Kinseyskala
Definition
17.-20.
Jhd.
Homosexualität
als Krankheit
Kinseyskala: Alfred Kinsey, ein berühmter Sexualforscher fand heraus, dass sexuelle
Neigungen und Sexualverhalten nur selten eindeutig festgelegt sind. Während
manche Menschen sich ausschließlich zum gleichen oder anderen Geschlecht
hingezogen fühlen, bewegen sich die meisten Menschen zwischen den beiden Polen:
Ausschließlich
heterosexuell = 0, ausschließlich homosexuell = 6:
Homosexualität ist ein
Aspekt der äußerst
vielgestaltigen menschlichen Sexualität. Sie findet sich in allen Kulturen und Epochen der Weltgeschichte.
(griechisch-lateinisch)
gleichgeschlechtliche Liebe (Urningtum); die sexuelle Neigung ist auf das
gleiche Geschlecht gerichtet und gleichzeitig mit Interesselosigkeit und
Abneigung gegen sexuelle Handlungen mit Partnern des anderen Geschlechts
verbunden. Die homosexuelle Beziehung zwischen Männern wird auch als
"schwul", die unter Frauen als "lesbisch" (Sapphismus oder
Tribadismus) bezeichnet.
Die
Homosexualität spielte schon im antiken Griechenland eine Rolle, insbesondre
die so genannte Knabenliebe (Ephebophilie) war eine öffentlich geduldete, weit
verbreitete Erscheinung. Als selbstverständliche Form der Sexualität galt sie
auch im kaiserlichen China.
Über
die Entstehung der Homosexualität existieren nur wissenschaftliche Theorien.
Für die genetisch fixierte Homosexualität spricht ihr Auftreten in frühem
Jugendstadium. Andererseits ist jeder Mensch zunächst bisexuell. Daraus könnte
geschlossen werden, dass in der Kindheit und frühen Jugend eine Hinwendung zur
Heterosexualität nicht erfolgte. Heterosexuelle Übersättigung
(Pseudohomosexualität) als Ursache der Homosexualität ist sicherlich falsch.
Heute
ist Homosexualität in den meisten europäischen Ländern, abgesehen von dem
sexuellen Verhältnis zu Abhängigen und Unmündigen, inzwischen nicht mehr
strafbar. Der Anteil der Homosexuellen in einer Gesellschaft ist vermutlich in
allen Kulturkreisen und Epochen gleich, unterschiedlich hingegen sind ihre
Bewertung in der Öffentlichkeit und die Toleranz seitens der Gesellschaft. Ggs.
zu: Heterosexualität[i]
Im
17.-19. Jahrhundert war es üblich,
enge Freundschaften zwischen Frauen einzugehen bis hin zu inniger Verliebtheit,
was durchaus angesehen war. Man glaubte nicht, dass Frauen überhaupt sexuelle
Gefühle haben. Erst als Sexualwissenschaft und Psychoanalyse sich entwickelten,
wurde erkannt, dass Frauen auch sexuelle Gefühle haben. Es wurde für
pathologisch erklärt, diese auf Frauen zu richten.[ii]
Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts wurden frauenliebende Frauen erstmals als krank
bezeichnet. Die neu erfundene Diagnose lautete „homosexuell“. Abweichende
Sexualität wurde jetzt Perversion genannt. Mit Erscheinen des Artikels „conträre
Sexualempfindung“ von dem deutschen Psychiater Carl von Westphal 1869 wurde
weibliche Homosexualität als Krankheit bekannt. Lesben wurden in die Nähe von
Geisteskranken gerückt. Die Ursachen der Krankheit sollten Erbe und Anlage
sein. Frauen wurde jedoch keine Ausübung sexueller Handlungen zugetraut,
weshalb sie vom § 175, der männliche homosexuelle Handlungen unter Strafe
stellt, verschont blieben.[iii]
Spätestens mit Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts war lesbische Liebe
als Tabu angesehen. Liebesäußerungen zwischen Frauen, wie sie in der
vorangegangenen Zeit selbstverständlich gewesen waren, wurden dadurch unmöglich
gemacht, wollte man nicht als geisteskrank eingestuft werden. Lesbische Frauen
quälten sich mit Selbsthass und Schuldgefühlen, was sich teilweise bis heute
gehalten hat.[iv]
Freud
schreibt 1905: „Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller
Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete
Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die
manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, dass alle
Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im
Unbewussten vollzogen haben.“[v]
Freud fand heraus, dass unsere Libido normalerweise lebenslänglich zwischen dem
männlichen und weiblichen Objekt schwankt. Es hängt von äußeren Umständen
und zufälligen Gegebenheiten ab, ob sie sich auf der einen oder anderen Seite
festsetzt. Interessant ist die Feststellung, dass bei manifest homosexuell
lebenden Menschen im Unbewussten und Vorbewussten, also etwa den Träumen, oft
heterosexuelle Phantasien überwiegen, während es bei Heterosexuellen umgekehrt
ist.[vi]
Mit jeder neuen Erfahrung kann sich
die sexuelle Orientierung ändern. Wahrscheinlich variiert sie bei Frauen das
ganze Leben hindurch viel stärker als bei Männern.[vii]
1869
veröffentlichte Carl Friedrich Otto Westphal seinen Artikel über „Die conträre
Sexualempfindung“ und veränderte so die Sichtweise auf vorwiegend auf Männer
beschränkt angesehene Homosexualität. Sie wurde nunmehr als Krankheit
angesehen. Er deutete homoerotisches Empfinden als angeborenes Symptom eines
neuropathischen Zustands, dessen Erscheinungen im Nervensystem nachweisbar
seien. Damit löste er eine verstärkte Homosexualitätsforschung aus, deren
Ergebnisse von Richard von Krafft-Ebing in dem Buch „Psychopathia sexualis“
zusammengefasst wurden. Er nimmt an, dass die homoerotischen Neigungen einem
Defekt im Zentralnervensystem zuzuschreiben sind. Die Ansichten hatten zur
Folge, dass schwule Handlungen (lesbische waren von Strafe ausgenommen) nicht in
jedem Fall bestraft werden konnten, denn bei angeborener Homosexualität
handelte die Person aus einer
psychischen Zwangslage heraus und war somit nicht schuldfähig. Schwule wurden
nun entweder in Gefängnissen oder Heilanstalten interniert, um die Gesellschaft
vor ihnen zu schützen. Es wurden Therapien entwickelt, die jedoch unwirksam
blieben und zudem teilweise schlimme persönliche Folgen hatten.[viii]
Trotz wissenschaftlicher Forschungen, die Homosexualität als Folge von Geisteskrankheit eindeutig widerlegten, galt Homosexualität weiterhin als Krankheit, die häufig durch Psychotherapien und Operationen zu heilen versucht wurde und erst am 1.1.1993 von der WHO (World Health Organisation) aus der Liste der Krankheiten gestrichen, wo sie seit 1948 als psychische Krankheit geführt worden war.
[i]
aus: Multimedialexikon 2001
[ii]
Entnommen aus: Gissrau, Barbara: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau.
Psychoanalyse und weibliche Homosexualität, dtv, München 1997, S. 17
[iii]
Entnommen aus: Gissrau, Barbara: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau.
Psychoanalyse und weibliche Homosexualität, dtv, München 1997, S. 20 ff.
[iv]
Entnommen aus: Gissrau, Barbara: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau.
Psychoanalyse und weibliche Homosexualität, dtv, München 1997, S. 25 f.
[v]
Freud, Siegmund (1905/ 1973): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, GW Bd. 5,
Fischer, Frankfurt a.M.
[vi]
Entnommen aus: Gissrau, Barbara: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau.
Psychoanalyse und weibliche Homosexualität, dtv, München 1997, S. 69
[vii]
Entnommen aus: Gissrau, Barbara: Die Sehnsucht der Frau nach der Frau.
Psychoanalyse und weibliche Homosexualität, dtv, München 1997, S. 151
[viii]
Entnommen aus: Blazek, Helmut: Rosa Zeiten für rosa Liebe – zur
Geschichte der Homosexualität. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M.,
1996, S. 126 ff.
zuletzt bearbeitet am:
20.09.2003