Frühs stehen wir müde
auf, ich zusätzlich noch verschnupft und vergnatzt, da der Himmel
bewölkt ist, aber im Laufe des Tages gibt sich das wieder. Wir räumen
das Gepäck ins Auto und machen dann einen Stadtrundgang. Die Sehenswürdigkeiten
sind nicht schlecht. Es gibt hier zwei wichtige Medresen aus der seldschukischen
Zeit und zwei interessante Moscheen, alles befindet sich an der Hauptstraße.
Außerdem steht etwas abseits davon eine Zitadelle mit einem Turm,
der hier irgendwie stilistisch nicht reinpasst, von dem aus man aber einen
Super-Rundblick über die Stadt und die Steppe hat. Ansonsten ist noch
ein Han erwähnenswert, in dem sich jetzt ein Basar befindet.
 
Nach der Stadtbesichtigung gehen wir zurück zum Auto, kaufen unterwegs
noch Lebensmittel und für meine verschnupfte Nase noch ein Päckchen
Taschentücher, essen noch eine der zuckersüßen türkischen
Leckereien und versuchen dann, auf dem richtigen Weg aus der Stadt rauszukommen.
Dummerweise wählen wir aufgrund fehlender Schilder erst den falschen
Weg, fahren ihn etwa 20 km weit lang, kommen aber auf immer schhlechtere
Straßen und in immer entlegenere Steppendörfer, so dass wir
umkehren, zumal wir auch bedenklich wenig Diesel intus haben.
Wieder in Erzurum, fahren
wir zu einer Tanke, wo man uns freundlichst bedient, uns den Weg zeigt
und uns ein Duftbäumchen mit Apfelnote als Werbegeschenk mitgibt,
welches wir aber in weiser Voraussicht entsorgen. Der Himmel ist mittlerweile
wolkenlos und weiß, die Sonne scheint, und als ob unsere Stimmung
davon abhängen würde, trällern wir euphorisch eine im örtlichen
Klassik-Radio, dem verträglichsten Sender in dieser Gegend, gesendete
Polonaise mit, die irgendwie so gar nicht zur deprimierenden Landschaft
passen will. Das einzige auffällige sind hier wieder mal die Strommasten
und Schilder am Straßenrand.
So langsam kommen wir aus
der Hochebene raus, links und rechts steigen begraste Hügel und Berge
an. Eh wir's uns versehen, sind wir auch schon beim Abzweig zum ersten
Dorf, in dem eine der uralten armenischen bzw. georgischen Kirchen dieser
Gegend stehen soll, angekommen. Wir fahren in das Dorf, in dem es keine
befestigten Straßen gibt. Gestern hat es geregnet, also ist der Boden
schlammig, und es geht steil bergauf. Also fahre ich mit laut heulendem
Motor langsam durchs Dorf, man sieht uns entgeistert an. An einer günstigen
Stelle halte ich an und frage jemanden nach der „Kilise“. Aber er weiß
nicht, was wir meinen und lappt uns auf türkisch zu, wir geben es
auf, machen einen ethnografisch interessanten Dorfrundgang, steigen ins
Auto, ich wende auf komplizierte Weise und fahre zurück zur Hauptstraße.
Schade!
  
