4.Reisetag 05.07.2000
gefahrene Kilometer: 360,4 km
Total: 2381,8 km
Strecke: Rila-Melnik-Roshen-Goce Deltschev-Barutin-Dospat-Pamporovo
Besichtigungen:
 - Rila-Kloster
 - Metoch Orlitza
 - Melnik
 - Roshenski-Kloster
 - Piringebirgs-Pass
Tagesbewertung:
 
Morgens stehen wir früh auf, essen alten, merkwürdig säuerlich schmeckenden Kartoffelsalat, fahren dann sofort zum Kloster, um es ohne Touristen, also in fotogener klösterlicher Ruhe abzupassen.
Rilakloster - Foto CGRilakloster - Foto JLRRilakloster, Wandmalerei - Foto JLR
So abweisend, wie die Außenmauer ist, so pittoresk ist es im Innenhof. Dieser ist begrünt und von mehrstöckigen Säulengängen umgeben, die verschiedenfarbig verziert sind. Das Kloster ist sehr groß, aber trotzdem nicht etwa pompös-kitschig geschmückt, wie man es von den barocken Äquivalenten aus deutschen Landen kennt. Skulpturen gibt es nicht - besser so. Die Klosterkirche ist von außen teilweise bemalt, auch innen gibt es zahlreiche Fresken, man kann sie bei dem Schummerlicht bloß kaum erkennen. Dafür duftet es in der Kirche  sehr gut, wie überhaupt in vielen bulgarischen Kirchen.
Im Klostermuseum sind zahlreiche Kirchenreliquien ausgestellt - bespielsweise ein großes, sehr filigran geschnitztes Holzkreuz oder auch Gefäße aus verschiedenen Edelmetallen.
Alles in allem sehr beeindruckend, es handelt sich um das größte Kloster Bulgariens, eine Art Nationalheiligtum. Kaum sind wir aber draußen, kommen auch schon die ersten Touristenhorden in Bussen aus Sofia angefahren - schon so früh am Morgen.

