13. Reisetag 14.07.2000
gefahrene Kilometer: 830,1 km
Total: 4483,4 km
Strecke: Primorsko-Malko Tarnovo-Kirklareli-Istanbul-Mudurnu-Beypazari-Ankara
Besichtigungen:
 - Landschaft bei
   Beypazari
Tagesbewertung:
 
Wir stellen uns den Wecker zu früher Stunde, stehen auf, packen das Gepäck ins Auto, geben den Schlüssel unseres Appartements bei dem Familienfreund ab, verlassen Primorsko gegen 6 Uhr und fahren direkt am Ortsausgang in eine Polizeikontrolle! Guten Gewissens zeigen wir Führerschein und Fahrzeugpapiere, zum Glück wird keine Vollmacht für den Wagen verlangt. Aber irgendwas gibt es ja bekanntlich immer zu beanstanden. Der Polizist macht ein grimmiges Gesicht, meckert am Führerschein herum, will einen Internationalen Schein sehen, er könne ja nur bulgarisch lesen. Ich sage ihm, dass mir bekannt ist, dass in Bulgarien auch normale ausländische Führerscheine akzeptiert werden müssen. Er sagt „trotzdem!“, aber wohl nur, um seine folgende Geste großzügiger wirken zu lassen: er lässt uns weiterfahren.
Wir fahren also weiter bis Zarevetz, ehemals Mitschurin, biegen dort Richtung Malko Tarnovo ab und fahren eine schlechtere, serpentinenhaltige lange Straße lang, bis wir am „Border Area“-Schild vorbei- und am wenig frequentierten Grenzübergang Malko Tarnovo ankommen. Wir sehen ein paar Stop-Schilder, halten kurz an, fahren dann aber vorsichtshalber langsam weiter, weil kein Mensch zu sehen ist. Plötzlich springt eine Zollbeamtin aus einem Häuschen und lappt mich zu, weil ich beim Stop-Schild nicht stehengeblieben bin. Na toll! Bei der darauffolgenden und sowieso üblichen Kofferraumkontrolle hält zum zweiten Mal ein Beamter mein Stativ für ein Waffenzubehör (!!!). Trotzdem kommen wir gut durch die bulgarische Ausreisebürokratie durch, und fahren mit einem Stempel im Pass zu den türkischen Einreise-Gebäuden, und ich freue mich schon, dass alles so schnell ging, die Türken werden uns ja nicht lange warten lassen, die wollen ja in die EU...
Bei der Passkontrolle bekomme ich einen Zettel in die Hand gedrückt, schmeiße ihn vorsichtshalber nicht weg, dann geht die Schranke hoch und ich wähne mich schon in der Türkei. Aber zu früh gefreut!
Ich fahre weiter zu einem Gebäude, dass sich als Zollhäuschen entpuppt und denke mir, ach ja, die kommt ja auch noch! Komischerweise hält sich dort aber keiner auf! Ich fahre verwundert weiter, komme an einer zweiten (und letzten) Schranke an, zeige Pass, Führerschein, Fahrzeugpapiere vor, das übliche Programm. Die dort sitzende Dame labert mich wild gestikulierend voll, ich gebe ihr daraufhin noch die Grüne Karte, will sie aber nich, ich gebe ihr den vorsichtshalber nicht weggeschmissenen Zettel vom ersten Schrankenhaus. Sie schüttelt den Kopf, macht drei Kreuzchen auf dem Zettel, labert mich weiterhin auf Türkisch voll und zeigt auf Fragen wie „Sprechen Sie Deutsch?“, „Do you speak English?“, „Parlez-vous francais?“ u.s.w. keine andere Reaktion. Spaßeshalber versuche ich es noch mit russisch und bulgarisch und mein Franzose mit spanisch. Schließlich sagt sie etwas von Polis, zeigt auf den Zettel, dort steht tatsächlich auch Polis drauf. Dann zeigt sie auf ein Haus, an dem wir vorbeigefahren sind. Ich fahre also zurück zu dem besagten Haus, gehe zum Polis-(Polizei)Schalter, zeige dem sich dort langweilenden Beamten den Zettel, er verlangt meinen Pass und den meines Franzosen. Den habe ich aber nicht bei, gehe also zurück zum Auto, hole den Pass, gehe zurück zum Polis-Schalter, der Beamte kontrolliert die Pässe, drückt dort Stempel rein und zusätzlich noch einen auf das Polis-Feld auf dem vorsichtshalber nicht weggeschmissenen Zettel (wo übrigens auch eines der Kreuze der Frau vom letzten Schrankenhäuschen war).
