Nach dem letzten Frühstück
in der Pension packen wir unser Zeugs ins Auto und fahren besorgt los,
da wir nicht wissen, ob die Bremsen sich kooperativer verhalten werden
als gestern. Ich lasse versehentlich wieder mal den Zimmerschlüssel
mitgehen, aber ich fühle mich deswegen keineswegs schlecht, da mir
die Pension und die in ihr herrschende Atmosphäre irgendwie unangenehm
war. Endlich wieder on the road. Natürlich mit etwa 20 großen
Plasteflaschen voll Kühlwasser an Bord.
Jean-Louis has uns vor der
Abfahrt ein Ultimatum gestellt, welches besagte, dass wir, falls es weiterhin
Probleme mit den Bremsen gibt, auf direktem Wege nach Bulgarien zurückfahren,
um dort alles richtig durchchecken zu lassen, anstatt die unserer Meinung
nach interessantere Route an der Ägäis lang zu nehmen.
Nach der Abfahrt stellt
sich heraus, dass die Bremsen sich nach wie stark erhitzen, selbst wenn
ich sie nicht benutze. Aber mein Kumpel meint, alles wäre ein bisschen
besser als gestern. Wahrscheinlich meint er das nur, um nicht inkonsequent
zu erscheinen, da auch er die Route am Meer lang nehmen will.
 
Nun denn: jede Viertel- bis halbe Stunde fahren wir an den Straßenrand,
um die Bremsen mit unserem Wasserdepot zu beschütten, wobei es stets
fies zischelt.
Falls möglich, legen
wir diese Stopps an strategisch günstige Stellen, beispielsweise an
verfallene Hans oder fotogene Landschafts-Panoramen, so dass die Stopps
nicht allzu nervig sind.

Irgendwann kommen wir am Sultan-Han, einer frisch restaurierten, sehr großen
Karawanserei an, die aus der Seldschukenzeit stammt und dementsprechend
aussieht (Stalaktitenportale u.s.w.).
Da der Han zu den schönsten
Anatoliens zählt, sind wir nicht die einzigen Touris: es handelt sich
wieder um eine der Massenabspeisungs-Locations, wo die Touristenbusse im
Minutentakt halten, um sich zu entleeren und nach 10min wieder vollbesetzt
weiterzufahren, es sei denn, Tante Martha hat sich im Gewimmel verlaufen
oder Meiers Kinder lungern noch am Postkartenstand rum. Der Han ist gut,
aber leider sind Fotos kaum möglich, wenn man keine älteren Damen
in rosa Radlerhose (etc.) draufhaben will. Aber ich als unabhängiger
Autotourist fühle mich in solchen Situationen doppelt cool.
Wir fahren weiter durch
die kaum vorhandene Botanik gen Konya, biegen aber im nächsten Ort
nach Norden ab, um zu einem großen Salzsee zu gelangen. Die Landschaft
ist flach wie aus der Frico-Werbung, aber es wächst kein üppig-grünes
Gras, sondern die mickrigen Hälmchen, die in kleinen Büscheln
rumstehen, haben allerhöchstens eine graugrüne Farbe. Wir
erklären uns das durch den stark erhöhten Salzgehalt des Bodens,
der dadurch zustande gekommen sein muss, dass der Salzsee früher bis
hier reichte und sich dann aralseemäßig zurückgezogen haben
muss. Das Gebiet kann kaum trostloser sein, zumal wir uns ja nun auch auf
einer kaum befahrenen Nebenstraße befinden.
  
Ab und zu kommen wir durch verstaubte Kleinstädte, in denen man sich
merkwürdigerweise sogar verfahren kann, aber man merkt das dann sehr
früh, weil man in solchen Fällen nach einer Minute im absoluten
Nichts dasteht, das nicht mal mehr von einem Feldweg durchschnitten wird.
Es gibt ja keine Felder. Die Leute müssen hier anscheinend nur von
der Salzgewinnung leben.
On the Road to nowhere.
Irgendwann kommen wir dann zu einer Siedlung, die mittels einer Schranke
mit ein paar drumherumstehenden Soldaten abgeschottet ist. Wohl 'ne Sträflingskolonie
zur Salzbeschaffung oder so. Da können wir nicht durchfahren, also
kommen wir auch nicht zum Salzsee hin.
Dafür gelangen wir zu einer Fläche, wo der Salzsee noch im Frühling
gewesen sein muss: dort wächst nichts, der weiche feuchte Boden, in
den man beim Laufen etwa 2cm tief einsinkt, ist von einer teils nassen
Salzkruste bedeckt. Eine weite weiße Fläche also.
Nachdem wir genug gesehen
haben, latschen wir zum Auto zurück und fahren Richtung Konya. Unterwegs
kommen wir durch eine verschlafene Kleinstadt, in der uns einer der häufig
zu beobachtenden hupenden Autokorsos begegnet. In manchen Autos sitzen
als Prinzen verkleidete Schuljungen. Es handelt sich dabei um ein Fest,
das Beschneidungsfest. Ein Glück, dass ich kein Türke bin.
  
Nach ein paar weiteren Kühlstopps sind wir via Schnellstraße
von Ankara in Konya angekommen. Konya ist eine große, einigermaßen
moderne Stadt, die sogar einen neuen, metallisch schimmernden Wolkenkratzer
rumzustehen hat.
Wir aber parken in der Altstadt
und laufen zum Mevlana-Komplex, einem ehemaligen Kloster des gleichnamigen
Derwisch-Ordens, das in ein langweiliges, überfülltes Museum
umgewandelt wurde. Nach der Besichtigung gehen wir zum Auto zurück
und besichtigen unterwegs ein paar Moscheen, von denen eine recht barock
erscheint, was bei islamischen Gotteshäusern irgendwie drollig aussieht.
Durch irgendwelche Hinterhöfe
gelangen wir zufälligerweise direkt zum Auto, dafür finden wir
nur mit Umwegen aus der Stadt heraus. Wir nehmen die Straße nach
Beysehir, die zunächst bergauf geht, so dass wir im Rückspiegel
ein ganz hübsches Stadtpanorama zu schimmern haben. Bei Beysehir angelangt,
fahren wir an zwei recht großen Seen zwischen mittelhohen Bergen
vorbei nach Egridir, wo wir in der späten Nacht ankommen. Unterwegs
habe ich jedoch noch ein nicht schlechtes Stativfoto von Egridir& Egridir-See
by night gemacht.
Die Unterkunftssuche erweist
sich als unproblematisch, da es sich um einen recht billigen Touristenort
handelt. Allerdings versucht ein penetranter Schlepper mich zu einem dubiosen
Hotel zu führen, und außerdem fahre ich beim Einparken einen
Mülleimer um, der so klein war, dass ich ihn im Rückspiegel nicht
sehen konnte. Der Eimer fiel scheppernd um, aber am Auto war nicht der
geringste Kratzer.
Irgendwie übelgelaunt
und müde ziehen wir uns nen schlechten Döner rein und gehen schlafen.
  
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