Was IST Rollenspiel eigentlich GENAU???



Rollenspiel (oder RPG, für Role Playing Game, dem englischen Ausdruck), bezeichnet prinzipiell den Vorgang, wenn eine Gruppe von Personen in die Rolle fiktiver Wesen schlüpft und es sich zur Aufgabe macht, diese Wesen mit Worten, Gesten und Mimik darzustellen.


In der Theorie war es das schon. In der Praxis allerdings gehört noch ein wenig mehr dazu.



Eine Rollenspielgruppe besteht immer aus mehreren Spielern (normalerweise zwischen 2 und 8, ich persönlich finde 3-4 Spieler optimal) und einem sog. Master ("Meister" zu deutsch). Während jeder der Spieler sich einen "Charakter" ausdenkt, den er im Laufe der "Rollenspielrunde" bzw. "Rollenspielsitzung" verkörpern möchte, übernimmt der Meister die "Spielleitung". Der Meister hat eine sehr wichtige Funktion, ohne die eine Rollenspielrunde nicht möglich ist. Er beschreibt und verkörpert nämlich alle Wesen und Dinge, mit denen die Charaktere im Laufe der Sitzung interagieren können. Ein Beispiel aus meiner Runde soll helfen, das Gesagte verständlich zu machen.

Ich treffe mich mit 3 Freunden, Manfred, Patrick und Sebastian, um eine Runde RPG zu "zocken". Wir spielen das RPG-System "Earthdawn", und Manfred entscheidet sich, einen menschlichen Bogenschützen zu spielen. Patrick möchte lieber einen jungen Menschenmann spielen, der seinen kleinen Heimatweiler verlassen hat, um die große weite Welt zu erkunden. Sebastian schließlich wird einen zwergischen Händler spielen, der davon träumt, einmal ein bekannter und überall geschätzer Herr eines Handelsimperiums zu sein. Ich als Master schließlich habe die Aufgabe, diese Gruppe junger Abenteurer zu "mastern". Das sieht dann folgendermaßen aus:



Spielleiter: Patrick, nachdem dein Charakter seine Habseligkeiten zu einem handlichen Bündel verschnürt hat, sich von seiner Familie verabschiedet und seinen Freunden Lebe wohl gesagt hat, reist er nun schon seit mehreren Stunden auf der breiten Pflasterstraße, die sein Dorf mit Kratas, der größten Stadt in mehreren Tagesreisen Entfernung, verbindet. Dein Charakter ist erst am frühen Nachmittag von zu Hause losgezogen, und so dämmert es mittlerweile bereits, als dein Charakter in einem Talkessel ein kleines Dorf liegen sieht. Rauch kräuselt sich aus etwa einem Dutzend Schornsteinen in Richtung Himmel, und aus der Ferne ist schon das friedliche Geblöcke einer Schafherde zu hören, die am Rande der Siedlung weidet. Was tut dein Charakter?

Die gesamte gelieferte Beschreibung wird dem Spieler vom Spielleiter gegeben, damit dieser seinen Charakter entsprechend den Beschreibungen handeln lassen kann. In unserem Fall hat Patrick folgendermaßen für seinen Charakter geantwortet:
Patrick: G'Rahl beschleunigt seine Schritte in der freudigen Erwartung einer Taverne, in der er seine müden Füße hochlegen und ein warmes Abendmahl genießen kann. Und auch die Aussicht auf eine Unterhaltung mit einigen Fremden stimmt ihn fröhlich.
Spielleiter: Sebastian, dein Charakter hat von seinem Vater den Auftrag erhalten, einem alten Freund der Familie, der in der nahegelegenen Menschensiedlung Tar'na'ush lebt, ein Paket zu übergeben. Dein Vater hat dir nicht gesagt, was sich in dem Paket befindet, und er hat dich angewiesen, es auf keinen Fall zu öffnen, sondern nur Xtan-auf-Sonnenstrahlen-schwimmend zu übergeben. Bisher hat sich dein Charakter an die Anweisungen seines Vaters gehalten, und mittlerweile hat die Wanderung deinen Charakter schon zu dem Dorf geführt, bevor er sich überhaupt bewusst geworden ist, dass er sich auf den Weg gemacht hat.
Sebastian: Ich betrete das Dorf ohne mich viel umzusehen. Dorf ist Dorf, und ich will nur noch schnell das Paket abgeben, bevor ich mir eine Unterkunft für die Nacht suche und am nächsten Morgen früh weiter reise. Ich habe mir in den Kopf gesetzt die Stadt Kratas, eine wahre Handelsmetropole, am nächsten Abend noch vor Schließen der Tore zu erreichen. Ich frage die nächste Person, die ich sehe, nach dem Weg zu der Behausung von Xtan-auf-Sonnenstrahlen-schwimmend.
Spielleiter: Also gut. Dein Charakter, Thorin Silberfels, erblickt eine alte Frau, die auf einer verwitterten Holzbank vor einer Holzblockhütte sitzt, die ebenso alt und morsch zu sein scheint wie die Frau selbst. Thorin fragt nach dem Weg zu Xtan, und die Frau antwortet nach einiger Zeit, in der sie angestrengt zu überlegen scheint:"Xtan? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, er ist schon vor vielen Wintern von hier fort...Aber mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es einst war. Fragt doch am besten Jerok Schmiedentrümmer, den Besitzer der Taverne "Eiszeit" gleich zu Eurer Rechten."
Sebastian: Ich antworte dem Muttchen. Ich sage:"Danke für die Hilfe, alte Frau. Ich werde den Rat befolgen." Mit diesen Worten wende ich mich von der Frau ab und suche die Taverne auf.