Ich gehe zum Auto, unterwegs greift sich ein Zivilist meinen Zettel, schüttelt den Kopf und labert mich zu, ich verstehe nur Bahnhof, nehme meinen Zettel zurück und fahre wieder zum zweiten Schranken- häuschen.
Die Frau krallt sich den Zettel, schüttelt verzweifelt den Kopf und zeigt auf die beiden anderen Kreuzchen. So langsam dämmert es bei mir. Zu den Kreuzchen muss ich mir also die passenden Stempel raufdrücken lassen. Ich also zurück zum Haus mit dem Polis-Schalter drin, und jetzt wird es kompliziert: ich zeige dem Polis-Mann die zwei anderen Kreuzchen, er schickt mich einen Schalter weiter nach rechts. Dort verlangt man 4 Dollar Touristensteuer von mir, ich habe aber nur Mark, Francs und Pfund bei, die er nicht akzeptiert. Ich gehe wieder zum Auto, Dollar holen, und zurück zum Touristensteuer- Schalter, bezahlen. Prompt kriege ich einen weiteren Stempel reingedrückt.
Bei der Gelegenheit gehe ich noch einen Schalter weiter nach rechts, zum einzigen Schalter, der auf englisch beschildert ist (Change), tausche dort Geld und zeige dem Geldtauscher das dritte Kreuzchen. Er zeigt daraufhin auf einen weiteren Schalter, offensichtlich auf den Zollschalter. Dort ist aber gerade kein Beamter. Ein herumstehender Mann in Uniform holt letztendlich den zuständigen Mann, der Pass, Fahrzeugpapiere, Grüne Karte u.s.w. verlangt. Er besieht sich den Fahrzeugschein und verlangt daraufhin eine Vollmacht für den Wagen. Mir wird bang, da mir die rumänische Einreiseproblematik wieder in den Sinn kommt. Er akzeptiert meine notariell nicht beglaubigte Amateurvollmacht merkwürdigerweise sofort. Wahrscheinlich kann er das Ganze eh nicht lesen. Dann drückt er mir einen Zettel in die Hand und schickt mich zwei Schalter weiter, wo ich den einen Zettel wieder abgeben muss. Der Mann dort schreibt irgend etwas auf, verlangt 14DM und schickt mich einen Schalter zur Seite. Dort bekomme ich den ersehnten dritten Stempel auf den anderen, vorsichtshalber nicht weggeschmissenen Zettel gedrückt, aber ich muss meinen Pass abgeben. Dann werde ich zur Zollkontrolle geschickt, wo ich mit dem Auto auch hinfahre, kurz durchgecheckt werde und meinen Pass zurückbekomme.
Daraufhin fahre ich zur Dame im letzten Schrankenhäuschen, die sich den Zettel besieht und ihn mir zurückgibt, stark erleichtert aufatmet und ironisch applaudiert - ich finde das aber gar nicht witzig. Nach anderthalb verplemperten Stunden aufgrund dieser merkwürdigen Kreuzchen-Trilogie bin ich endlich in der Türkei, und da soll mir noch mal einer sagen, die deutsche Bürokratie wäre die schlimmste der Welt!
