42. Reisetag:  12.08.2000
gefahrene Kilometer:  1088,3 km
Total: 14214,9 km
Strecke: Kiskunfelegyhaza-Budapest-Bratislava-Brno-Prag-Dresden-Berlin
Tagesbewertung:
 
Vier Stunden später, es ist etwa fünf Uhr morgens, wache ich zusammengekauert auf dem Fahrersitz auf, merkwürdigerweise ohne Nackensteifigkeit oder ähnlich nervigen Randerscheinungen. Ich greife nach dem Zündschlüssel, drehe ihn um und fahre sofort los, Jean-Louis wacht fast mit mir gleichzeitig auf.
Wir haben noch einige Forint von der Hintour in der Tasche, und wider Erwarten stellt sich nach langwierigem da morgendlichem Kopfrechnen heraus, dass das Geld auch für die Autobahn reichen muss. Daher nehmen wir diese dann auch. Sie ist noch fast leer. So langsam weicht die milchige Dämmerung mit ihren hier anscheinend üblichen leichten Nebelschwaden dem Tag, und irgendwann fahren wir über einen Stadtring an Budapest vorbei und dann nach Westen. 
Die Autobahn zwischen Györ und Bratislava ist noch nicht ganz fertig und merkwürdigerweise überhaupt nicht befahren, so dass ich schon befürchte, versehentlich eine Absperrung übersehen zu haben. Bald sind wir an der slowakischen Grenze.
Die Grenzabfertigung geht schnell vonstatten. Da wir wieder zu faul oder zu geizig sind, für die Slowakei Geld zu tauschen, können wir uns natürlich keine Autobahnplakette kaufen. Bis Bratislava mogeln wir uns auf einer Art Schnellstraße durch, von der wir nicht genau wissen, ob hierfür eine Plakette erforderlich ist.
Daher sind wir froh, in Bratislava anzukommen, weil uns ab hier noch von der Hintour eine Landstraße bekannt ist. Diese nehmen wir, und wie im Fluge sind wir auch schon an der tschechischen Grenze.
Diese dauert merkwürdigerweise recht lange. Es bildet sich eine Autoschlange, bemerkenswerterweise ist jeder zweite, der hier ansteht, ein Deutscher. Ich fühle mich leider schon fast wieder zuhause, als einer von Vielen. 
Die Grenzabfertigung dauert etwa eine Stunde, offensichtlich schikanieren sich die Tschechen und Slowaken an der Grenze gegenseitig. Nach der Passkontrolle will ich auf einem Parkplatz mit einer absurd angebrachten Bordsteinkante anhalten, um die Pässe zu verstauen, und dummerweise setze ich auf eben diesem Bordstein auf. Ich steige vorsichtshalber aus, um zu sehen, ob irgendwas zu Schaden gekommen ist, weil ich seit dem fatalen Aufsetzer in der Türkei einen gewissen Respekt vor Zwischenfällen dieser Art habe.
Ich sehe unters Auto und bemerke, dass es unter dem Tank leicht feucht ist, aber ich finde kein Leck und fahre etwas besorgt weiter. Auf der Autobahn nach Brno beobachte ich skeptisch den Dieselstand, bis mir und Jean-Louis etwa gleichzeitig auffällt, dass sich der Pegel überdurchschnittlich schnell verringert hat. Sollte sich so kurz vor Ende der Fahrt noch eine Panne anbahnen? Ich fahre auf den nächste Raststätte und sehe mir den Fleck unter dem Tank an, der sich offensichtlich nicht verändert hat. Also Fehlalarm. Wahrscheinlich war der Tankanzeigen-Effekt nur Einbildung.
Zwischen Brno und Prag wird das Gelände gebirgig und ich strapaziere den guten alten Golf  mit einem längeren Vollgas-Intermezzo, das ihm offensichtlich nichts ausmacht. 
Bald fahren wir durch Prag, dann weiter Richtung Dresden. Irgendwo hört die Autobahn auf, es geht auf einer Landstraße weiter, so langsam nähern wir uns der Grenze, und in direkter Abhängigkeit zu diesem Fakt steigt die Anzahl der schrill und spärlich bekleideten Damen am Straßenrand. Natürlich fehlt es auch nicht an den provisorischen Gartenzwerg-Verkaufsbuden. Verächtlich über mein peinliches spießerhaftes Volk nachdenkend, bemerke ich, dass wir dummerweise noch tschechische Kronen überhaben. Also erstmal volltanken. Leider bleibt trotzdem noch einiges übrig, so dass wir uns dazu gezwungen sehen, uns unter äußerst starken Schamgefühlen zu den verhassten Verkaufsbuden hinzuschleichen. Ich sehe mich ständig um, um mich zu vergewissern, dass mich hier keiner kennt. Dies ist zwar extrem unwahrscheinlich, wäre aber außerordentlich peinlich. Letztenendes lasse ich mir aus Mangel an Alternativen von einer Vietnamesin eine Cypress-Hill-Raubkopie für nen Zehner andrehen, während Jean-Louis, von der fatalsten Art seines schwarzen Humors gepackt, sich unter diversen Vorwänden den allerkitschigsten Billig-Gartenzwerg krallt, um ihn, wie er meint, zu Hause einem verhassten Kumpel zu schenken. Uns über diesen wohl fiesesten seiner Einfälle extrem amüsierend, latschen wir zum Auto zurück, und ich bemerke an einem weiteren Stand CDs mit rechter Musik. Interessant, dass man ausgerechnet an einem Vietnamesenstand in der Tschechei Nazi-Musik bekommt. Wie sehr wollen sich die Händler hier eigentlich noch erniedrigen?
Ein paar Minuten später sind wir an der Grenze, der wortkarge deutsche Zöllner quetscht mit ernstem Gesicht ein verstümmeltes "Guten Tag" heraus, wundert sich, dass ich ihm meinen Pass in die Hand drücken will, und winkt mich wortlos weiter. Endlich wieder zuhause. In spätestens drei Tagen werde auch ich wieder so ein typischer Deutscher sein.
Ich bekomme, warum auch immer, schlechte Laune, fahre weiter nach Berlin, wo wir so gegen 18 Uhr ankommen. Erstmal nach Hause, wo Jean-Louis seine hiergelassenen Sachen zusammensucht, dann zum Busbahnhof. Wir beide hoffen, dass noch ein Platz im Bus nach Paris frei ist. Leider nicht. Wir kaufen ein Ticket für den morgigen Abend. Da ich nach wie vor miesgelaunt bin, finde ich es extrem lästig, mich noch einen Abend mit meinem Kumpel herumärgern zu müssen. Also zurück nach Hause, Bier zischen, Kram teilweise auspacken, schlafen gehen. Für mich ist die Reise hiermit zu Ende.

Am nächsten Abend bringe ich meinen Franzosen zum Busbahnhof, teilweise traurig, teilweise erleichtert darüber, ihn endlich los zu sein. Sechs Wochen Tag und Nacht zusammen mit jemandem zu sein, ist das Limit, geht mir durch den Kopf. 
Wir legen trotzdem spontan fest, das nächste Jahr eine ebensolche Reise nach Marokko zu machen. Dann steigt Jean-Louis in seinen Bus und fährt los.

Weil meine Eltern noch verreist sind, bin ich eine Woche ganz allein zu Hause und sehr froh darüber, mit niemandem reden zu müssen und nur abzuchillen.

Dann fängt mein Zivi an.