Argument
John Locke
Hobbes war ein Pessimist. Man mag seine Haltung auch dadurch erklären, dass er zur Zeit der religiösen Bürgerkriege lebte. Lockes Argumente sind interessanter. Für Locke war Anarchie mit drei "Unbequemlichkeiten" ("inconveniences") verbunden. (Zu seiner Zeit wurde dieses Wort etwas stärker betont wahr genommen als heute.) Aber Locke war der Ansicht, dass soziale Kooperation ohne Staat möglich sei. Er dachte auf der Basis moralischer Vorzüge auf der einen und Selbstinteresse auf der anderen Seite würde Kooperation entstehen.
Für Locke gab es 3 Probleme.
Ein Problem, meinte er, sei, dass es keinen generellen Rechtskörper,
der allgemein bekannt und akzeptiert war.
Menschen könnten sicherlich grundsätzliche Prinzipien des Naturrechtes verstehen.
Aber ihre Anwendungen und Auslegungen im Detail würden immer eine Kontroverse darstellen.
Gerade dem stimmen Libertäre nicht zu.
Libertäre können sich auf grundsätzliche Dinge einigen, aber im Detail gibt es eine Fülle von Verschiedenheiten.
Also Lockes Argument war, dass wenn dieser generelle Körper des Rechts fehlen würde,
dass dann keine Rechtschaffenheit entstehen könnte.
Es musste ein grundsätzlicher universeller Körper des Rechtes bekannt sein,
der für jeden gelte, damit jeder wußte, woran er gerade ist.
Zweitens, gab es für ihn ein Problem der Macht zur Durchsetzung. Er dachte, dass ohne Regierung keine ausreichende Macht entstünde. Man habe nur Individuen, um etwas durchzusetzen, und gerade Individuen seien zu schwach. Sie wären nicht organisiert genug und könnten durch eine Verbrecherbande oder ähnliches überrannt werden.
Drittens meinte Locke, Menschen könnten sich nicht trauen, wenn sie ihre eigenen Gerichtsurteile fällen. Wenn zwei Menschen eine Streitigkeit haben und einer sagt: "Ich weiß, was mein natürliches Recht ist, und ich werde es an Dir anwenden", dann tendieren die Menschen parteisch zu sein und würden dem zu Folge das natürliche Recht finden, welches ihnen am meisten nützt. Also dachte Locke, dass man nicht in seiner eigenen Sache richten dürfe. Deswegen sei es moralisch richtig zu verlangen, dass die Menschen ihre Dispute vor unabhängigen Schiedsstellen austragen. Vielleicht dürften sich Menschen in Notfällen noch auf der Stelle selbst helfen, aber für alle anderen Fälle sei eine unmittelbare Selbstverteidigung nicht angemessen. Menschen müssten solche sozialen Fragen an Dritte delegieren — und das sei der Staat.
Antwort
Also Locke dachte, dass diese drei Probleme unter Anarchie bestünden, und dass sie unter Regierung bzw. letztendlich unter der richtigen Form von Regierung nicht bestünden. Aber das ist eigentlich falsch herum gedacht. Ich vertrete die Ansicht, dass Anarchie alle drei Probleme lösen kann und dass der Staat sie schon von Natur her gar nicht lösen kann.
Nehmen wir zunächst den Fall der Universialität, d.h. eine universelle Basis von Normen zu haben, damit die Leute wissen, womit sie zu rechnen haben. Zunächst haben wir die Frage, ob dies auch in einer freien Ordnung entstehen kann? Und hier kann man sagen, dass genau dies bereits im Handelsrecht passiert ist, weil Staaten es nicht verordneten. Eine der Dinge, die halfen das Handelsrecht entstehen zu lassen, war, dass die einzelnen Staaten Europas alle unterschiedliche Handelsgesetze hatten. Sie waren alle verschieden. Ein Gericht in Frankreich wollte einen in England unter englischem Recht festgemachten Vertrag nicht aufrecht erhalten, und umgekehrt. Es gab in ganz Europa kein einheitliches kommerzielles Rechtssystem. Dadurch war die Fähigkeit der Händler sich in internationalem Handel zu engagieren stark behindert. Doch die Händler taten sich zusammen und sagten: "Gut, dann machen wir eben unser eigenes. Die Gerichte bedrängen uns mit ihren verrückten Regeln, eines verrückter wie das andere und sie wollen ihre Entscheidungen nicht mal gegenseitig respektieren. Also werden wir sie eben alle ignorieren und stellen unser eigenes System auf." Dies ist ein Fall in welchem Einheitlichkeit und Rechtssicherheit entstanden ist und zwar durch den Markt und nicht durch den Staat. Und wir können sehen, warum das nicht überraschend ist. Es ist im privaten Interesse ein einheitliches und vorhersagbares System beizubringen, wenn dies im Sinne der Kunden ist.