Im Dorf entdecke ich eine kleine Delle an einer Radfelge - die müssen
wir uns vorhin bei unserem 40 km weiten Verfahrer in einem Schlagloch zugezogen
haben. Überhaupt sieht das Auto schon völlig dreckig und
ramponiert aus. Aber zum Waschen sind wir noch zu faul.
Nun gut, wir fahren weiter,
immer tiefer ins Gebirge rein. Die Berge werden felsiger, und prompt sind
wir am Abzweig zur Meryem-Ana-Kilise in Haho, die diesmal sogar ausgeschildert
ist. Wir verlassen also die Hauptstraße. Unser Weg ist unbefestigt,
und laut Karte sind es etwa 10 km bis zu dieser Kirche. Das kann ja heiter
werden. Im ersten Dorf abseits der großen Straße angekommen,
sieht man an einer Wegverzweigung ein Schild, welches aber sinnvollerweise
nicht eindeutig ist, und wir nehmen natürlich genau den falschen Weg,
fahren etwa 2 km lang ein dicht bewaldetes Gebirgstal hoch, wo ab und zu
ein paar Häuser mit Leuten davor rumstehen. Ein Mann gibt uns Winkzeichen,
wir halten an. Es scheint sich um einen Ortskundigen zu handeln, denn er
meint, die Kirche läge nicht hier, sondern man müsse zur Kreuzung
zurückfahren und genau den anderen Weg nehmen. Gesagt - getan! Wir
huppen also wieder zur Kreuzung zurück, nehmen den anderen Weg, kommen
irgendwann im nächsten Bergdorf an, wo wieder eine heimtückische
Wegverzweigung auf unwissende Touristen wartet. Sie weist diesmal
aber ein eindeutiges Schild auf. Wir fahren also noch mal ein bewaldetes
Tal mit Häusern drin hoch, bis wir abermals ein mehrdeutiges Schild
sehen, nach fahrtechnisch dubiosen, sinnlosen Manövern in engen Gassen
finden wir die Kirche letztendlich! In einem kleinen Wäldchen versteckt,
direkt beim Schild. Die Kirche ist steinalt, ich vermute aus dem frühen
Mittelalter, als die Osttürkei noch zu den christlichen Staaten Armenien
und Georgien gehörte. Sie ist schön, teilweise verfallen und
ausnahmsweise nicht mit Fresken bemalt. Sie weist dafür aber primitiv
anmutende, mit Personen, Engeln oder Tieren reliefierte Kapitellchen und
Wände auf. Die Reliefs sehen wie von Kinderhand gemacht aus, die Künstler
kannten sich offensichtlich noch nicht gut mit den Darstellungsperspektiven
aus. Die Kirche an sich erscheint hingegen gut durchdacht. Ihr Stil ist
in Europa überhaupt nicht anzutreffen. Die Kirche weist zwar Rundbögen
auf, man könnte also meinen, sie wäre romanisch, aber sie wird
von einer Kuppel abgeschlossen, die eine Kegelform hat, wie ich sie in
unseren Gefilden noch nie zu Augen bekommen habe. Die Kirche beeindruckt
uns so stark, dass wir armen Studenten sogar Geld für ihre Instandhaltung
spenden, die jedoch kaum durch solche Mittel zu finanzieren sein wird.
Jedoch erscheint dies angesichts ihres fatalen Zustandes dringend erforderlich.
Zufällig sind wir gerade
zur muslimischen Gebetszeit da, und so bekommen wir mit, wie der Muezzin
heutzutage zum Gebet ausruft: Er lallt seinen Singsang in ein Mikro, das
über ein Kabel mit Lautsprechern verbunden ist, die sich normalerweise
an den Minaretten befinden. Da dies hier aber nur eine in eine Moschee
umgewandelte Kirche ist, weist sie keine Minarette auf, so dass die Lautsprecher
sich folglich woanders befinden müssen.
Nach der Besichtigung der
Interieurs gehen wir außen einmal um die Kirche rum, bestaunen sie
und locken die Aufmerksamkeit einer Kinderschar auf uns. Die Knirpse versuchen,
mit uns zu kommunizieren und richten ihre Blicke, Ehrfurcht vortäuschend
dahin, wohin wir sie auch lenken.
Das Einzige, was sie auf
englisch können, scheint „How are you?“ und „What’s your name?“ zu
sein, wobei uns jeder Knirps genau das selbe fragt, auch wenn er unsere
Namen sowieso schon dreimal gehört hat.
  
Als wir dann genervt und amüsiert zugleich den Kirchhof verlassen,
lernen wir noch eine weitere ihrer Vokabeln kennen: „money!“. Sie belagern
unser Auto, in dem wir bereits sitzen, aber wir fahren eiskalt los. Da
die Kirche in einem kleinen Wäldchen steht, konnte man leider keine
Gesamtaufnahme machen. Trotzdem zufrieden, fahren wir zurück zur Hauptstraße,
und der Rückweg scheint bedeutend kürzer...
Weiter geht es die Hauptstraße
lang, bis zum nächsten Kirchenabzweig.
Diesmal
ist die Nebenstraße besser, und Verzweigungen sind auch nicht vorhanden,
so dass wir uns problemlos und schnell der Kirche nähern und sie dann
prompt ein Dorf überthronend stehen sehen: die Kirche des ehemaligen
Klosters Ösk Vank. Sie sieht grandios aus und wirkt größer
als die Kirche von Haho. Auf jeden Fall scheint sie für das Kuhkaff,
in dem sie steht, überdimensioniert zu sein, oder aber das Dorf war
vor dem fraglichen Völkermord, den die Türken am Anfang dieses
Jahrhunderts an den Armeniern durchgeführt haben (sollen?), viel größer.
Die Kirche ist mit mehr
Reliefs verziert als die vorige, in der ruinösen Kirche sind sogar
noch Freskenreste erhalten geblieben. Vom Stil und der groben Formgebung
her ähnelt die Kirche sehr stark derjenigen von Haho, nur ist sie
noch schöner. Wir verknipsen etliche Fotos und fahren stark beeindruckt
weiter. Nun wird auch das Landschaftspanorama so überwältigend,
dass es die Kirchen fast noch toppt. Man fährt an einem sehr großen
trübtürkisen Stausee lang, der von riesigen, nach meinen Schätzungen
bis auf zwei Kilometer über die Seeoberfläche ansteigenden vegetationslosen
Felsmassiven übertürmt wird. Also muss wieder der arme Apparat
ran, um alles festzuhalten. Allerdings wäre hier ein Fisheye-Objektiv
angebracht.
  
