18. Reisetag 19.07.2000
gefahrene Kilometer: 412,7 km
Total: 6128 km
Strecke: Erzurum-Ishan-Kars
Besichtigungen:
 - Medresen in Erzurum
 - Moscheen in Erzurum
 - Zitadelle von Erzurum
 - Han in Erzurum
 - Erzurum insgesamt
 - Haho Kilise
 - Ösk Vank Kilise
 - Landschaft zwischen Ösk Vank und Ishan
 - Ishan Kilise
 - Landschaft vor Kars
Tagesbewertung:
 
Frühs stehen wir müde auf, ich zusätzlich noch verschnupft und vergnatzt, da der Himmel bewölkt ist, aber im Laufe des Tages gibt sich das wieder. Wir räumen das Gepäck ins Auto und machen dann einen Stadtrundgang. Die Sehenswürdigkeiten sind nicht schlecht. Es gibt hier zwei wichtige Medresen aus der seldschukischen Zeit und zwei interessante Moscheen, alles befindet sich an der Hauptstraße. Außerdem steht etwas abseits davon eine Zitadelle mit einem Turm, der hier irgendwie stilistisch nicht reinpasst, von dem aus man aber einen Super-Rundblick über die Stadt und die Steppe hat. Ansonsten ist noch ein Han erwähnenswert, in dem sich jetzt ein Basar befindet.
Erzurum, Cifte-Minareli-Medrese - Foto CGErzurum, Cifte-Minareli-Medrese - Foto JLRErzurum, Alte Mosche - Foto JLR Nach der Stadtbesichtigung gehen wir zurück zum Auto, kaufen unterwegs noch Lebensmittel und für meine verschnupfte Nase noch ein Päckchen Taschentücher, essen noch eine der zuckersüßen türkischen Leckereien und versuchen dann, auf dem richtigen Weg aus der Stadt rauszukommen. Dummerweise wählen wir aufgrund fehlender Schilder erst den falschen Weg, fahren ihn etwa 20 km weit lang, kommen aber auf immer schhlechtere Straßen und in immer entlegenere Steppendörfer, so dass wir umkehren, zumal wir auch bedenklich wenig Diesel intus haben.
Wieder in Erzurum, fahren wir zu einer Tanke, wo man uns freundlichst bedient, uns den Weg zeigt und uns ein Duftbäumchen mit Apfelnote als Werbegeschenk mitgibt, welches wir aber in weiser Voraussicht entsorgen. Der Himmel ist mittlerweile wolkenlos und weiß, die Sonne scheint, und als ob unsere Stimmung davon abhängen würde, trällern wir euphorisch eine im örtlichen Klassik-Radio, dem verträglichsten Sender in dieser Gegend, gesendete Polonaise mit, die irgendwie so gar nicht zur deprimierenden Landschaft passen will. Das einzige auffällige sind hier wieder mal die Strommasten und Schilder am Straßenrand.
So langsam kommen wir aus der Hochebene raus, links und rechts steigen begraste Hügel und Berge an. Eh wir's uns versehen, sind wir auch schon beim Abzweig zum ersten Dorf, in dem eine der uralten armenischen bzw. georgischen Kirchen dieser Gegend stehen soll, angekommen. Wir fahren in das Dorf, in dem es keine befestigten Straßen gibt. Gestern hat es geregnet, also ist der Boden schlammig, und es geht steil bergauf. Also fahre ich mit laut heulendem Motor langsam durchs Dorf, man sieht uns entgeistert an. An einer günstigen Stelle halte ich an und frage jemanden nach der „Kilise“. Aber er weiß nicht, was wir meinen und lappt uns auf türkisch zu, wir geben es auf, machen einen ethnografisch interessanten Dorfrundgang, steigen ins Auto, ich wende auf komplizierte Weise und fahre zurück zur Hauptstraße. Schade!
bei Erzurum - Foto CGHaho Kilise - Foto CGHaho Kilise - Foto CGHaho Kilise - Foto CG Im Dorf entdecke ich eine kleine Delle an einer Radfelge - die müssen wir uns vorhin bei unserem 40 km weiten Verfahrer in einem Schlagloch zugezogen haben.  Überhaupt sieht das Auto schon völlig dreckig und ramponiert aus. Aber zum Waschen sind wir noch zu faul.