Aus dem selben Grund gibt es auch keine dreieckigen Checkkarten. Trotzdem gibt es kein Gesetz, dass dreieckige Checkkarten verbietet, aber wenn jemand diese am Markt einführen möchte, dann würden sie nicht sehr populär werden, da sie nicht in die vorhandenen Automaten passen. Wenn Marktteilnehmer Vielfalt wünschen; wenn unterschiedliche Systeme von verschiedenenen Menschen nachgefragt werden, dann würde der Markt diese bereitstellen. Dennoch gibt es auch Dinge, wo Uniformität besser ist. Eine Checkkarte ist einfach mehr wert, wenn sie an mehr Geldautomaten verwendet werden kann, weil sie an diesen verwendbar ist, und aus diesem Grund muss die Kaufmannschaft Uniformität produzieren, damit sie überhaupt einen Profit machen können. Der Markt hat also - wenn es nützlich ist - einen natürlichen Antrieb Uniformität zu liefern. Dies ist eine Eigenschaft, über die der Staat nicht verfügt.
Zur Frage der ausreichenden Macht um Sicherheit herzustellen — Es gibt keinen Grund warum man in Anarchie keine Organisation haben könnte. Anarchie bedeutet nicht, dass jeder seine Schuhe selbst macht. Die Alternative zu einer Regierung, die die Schuhproduktion reguliert, ist, dass jeder sich seine Schuhe selbst macht. Die Alternative zum Staat, der alle legalen Dienste formt, würde nicht sein, dass jeder sein eigener Polizist ist. Es gibt keinen Grund, dass solche Dinge nicht selbst organisiert werden könnten. Wenn man darüber klagt, dass man nicht genügend Macht habe gegen einen Agressor anzukommen, dann ist ein Machtmonopol tatsächlich weitaus gefährlicher als eine kleinere Gruppe von Banditen, die kein Machtmonopol hat.
Zunächst ist es kein gutes Argument für ein Monopol, und es ist ein Trugschluß zu argumentieren, jeder sollte sich einer dritten Partei fügen und deshalb sollte es eine dritte Partei geben, damit dies auch geschehen kann. Das ist so, als wenn man argumentiert, jeder mag zumindest eine TV-Show und deshalb gibt es zumindest eine TV-Show die jeder mag. Das folgt daraus nicht. Es ist denkbar, dass jeder seine Streiterei an eine Dritte Partei leitet, ohne dass eine Dritte Partei vorhanden wäre zu der jeder seine Dispute weitergibt. A und B können sich C zum Schiedsrichter nehmen, A und C können sich B nehmen, und B und C können sich A nehmen. Auf diese Weise braucht man kein Monopol, nur um das Prinzip Streitigkeiten vor Dittten auszutragen, aufrechtzuerhalten.
Aber mehr noch - das Argument über Richter seiner Angelegenheiten zu sein, fällt auf Locke (bzw. Montesquieu) zurück. Nicht nur, dass eine Regierung dafür überflüssig ist, Regierung ist auch noch genau das, was das gewünschte Prinzip auf den Kopf stellt. Denn wenn Du einen Disput mit dem Staat hast, dann leitet der Staat nicht den Disput an einen Dritten weiter, sondern wird an einem staatlichen Gericht entschieden. Wenn Du Glück hast, dann lebst Du gerade nicht in einer 0-8-15-Demokratie, wo sich das staatliche Gericht schon allein deshalb an Dir rächt, weil Du es gegen den Staat in Anspruch nimmst. Dann ist es natürlich besser, wenn der Staat selbst unterteilt ist in "checks and balance", Gewaltenteilung usw.. Das ist etwas besser, weil es näher bei der Entscheidung Dritter liegt. Aber selbst dann, wenn es eine sehr gut funktionierende Gewaltenteilung ist — und dies ist nur der Idealzustand, dann sind immer noch die Beteiligten alle Teil eines Systems und die Richter werden von Staat bezahlt, sind also den Interessen des Staates näher als denen der Kläger. Also obwohl Du eine bessere oder schlechtere Annäherung zwischen verschiedenen Demokratien zu dem Prinzip haben kannst — solange wie es ein Monopolsystem ist, welches seine eigenen Streitsachen nicht an Dritte abtritt, solange handelt das Staatsmonopol gemäß seinem eigenen Prinzip gesetzlos.
Weblinks
George H. Smith: Justice Entrepreneurship in a Free Market