Pride & Prejudice

Ein Interview mit
Mr. Da... ähm ... Colin Firth

(von Bridget Jones)


Mittwoch, 23. April

58,5 kg (komme von Fett-Trip nicht runter); Glückwunschanrufe von Freunden, Verwandten und Kollegen wg. Colin-Firth-Interview: 0; Glückwunschanrufe von Colin Firth wg. Colin-Firth-Interview: 0 (seltsam).

8.00 Uhr. Artikel kommt heute raus. Am Ende vielleicht ein bisschen mit der heißen Nadel gestrickt, aber trotzdem nicht schlecht. Wahrscheinlich sogar ganz gut. Warum ist die Zeitung noch nicht da?

8.10 Uhr. Zeitung immer noch nicht da.

8.20 Uhr. Hurra! Zeitung ist da.

Habe mir soeben das Interview angesehen. Independent hat meinen Text komplett ignoriert. Zugegeben, ich war vielleicht ein bisschen spät dran, aber das geht zu weit.

Folgendes stand am Ende in der Zeitung:

Aufgrund erheblicher technischer Schwierigkeiten drucken wir Bridget Jones' Interview mit Colin Firth ungekürzt ab.  

 

BJ: Okay, dann wollen wir mal. Ich fange jetzt mit dem Interview an.

CF: (leicht nervös) Gut, gut.

BJ: Was ist Ihre Lieblingsfarbe?

CF: Wie bitte?

BJ: Was ist Ihre Lieblingsfarbe?

CF: Blau.

(Lange Pause)

BJ: Was ist Ihr Lieblingsnachtisch?

CF: Ähm, Crème brûée.

BJ: Kennen Sie den Film Fever Pitch von Nick Hornby, der demnächst in die Kinos kommt?

CF: Den kenne ich, ja.

BJ: (Pause. Papiergeraschel) Kennen Sie den… oh… (Noch mehr Papiergeraschel

Glauben Sie, das Buch von Fever Pitch ist eine Art Bekenntnis-Haft, sozusagen eine Art neue Lizenz zum Poeten?

CF: Pardon?

BJ: Eine. Art. Neue. Lizenz. Zum. Poeten.

CF: Nun ja, Nick Hornbys Stil ist vielfach imitiert worden und das nicht ohne Grund, ähm, er gehört tatsächlich zu einer neuen Art von Pöten, ähm, Poeten, gewissermaßen.

BJ: Kennen Sie die BBC-Verfilmung von Stolz und Vorurteil?

CF: Ich würde sagen, ja.

BJ: Und die Stelle, wo Sie in den See springen?

CF: Auch die.

BJ: Ich kann mir vorstellen, dass diese Szene mehrfach gedreht wurde. Mussten Sie da jedes Mal das Hemd ausziehen und ein neues anziehen?

CF: Ja, ich… vermutlich war das der Fall. Scusi. Ha vinto. É troppo forte. Si, grazie.

BJ: (unregelmäßige Atemgeräusche) Wie viele Takes von der Szene, wo Sie in den See springen, mussten insgesamt gedreht werden?

CF: (hustet) Also, ich… die Unterwasseraufnahmen wurden in einem Becken in den Ealing-Studios gemacht.

BJ: Nein!

CF: Leider ja. Und, ähm, der Sprung selbst — der ist ja nicht besonders lang — das war ein Stuntman.

BJ: Aber ausgesehen hat er wie Mr. Darcy.

CF: Das lag an den Koteletten, die man ihm angeklebt hatte, und dem Mr.-Darcy-Outfit über dem Nassanzug — wodurch er ein wenig aussah wie Elvis bei einem seiner letzten Auftritte. Aus versicherungsrechtlichen Gründen durfte dieser Sprung nur ein einziges Mal gedreht werden — mit regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen während folgenden sechs Wochen. Bei allen anderen Szenen mit nassem Hemd stand ich selber vor der Kamera.

BJ: Und musste man da das Hemd immer wieder nass machen?

CF: Ja. Man hat es besprüht. Das Hemd wurde besprüht und…

BJ: Und womit?

CF: Mit einer Art Sprühding. Hören Sie, können wir nicht über etwas anderes…

BJ: Ja, aber worauf ich hinauswollte: Haben Sie jemals das Hemd ausgezogen und… und dann ein neues angezogen?

