Nach einer recht unruhigen
Nacht beschließen wir trotzdem, in dem Hotel in Debeletz noch mal
zu übernachten, da wir 1) heute aus dem Gebiet Tarnovo nicht herauskommen
- es gibt hier genug zu besichtigen, 2) weil wir keinen Bock haben, ein
anderes Hotel zu suchen und 3) weil das Hotel an sich OK ist. Man hat uns
aufgrund meiner Beschwerde über die Hitze sogar ein anderes, kühleres
Zimmer gegeben - sind ja eh fast alle frei.
Wir brechen also nach Veliko
Tarnovo auf, sehen uns dort erst ein totlangweiliges Museum an, das sich
im von K. Fitschev erbauten, hübschen Konak befindet. Ich ärgere
mich mit einer Kassiererin rum, die nicht auf einen 50-Leva-Schein rausgeben
kann und erstmal Geld holen muss. Das Museum soll die bulgarische Unabhängigkeitsbewegung
dokumentieren (es sind lediglich Kopien von Fotos von irgendwelchen Generälen
und anderer Papierkram zu bestaunen, aber keine wirklich interessanten
Exponate. Ausserdem ist alles nur auf bulgarisch erklärt.) Also beschränke
ich mich darauf, schnell überall durchzurennen, vielleicht steht ja
irgendwo doch noch was vernünftiges, und ich beobachte dann lieber
die anderen wenigen Spinner, die sich hierhin verirrt haben und gemächlich-bedächtig
durch die Räume schlendern und so tun, als würden sie sich die
Texte durchlesen. Einer von ihnen ist ein ganz hartnäckiger Knabe.
Nach etwa einer Viertelstunde
sind wir wieder draußen, sogar mein Franzose, der Museumsfetischist,
ist zutiefst enttäuscht.

Wir also weiter zum Zarevetz
(Burgberg), wo ich als Bulgare mit einem Pfennigbetrag an Eintritt davonkomme.
So viel, wie ich dachte, gibt es dort aber leider nicht zu sehen - am besten
ist immer noch die Patriarchenkirche, die vor etwa 20 Jahren wiederaufgebaut
wurde (vorher mal von einem Erdbeben zerstört worden) und innen dementsprechend
mit sozialistisch-heroisierenden Darstellungen befreskt ist. Komischerweise
sehe ich dort drei japanische Touristen, sonst aber überhaupt keine,
nicht mal europäische.
Nun denn. Wir steigen von
dort aus ins Tal hinunter, wo sich einige alte Kirchen befinden - eine
dicke Schlüsselfrau mit ebensolchem Leberfleck im Gesicht und leichtem
Kaffeemundgeruch zeigt uns für etwas Geld zwei der Kirchen. Sie hört
gar nicht mehr auf, zu erklären und zu erzählen. Und das, wo
ich doch kaum bulgarisch verstehe und mein Franzose erst recht nicht. Fragt
sich nur, ob es mich interessieren würde, falls ich es verstünde.
Wohl kaum. Nach mehrmaligem dezentem Unterbrechen und Daraufhinweisen,
sieht sie ein, dass sie umsonst labert und lässt uns in Ruhe. Aber
die Kirchen sind schön und alt.
Wir klettern danach durstig
den Berg zum Auto wieder hoch, füllen einige Plasteflaschen an einem
Stadtbrunnen ab, ist wohl Trinkwasser, und fahren nach Arbanassi, einem
bloß 4 km entfernten Dorf.
Dort honken wir erstmal
zum Dorfkiosk, um uns Eintrittskarten für die Sehenswürdigkeiten
zu holen. Leider haben nur zwei davon offen. Zuerst besichtigen wir ein
altes Haus, welches mir ein paar Ideen für die architektonische Gestaltung
meines zukünftigen Hauses bringt (falls ich je eins bauen sollte),
dann geht es rüber zu einer von außen sehr schlichten Kirche,
die innen aber von prächtigsten Fresken bedeckt ist, und von der aus
man zu einer ehemaligen Residenz des einstigen bulgarischen Staatsratsvorsitzenden
Shivkov rübersehen kann.
In der Kirche raunzt mich
prompt eine alte Frau, die gerade einen Haufen älterer, prolliger
deutscher Sieh-mal-einer-an!-Touristen rumführt, auf bulgarisch an
und meint, ich solle erstmal draußen bleiben. Ich finds echt toll,
dass man mich nicht als ausländischen Touri erkennt. Nun denn.
  