Hinter dem Stausee folgen wir einem Schild zum Selale, dem Wasserfall,
und überqueren, um dorthin zu gelangen, ein enges, geländerloses
Brückchen, welches gerade mal 50 cm breiter ist als das Auto. Leider
ist der Wasserfall zu dieser Jahreszeit eher tröpfelnder als tosender
Natur, und wir fahren weiter. Wir haben ja schon genug atemberaubendes
gesehen heut.
Trotzdem setzt die Umgebung
hier noch eins drauf: die Ishan-Kilise kurz hinter dem Abzweig nach Kars.
Sie steht den beiden anderen Kirchen in nichts nach, unterscheidet sich
von ihnen aber kaum. Die Anfahrt zu der Kirche ist recht panoramalastig,
es geht etwa 5 km lang eine enge, stark serpentinenhaltige, teilasphaltierte
Straße zum Dorf Ishan hoch, und es eröffnen sich stets neue
Ausblicke auf die hier eher so wie zwischen Nallihan
und Ankara aussehenden Berge. Im Dorf angekommen, finden wir die Kirche
erst nicht und fahren auf den sehr steilen, unbefestigten Dorfstraßen
bis ganz nach oben. Zufällig treffen wir einen alten Bauern, der uns
die Kirche zeigt. Sie befindet sich weiter unten, links vom Hauptweg etwas
versteckt gelegen. Der Bauer schenkt uns ein paar Äpfel und wir gehen
die Kirche besichtigen. Die hier spielenden Kinder ignorieren uns, als
ob hier öfter als dreimal im Jahr Touristen vorbeikommen würden!
Die Kirche ist, wie schon erwähnt, super, und es kommt mir irgendwie
so vor, als wären sich die Bewohner hier nicht ihres kulturell-historischen
Schatzes bewusst, wie auch an vielen anderen Stationen unserer Reise.
  
Wir wandern zurück zum Auto und rutschen bei voll getretener Bremse
den Berg runter zum Ortsausgang und fahren zur Hauptstraße zurück.
Von dort aus fahren wir weiter Richung Kars. Die Berge werden kleiner,
wir kommen an einer Burganlage vorbei und wären beinahe vorbeigefahren,
ohne sie zu bemerken, da sie aus demselben Gestein besteht wie der Fels,
auf dem sie errichtet ist. Auf der Weiterfahrt sehen wir in der Ferne hinter
einem Fluss eine weitere Kirchenruine, finden aber nicht den Weg dorthin.
Es geht weiter und die Landschaft verändert sich merklich: die Berge
werden zu Hügeln, es kehrt die Vegetation zurück und wir fahren
sogar wieder durch kleine Wäldchen. Es geht an ganz ärmlichen
Siedlungen vorbei, die aus flachen eingeschossigen Häuschen bestehen,
die man erst gar nicht bemerkt, weil sie einerseits farblich nicht auffallen
und zweitens sehr klein sind. Sie sind teilweise halb in den Boden eingegraben,
so dass sie extrem flach wirken und nur 1 m aus der Erde herausragen. Es
sind definitiv die schäbigsten und trostlosesten Siedlungen, die ich
je gesehen habe.
Die Landschaft wird ein
paar Kilometer weiter ebenso trostlos. Hinter einer kleineren Stadt werden
wir von der Armee angehalten und sollen einen Mann bis nach Kars mitnehmen
und tun dies letztendlich auch. Vorher jedoch muss hinten auf der Rückbank
Platz geschaffen werden, da sich dort lauter leere Plasteflaschen angesammelt
haben. Dann geht es mit dem Anhalter in eine Hochebene hinein, die an Einöde
und leerer sinnloser Weite der Hochebene von Erzurum in nichts nachsteht,
eher sogar noch trostloser als diese erscheint und ebenfalls wieder an
die Mongolei erinnert.
Das bis dorthin klare Wetter
und der blaue Himmel verschwindet genauso abrupt wie am Vortag und weicht
heranziehenden Wolkenmassen, die sich zu einer dicken, dunklen unstrukturierten
Masse vereinigen, die sich dann in einem Gewitter entlädt. Die Gegend
wirkt daher nur umso bedrückender. Mein Franzose hat Angst, vom Blitz
getroffen zu werden, da wir aufgrund fehlender Bäume die einzige Erhebung
weit und breit sind. Er erklärt, dass das Modell des Faradayschen
Käfigs nicht effizient genug ist, und so atmen wir jedes Mal auf,
wenn uns die endlose Schotterpiste, die dann wieder einer asphaltierten
Straße weicht, in eine tiefere, hügeligere Zone führt.
Der Ostanatole in unserem Auto macht einen recht gelassenen Eindruck und
probiert ab und zu, mit und zu kommunizieren, sieht dann aber die Sinnlosigkeit
dieser Versuche ein.
Letzten
Endes kommen wir dann heil in Kars an, wo unser Anhalter uns zum Tee einladen
will, aber wir müssen ein Hotel suchen. Da es wie aus Kübeln
gießt, bleiben wir erstmal im Auto, dann jedoch gehen wir, den Naturgewalten
trotzend, zum Hotel rüber. Es handelt sich um eine schäbige Absteige
ohne funktionierende Duschen, aber dafür mit verkeimten Etagen-Plumpsklos,
mein durchfallgeplagter Franzose ist natürlich der Gearschte.
Abends hört es auf
zu regnen, wir gehen in ein Restaurant und trinken dort ein Bierchen auf
das heute stattfindende einjährige Jubiläum meiner License, die
diese Reise überhaupt erst ermöglicht hat.
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