Aus der Geschichte der Sektion Chemnitz des Deutschen Alpenvereins

von Wolfgang Mann, DAV-Sektion Chemnitz

Diese Chronik zur Geschichte der DAV-Sektion Chemnitz wurde in bisher 9 Fortsetzungen in den Mitteilungen 2/96 bis 1/2001 der Sektion Chemnitz des Deutschen Alpenvereins veröffentlicht.

Die ersten drei Jahrzehnte (1882 bis 1914) : Gründung und Mitgliederentwicklung
Die ersten drei Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer: Hütten- und Wegebau
Die ersten Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer : Die Person Prof. Theodor Kellerbauer
Die ersten Jahrzehnte - Ergänzungen zur Biografie Kellerbauers / Die Sektion Chemnitz im 1. Weltkrieg
Die ersten Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer : Gustav Adolf Barthel, der beste Chemnitzer Bergsteiger um die Jahrhundertwende
Gustav-Adolf-Barthel-Gedenkfahrt 1999
Die ersten Jahrzehnte - Personen um Prof. Kellerbauer : Jacob Albert Eisenstuck (1828-1913)
Die ersten Jahrzehnte - Personen um Prof. Kellerbauer : Prof. Dr. Paul Richard Domsch (1860-1918)
II. Teil: Vom Ende des 1. bis Ende des 2. Weltkrieges (1918-1945) - Die Neue Chemnitzer Hütte
II. Teil: Vom Ende des 1. bis Ende des 2. Weltkrieges (1918-1945) : Die Jahre 1918 bis 1932

1. Teil : Die ersten drei Jahrzehnte (1882 bis 1914)

Gründung und Mitgliederentwicklung

Prof. Theodor Norbert Kellerbauer, Universitätsarchiv Sign. 502-000304, Fotograf: O.Bach, Chemnitz, Poststraße 4, ohne Datum

Nach München (9.5.1869) war Leipzig schon drei Wochen später die zweite Sektion des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins und in den Folgejahren (1897) sogar als Vorort (Sitz des Hauptvereins) im Gespräch. Im sächsischen Raum folgten als 28. Sektion 1873 Dresden und ein Jahr später als 36. die Sektion Erzgebirge/Vogtland mit Sitz in Zwickau. Die im Chemnitzer Raum beheimateten Mitglieder dieser beiden Sektionen fanden sich im November 1880 zu einer zwanglosen Vereinigung zusammen. Sie trafen sich danach regelmäßig und organisierten in den Zusammenkünften Vorträge mit vornehmlich alpinem Inhalt. Nachdem der Wunsch nach einer eigenen Sektion immer deutlicher geworden war, fand am 15. 12. 1881 eine Versammlung statt, in der einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, mit Wirkung vom 1. Januar 1882 eine Sektion Chemnitz des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) ins Leben zu rufen. Vorstandsvorsitzender der 41 Mitglieder zählenden Sektion wurde Amtsrichter Temper, der schon ein Jahr später von Prof. Theodor Kellerbauer abgelöst wurde, welcher in den folgenden drei Jahrzehnten die Sektion aufwärts führte und dabei nicht nur im organisatorischen Bereich beispielhafte Leistungen vollbrachte, sondern auch als Bergsteiger mit gutem Beispiel voranging.

1882 erhöhte sich die Mitgliederzahl noch auf 108. Diese Zahl verdoppelte sich bis 1891. Wieder 100 Mitglieder mehr hatte man schon nach fünf Jahren. Die 400 wurde im Jahre 1900 erreicht. Ende 1906 waren es über 500, und schon zwei Jahre später wurde die 600 überschritten. Am Ende des Jahres 1912 hatte die Sektion 724 Mitglieder, etwa soviel, wie die 1990 wieder gegründete Sektion zur Zeit der Zusammenstellung dieses Berichtes (1996) hat. Zu Beginn des I. Weltkrieges zählte man etwa 800 Mitglieder und ein Jahrzehnt später nahezu 1500.