Als die kurzzeitinteressierten Badeurlaub-mit-Option-auf-Sightseeing-Bucher,
die wohl mal meinten: „Ach, ich tu jetz mal was für meine kulturelle
Bildung und lerne das Land kennen“, draußen Postkarten und
Bildbändchen kaufen wollen, übersetze ich angeberisch ein bisschen,
gebe Ratschläge und komme mir extreem cool vor. Mir fällt wieder
einmal auf, wie saublöd einige Leute sind. „Ich will aber ein Buch
von der Stadt da drüben, wie hieß die denn bloß?“ „Ist
das auch mit dem Ort hier drin?“ „Ach, gibt’s das auch von diesem Ort?
Achso, na dann doch lieber das.“
Ich kauf mir ein Arbanassi-Heft
und wir fahren zum Sv-Troiza-Kloster, dessen Weg von der Straße zurück
nach Veliko Tarnovo abzweigt. Laut Führer soll die Straße grottenschlecht
sein, sie wurde aber gerade erneuert. Wir halten vor dem Kloster, dessen
Pforte verschlossen ist, ich poche dreimal, wir wollen gerade wieder gehen,
da kommt eine verschlafene Nonne und meint, wir kämen ungelegen, da
gerade Mittagsruhe herrscht. Sie fragt uns, ob uns das niemand gesagt hat,
ich sage nee und wunder mich, sie sagt, ich solle das mit der Mittagsruhe
mal den anderen sagen, ich wunder mich noch mehr. Sie meint wohl, dass
wir das Kloster nur vom Hörensagen kennen und hat wohl noch nie etwas
von Reiseführern gehört und noch nie das Schild unten an der
Hauptstraße gesehen, das zu dieser Sehenswürdigkeit führt.
Da ich die Klosterruhe nicht
stören will, lenke ich kleinlaut ein, aber sie lässt uns mit
einer beiläufigen Geste rein. Wir gucken uns schnell die Kirche an,
die innen renoviert und, wenn ich es recht in Erinnerung habe, gefliest
(!) wird, und verlassen das Kloster möglichst schnell, da ich mich
hier irgendwie nicht willkommen fühle.
Wir fahren weiter zum Preobrashenski-Kloster
am gegenüberliegenden Berghang, einem Mönchskloster. Mein Franzose
findet es witzig, dass sich die Mönche und die Nonnen vom gegenüberliegenden
Kloster sich über das Tal hinweg huhu zurufen und anwinken könnten.
Das Preobashenski-Kloster
ist recht verfallen. Die Kirche ist aber sehr schön und einen Besuch
wert, wegen der Fresken und dem guten Kirchengeruch.
Im
Kloster wohnt wohl nur noch ein einziger Mönch, ein winziger, buckliger
Tattergreis, der uns in die Kirche hineinlässt. Nach einem kurzen
Schwätzchen sehen wir uns die Kirche an, und ich kann nur beteuern,
wie schön sie sei. Daraufhin fragt er, wo ich herkomme, ich sage Deutschland,
er fragt, wieso ich dann bulgarisch kann, ich sage wegen meinen Vorfahren,
er fragt wo mein Vater denn genau herkommt - komisch, jeder fragt hier
nach meinem Vater.
Tja, bald wird dieses Kloster
wohl völlig vereinsamt sein.
Nach der Besichtigung fahren
wir unter Veliko Tarnovo durch (es gibt einen Tunnel) und Richtung Elena
weiter. Unterwegs kommen wir am Pantelimon-Kloster im Dorf gegenüber
von Debeletz vorbei. Es handelt sich um ein neueres Kloster (voriges Jahrhundert),
das in keinem unserer Reiseführer drinsteht und das wir nur zufällig
entdecken. Ein Mönch schließt und wiederum die Kirche auf, die
diesmal nicht so besonders ist - dafür aber typisch und ganz untouristisch.
Wir honken weiter über
irgendwelche Dörfer nach Elena, es ist aber schon spät und wir
fahren über eine andere Straße zurück nach Debeletz. Eigentlich
müssten wir unterwegs an weiteren Klöstern vorbeikommen, aber
wir haben keine Lust mehr zu suchen. Die Straße von Elena nach Debeletz
ist landschaftlich schön, sehr schmal, kurvig und oft zugewachsen,
daher muss man höllisch aufpassen, ob Gegenverkehr kommt. Dieser taucht
aber quasi nie auf. Die Straße ist überhaupt nicht ausgeschildert
(!), es gibt lauter Verzweigungen und die Dörfer haben nicht einmal
Ortseingangs- geschweige denn Ortsausgangsschilder. Zufällig finden
wir aber das völlig unbewohnte und verfallene Erzengel-Michael- Kloster,
können von der Straße aus aber keine Kirche ausmachen und fahren
daher nach einer kurzen Pinkelpause weiter.
  
Wir sind froh, dass wir dann doch ohne Probleme unser Hotel finden, wo
wir nochmals eine Abendbrot-Orgie einlegen und dann ins Bett plumpsen.
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