Nun gut, wir fahren weiter, immer tiefer ins Gebirge rein. Die Berge werden felsiger, und prompt sind wir am Abzweig zur Meryem-Ana-Kilise in Haho, die diesmal sogar ausgeschildert ist. Wir verlassen also die Hauptstraße. Unser Weg ist unbefestigt, und laut Karte sind es etwa 10 km bis zu dieser Kirche. Das kann ja heiter werden. Im ersten Dorf abseits der großen Straße angekommen, sieht man an einer Wegverzweigung ein Schild, welches aber sinnvollerweise nicht eindeutig ist, und wir nehmen natürlich genau den falschen Weg, fahren etwa 2 km lang ein dicht bewaldetes Gebirgstal hoch, wo ab und zu ein paar Häuser mit Leuten davor rumstehen. Ein Mann gibt uns Winkzeichen, wir halten an. Es scheint sich um einen Ortskundigen zu handeln, denn er meint, die Kirche läge nicht hier, sondern man müsse zur Kreuzung zurückfahren und genau den anderen Weg nehmen. Gesagt - getan! Wir huppen also wieder zur Kreuzung zurück, nehmen den anderen Weg, kommen irgendwann im nächsten Bergdorf an, wo wieder eine heimtückische Wegverzweigung  auf unwissende Touristen wartet. Sie weist diesmal aber ein eindeutiges Schild auf. Wir fahren also noch mal ein bewaldetes Tal mit Häusern drin hoch, bis wir abermals ein mehrdeutiges Schild sehen, nach fahrtechnisch dubiosen, sinnlosen Manövern in engen Gassen finden wir die Kirche letztendlich! In einem kleinen Wäldchen versteckt, direkt beim Schild. Die Kirche ist steinalt, ich vermute aus dem frühen Mittelalter, als die Osttürkei noch zu den christlichen Staaten Armenien und Georgien gehörte. Sie ist schön, teilweise verfallen und ausnahmsweise nicht mit Fresken bemalt. Sie weist dafür aber primitiv anmutende, mit Personen, Engeln oder Tieren reliefierte Kapitellchen und Wände auf. Die Reliefs sehen wie von Kinderhand gemacht aus, die Künstler kannten sich offensichtlich noch nicht gut mit den Darstellungsperspektiven aus. Die Kirche an sich erscheint hingegen gut durchdacht. Ihr Stil ist in Europa überhaupt nicht anzutreffen. Die Kirche weist zwar Rundbögen auf, man könnte also meinen, sie wäre romanisch, aber sie wird von einer Kuppel abgeschlossen, die eine Kegelform hat, wie ich sie in unseren Gefilden noch nie zu Augen bekommen habe. Die Kirche beeindruckt uns so stark, dass wir armen Studenten sogar Geld für ihre Instandhaltung spenden, die jedoch kaum durch solche Mittel zu finanzieren sein wird. Jedoch erscheint dies angesichts ihres fatalen Zustandes dringend erforderlich.
Zufällig sind wir gerade zur muslimischen Gebetszeit da, und so bekommen wir mit, wie der Muezzin heutzutage zum Gebet ausruft: Er lallt seinen Singsang in ein Mikro, das über ein Kabel mit Lautsprechern verbunden ist, die sich normalerweise an den Minaretten befinden. Da dies hier aber nur eine in eine Moschee umgewandelte Kirche ist, weist sie keine Minarette auf, so dass die Lautsprecher sich folglich woanders befinden müssen.
Nach der Besichtigung der Interieurs gehen wir außen einmal um die Kirche rum, bestaunen sie und locken die Aufmerksamkeit einer Kinderschar auf uns. Die Knirpse versuchen, mit uns zu kommunizieren und richten ihre Blicke, Ehrfurcht vortäuschend dahin, wohin wir sie auch lenken.
Das Einzige, was sie auf englisch können, scheint „How are you?“ und „What’s your name?“ zu sein, wobei uns jeder Knirps genau das selbe fragt, auch wenn er unsere Namen sowieso schon dreimal gehört hat.