In den Mitgliederlisten von vor der Jahrhundertwende findet man Unternehmer (Fabrikanten, Kaufleute), Beamte, Juristen, Ärzte, Lehrer und Rentner. Vergebens sucht man Arbeiter und Handwerker. Der Jahresbeitrag, Vereinssteuer genannt, betrug in allen Jahren 12 Mark, wozu in einigen Jahren 1 Mark als Sonderabgabe kam, z. B. 1897 und 1898 als Jubiläumsgabe für Kaiser Franz Joseph anläßlich seiner 50jährigen Regentschaft.

Das erste weibliche Mitglied war schon 1882 Frau Sturtz aus Riga. Ihr folgten nicht allzuviele, z. B. 1895 vier, 1899 drei und 1900 wieder vier Damen. Daß es nicht mehr waren, lag wohl auch mit daran, daß Ehefrauen und Kinder in das Sektionsleben einbezogen wurden und auf den Hütten Vergünstigungen erhielten als seien sie Mitglieder. Rosa Kellerbauer, die durch ihre Dichtungen so viel zum Gelingen der Sektionsfeste, der Hüttenweihe und zum Anwachsen des Hüttenbaufonds beigetragen hatte, wurde 1898 zum Ehrenmitglied ernannt.

Im Rückblick auf die ersten 25 Jahre der Sektion schreibt Theodor Kellerbauer seine Gedanken zum Thema „Frauen im Alpenverein“ nieder und bezieht dabei eine ganz andere Stellung als z. B. die Dresdner Kletterklubs: „Die Sektion Chemnitz hat sich niemals auf den Standpunkt gestellt, welche eine Anzahl anderer Sektionen in ungalanter und aus dem Wesen des Alpenvereins durchaus nicht motivierter Weise einnehmen, Damen als Mitglieder nicht aufzunehmen; sie hat vielmehr von jeher geglaubt, daß die edle Sache des Alpinismus auch durch die Frauen eine sehr wesentliche Förderung erfahren könne, und ist deshalb bald dazu übergegangen, die Sektionsversammlungen, wie dies jetzt regelmäßig geschieht, unter Beteiligung der Damen abzuhalten.“

Bergsteigerische und touristische Unternehmungen

Vom Tag der Gründung an waren die Mitglieder verpflichtet, Tourenberichte abzugeben. In den Jahresberichten der Sektion wurden dann alle Unternehmungen in Hochgebirgen in Kurzform angeführt. 100 Jahre danach müssen wir Heutigen noch staunen, was damals geleistet wurde, und so mancher von uns würde sich sicher freuen, solche Fahrtenberichte in seine Tourenbücher schreiben zu können.

Trotz schlechter Wetterbedingungen wurden 1882 und 83 zum Teil führerlos oder gar im Alleingang Ortler, Großglockner, Zugspitze, Wetterhorn, Wildspitze, Breithorn, Weißkugel u. a. bestiegen.

1885
Westalpenfahrt, Prof. Kellerbauer Biwak auf dem Gipfel der Meije. Im Mittelpunkt weiterer Unternehmungen die Dolomiten.
1886/87
Große Touren in den Westalpen: Matterhorn, Zinal-Rothorn, Weißhorn, Jungfrau, Col du Geant u. a.
1889
Neben schon genannten Bergen wie Großglockner auch Großvenediger und Habicht.
1890
Erstmals Mont Blanc und viele Drei- und Viertausender.
1891
Schneebiger Nock, Königsspitze, Tofana, Langkofel u. a. Dolomitengipfel. Ätna
1892 bis 99
viele neue Gipfel und Hochtouren in den Dolomiten (MontePelmo, Furchetta, Marmolada), in der Brenta, in der Schweiz (Mont Blanc,Pic Tyndall, Grand Sassiere, Breithorn), in den Zillertalern (Thurnerkamp) und
1898
erstmals Berge in Norwegen.
1900
Bemerkenwerte Touren in Savojen, 1. Begehung des Südgrates am Thurnerkamp

