehen wollte, ob man uns zu sich im Nachhinein als kostenpflichtig herausstellenden Fotos verleiten wollte, oder ob das nur eine Einfach-So-Verarsche uns gegenüber war. Jedenfalls sah Micha mit dem Tuch echt drollig aus.
Unbehelligt fahren wir weiter. Irgendwann fahren wir durch eine asphaltierte kleine Furt, über die die Touri-Busse nicht mehr rüberkommen, so dass wir öfters Latsch-Touristen überholen. In der Schlucht steigen wir kurz aus und wollen ein Action-Foto vom Golf machen, der von den Fluten des Gebirgsbaches umspült wird, doch leider ist das Teil zu tief und wir trauen uns nicht richtig, in das Bett reinzufahren. Naja, blöde Aktion!
Dann zurückfahren und durch amüsant anzuschauenden Flugsand nach Westen. Stop bei einer eher uninteressanten Kasbah. Der Wind ist so abstrus, dass meine Haare noch verzottelter sind als ohnehin schon, und bei Gegenwind fliegt einem die halbe Sahara ins Auge! Aber wenigstens kommen uns auch dementsprechend wenig Klimbim-Händler in die Quere, nämlich null.
Ein bisschen weiter westlich inszenieren wir an einem der zuhauf herumstehenden Torbauten, deren Sinn sich nicht wirklich erschließt, unseren Golf mitten auf der Straße. Es ist schwieriger als erwartet, den Wagen direkt mittig auf die Strichellinie zu stellen, wir brauchen bestimmt drei Minuten dafür. Das sollte man mal auf der B1 versuchen!

 
Straße in den Djebel Saghro - Foto CG

Weiterfahren. Wir wollen im Süden über das Massiv des Djebel Saghro! Die Straße ist auf unserer Karte weiß und gestrichelt! In irgendeinem Reiseführer steht, ohne Geländewagen sei die Strecke unmöglich.
Ich vermute, dass der Abzweig wegen Unwichtigkeit nicht ausgeschildert ist, und zähle auf dem Tacho die Kilometer. Und siehe da, an der ausgerechneten Stelle ist ein Abzweig, der mit dem unscheinbaren Schildchen "Ikniounn", nur für entgegenkommende Fahrzeuge lesbar, versehen ist.
Also auf ins vermeintliche Abenteuer. Wir sind von einem zugegebenermaßen uneuropäisch asphaltierten einspurigen Fahrweg angenehm überrascht. Typischer Fall von Zu-Früh-Gefreut. Nach ca. 10 km wird die Straße zu einem immer reudiger werdenden Weg, der irgendwann allen Ernstes Schritttempo verlangt, wenn man nicht aufsetzen will. Zudem geht es relativ serpentinenlastig einen Berg hoch, rechts geht es steil runter, es wäre reichlich dumm vom Gegenverkehr, aufzutauchen. Aber ehrlicherweise muss ich hinzufügen, dass ich in Bulgarien schon schlechtere Gebirgswege erlebt hab.  
Nun denn, nach insgesamt ca. 30 km passiert das Unvermeindliche: das Auto fängt an, wild herumzublinken. Auf den Punkt gebracht, beginnt die Batterieanzeige, zu leuchten, und eine Öl-Sonstwas-Warnlampe fängt gleichzeitig zu blinken an. Toll! 
Wir halten an, Michi macht die Motorhaube auf, kiekt blöd und macht die Motorhaube zu. Bei solchen Aktionen ist es immer hilfreich, von Technik keine Ahnung zu haben. 
Ich blätter im Golf-II-Reparaturbuch herum, diese Blinkkombination steht aber nicht drin! Möglicherweise liegt es daran, dass wir intelligenterweise einen Benziner-Golf, aber ein Diesel-Golf-Reparaturbuch mitgenommen haben. Wie unlängst erwähnt: Bei solchen Aktionen ist es immer hilfreich, von Technik keine Ahnung zu haben. 
Wir sitzen also blöd im Auto, gucken verdattert in das schlaue Buch. Da wir die letzten 30 km keiner Menschenseele begegnet sind, entschließen wir uns dazu, vor dem Djebel Saghro zu kapitulieren und zur Hauptstraße zurückzufahren, da das Auto ja als gleichberechtigte Persönlichkeit angesehen wird, die hiermit ihre Meinung zu dieser Piste hier kundgetan hat.
Aber auf einmal kommen aus ein paar  verlassen geglaubten Häusern in einiger Entfernung 5 Kinder angelatscht. Na super, auch das noch. Ich hoffe spontan, dass die Leute in dieser Einöde noch nicht vom Tourismus verdorben sind, aber weit gefehlt. Nach ein paar Kaugummis weniger, die ich, um Zwietracht zu säen, so ungerecht wie möglich verteilt habe, schwirren die Kinder ab, der Motor springt an, und wir fahren so 500m zurück, parken und kraxeln auf einen der naheliegenden Hügel hoch. 
Von weitem sehen wir, wie sich ein Typ, aus dem nichts kommend, neben unser Auto setzt, etwas später noch einer. Ich mache mir wenig Sorgen, weil wir unseren Zündkerzen-Entstöpsel-Trick angewendet haben. Irgendwann ist das Auto aus dem Blickfeld verschwunden, wir stehen auf einem höchst windigen Gipfel und sehen in der Ferne die schwarze Gebirgskette. Schade! Aber bis hier war's trotzdem schön.

 
Ausläufer des Djebel Saghro - Foto CG

Wir latschen zurück, das Auto ist noch da, die Typen aber weg, als hätten sie nur sehen wollen, ob wir's auch bis auf den Hügel schaffen. Als wir beim Auto angelangen, taucht abrupt ein Geländewagen auf, noch dazu mit deutschem Nummernschild. 
Der Fahrer bleibt natürlich stehen, und wir erfahren, dass es sich um einen Geo-Studenten aus Leipzig handelt, der hier irgendein Projekt behandelt. Er meint, dass selbst mit einem Geländewagen die Überquerung des Djebel Saghro außerordentlich schwierig sei, so dass wir weitaus weniger enttäuscht dreinkieken.
Wir ziehen dann unserer Wege, das Auto verhält sich normal, und zum Dank dafür, dass wir die strapaziöse Piste vermeiden, fängt es merkwürdigerweise wieder an, zu hupen, wenn man auf das maternus-getunte Lenkrad drückt. Äußerst wichtig in Marokko! Denn: selbst wir alten Mitteleuropäer haben es uns zur Angewohnheit gemacht, sowie eine Ampel von Rot auf Gelb schaltet, zu hupen, falls einer vor uns steht; in Deutschland kommt der Gag sogar noch wesentlich lustiger!

 
die Schwarzen Berge (Djebel Saghro) im Hintergrund - Foto CGIch selber inszeniert - Foto MTAusläufer des Djebel Saghro - Foto CG

Auf der Fahrt halten wir an, weil wir über die Straße krabbelnde Käfer entdecken, die so groß sind, dass man sie sogar aus dem fahrenden Auto sieht.
Nachts kommen wir in Ouarzazate, einem regelrechten Touristenstützpunkt, an und übernachten dort verhältnismäßig teuer.

 
Hoher Atlas - Foto MT
 
Straße nach Ikniounn - Foto CGBoumalne - Foto MTIrgendwo bei El-Mgouna-des-Kelaa - Foto CG