Morgens stehen wir früh
auf, essen alten, merkwürdig säuerlich schmeckenden Kartoffelsalat,
fahren dann sofort zum Kloster, um es ohne Touristen, also in fotogener
klösterlicher Ruhe abzupassen.
 
So abweisend, wie die Außenmauer
ist, so pittoresk ist es im Innenhof. Dieser ist begrünt und von mehrstöckigen
Säulengängen umgeben, die verschiedenfarbig verziert sind. Das
Kloster ist sehr groß, aber trotzdem nicht etwa pompös-kitschig
geschmückt, wie man es von den barocken Äquivalenten aus deutschen
Landen kennt. Skulpturen gibt es nicht - besser so. Die Klosterkirche ist
von außen teilweise bemalt, auch innen gibt es zahlreiche Fresken,
man kann sie bei dem Schummerlicht bloß kaum erkennen. Dafür
duftet es in der Kirche sehr gut, wie überhaupt in vielen bulgarischen
Kirchen.
Im Klostermuseum sind zahlreiche
Kirchenreliquien ausgestellt - bespielsweise ein großes, sehr filigran
geschnitztes Holzkreuz oder auch Gefäße aus verschiedenen Edelmetallen.
Alles in allem sehr beeindruckend,
es handelt sich um das größte Kloster Bulgariens, eine Art Nationalheiligtum.
Kaum sind wir aber draußen, kommen auch schon die ersten Touristenhorden
in Bussen aus Sofia angefahren - schon so früh am Morgen.
 Nun
denn, wir fahren wieder zurück zur Transitstraße, unterwegs
(zwischen dem Kloster und dem Ort Rila) halten wir noch an einem alt aussehenden
Gebäude an, das sich ebenfalls als Kloster erweist (Metoch Orlitza)
- es ist ein kleineres Nebenkloster, das von außen ebenfalls abweisend
aussieht und im Innenhof eine kleine Kirche aus dem späten 15.Jh.
zu stehen hat, die auch ganz mit Fresken bemalt ist. Hier gibt es wohl
kaum Touristen, der Mann, der das Kloster unterhält und pflegt, hat
noch Zeit für ein Schwätzchen. Er meint, es wäre eine Riesenarbeit,
das Kloster zu erhalten - die Verfallsspuren sind auch nicht zu übersehen.
Dann honken wir weiter nach
Süden Richtung griechische Grenze. Die Landschaft verändert sich
merklich - es ist hier trockener, während es weiter im Norden noch
saftige Wiesen gab. Die Kurven sind eng, so dass ich etwas langsamer fahre,
daher klebt mir die ganze Zeit über ein Benz am Heck, der sich aber
wohl auch nicht traut, zu überholen.
Wir sehen rein zufällig
das kleine Schildchen, das nach Melnik führt, und dort wollen wir
auch hin. Wir fahren einen Bergrücken rauf und haben einen weiten
Blick in eine Ebene. Bald kommen wir in Melnik an, sehen auch ein paar
alte Häuser, heizen aber am eigentlichen „Zentrum“ des Dorfes vorbei,
das sich in einem Quertal befindet, bemerken den Fehler erst, als wir am
nächsten Dorf ankommen, und driveln dann zurück.
Das Dorf, zu Ostzeiten ziemlich
touristisch, wartet auf bessere Zeiten. Es wird viel gebaut - an jeder
Ecke gibt es ein Straßencafé, aber insgesamt nur zwei Touristen
im Dorf (wir beide). Wie die wohl alle überleben können? Nun
denn... es gibt hübsche alte Häuser zu sehen, die teilweise zu
Museen umgewandelt worden sind. Die Häuser sind einfach eingerichtet
und teilweise aus Holz - auch die Häuser der damals reicheren Bauherren,
meist Weinhändler. Aber sie sehen wie gesagt hübsch aus. Viel
mehr als alte Häuser gibt es in diesem Dorf, das zu seinen Glanzzeiten
20000 Einwohner gehabt haben soll, nicht zu sehen.
  Weiter
geht es zum Roshenski-Kloster, das über eine enge, steile Straße
zu erreichen ist. Es ist - wie üblich - von außen schlicht und
im Innenhof begrünt und hat eine mit Fresken bemalte Kirche, die gut
riecht. Ein paar Trekker erholen sich am Brunnen im Hof. Es ist wahnsinnig
heiß, und wir sind froh, dass die Gaskartuschen im Auto das mitmachen.
