Das Wort taufen entstammt derÜbersetzung aus dem griechischen baptizein,
das der Bedeutung von Eintauchen, Untertauchen entspricht. Im Wortschatz der
christlichen Goten lautet es daupjan, woraus sich unser Wort taufen entwickelte.
Wer von der nördlichen auf die südliche Halbkugel mit einem Schiff
reiste und dabei erstmals die unsichtbare Linie, den Äquator überquerte,
musste eine Taufe über sich ergehen lassen, oder wie es ebenso häufig
genannt wurde, er musste gehänselt werden.
Hänseln bedeutete ursprünglich in eine Gesellschaft aufgenommen zu
werden. Die Aufnahme und die Gewährung der Rechte der Gesellschaft setzten
zweierlei voraus: zum einen die Entrichtung der "Hänse", zum
anderen das Bestehen harter Mutproben. Die Mutproben haben ihren Ursprung in
den Bräuchen der Völker des Altertums, wo die jungen Männer auf
kultischen Festen in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wurden.
Die Taufe am Äquator ist der einzige Hänselbrauch in der Schifffahrt,
der Jahrhunderte überdauerte.
"... Die wahrscheinlich früheste Beschreibung einer Taufe am Äquator
stammt von einem Mönch namens Parmentier, der sie während einer Reise
an Bord eines französischen Schiffes 1529 erlebte."
... In einer Übersetzung aus dem Jahre 1706 heißt es in den Zee-
und Landreysen: "Als wir sind vnder dem Gürtel der ganzen Welt hingefahren,
haben die Schiffleute mit sonderlicher Solenitet jhren Gebrauch vnd Gewohnheit
mit dem Hänsel begangen. Sie bunden diejenigen, welche zuvor nie da gewesen,
vnd die AEquinoctiallinien vbersegelt hatten, an Seihel, liessen sie von den
Schiffen hinunder, dünckten sie vnder Wasser. Sie schwertzten auch Thücher
an einem Kessel, vnd machten jhnen das Angesicht damit schwartz. Wer sich will
mit Gelt ablösen, ist hiervon gefreyhet. Auff solcheweiss werden nun dieselbigen
zu einem ewigen gedöchtnuss gehänselt, wie dann auch mir dazumal widerfahren
ist."
Unter dem Titel "Reisen nach den portugiesischen Perleninseln"
schrieb 1678 Amman: "... allda haben sie diejenigen, so den Orth niemal
gesehen, oder dessen höhe passiert, getauft: daß ist, sie haben dieselbigen
an dem grossen Segelbaum oder Raa 3 mal aufgezogen, und in das Meer fallen lassen;
es ließen sich 6 also tauffen, andere aber kauften sich mit Gelt ledig;
die kleinen Knaben aber setzten sie unter einen großen Korb, und begossen
selbige mit 1 oder 2 tonnen Wasser auf einmal."
Ähnliches wird berichtet von einer Schiffsreise nach London 1712, wo das
Ins-Wasser-lassen noch etwas ausführlicher beschrieben wird. "...
Oben an der Raa oder an der Stange quer über an dem großen mittleren
Mastbaum machen die Schiffsleute ... ein Seil, in daß selbe einen Prügel,
darauf man sitzen muß... der Hänselnde wird plötzlich herunter
ins Wasser gelassen über den Kopf hinaus und solches dreimal; wer diese
Hudelay überhoben sein will, welches sie strictissimie halten, muß
sich mit einem Trinkgeld abkauffen."
Laut Überlieferung war der Äquator nicht der einzige Ort, an dem in
der Schifffahrt getauft wurde. Bekannt waren Gibraltar, Firth of Forth, Nordkap.
Cape Finisterre, Cape St. Vincent, die Dardanellen, Kap Race, die Neufundlandbänke,
Kap Horn, Kap der Guten Hoffnung, schließlich der Wendekreis des Krebses
und des Steinbocks“, Tropicus Cancri und Tropicus Capricorni.
Die Polartaufe ist etwa seit 1700 in diesen Gewässern bekannt und wurde
ursprünglich von den Walfängern vorgenommen. Die Zeremonie war ähnlich
der am Äquator. Wegen der klimatischen Bedingungen wurde kaum in der offenen
See getauft. Südpolartaufen gab es selten.
Der Naturwissenschaftler und Weltreisende Johann Reinhold Forster, der von 1772
bis 1775 mit James Cook an dessen zweiter Weltreise teilnahm schreibt in seiner
"Reise um die Welt":"Am neunten September 1772 passirten
wir die Linie bei einer gelind wehenden Luft. Unsere Matrosen tauften ihre Cameraden,
welche sie noch nicht passirt hatten und sich nicht durch Trinkgelder loskaufen
wollten. Wer die Salztaufe über sich ergehen ließ, zog sobald die
Operation vorbei war, frische Wäsche und Kleider an, und da das auf der
See besonders bei heißem Wetter nicht zu oft geschehen kann, so war ihnen
das Untertauchen, anstatt eine Strafe zu sein, vielmehr heilsam und gesund.
