1.Reisetag 02.07.2000
gefahrene Kilometer: 1109,7
Total: 1109,7
Strecke: Berlin-Dresden-Prag-Bratislava-Budapest-Szeged-Mako
Tagesbewertung:
 
Um 6 Uhr 15 stecke ich den Schlüssel in das Zündschloss von Papas Wagen und drehe ihn um, daraufhin springt der Motor an - sozusagen das Startsignal für meine bis dato längste und abenteuerlichste Reise. Neben mir sitzt mein Franzose Jean-Louis, wie ich ein 19-jähriger Spinner. Irgendwann vor ein paar Jahren habe ich ihn mal als Austauschschüler kennengelernt und seitdem sehen wir uns ab und zu.
Vor ungefähr einem halben Jahr haben wir den Entschluss gefasst, in die Türkei zu fahren. Via E-mail haben wir dann alles Nähere beschlossen und präzisiert. Vor ein paar Tagen schließlich ist er zu mir nach Berlin gekommen - und nun sitzen wir im Auto, dessen Motor soeben angesprungen ist. Und die Reise geht endlich los. Nach dem üblichen Abschiedsprozedere mit den Eltern  (nach dreimaligem Versichern, dass ich aufpasse, vorsichtig bin, dass die Stullen für unterwegs in der Kühltasche sind u.s.w.), fahren wir endlich los.
Wie üblich geht’s über Köpenick zum Adlergestell, Richtung  Schönefelder Kreuz und an von Frühnebel eingehüllten Feldern direction Dresden. Ich hab mir vorgenommen, auf die Cargolifter-Werkshalle, die irgendwo an der Autobahn stehen muss, zu achten, aber  unterwegs hab ich’s dann wohl vergessen. Es geht dann durch’s morgendliche Dresden Richtung Grenze. Merkwürdigerweise haben sie immer noch nicht angefangen, die Autobahn nach Prag zu bauen. Es wird mal Zeit! Kurz nach 9 sind wir in Zinnwald (km 242,2), passieren ohne Probleme die Grenze, kaufen die Autobahnplakette, machen Witzchen über die auffällig angezogenen Mädchen, die am Straßenrand stehen und uns zuwinken... tja, Tschechien ist eben immer noch nicht auf westeuropäischem Standard, man degradiert sich um zu überleben.
Im Landesinneren aber geht es voran: man ist stolz darauf, ein Tscheche zu sein und man fährt den neuen Octavia, wenn man das Geld dazu hat. Viele haben es. Von tschechischer Seite hat man schon ein paar Teilstücke der Autobahn Dresden-Prag fertiggestellt, die restlichen Straßen sind gut, man wird zum Schnellfahren und Falschüberholen geradezu provoziert. Hinter einer Kurve stehen prompt zwei Uniformierte mit Geschwindigkeitsmesser, aber glücklicherweise haben sie sich schon ein paar andere Opfer aus dem Transitverkehr gepickt. Sowas soll hier teuer sein.
Man kommt mit dem Schrecken davon, doch nach ein bis zwei Kilometern zeigt die Nadel wieder konstant zwanzig drüber an. Im Ausland kostet’s ja bloß Geld und nicht gleich den Schein (ich hab ihn ja noch auf Probe).
Unterwegs lachen wir uns über die Stücke tot, die im Radio laufen, beispielsweise Britney Spears und Konsorten - man lebt ja hier auch nich hinterm Mond.
Prag macht, wenn man nur mal eben schnell durchfährt, einen modernen Eindruck, aber statt den Schnellstraßen hätten sie doch eher Stadtautobahnen bauen sollen. Ist jetzt wohl auch in Planung.
Von Prag aus geht es über eine Autobahn weiter nach Brno, wo man unvorbereitet nach rechts abbiegen muss. Hier hinten macht Tschechien ebenfalls einen modernen Eindruck, sie haben hier Einkaufsparks an den städtischen Ausfallstraßen gebaut, Marke Real&Ikea am Stadtrand oder so.
Zwischen Brno und der slowakischen Grenze dann eine brenzlige Situation: auf meiner Fahrspur liegt spontan mal ein verbogenes Stück Blech rum, die andere Fahrspur ist besetzt. Bremsen würde zu lange dauern, also fahre ich so drüber, dass die Reifen das Blech nicht berühren und womöglich platzen, also mitten rüber. Trotzdem knallt es, ich seh in den Spiegel, das Blech fliegt hinter mit durch die Luft und zum Glück keinem anderen in die Windschutzscheibe. Am Auto bemerke ich nichts ungewöhnliches, und nach einer Viertelstunde Fahrt beruhige ich mich so langsam wieder.
An der tschechisch-slowakischen Grenze angekommen, fahre ich folgsames Lamm natürlich einem Blödmann hinterher, der sich bei der Straßengabelung für die LKW-Spur entscheidet, ich wundere mich und denke mir: „Das is ein Slowake, der muss es ja wissen. Dem fahr ich hinterher!“.
Logischerweise werden wir von einem Beamten darauf hingewiesen, dass wir falsch sind, ich will umkehren, aber natürlich sind hinter mir zehn andere Blödmänner gefolgt, die sich wohl gesagt haben: „Der muss es ja wissen. Dem fahr ich hinterher!“.
Wir tauschen an der Grenze kein slowakisches Geld und nehmen daher die Landstraße. Wir sparen Geld und verlieren kaum Zeit, da die Autobahn eh nur ganz kurz und die Alternativ-Landstraße gut, breit und leer ist.
Bei Bratislava haben sie große Autobahnkreuze mit etlichen Brücken gebaut, wie ich sie sonst nur aus Berlin und Paris kenne. Bei dem geringen Verkehrsaufkommen wohl rausgeschmissenes EU-Geld...oder baut man dort für die Zukunft?
Zitat vom eigens zur Reisedokumentation erworbenen Diktiergerät: „20 vor 3, wir stehn an der Grenze zu Ungarn, es ist extrem heiss und wir langweilen uns.“
An der Grenze tauschen wir Geld und nehmen die (kostenpflichtige) Autobahn, auf der uns dann prompt eine Horde von Bikern mit ihren Harleys Gesellschaft leisten. Daraufhin stelle ich mir meine Lehne so weit nach hinten wie möglich, um auch dieses smoothe Chopper-Feeling zu genießen, allerdings ist das beim Autofahren ein wenig unpraktisch.
Nun denn. Hinter Budapescht, das statt dem Schnellstraßenring, das dem Verkehr kaum gewachsen ist, auch mal eine Ringautobahn vertragen könnte, nehme ich dann doch die Landstraße, um billiger wegzukommen. Es geht langsam voran und ich leiste mir ein paar leicht brenzlige Überholmanöver. Um halb neun kommen wir dann ziemlich müde am mückenreichen Campingplatz von Mako, kurz vor der rumänischen Grenze, an, wo wir nach der Verspeisung je einer Büchse westfälischen Linseneintopfs im Zelt übernachten.