Landschaft bei Haho - Foto JLRÖsk Vank, Klosterkirche - Foto CGÖsk Vank, Klosterkirche - Foto JLRÖsk Vank, Klosterkirche - Foto JLR Als wir dann genervt und amüsiert zugleich den Kirchhof verlassen, lernen wir noch eine weitere ihrer Vokabeln kennen: „money!“. Sie belagern unser Auto, in dem wir bereits sitzen, aber wir fahren eiskalt los. Da die Kirche in einem kleinen Wäldchen steht, konnte man leider keine Gesamtaufnahme machen. Trotzdem zufrieden, fahren wir zurück zur Hauptstraße, und der Rückweg scheint bedeutend kürzer...
Weiter geht es die Hauptstraße lang, bis zum nächsten Kirchenabzweig.

Ösk Vank, Klosterkirche - Foto CGDiesmal ist die Nebenstraße besser, und Verzweigungen sind auch nicht vorhanden, so dass wir uns problemlos und schnell der Kirche nähern und sie dann prompt ein Dorf überthronend stehen sehen: die Kirche des ehemaligen Klosters Ösk Vank. Sie sieht grandios aus und wirkt größer als die Kirche von Haho. Auf jeden Fall scheint sie für das Kuhkaff, in dem sie steht, überdimensioniert zu sein, oder aber das Dorf war vor dem fraglichen Völkermord, den die Türken am Anfang dieses Jahrhunderts an den Armeniern durchgeführt haben (sollen?), viel größer.
Die Kirche ist mit mehr Reliefs verziert als die vorige, in der ruinösen Kirche sind sogar noch Freskenreste erhalten geblieben. Vom Stil und der groben Formgebung her ähnelt die Kirche sehr stark derjenigen von Haho, nur ist sie noch schöner. Wir verknipsen etliche Fotos und fahren stark beeindruckt weiter. Nun wird auch das Landschaftspanorama so überwältigend, dass es die Kirchen fast noch toppt. Man fährt an einem sehr großen trübtürkisen Stausee lang, der von riesigen, nach meinen Schätzungen bis auf zwei Kilometer über die Seeoberfläche ansteigenden vegetationslosen Felsmassiven übertürmt wird. Also muss wieder der arme Apparat ran, um alles festzuhalten. Allerdings wäre hier ein Fisheye-Objektiv angebracht.
Landschaft bei Ösk Vank - Foto CGLandschaft bei Ösk Vank - Foto CGLandschaft bei Ösk Vank - Foto CGLandschaft bei Ishan - Foto JLR Hinter dem Stausee folgen wir einem Schild zum Selale, dem Wasserfall, und überqueren, um dorthin zu gelangen, ein enges, geländerloses Brückchen, welches gerade mal 50 cm breiter ist als das Auto. Leider ist der Wasserfall zu dieser Jahreszeit eher tröpfelnder als tosender Natur, und wir fahren weiter. Wir haben ja schon genug atemberaubendes gesehen heut.
Trotzdem setzt die Umgebung hier noch eins drauf: die Ishan-Kilise kurz hinter dem Abzweig nach Kars. Sie steht den beiden anderen Kirchen in nichts nach, unterscheidet sich von ihnen aber kaum. Die Anfahrt zu der Kirche ist recht panoramalastig, es geht etwa 5 km lang eine enge, stark serpentinenhaltige, teilasphaltierte Straße zum Dorf Ishan hoch, und es eröffnen sich stets neue Ausblicke auf die hier eher so wie zwischen Nallihan und Ankara aussehenden Berge. Im Dorf angekommen, finden wir die Kirche erst nicht und fahren auf den sehr steilen, unbefestigten Dorfstraßen bis ganz nach oben. Zufällig treffen wir einen alten Bauern, der uns die Kirche zeigt. Sie befindet sich weiter unten, links vom Hauptweg etwas versteckt gelegen. Der Bauer schenkt uns ein paar Äpfel und wir gehen die Kirche besichtigen. Die hier spielenden Kinder ignorieren uns, als ob hier öfter als dreimal im Jahr Touristen vorbeikommen würden! Die Kirche ist, wie schon erwähnt, super, und es kommt mir irgendwie so vor, als wären sich die Bewohner hier nicht ihres kulturell-historischen Schatzes bewusst, wie auch an vielen anderen Stationen unserer Reise.