Für die Trinkgelder der Uebrigen wurden starke Getränke angeschafft,
und diese vermehrten die Lustigkeit und Laune, welche den herrschenden Charakter der
Matrosen ausmacht."
Adelbert von Chamisso , der von 1815-1818 auf dem russischen Segler "Rurik"
unter dem Kommando des Kapitäns Otto von Kotzebue eine Entdeckungsreise
rund um die Welt machte, schrieb in sein Tagebuch: "Am 23. November
um 6 Uhr Abends durchkreuzten wir zum ersten Mal den Aequator. Die Flagge ward
aufgezogen, alles Geschütz abgefeuert und ein Fest auf dem Rurik begangen.
Die Matrosen, die alle Neulinge waren, wußten nicht recht, was sie thun
sollten, und ihr Neptun war ziemlich albern. Aber eine ausnehmende Freudigkeit
herrschte unter ihnen, und eine Komödie, die sie aufführten, beschloß
spät und ergetzlich den Tag. Punsch war ihnen in hinreichender Menge gereicht
worden."
Auch Friedrich Wilhelm von Preußen (1620-1688) erließ ein Dekret
in dem es unter anderem heißt: "Weil bei den Seefahrenden Leuten
vor Alters bewilligt, dass sie auf der Hö¶he von Barles taufen mögen
und dies immer wieder geschieht, ungeachtet, dass oft Unglück daraus entsteht,
also dass den Leuten durchs lange Nachschleppen das Blut aus Nase und Maul ausläuft,
auch einigen verstickt geblieben"“ soll von jeden Neuling eine Kanne Wein
an die Speisegemeinschaft gegeben werden. Damit soll das alte Recht abgelöst
sein, heißt es in dem Dekret. Auf keinen Fall soll jedoch die Sitte des
Taufens ganz verboten werden, steht weiter geschrieben, weil dann ein Unheil
zu befürchten sei, "denn die Matrosen werden von dem Seerecht nicht
abstehen, solltens auch andere mit dem Tode erkaufen".
Quelle: Getauft mit Linienwasser und Sekt, VEB Hinstorf Verlag, Rostock, 1983
Im "Grossen vollständigen Universal-Lexikon" von Johann Heinrich Zeller,
erschienen zwischen 1732 und 1754, findet sich eine geradezu anekdotisch zugespitzte
Taufbeschreibung, aus der gewiss zu erlesen ist, dass schon sehr früh und
sehr konsequent vor allem gefoppt und Komödie gespielt wurde: " ...
Diejenigen, so albereit dabey gewesen, kleiden sich so seltsam aus, als sie
ersinnen können, mit alten Lumpen, Flachsbärten, Perüquen usw.
Einer hat eine Passkarte in seiner Hand, in der anderen einen Säbel oder
Schuhschwartz, die anderen haben Pfannen und Kessel auf den Köpfen, Feuerhaken,
Bratspiese, Röste und dergl. in Händen. Die Neulinge werden einer
nach dem andern herzugerufen, auf den Rand eines Zubers, der mit Wasser gefület,
gesetzt; man läst ihn die Hand auf die Karte legen und versprechen, dass
er mit andern seinesgleichen es künftig auch so halten wolle, wie an ihm
jetzo gethan wird, sodenn wir ihm Seewasser unter das Gesicht gesprengt, ein
Zeichen mit Schwärtze vor die Stirn gemacht, und gefragt, ob er sich mit
einem Trinkgelde lösen wolle. Thut er es, so wird er losgelassen, wo nicht,
wird er in den Zuber gestürzt, und mit Dwailen oder Schiffsbesen lustig
gescheuret." Das erscheint allerdings eine harmlose Angelegenheit zu sein.
Ganz anders klingt die Beschreibung von den "Nykamern", den Neulingen die Rede
ist: man rasierte sie mit großen Messern, ließ sie riesige Pillen
schlucken, den "Hansebecher" mit übler Flüssigkeit leeren, hängte
sie in einem Sack über das Feuer in den Rauch, warf sie in einen Sumpf
und badete sie in eisigem Wasser. Sie mußten Prüfungen über
sich ergehen lassen bei denen ihnen oft "der hals und rugge knackede, ock nese
und munt blodele, welckes se alles vor leef nehmen mosten" - der Hals und Rücken
knackte, auch Nase und Mund blutete, was sie alles erdulden mußten. Vielleicht
hat aber auch hier die witzige Redensart über einen Kahlköpfigen:
büst woll to vül oewer den Aequator sägelt, ihren Ursprung.
Weitaus schlimmer war noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf
einigen Schiffen das übliche Kielholen. Wobei vorwiegend die Schiffsjungen
so getauft wurden. überliefert ist: "Wenn se de Sünnenlinien
passiert hebben, hebben se de Jungs unnerm Keel dörchhaalt."
Quelle: "Himmelsbesen über weißen Hunden", Konrad Reich,
Martin Pagel, transpress VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin, 1981)