Nun denn. Was uns in der Türkei als erstes auffällt, ist, dass viele Straßen mit Kieselschotter bedeckt sind, wir haben auch Maschinen gesehen, die diesen Kieselschotter ausstreuten, wahrscheinlich um den LKWs im Gebirge bessere Griffigkeit und Bodenhaftung bei den Steigungen zu gewährleisten. Für mich heißt das leider: langsamer fahren.
Die Landschaft ist hier merklich trockener als vor der Grenze - das fällt auf Anhieb auf.
Wir fahren also über Kirklareli immer gradeaus bis zur Autobahn nach Istanbul, die wir dann auch nehmen. Diese kostet nicht viel, ist dreispurig (in jeder Richtung) und völlig leer, was mich sehr verwundert, da sie die einzige brauchbare Verbindung zwischen Europa und Südasien ist, und außerdem ist sie ja gut ausgebaut und billig.
Bald sind wir auch schon in Istanbuls Suburbs. Istanbul ist eine gigantische Stadt mit riesigen, auf kahlen Bergen und in Tälern verstreut liegenden Hochhaussiedlungen, die sehr neu bzw. sogar noch im Bau sind, und zwischen den Hochhausinseln befindet sich Ödland. Man sieht auch viele sich im Bau befindliche Moscheen. In Deutschland ziehen sie alle aus der Stadt raus, und hier umgekehrt!
Wenn man tiefer in die Stadt kommt, verschwindet das Ödland zwischen den Häusern zusehends, der Verkehr wird langsam aber stetig dichter, und die Autobahn breiter (bis zu 7 Spuren pro Richtung). Diese Ausmaße sind bei dem enormen Stadtverkehr aber auch notwendig. Die Straßenführung ist recht unübersichtlich, und die Stadt scheint kein Ende nehmen zu wollen. Irgendwann komme ich dann an der Bosporusbrücke an, deren Überquerung verhältnismäßig teuer ist. Der Schaltermann ist sehr verärgert, weil ich ihm anfangs zu wenig Geld gebe und mir verdutzt die Augen reibe, als er mir das mitteilt. Schließlich fahre ich nicht los, als die Schranke hochgeht, weil ich fälschlicherweise noch Rückgeld erwarte. Es ist das erste und letzte Mal, dass ich mit den Nullen der türkischen Währung durcheinander- komme. Der Schaltermann raunzt mich an und ich fahre hektisch los.
Landschaft bei Nallihan - Foto JLR
Die Bosporus-Aussicht ist gar nicht mal so spektakulär, aber die Überfahrt ist symbolisch: wir sind jetzt in Asien. Nachsem dann auch der asiatische Teil Istanbuls hinter uns liegt, kommen wir an die Ausläufer des Marmarameeres, wo es an der steilen Uferzone entlang durch ein paar Tunnel geht. Man kann bis an die gegenüberliegende Küste blicken, das Meer ist hier sehr schmal, da es sich nur um eine große Bucht handelt. Wir fahren an einer Industriestadt vorbei, und durch das Erdbebengebiet von 1999 durch, man sieht hier an einem Berghang eine Unmenge an monotonen, gleich aussehenden weißen Behelfsbaracken stehen, die wohl für die obdachlos gewordenen Opfer errichtet wurden.
Landschaft bei Mudurnu - Foto JLRLandschaft bei Mudurnu - Foto JLRIrgendwo hinter Kocaeli verlassen wir die Autobahn, fahren über irgendwelche Dörfer und über Gebirgspass-Schotterpisten, die gerade ausgebaut werden,  nach Mudurnu, sehen unterwegs einen LKW-Fahrer, der seinen Laster in einem knietiefen Fluss wäscht, leider komme ich nicht darauf, das zu fotografieren. In Mudurnu wollen wir eigentlich eine Moschee besichtigen, fahren aber faul weiter, wollen eine Abkürzung zurück zur Hauptstraße nach Beypazari nehmen, aber unsere Straße wird immer enger, verzweigt sich unbeschildert und endet in einen Schotterpiste, die letztenendes zum Feldweg wird und an einem Gehöft endet. Wir kehren um, nehmen eine andere Schotterpiste, die laut Sonnenstand und innerem Kompass in die Richtung unserer gesuchten Hauptstraße abzweigt, und dort treffen wir dann folgerichtig auf sie.
