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| 19. Reisetag |
20.07.2000 |
| gefahrene Kilometer: |
362,5 km |
| Total: |
6490,5 km |
| Strecke: |
Kars-Ani-Kars-Yusufeli |
| Besichtigungen: |
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| - Kars |
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| - Ani |
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| Tagesbewertung: |
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Wir stehen früh auf,
um früh zum Fremdenverkehrsamt zu kommen, wo wir uns ein Formular
holen wollen, welches für die Besichtigung der Ruinenstätte Ani
erforderlich ist. Ani war vor 1000 Jahren die Hauptstadt eines armenischen
Königreichs, eine prachtvolle Metropole, die damals 100000 Einwohner
gehabt haben soll. Einige als Ruinen erhaltengebliebene Kirchen zeugen
noch von der damaligen Pracht. Heute befindet sich das Gelände auf
türkischem Territorium, aber da es direkt an der armenischen Grenze,
etwa 50 km von Kars entfernt liegt, benötigt man ein paar ausgefüllte
Formulare für die Besichtigung.
Als wir vor dem Fremdenverkehrsamt
von Kars angelangen, hat es noch zu, soll aber einem Schild zufolge bald
öffnen. Wir machen also einen kleinen Stadtrundgang, um uns die Zeit
zu vertreiben.
Da die Stadt gestern recht
trist erschien, wundere ich mich im heutigen Sonnenschein, dass die Stadt
in Wirklichkeit gar nicht mal so gottverlassen ist. In der Flaniermeile
gibt es auch Hifi-Läden und Fotoshops - also ganz der westliche Standard.
Wir gehen runter zum Fluss,
kommen an kleinen, klassizistisch aussehenden Gebäuden vorbei, die
aus der Zeit stammen, als dieses Gebiet noch russisch war.
  
Unten am Fluss steht eine alte armenische Kirche, die diesmal nicht ganz
so spektakulär aussieht wie die gestrigen Exemplare, dafür ist
sie verhältnismäßig gut erhalten, auch wenn sie mittlerweile
unfreiwillig einen „Dachgarten“ in Form von Gras bekommen hat. Hinter der
Kirche erhebt sich ein Berg mit einer die Stadt überthronenden Burg.
Hinter dem Fluss beginnen ärmlichere Siedlungen, und wir kehren zum
Tourismusamt zurück, da es mittlerweile offen haben müsste. Hat
es aber nicht! Da es meinem Franzosen heute recht schlecht geht, gehen
wir in ein Straßencafe, um Tee zu trinken, kehren zurück, und
endlich hat das Amt offen. Man verlangt unsere Pässe, die sind aber
im Auto. Ich hole sie schnell. Man füllt uns das Formular aus und
schickt uns zur Polizei, wo wir uns für das Formular noch einen Stempel
holen müssen. Damit wir die Polizeistation aber auch finden, gibt
man uns die Kopie eines Stadtplanes. Wir fahren hin, bekommen ohne Probleme
unseren Stempel und müssen jetzt nur noch zum örtlichen Museum,
um uns die Eintrittskarten für Ani zu holen, und brechen daraufhin
sofort nach Ani auf. Wir fahren durch die Pseudo-Mongolei auf einer einsamen
aber okayen Straße lang, müssen an einem Armeehäuschen
unterwegs anhalten und unsere Erlaubnis und die Pässe zwecks Identifikation
vorzeigen, können dann aber weiterfahren. Dann sehen wir aus der Ferne
auch schon die Stadtmauer von Ani.
Vor dem Stadttor stellen
wir das Auto ab - offensichtlich sind wir hier die einzigen Touris. Ein
paar Soldaten kontrollieren uns und meinen, man dürfe den Fotoapparat
nicht auf das armenische Territorium richten, und man dürfe das Minarett
einer sich in dem Areal befindlichen Moschee besteigen. Ich sage jaja und
wunder mich noch, weil die Typen besonders betonen, dass man auf ein Minarett
kann. Dann passieren wir das Stadttor und sind im legendären Ani,
das ein Hauptziel unserer smoothen Reise und gleichzeitig deren östlichster
und am weitesten von der Heimat entfernten Punkt ist. Es handelt überhaupt
um den östlichsten Aufenthaltsort meines Lebens - bis jetzt zumindest.
Kurz gesagt - das Extremum des Jahres.
Dummerweise geht es dem
Franzosen sehr schlecht, so dass wir unseren Ani-Rundgang stark einschränken
müssen und nicht alles sehen können.
 