CF: Ja.

BJ: Und das wurde wieder nass gemacht?

CF: Ja.

BJ: (Pause) Kennen Sie den Film Fever Pitch, der demnächst in die Kinos kommt?

CF: Ja.

 

BJ: Worin sehen Sie die größten Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen diesem Paul aus Fever Pitch und…?

CF: Und?

BJ: (verlegen) Mr. Darcy.

CF: Ehrlich gesagt, das hat mich noch nie jemand gefragt.

BJ: Echt nicht?

CF: Nein. Aber ich glaube, der Hauptunterschied besteht in der…

BJ: Meinen Sie, die Frage ist so offensichtlich offensichtlich, dass…

CF: Nein, ich meine, die Frage hat lediglich noch niemand gestellt.

BJ: Fragen Sie das die Leute nicht dauernd?

CF: Nein, ich versichere Ihnen, überhaupt nicht.

BJ: Demnach wäre das also eine…

CF: Richtig, eine brandneue, eine gewissermaßen jungfräuliche Frage, ja.

BJ: Lieber Himmel.

CF: Können wir jetzt weitermachen?

BJ: Ja.

CF: Mr. Darcy ist definitiv kein Fan von Arsenal London.

BJ: Nein.

CF: Er ist kein Lehrer.

BJ: Nein.

CF: Er hat vor fast zweihundert Jahren gelebt.

BJ: Ja.

CF: Paul aus Fever Pitch findet man für gewöhnlich im Fanblock von Arsenal.

BJ: Ja.

CF: Wohingegen Mr. Darcy sogar schon eine kleine, ländliche Tanzveranstaltung verabscheut. Also. Könnten wir jetzt bitte über etwas sprechen, das nicht mit Mr. Darcy zu tun hat?

BJ: Ja.

(Pause. Papiergeraschel)

BJ: Sind Sie noch mit Ihrer Freundin zusammen?

CF: Ja.

BJ: Oh. (Lange Pause)

CF: Alles in Ordnung? Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser…?

BJ: (fast unhörbar) Nein, nein. Danke. Glauben Sie, kleine englische Filme bringen uns weiter?

CF: Entschuldigen Sie, ich habe Sie akustisch nicht verstanden.

BJ: (elend) Glauben Sie, so kleine englische Filme bringen uns weiter?

CF: Ob sie uns weiterbringen… (nicht unfreundlich)… weiterbringen wohin?

BJ: (lange, gedankenschwere Pause) In die Zukunft.

CF: Warum nicht? Vielleicht nicht über Nacht, aber doch Schritt für Schritt. Mir gefallen diese kleinen, eigenständigen Produktionen, womit ich nicht sagen will, dass mir große nicht gefallen. Es wäre sicher auch sehr schön, wenn wir in Zukunft mehr von den großen machen würden.

BJ: Aber finden Sie es nicht schwierig, wenn sie Italienerin ist und alles?

CF: Nein.

(langes Schweigen)

BJ: (beleidigt): Glauben Sie, Mr. Darcy hat auch eine politische Ebene?

CF: Ich muss zugeben, ich habe selber darüber nachgedacht, welche politischen Positionen — wenn überhaupt — er vertreten hätte. Aber ich glaube nicht, dass sie für die Leserschaft des Independent allzu verlockend wären. Mr. Darcy verkörpert den Typus des reichen viktorianischen Wohltäters, nach heutigen Maßstäben wäre er wohl ein Anhänger von Margaret Thatcher. Ich meine, die Idee des Sozialismus war noch nicht geboren…

BJ: Nein.

CF:… zumindest nicht in seiner Welt. Trotzdem wird er als der gute Kerl gezeigt, der nett zu seinen Pächtern ist. Und dennoch glaube ich, die Gestalt des Mr. Darcy nimmt viel von der Nietzscheschen Vorstellung des…

BJ: Warum denn Niete?

CF: Nein, im Gegenteil, keine Niete, sondern die Vorstellung des Menschen als Übermensch, gewissermaßen des Superman als…

BJ: Superman kenne ich.