Landschaft bei Beypazari - Foto CG
Es beginnt ein Anstieg ins Gebirge und es eröffnen sich atemberaubende Blicke in die Ebene, ich mache einen Fotostopp, und aus einem eben überholten Desoto-Laster (der in seiner Form ein wenig an die Trucks aus Nordamerika erinnert - überhaupt erinnert mich hier in der Türkei vieles an die Staaten: die Landschaft, die endlosen schnurgeraden Straßen, einsam im Nomansland rumstehende Tankstellen, einige amerikanisch aussehende Straßenkreuzer und schließlich die Ortseingangs-Schilder, an denen die jeweilige Einwohnerzahl angegeben ist. Solche schilder gibt es hier freilich nicht vor jedem Kuhdorf, aber dafür wird meist auch noch „rakim“, die Höhe des Ortes über NN, angegeben. Klammer zu! ) grinst mich ein netter, dickbackiger Trucker mit Schnurrbart an - so wie man sich einen typischen Türken vorstellt - und er fährt brummend und seeehr langsam an mir vorbei.
Nach dem Fotostopp überhole ich ihn wieder und sehe ihn im Spiegel grinsen.
Landschaft bei Beypazari - Foto CGLandschaft bei Beypazari - Foto CGLandschaft bei Beypazari - Foto CG Im nächsten größeren Ort, Nallihan, wollten wir ursprünglich auch was besichtigen, aber letztenendes essen wir nur einen Hühner-Döner-Teller und trinken Ayran - echt lecker. Diesen Ayran werde ich noch öfters kaufen.
Etliche Kilometer weiter wird die Landschaft wieder arizonamäßig spektakulär, riesige, von stetem (Regen-)tropfen durchfurchte Felsen, deren waagerechte Gesteinsschichten sich farblich voneinander absetzen: rot, grau, braun... und davor ein flacher See - offensichtlich ein Vogelschutzgebiet. Also: Fotostopp! Und wer kommt vorbeigeschuppert? Natürlich unser grinsender Desoto-Fahrer, diesmal winkend. Wie langsam der vorangekommen sein muss? Man bedenke, wir waren zwischendurch sogar noch essen.
Dann heizen wir durch Beypazari durch, wo wir eigentlich ebenfalls was besichtigen wollten, und danach weiter nach Ankara, wo wir am späten Abend ankümmen. Die Stadt ist ebenso wie Istanbul von neuen großen und verstreuten Wohnsiedlungen mit etwa zwanzigstöckigen Klötzen geprägt, die teilweise ein spitzes Dach haben, aber die Stadt ist dennoch merklich kleiner (bloß drei Millionen Einwohner).
Trotzdem ist die Navigation in der Stadt ein wenig kompliziert, und nach einigen Umwegen finden wir in der Altstadt dann doch noch einen Parkplatz und 100m weiter sogar ein billiges Hotel!
Wir haben noch etwas Zeit, honken also zur Zitadelle hoch und genießen den Sonnenuntergang über der Stadt. Gegenüber sehen wir auch die berücktigten Gecekondus, Slumsiedlungen.
Ein Typ quatscht uns an, er würde seinen Schwarm beobachten, ein Mädchen, das unterhalb der Zitadelle auf einem Balkon sitzt. Wir geben ihm mal kurz unser Fernglas und er bedankt sich nett.
Später gehen wir für viel Geld mittelprächtig essen - auch das Hotel ist für Billighotels recht teuer (20DM für beide) - in Ankara scheint alles teurer zu sein als auf dem Lande. Nun denn. Eine kurze SMS an die Eltern und Augen zu.
Ankara am Abend - Foto CG