An diesem kleinen Beispiel lässt sich viel deutlich machen. Jeder Spieler beschreibt die Handlungen (und teilweise auch Gedanken) seines Charakters. Der Meister beschreibt alles Andere: Normalerweise also die Welt, wie sie von den Charakteren wahrgenommen wird.

Aber auch andere Details werden deutlich. Ich zum Beispiel adressiere die Spielercharaktere auch immer als "dein Charakter", während Patrick seinen Charakter mit dem von ihm verliehenen Namen "G'Rahl" anspricht. Sebastian spricht von seinem Charakter in der Ich-Form. Meiner Erfahrung nach geht jede Rollenspielrunde irgendwann dazu über, in der Ich-Form von den Charakteren zu sprechen. Das ist, wenn man erst einmal mit dem Rollenspiel vertrauter ist, einfach angebrachter, um den Charakter darzustellen.
Natürlich bedeutet es nicht, nur weil Patrick sagt "Ich springe aus dem Fenster, ziehe mein Kurzschwert und greife das Monstrum vor meiner Herberge an", dass Patrick tatsächlich aufsteht, zum nächsten Fenster rennt, hinaushechtet und den Nachbarn attackiert!

Rollenspiel ist "Theaterspielen für Arme und Faule", d.h. im Grunde spielt man Theater, OHNE tatsächlich die Aktionen zu unternehmen, die die gespielte Gestalt ausführt. Tatsächlich beschreibt der Spieler diese Aktionen nur, unterstützt von Gestik und Mimik. Wenn ein Charakter also flüstert, kann (und sollte) der Spieler das auch tun, aber der Spieler wird niemals auf dem Rücken eines Pferdes versuchen einen Kopfstand zu machen und dabei noch die Wurzel aus 3125 ziehen, nur weil der Charakter das tut!



Es kommt häufig vor, dass Menschen Rollenspiel folgendermaßen beschreiben: "Was soll ich sagen? Dicke Bücher, viele Regeln, unglaublich viel nachlesen in diesen Rollenspielbüchern, endloses Gewürfel..."

DAS IST KEIN ROLLENSPIEL.

Klar, Rollenspiel(regel)bücher gibt es, und eigentlich jede Runde nennt das eine oder andere dieser Werke sein eigen. Und zwar aus gutem Grund. Die meisten Rollenspiele sind nicht realistisch. Niemand (zumindest niemand den ich kenne) ist an einer realistischen Simulation der Welt, wie sie sich präsentiert, interessiert. Dazu brauche ich kein Rollenspiel, dafür muss ich nur vor meine Haustür treten. Wenn ich aber einen Ritter im Jahre 1354 spielen will, oder einen Elfen aus J.R.R. Tolkien's "Herr der Ringe", dann muss ich mir SEHR VIELE GEDANKEN machen. Was sind Elfen? Wie sind sie? Was arbeiten sie, wie leben sie, wo leben sie, wofür leben sie? Und mehr noch? Wie sieht der Ort aus, an dem sie leben? Warum sieht er so aus?
Rollenspieler wollen zwar fiktive Helden in fiktiven Welten spielen, aber trotzdem soll das alles "realistisch" wirken. Darum ist in Regelbüchern definiert, WER und WAS usw. z.B. Elfen sind. Je nach Rollenspielsystem sind diese Bücher unterschiedlich. Die Beschreibung eines Elfen im Rollenspiel "DSA" (Das Schwarze Auge) weicht deutlich von der Vorstellung eines Elfen in "Earthdawn" ab. Man kauft diese Bücher, um sich die Arbeit zu sparen, sich alles selbst auszudenken.


Rollenspielbücher gibt es im Versandhandel, im gutsortierten Buchladen und in speziellen Rollenspielgeschäften.








Diese Rollenspieleinführung kann und soll nur einen ersten Einblick in das Genre bieten und ist nicht als letztendliche und allumfassende Definition des Begriffes "Rollenspiel" gedacht. Bei wem das Interesse an RPG geweckt wurde und wer noch mehr wissen will sollte einfach in Buchläden in Rollenspielregelwerken schmökern, andere Seiten im Netz (siehe auch unter Links mit der gleichen Thematik aufsuchen oder mir einfach eine Mail schreiben.



Wem diese Einführung so imponiert hat, dass er sie gerne herunterladen, in höchster Qualität ausdrucken und eingerahmt an die Decke über seinem Bett hängen möchte, dem will und kann ich natürlich nicht im Weg stehen: Hier findet Ihr mein Meisterwerk als Word-Dokument.