Metoch Orlitza - Foto JLRMetoch Orlitza, Wandmalerei - Foto JLRNun denn, wir fahren wieder zurück zur Transitstraße, unterwegs (zwischen dem Kloster und dem Ort Rila) halten wir noch an einem alt aussehenden Gebäude an, das sich ebenfalls als Kloster erweist (Metoch Orlitza) - es ist ein kleineres Nebenkloster, das von außen ebenfalls abweisend aussieht und im Innenhof eine kleine Kirche aus dem späten 15.Jh. zu stehen hat, die auch ganz mit Fresken bemalt ist. Hier gibt es wohl kaum Touristen, der Mann, der das Kloster unterhält und pflegt, hat noch Zeit für ein Schwätzchen. Er meint, es wäre eine Riesenarbeit, das Kloster zu erhalten - die Verfallsspuren sind auch nicht zu übersehen.
Dann honken wir weiter nach Süden Richtung griechische Grenze. Die Landschaft verändert sich merklich - es ist hier trockener, während es weiter im Norden noch saftige Wiesen gab. Die Kurven sind eng, so dass ich etwas langsamer fahre, daher klebt mir die ganze Zeit über ein Benz am Heck, der sich aber wohl auch nicht traut, zu überholen.
Wir sehen rein zufällig das kleine Schildchen, das nach Melnik führt, und dort wollen wir auch hin. Wir fahren einen Bergrücken rauf und haben einen weiten Blick in eine Ebene. Bald kommen wir in Melnik an, sehen auch ein paar alte Häuser, heizen aber am eigentlichen „Zentrum“ des Dorfes vorbei, das sich in einem Quertal befindet, bemerken den Fehler erst, als wir am nächsten Dorf ankommen, und driveln dann zurück.
Das Dorf, zu Ostzeiten ziemlich touristisch, wartet auf bessere Zeiten. Es wird viel gebaut - an jeder Ecke gibt es ein Straßencafé, aber insgesamt nur zwei Touristen im Dorf (wir beide). Wie die wohl alle überleben können? Nun denn... es gibt hübsche alte Häuser zu sehen, die teilweise zu Museen umgewandelt worden sind. Die Häuser sind einfach eingerichtet und teilweise aus Holz - auch die Häuser der damals reicheren Bauherren, meist Weinhändler. Aber sie sehen wie gesagt hübsch aus. Viel mehr als alte Häuser gibt es in diesem Dorf, das zu seinen Glanzzeiten 20000 Einwohner gehabt haben soll, nicht zu sehen.
Melnik, Kordopulov-Haus - Foto CGMelnik - Foto CGBergkirche bei Roshen - Foto CGWeiter geht es zum Roshenski-Kloster, das über eine enge, steile Straße zu erreichen ist. Es ist - wie üblich - von außen schlicht und im Innenhof begrünt und hat eine mit Fresken bemalte Kirche, die gut riecht. Ein paar Trekker erholen sich am Brunnen im Hof. Es ist wahnsinnig heiß, und wir sind froh, dass die Gaskartuschen im Auto das mitmachen.
Nach dem Stop am Kloster suchen wir eine Straße über das wilde unbewohnte Pirin-Gebirge, die irgendwo im Dorf Roshen abzweigen soll, finden sie aber nicht. Ein Ortskundiger zeigt sie uns (ein Feldweg) und meint, wir sollten sie lieber nicht nehmen. Den Rat nehmen wir gerne an, da wir uns nicht im Gebirge verlieren wollen. Also fahren wir wieder zurück auf die Transitstraße nach Griechenland und suchen dort einen Abzweig, der zur Straße über das Gebirge führt, die als befestigt in unserem Autoatlas eingezeichnet ist. Zuerst fahren wir über eine recht vernünftige Straße, die dann einer willkürlichen Aneinanderreihung von Löchern weicht ( wie solche Löcher entstehen können, bleibt nach wie vor fraglich - wahrscheinlich gab es Ritzen in der Straße, in denen sich Wasser ansammelte, welches im Winter einfror und die Risse durch seine Ausdehnung sprengte - dieser Vorgang hat sich wohl 20 Jahre lang immer wieder wiederholt, wenn man die Lochgröße betrachtet). Ein Wunder, dass die Reifen das mitgemacht haben.
Dann, als der Anstieg ins Gebirge folgt (wir wollen über den Popski-Preslop-Pass), wird es immer kranker. In Serpentinen geht es hoch, es ist steil, die Kurven sind eng, die Abhänge tief, Teile der Ex-Straße weggebrochen. Vor allem aber ist der Asphalt über etwa 3 km Länge überhaupt nicht mehr vorhanden (kein Scherz). Der Weg ist von flachen Bergbächen durchzogen, die jetzt zum Glück ausgetrocknet sind. Das heißt, dass es an  manchen Stellen eine Knobelaufgabe ist, den Wagen ohne Aufzusetzen überall durchzumanövrieren und dabei mindestens ein Rad auf festem (Lehm-) Boden zu haben, um auf dem Schotter nicht wegzurutschen, womöglich noch den Abhang runter. Da ich Schritttempo fahren muss, geht mir bei dem Anstieg ein paar Mal der Motor aus. Dann muss ich mit Handbremsenbenutzung und wheelspin starten, um nicht zurückzurutschen, geschweige denn voranzukommen.
Ein bisschen weiter weg sehen wir in der Einöde ein paar Bagger und andere Straßenbaumaschinen rumstehen. In der Ferne sehen wir etwas in der Sonne blitzen, was sich dann, welch ein Wunder, als Leitplanke einer nigelnagelneuen Straße entpuppt - Wahnsinn. Offensichtlich haben sie von der anderen Seite des Bergzuges her angefangen, die Straße komplett neu zu bauen, sind aber noch nicht in dem absurdsten Abschnitt angelangt.
Rhodopengebirge - Foto JLRRhodopengebirge - Foto JLRRhodopengebirge - Foto JLR Nach zwei Stunden für 48 km haben wir das Gebirge überquert, uns sind höchstens 5 Autos entgegengekommen. Mit dem Erreichen von Goce Deltschev treten wir wieder in die Zivilisation ein.
Wir fahren dann weiter Richtung Pamporovo, und zwar auf kleinen aber besseren Straßen.

Rhodopengebirge - Foto CGWir passieren schöne Mittelgebirgslandschaften und kleine Dörfer mit vorwiegend islamischer Bevölkerung. Die Wege sind kurvig, die Fahrt dauert länger als erwartet, wir verfahren uns aufgrund fehlender Schilder und einer nicht ganz exakten Karte.
Wir finden uns spontan vor einem Schild mit der Aufschrift „Border Area“ wieder, fahren aber trotzdem geradeaus weiter bis zum nächsten Dorf, fragen dort einen Einwohner (einen etwa 35-jährigen langhaarigen Bären von einem Bulgaren mit einer rauchigeren Stimme als Bonnie Tyler - ich wusste gar nicht, dass es solche Seebären auch im Gebirge gibt), der mir sagt, ich müsse umkehren, das Dorf wäre quasi eine Sackgasse.
Abends kommen wir dann doch noch in Pamporovo, einem Wintersportort, wo es auch im Sommer viele Touris gibt, an, fragen uns dort zum billigsten Hotel der Stadt durch, das aber trotzdem okay ist - ein hoher Plattenbau mit Super-Aussicht von unserem Balkon (32 DM für beide). Wir schleusen heimlich eine Büchse Minestrone und einen Grünebohnentopf hoch und essen sie ohne sie zu erwärmen (sind schon warm!), gehen dann in einem Straßenresto mit Folk-Dance-Musik als „dezente Untermalung“ ein Bier trinken. Dann fallen wir ins Bett.