Ishan, Kirchenkuppel - Foto CGIshan, Kirche - Foto CGIshan, Kirche - Foto CGIshan, Kirche - Foto CG Wir wandern zurück zum Auto und rutschen bei voll getretener Bremse den Berg runter zum Ortsausgang und fahren zur Hauptstraße zurück. Von dort aus fahren wir weiter Richung Kars. Die Berge werden kleiner, wir kommen an einer Burganlage vorbei und wären beinahe vorbeigefahren, ohne sie zu bemerken, da sie aus demselben Gestein besteht wie der Fels, auf dem sie errichtet ist. Auf der Weiterfahrt sehen wir in der Ferne hinter einem Fluss eine weitere Kirchenruine, finden aber nicht den Weg dorthin. Es geht weiter und die Landschaft verändert sich merklich: die Berge werden zu Hügeln, es kehrt die Vegetation zurück und wir fahren sogar wieder durch kleine Wäldchen. Es geht an ganz ärmlichen Siedlungen vorbei, die aus flachen eingeschossigen Häuschen bestehen, die man erst gar nicht bemerkt, weil sie einerseits farblich nicht auffallen und zweitens sehr klein sind. Sie sind teilweise halb in den Boden eingegraben, so dass sie extrem flach wirken und nur 1 m aus der Erde herausragen. Es sind definitiv die schäbigsten und trostlosesten Siedlungen, die ich je gesehen habe.
Die Landschaft wird ein paar Kilometer weiter ebenso trostlos. Hinter einer kleineren Stadt werden wir von der Armee angehalten und sollen einen Mann bis nach Kars mitnehmen und tun dies letztendlich auch. Vorher jedoch muss hinten auf der Rückbank Platz geschaffen werden, da sich dort lauter leere Plasteflaschen angesammelt haben. Dann geht es mit dem Anhalter in eine Hochebene hinein, die an Einöde und leerer sinnloser Weite der Hochebene von Erzurum in nichts nachsteht, eher sogar noch trostloser als diese erscheint und ebenfalls wieder an die Mongolei erinnert.
Das bis dorthin klare Wetter und der blaue Himmel verschwindet genauso abrupt wie am Vortag und weicht heranziehenden Wolkenmassen, die sich zu einer dicken, dunklen unstrukturierten Masse vereinigen, die sich dann in einem Gewitter entlädt. Die Gegend wirkt daher nur umso bedrückender. Mein Franzose hat Angst, vom Blitz getroffen zu werden, da wir aufgrund fehlender Bäume die einzige Erhebung weit und breit sind. Er erklärt, dass das Modell des Faradayschen Käfigs nicht effizient genug ist, und so atmen wir jedes Mal auf, wenn uns die endlose Schotterpiste, die dann wieder einer asphaltierten Straße weicht, in eine tiefere, hügeligere Zone führt. Der Ostanatole in unserem Auto macht einen recht gelassenen Eindruck und probiert ab und zu, mit und zu kommunizieren, sieht dann aber die Sinnlosigkeit dieser Versuche ein.
on the road - Foto JLRLetzten Endes kommen wir dann heil in Kars an, wo unser Anhalter uns zum Tee einladen will, aber wir müssen ein Hotel suchen. Da es wie aus Kübeln gießt, bleiben wir erstmal im Auto, dann jedoch gehen wir, den Naturgewalten trotzend, zum Hotel rüber. Es handelt sich um eine schäbige Absteige ohne funktionierende Duschen, aber dafür mit verkeimten Etagen-Plumpsklos, mein durchfallgeplagter Franzose ist natürlich der Gearschte.
Abends hört es auf zu regnen, wir gehen in ein Restaurant und trinken dort ein Bierchen auf das heute stattfindende einjährige Jubiläum meiner License, die diese Reise überhaupt erst ermöglicht hat.