CF: Nein, nicht der Superman, ich meine den… im Sinne Nietzsches, der… (stöhnt leise) Und ich glaube auch nicht, dass er Stretch-Unterwäsche über den Reithosen trug, wirklich nicht.

Hören Sie, könnten wir nicht das Thema wechseln?

BJ: Was sind Ihre nächsten Projekte?

CF: Ein Film mit dem Titel The World of Moss.

BJ: Moos? Also ein Naturfilm?

CF: Nein, nein, ganz und gar nicht. Es ist… es geht um, ähm, um eine exzentrische Familie in den dreißiger Jahren, der Vater ist Inhaber einer Moosfabrik.

BJ: Wieso? Ich dachte, das wächst von selber.

CF: Na ja, nicht direkt. In der Fabrik wird so genanntes Torfmoos hergestellt, das im Ersten Weltkrieg bei der Wundversorgung eine ziemlich wichtige Rolle spielte. Trotzdem wird das Thema mit großer Leichtigkeit behandelt, also eher komisch und…

BJ: (wenig überzeugend) Das klingt ja viel versprechend.

CF: Ja, und ich hoffe sehr, wir treffen damit den Nerv des Publikums.

BJ: Darf ich noch mal auf das Hemd zurückkommen.

CF: Bitte.

BJ: Wie oft haben Sie das Hemd insgesamt aus- und wieder anziehen müssen?

CF: So genau weiß ich das natürlich nicht, aber… ähm, da müsste ich nachdenken. Da war einmal die Szene, wo ich nach Pemberley gehe, wir mussten die Einstellung übrigens nur ein einziges Mal drehen, überlegen Sie mal. Und dann die Stelle, wo ich mein Pferd jemandem gebe, ich glaube, danach musste ich mich auch umziehen.

BJ: (begeistert) Sie mussten sich umziehen?

CF: (entschieden) Ja. Aber nur einmal.

BJ: Das heißt, im Prinzip gab es nur eine Szene mit nassem Hend?

CF: Genau. Aber das musste immer wieder besprüht werden. Ist damit Ihre Frage beantwortet?

BJ: Ja. Was ist Ihre Lieblingsfarbe?

CF: Die Frage hatten wir schon.

 

BJ: Hmm. (Papiergeraschel) Würden Sie sagen, im Film Fever Pitch geht es hauptsächlich um emotionale Flachwichserei?

CF: Emotionale was?

BJ. Flachwichserei. Sie wissen schon: Männer als neurotische, alkoholabhängige, beziehungsunfähige Schwachbananen, die sich nur für Fußball interessieren.

CF: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube sogar, Paul ist mit seinen eigenen Gefühlen viel mehr im Reinen als zum Beispiel seine Freundin, die Lehrerin. Das ist schlussendlich ja auch das Faszinierende an dem Roman von Nick Hornby: Dass nämlich, obwohl er zunächst nur für sich selbst spricht, dass in der ganz gewöhnlichen, alltäglichen Welt emotionale Erfahrungen möglich sind, und zwar auf eine Art, die man dort nie vermutet hätte, so dass schlussendlich…

BJ: Entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt?

CF: (seufzt) Ja?

BJ: Meinen Sie nicht, dass die Sprachproblematik auf Dauer die Beziehung zu Ihrer Freundin belasten könnte?

CF: Nein, sie spricht fließend Englisch.

BJ: Aber glauben Sie nicht, mit jemandem, der richtig aus England kommt und eher Ihrem Alter entspricht, könnte es besser laufen?

CF: Also, ich kann mich nicht beklagen. Wir kommen sehr gut zurecht.

BJ: Humpf. (finster) Okay, so weit erst mal. Machen Sie eigentlich Theater lieber als Film?

CF: Hmm, ich gehöre nicht zu denjenigen, die meinen, echte Schauspielerei finde allein auf dem Theater statt und der Film sei prinzipiell zweitrangig. Ich möchte mal so sagen: Auf der Bühne spiele ich lieber Theater und auf dem Filmset lieber

BJ: Aber meinen Sie nicht, Theater ist immer ein bisschen unrealistisch und peinlich? Ich meine, da sitzt man stundenlang auf engen Sitzen, kann nicht mal eine Tüte Popcorn mitnehmen, und Reden ist sowieso verboten und… alles andere auch, ich meine, das ist doch ziemlich…

CF: Unrealistisch? Peinlich und unrealistisch?