Vor uns erblicken wir eine trockengrasüberzogene Ebene, in der , weit
verstreut, die Relikte des vergangenen Glanzes stehen: die Kirchenruinen.
Kaum zu glauben, dass in dieser Einöde einst eine so interessante
Stadt stand.
Die Rückseite des Stadttores
von Ani, wo wir unseren Rundgang beginnen, ist mit einem Hakenkreuz verziert,
welches damals wohl ein recht häufig verwendetes Symbol für Macht
darstellte, es sollte uns auf dieser Reise noch zweimal begegnen.
Wenn man sich vom Tor aus
nach links wendet, gelangt man zur St-Prkitch-Kirche, einem polygonalen
hohen Zentralbau mit Kuppel. Die Kirche ist etwa in der Mitte von oben
nach unten gespalten, und von den beiden so entstandenen Hälften ist
eine ganz weggebrochen, die andere steht noch fast unversehrt, so dass
die Kirche, von einer Seite betrachtet, vollständig erhalten aussieht,
von der anderen Seite sieht man aber in den ehemaligen Innenraum hinein.
Setzt man den Weg fort,
so gelangt man zu einer Art Canyon, die Armenien von der Türkei trennt.
Wenn man den Abhang in den Canyon halb heruntersteigt, so gelangt man zur
"Gregorkirche des Tigran Honenz", die relativ gut erhalten ist und innen
zahlreiche Fresken aufweist. Mein Franzose, dem es wirklich sehr schlecht
geht, will nicht mehr weitergehen und wartet daher im Schatten der dritten
Kirche, der großen Kathedrale, auf mich. Die Kathedrale, deren Kuppel
weggebrochen ist, sieht jetzt aus wie ein riesiges Einfamilienhaus mit
Satteldach. Sie weist wie einige der bereits gesehenen armenischen und
georgischen Kirchen unlesbare Inschriften auf, weder kyrillisch noch lateinisch,
und für arabisch würde ich die Schriftzeichen auch nicht halten
- also wahrscheinlich eben armenisch! Ich gehe dann alleine weiter zur
"Ebul-Menutschr-Moschee" und sehe das Minarett, auf welches man laut Soldat
hochklettern dürfen soll. Dies tue ich auch, und ich wunder mich,
wie man Touristen hier rauflassen kann: im Minarett ist es stockfinster
und eng, man sieht absolut nichts, die Treppe ist steil und die Stufen
stark ausgetreten, teilweise sogar überhaupt nicht mehr vorhanden,
und ich rutsche öfters weg. Nach zwei (!) strapaziösen Minuten
komme ich oben an, und was soll ich sagen. Der Ausblick ist hervorragend.
Ich schöpfe die Möglichkeiten meines Zoomobjektives voll aus
und beginne den beschwerlichen Abstieg, begebe mich zurück zur Kathedrale,
wo Jean-Louis wartet, und ohne alles gesehen zu haben, aber dennoch von
der seltsamen Atmosphäre des Ortes gefangen, machen wir uns auf dem
Rückweg zum Stadttor.
 
Dort hält mich ein Soldat an und fragt, ob ich das war, der auf das
Minarett gestiegen ist. Ich bejahe die Frage kleinlaut und ahne schlimmes.
Der Soldat meint, man müsse mir gesagt haben, dass der Aufstieg aufs
Minarett verboten sei. Ich erwidere, mir bewusst, man würde meine
Antwort als faule und etwas unoriginelle Ausrede auffassen, man hätte
mir gesagt, ich dürfe auf das Minarett klettern. Los Soldatos meint
nee, das könne nu wirklich nich sein, ich frage und nu? und er meint
ach lass sein.
Erleichtert steige ich ins
Auto und fahre an dem anderen bereits auf der Hinfahrt erwähnten Armeeposten
vorbei, zurück nach Kars. Unterwegs knallt mir eine Krähe, von
denen Unmengen, stimmungsmäßig recht gut in die Landschaft passend,
hier rumfliegen, gegen den rechten Scheinwerfer. Ein dumpfes "Rumms" erschallt
und ich finde die Sache irgendwie spaßig, zwar wackelt der Scheinwerfer
seit dieser Aktion ein bisschen, aber das war es fast wert. Die Vögel
sind in der Türkei echt selten-doof, wie mir bereits zum wiederholten
Male auffällt. Dies ist mittlerweile das dritte Exemplar, das durch
mein Auto umkommt. In Ankara habe ich versehentlich vor ein paar Tagen
eine ahnungslos herumlaufende Taube überrollt, da ich keine Anstalten
machte, zu bremsen. Ich habe fälschlicherweise erwartet, der Vogel
würde wie jeder andere auch rechtzeitig wegfliegen. Damals hat es
nur ganz kurz und traurig geruckelt.
In Kars angelangt, fahre
ich verkehrtrum in eine Einbahnstraße, um dort im Parkverbot zu parken,
und klappere, meinen kranken Franzosen im Auto lassend, einige Banken ab,
um Geld zu tauschen, eine macht zum Glück keine Mittagspause, und
ich bin bald fertig. Ich gehe noch in einen Laden, kaufe zwei völlig
verstaubte Saft-Tetrapaks, mache sie sauber und gebe meinem Franzosen die
zuckerhaltigen, kräftigenden Drinks. Dann fahre ich nach Yusufeli.
Landschaftlich
ist die Strecke ok, man fährt etwa 50km durch dieses steppenhafte,
ebene bis hügelige Grasland, dann steigt die Straße zu einem
2659m hoch gelegenen Bergpass an, es handelt sich um meinen bisher höchsten
Pass. Der Anstieg dauert nicht sehr lange, da wir uns vorher bereits in
einer Hochebene befanden.
Auf der anderen Seite des
Berges geht es jedoch steil und sehr weit runter, und die Landschaft ändert
sich, die ein langes Tal begrenzenden Bergrücken sind von Nadelbäumen
bewachsen. Anscheinend stellt der Pass eine Schwelle für die Wolken
vom Schwarzen Meer dar, die sich hier in der Gegend abregnen. Die Straße
wird schlecht und bleibt bis Artvin streckenweise stark schotterhaltig,
allerdings sieht es sehr nach Straßenbauarbeiten aus, die diese Umstände
hervorrufen.
Die armenischen Kirchen,
die sich hier laut Karte an der Straße befinden sollten, sind nicht
ausgeschildert, wir machen uns auch nicht die Mühe, sie zu suchen.
Mit letzter Kraft kommen wir etwa 200 km später in Yusufeli an, ich
fühle mich jetzt auch sehr schlapp und habe grippös wirkende
Knochenschmerzen, und meinem Franzosen geht es sowieso dreckig.
Glücklicherweise finden
wir ohne allzu langes Suchen ein billigen Hotel mit Zimmerdusche &
europäischem Klo. Wir pelzen uns sofort ins Bett. Dummerweise kann
ich nicht schlafen wegen 1) den Knochenschmerzen und 2) wegen einem Wildwasserbach,
der direkt unterm Fenster vorbeirauscht. |
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