Nach dem Stop am Kloster
suchen wir eine Straße über das wilde unbewohnte Pirin-Gebirge,
die irgendwo im Dorf Roshen abzweigen soll, finden sie aber nicht. Ein
Ortskundiger zeigt sie uns (ein Feldweg) und meint, wir sollten sie lieber
nicht nehmen. Den Rat nehmen wir gerne an, da wir uns nicht im Gebirge
verlieren wollen. Also fahren wir wieder zurück auf die Transitstraße
nach Griechenland und suchen dort einen Abzweig, der zur Straße über
das Gebirge führt, die als befestigt in unserem Autoatlas eingezeichnet
ist. Zuerst fahren wir über eine recht vernünftige Straße,
die dann einer willkürlichen Aneinanderreihung von Löchern weicht
( wie solche Löcher entstehen können, bleibt nach wie vor fraglich
- wahrscheinlich gab es Ritzen in der Straße, in denen sich Wasser
ansammelte, welches im Winter einfror und die Risse durch seine Ausdehnung
sprengte - dieser Vorgang hat sich wohl 20 Jahre lang immer wieder wiederholt,
wenn man die Lochgröße betrachtet). Ein Wunder, dass die Reifen
das mitgemacht haben.
Dann, als der Anstieg ins
Gebirge folgt (wir wollen über den Popski-Preslop-Pass), wird es immer
kranker. In Serpentinen geht es hoch, es ist steil, die Kurven sind eng,
die Abhänge tief, Teile der Ex-Straße weggebrochen. Vor allem
aber ist der Asphalt über etwa 3 km Länge überhaupt nicht
mehr vorhanden (kein Scherz). Der Weg ist von flachen Bergbächen durchzogen,
die jetzt zum Glück ausgetrocknet sind. Das heißt, dass es an
manchen Stellen eine Knobelaufgabe ist, den Wagen ohne Aufzusetzen überall
durchzumanövrieren und dabei mindestens ein Rad auf festem (Lehm-)
Boden zu haben, um auf dem Schotter nicht wegzurutschen, womöglich
noch den Abhang runter. Da ich Schritttempo fahren muss, geht mir bei dem
Anstieg ein paar Mal der Motor aus. Dann muss ich mit Handbremsenbenutzung
und wheelspin starten, um nicht zurückzurutschen, geschweige denn
voranzukommen.
Ein bisschen weiter weg
sehen wir in der Einöde ein paar Bagger und andere Straßenbaumaschinen
rumstehen. In der Ferne sehen wir etwas in der Sonne blitzen, was sich
dann, welch ein Wunder, als Leitplanke einer nigelnagelneuen Straße
entpuppt - Wahnsinn. Offensichtlich haben sie von der anderen Seite des
Bergzuges her angefangen, die Straße komplett neu zu bauen, sind
aber noch nicht in dem absurdsten Abschnitt angelangt.
  
Nach zwei Stunden für 48 km haben wir das Gebirge überquert,
uns sind höchstens 5 Autos entgegengekommen. Mit dem Erreichen von
Goce Deltschev treten wir wieder in die Zivilisation ein.
Wir fahren dann weiter Richtung
Pamporovo, und zwar auf kleinen aber besseren Straßen.
Wir
passieren schöne Mittelgebirgslandschaften und kleine Dörfer
mit vorwiegend islamischer Bevölkerung. Die Wege sind kurvig, die
Fahrt dauert länger als erwartet, wir verfahren uns aufgrund fehlender
Schilder und einer nicht ganz exakten Karte.
Wir finden uns spontan vor
einem Schild mit der Aufschrift „Border Area“ wieder, fahren aber trotzdem
geradeaus weiter bis zum nächsten Dorf, fragen dort einen Einwohner
(einen etwa 35-jährigen langhaarigen Bären von einem Bulgaren
mit einer rauchigeren Stimme als Bonnie Tyler - ich wusste gar nicht, dass
es solche Seebären auch im Gebirge gibt), der mir sagt, ich müsse
umkehren, das Dorf wäre quasi eine Sackgasse.
Abends kommen wir dann doch
noch in Pamporovo, einem Wintersportort, wo es auch im Sommer viele Touris
gibt, an, fragen uns dort zum billigsten Hotel der Stadt durch, das aber
trotzdem okay ist - ein hoher Plattenbau mit Super-Aussicht von unserem
Balkon (32 DM für beide). Wir schleusen heimlich eine Büchse
Minestrone und einen Grünebohnentopf hoch und essen sie ohne sie zu
erwärmen (sind schon warm!), gehen dann in einem Straßenresto
mit Folk-Dance-Musik als „dezente Untermalung“ ein Bier trinken. Dann fallen
wir ins Bett.
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