BJ: Ja.

CF: Meinen Sie unrealistisch im Sinne von…?

BJ: Weil man doch genau weiß, dass das alles nicht echt ist.

CF: Ach so, diese Art unrealistisch, ich verstehe. (Entnervtes Seufzen) Nun, das dürfte bei gutem Theater eigentlich nicht sein. Nach meinem Eindruck ist es sogar eher umgekehrt. Der Film ist ein sehr viel artifizielleres Produkt als eine Theateraufführung.

BJ: Wirklich? Ich nehme an, das liegt daran, weil er nicht in einem durchgeht.

CF: Einmal das, ja. Film geht nicht in einem durch. Er wird immer häppchenweise, in winzigen, klitzekleinen Stückchen gedreht. (Schmerzliches Stöhnen) Winzige, klitzekleine Stückchen, o Gott!  

BJ: Ich verstehe. Und glauben Sie, Mr. Darcy hat vor der Hochzeit mit Elizabeth Bennet geschlafen?

CF: Schon möglich.

BJ: Echt?

CF: Ja, ich halte das für sehr gut möglich, ja.

BJ: Aber wie?

CF: Ich weiß zwar nicht, was Jane Austen dazu sagen würde, aber…

BJ: Das weiß keiner, sie ist ja schließlich tot.  

CF: Richtig, wir können das nicht… aber nach der Auffassung, die unser Regisseur Andrew Davies von der Figur des Mr. Darcy hatte, wäre es durchaus denkbar.

BJ: Und wie kommen Sie darauf?

CF: Weil Andrew Davies großen Wert darauf gelegt hat, Mr. Darcy als einen durch und durch triebhaften Menschen darzustellen.

BJ: (schluckt)

CF: Und dass, ähm…

BJ: Ich glaube, das kam auch sehr gut, wirklich sehr gut rüber, meiner Meinung nach.

CF: Vielen Dank. An einer Stelle hat mir Andrew sogar ins Drehbuch geschrieben: »Stell dir vor, Darcy hat eine Erektion.«

(Ein lautes Poltern ist zu hören)

BJ: Welche Stelle war das?

CF: Schon sehr früh im Film: Elizabeth geht spazieren und stößt plötzlich mit ihm zusammen.

BJ: Wo sie dann ganz voller Matsch ist?

CF: Und ziemlich zerzaust, ja.

BJ: Und am Schwitzen?

CF. Genau.

 

BJ: War das schwer zu spielen?

CF: Sie meinen die Erektion?

BJ: (ehrfürchtig) Ja.

CF: Nun ja, Andrew hat immerhin dazu geschrieben, wir sollten uns nicht nur darauf konzentrieren. Also wenn Sie mich so fragen: Darstellen musste ich dieses spezifische Detail der Szene nicht.

BJ: Mmm.

(Lange Pause)

CF: Ja, bitte?

(Anhaltende Pause)

BJ: Mmm.

CF: War's das?

BJ: Nein. Wie haben Ihre Freunde reagiert, als Sie immer mehr zu Mr. Darcy wurden?

CF: Na ja, mit den üblichen Witzen, manchmal schon am Frühstückstisch. Zeitweise ist es ihnen wohl sehr schwer gefallen, für sich zu behalten, wer ich wirklich war und…

BJ: Warum sollten sie es denn für sich behalten?

CF: Na ja, weil viele Leute eben dachten, ich wäre genau wie Mr. Darcy.

BJ: Sie glauben also, Sie wären nicht wie Mr. Darcy?

CF: Genau das glaube ich. Ich bin keinesfalls wie Mr. Darcy.

BJ: Ich glaube aber, Sie sind genau wie Mr. Darcy.

CF: Inwiefern?

BJ: Sie reden genauso wie er. Sogar mit derselben Stimme.

CF: Tatsächlich?

BJ: Ja, und Sie sehen auch genauso aus, und ich wollte Sie schon lange mal… lange mal… oh… oh…

 

(Erneut ist ein Poltern zu hören, danach die Geräusche eines Kampfs)