Vier Stunden später,
es ist etwa fünf Uhr morgens, wache ich zusammengekauert auf dem Fahrersitz
auf, merkwürdigerweise ohne Nackensteifigkeit oder ähnlich nervigen
Randerscheinungen. Ich greife nach dem Zündschlüssel, drehe ihn
um und fahre sofort los, Jean-Louis wacht fast mit mir gleichzeitig auf.
Wir haben noch einige Forint
von der Hintour in der Tasche, und wider Erwarten stellt sich nach langwierigem
da morgendlichem Kopfrechnen heraus, dass das Geld auch für die Autobahn
reichen muss. Daher nehmen wir diese dann auch. Sie ist noch fast leer.
So langsam weicht die milchige Dämmerung mit ihren hier anscheinend
üblichen leichten Nebelschwaden dem Tag, und irgendwann fahren wir
über einen Stadtring an Budapest vorbei und dann nach Westen.
Die Autobahn zwischen Györ
und Bratislava ist noch nicht ganz fertig und merkwürdigerweise überhaupt
nicht befahren, so dass ich schon befürchte, versehentlich eine Absperrung
übersehen zu haben. Bald sind wir an der slowakischen Grenze.
Die Grenzabfertigung geht
schnell vonstatten. Da wir wieder zu faul oder zu geizig sind, für
die Slowakei Geld zu tauschen, können wir uns natürlich keine
Autobahnplakette kaufen. Bis Bratislava mogeln wir uns auf einer Art Schnellstraße
durch, von der wir nicht genau wissen, ob hierfür eine Plakette erforderlich
ist.
Daher sind wir froh, in
Bratislava anzukommen, weil uns ab hier noch von der Hintour eine Landstraße
bekannt ist. Diese nehmen wir, und wie im Fluge sind wir auch schon an
der tschechischen Grenze.
Diese dauert merkwürdigerweise
recht lange. Es bildet sich eine Autoschlange, bemerkenswerterweise ist
jeder zweite, der hier ansteht, ein Deutscher. Ich fühle mich leider
schon fast wieder zuhause, als einer von Vielen.
Die Grenzabfertigung dauert
etwa eine Stunde, offensichtlich schikanieren sich die Tschechen und Slowaken
an der Grenze gegenseitig. Nach der Passkontrolle will ich auf einem Parkplatz
mit einer absurd angebrachten Bordsteinkante anhalten, um die Pässe
zu verstauen, und dummerweise setze ich auf eben diesem Bordstein auf.
Ich steige vorsichtshalber aus, um zu sehen, ob irgendwas zu Schaden gekommen
ist, weil ich seit dem fatalen Aufsetzer in der Türkei einen gewissen
Respekt vor Zwischenfällen dieser Art habe.
Ich sehe unters Auto und
bemerke, dass es unter dem Tank leicht feucht ist, aber ich finde kein
Leck und fahre etwas besorgt weiter. Auf der Autobahn nach Brno beobachte
ich skeptisch den Dieselstand, bis mir und Jean-Louis etwa gleichzeitig
auffällt, dass sich der Pegel überdurchschnittlich schnell verringert
hat. Sollte sich so kurz vor Ende der Fahrt noch eine Panne anbahnen? Ich
fahre auf den nächste Raststätte und sehe mir den Fleck unter
dem Tank an, der sich offensichtlich nicht verändert hat. Also Fehlalarm.
Wahrscheinlich war der Tankanzeigen-Effekt nur Einbildung.
Zwischen Brno und Prag wird
das Gelände gebirgig und ich strapaziere den guten alten Golf
mit einem längeren Vollgas-Intermezzo, das ihm offensichtlich nichts
ausmacht.
Bald fahren wir durch Prag,
dann weiter Richtung Dresden. Irgendwo hört die Autobahn auf, es geht
auf einer Landstraße weiter, so langsam nähern wir uns der Grenze,
und in direkter Abhängigkeit zu diesem Fakt steigt die Anzahl der
schrill und spärlich bekleideten Damen am Straßenrand. Natürlich
fehlt es auch nicht an den provisorischen Gartenzwerg-Verkaufsbuden. Verächtlich
über mein peinliches spießerhaftes Volk nachdenkend, bemerke
ich, dass wir dummerweise noch tschechische Kronen überhaben. Also
erstmal volltanken. Leider bleibt trotzdem noch einiges übrig, so
dass wir uns dazu gezwungen sehen, uns unter äußerst starken
Schamgefühlen zu den verhassten Verkaufsbuden hinzuschleichen. Ich
sehe mich ständig um, um mich zu vergewissern, dass mich hier keiner
kennt. Dies ist zwar extrem unwahrscheinlich, wäre aber außerordentlich
peinlich. Letztenendes lasse ich mir aus Mangel an Alternativen von einer
Vietnamesin eine Cypress-Hill-Raubkopie für nen Zehner andrehen, während
Jean-Louis, von der fatalsten Art seines schwarzen Humors gepackt, sich
unter diversen Vorwänden den allerkitschigsten Billig-Gartenzwerg
krallt, um ihn, wie er meint, zu Hause einem verhassten Kumpel zu schenken.
Uns über diesen wohl fiesesten seiner Einfälle extrem amüsierend,
latschen wir zum Auto zurück, und ich bemerke an einem weiteren Stand
CDs mit rechter Musik. Interessant, dass man ausgerechnet an einem Vietnamesenstand
in der Tschechei Nazi-Musik bekommt. Wie sehr wollen sich die Händler
hier eigentlich noch erniedrigen?
Ein paar Minuten später
sind wir an der Grenze, der wortkarge deutsche Zöllner quetscht mit
ernstem Gesicht ein verstümmeltes "Guten Tag" heraus, wundert sich,
dass ich ihm meinen Pass in die Hand drücken will, und winkt mich
wortlos weiter. Endlich wieder zuhause. In spätestens drei Tagen werde
auch ich wieder so ein typischer Deutscher sein.
Ich bekomme, warum auch
immer, schlechte Laune, fahre weiter nach Berlin, wo wir so gegen 18 Uhr
ankommen. Erstmal nach Hause, wo Jean-Louis seine hiergelassenen Sachen
zusammensucht, dann zum Busbahnhof. Wir beide hoffen, dass noch ein Platz
im Bus nach Paris frei ist. Leider nicht. Wir kaufen ein Ticket für
den morgigen Abend. Da ich nach wie vor miesgelaunt bin, finde ich es extrem
lästig, mich noch einen Abend mit meinem Kumpel herumärgern zu
müssen. Also zurück nach Hause, Bier zischen, Kram teilweise
auspacken, schlafen gehen. Für mich ist die Reise hiermit zu Ende.
Am nächsten Abend bringe
ich meinen Franzosen zum Busbahnhof, teilweise traurig, teilweise erleichtert
darüber, ihn endlich los zu sein. Sechs Wochen Tag und Nacht zusammen
mit jemandem zu sein, ist das Limit, geht mir durch den Kopf.
Wir legen trotzdem spontan
fest, das nächste Jahr eine ebensolche Reise nach Marokko zu machen.
Dann steigt Jean-Louis in seinen Bus und fährt los.
Weil meine Eltern noch verreist
sind, bin ich eine Woche ganz allein zu Hause und sehr froh darüber,
mit niemandem reden zu müssen und nur abzuchillen.
Dann fängt mein Zivi
an. |