In den folgenden Jahren immer wieder neue Unternehmungen mit neuen Gipfelerfolgen und für die Sektion neuen Wegen wie z. B. Gr. Zinne durch zwei Damen, Kleine Zinne von Norden, Überschreitung von Meije und Jungfrau, wieder mehrfach Mont Blanc, Matterhorn, Dent du Geant, Überschreitung Monte Rosa. Viele dieser Touren wurden solo durchgeführt. Neu in diesen Jahren waren Wintertouren, teilweise mit Ski wie z. B. Großer Möseler, Tofana, Antelao, Croda Rossa und Ortler. Touren im Ausland in den Apenninen, der Hohen Tatra und in Norwegen.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte die Sektion über eine Gruppe von mehr als einem Dutzend tüchtiger Bergsteiger. An der Spitze dieser Gruppe sowohl in technischer als auch geistiger Beziehung stand Gustav Adolf Barthel, dessen Tourenbuch eine beeindruckende Zahl von Fahrtenberichten in Fels und Eis enthält, der auch mit seinen Gefährten - von Kellerbauer als Elitetruppe bezeichnet - kaum einen der damals bestiegenen Gipfel im Elbsandsteingebirge ausgelassen hat.

Er sollte am 20. Juli 1909 der erste Kletterer sein, der an der Guglia di Brenta sein Leben lassen mußte. 1912 starben in den Bergen Rektor Dr. Olbricht am Krottenkopf im Allgäu und der Sohn des Hüttenwarts Prof. Dr. Domsch am Fuße der Zugspitze, 1914 im Adangkamin der Tschierspitzen Prof. Beuermann und Hugo Köhler.

Nach Prof. Kellerbauer hat die Sektion Chemnitz in der Ausbildung des führerlosen Bergsteigens ihren nicht unbedeutenden Beitrag geleistet. Er selbst hat namentlich in den 80er Jahren mit einer Reihe großer Touren, darunter Matterhorn, Zinal-Rothorn und Weißhorn, zumeist im Alleingang, dazu beigetragen.

In heimischen Gefilden wurden regelmäßig Ausflüge der Sektion durchgeführt, die ins Elbsandsteingebirge, ins Erzgebirge und ins Erzgebirgsvorland führten, wobei auch immer auf Klettereien (z.B. in den Greifensteinen und in der Sächs. Schweiz) hingewiesen wird.

Am 12. Mai 1904 gab es eine Landpartie zu den Greifensteinen. Mitglieder der zwanglosen Sektionsvereinigung „Gamsklub“ errichteten auf dem höchsten Gipfel eine „mächtige“ Windfahne in Form einer Gemse. Die Greifensteine wurden offensichtlich schon frühzeitig zu Übungszwecken im Klettern genutzt, ohne daß Routen beschrieben und klassifiziert wurden. Aber ganz sicher gehörten Mitglieder der Sektion Chemnitz zu den „Erschließern“, über die im gegenwärtigen Kletterführer nichts ausgesagt werden kann, da entsprechende Dokumente fehlen.

Aus den Jahresberichten der Sektion erfahren wir, daß künstliche Klettertürme keine Erfindung des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind. Zum Stiftungsfest 1885 gab es in der Saalmitte schon den über 6 Meter hohen „Eisenstuckfelsen“, der „unzähligemale traversiert“ wurde und den Namen nach seinem Erbauer, dem langjährigen Hüttenwart Albert Eisenstuck erhielt.

Vereinsleben

Zunächst jährlich, später auch in längeren Zeitabständen, wurden Berichte herausgegeben, die uns genaue Auskünfte über die Vereinsaktivitäten geben.

Von der Gründung an wurden monatlich Sektionsversammlungen durchgeführt, in denen durchweg alpine Vorträge gehalten wurden. In den ersten 25 Jahren insgesamt 291, davon 15 von Gästen z.B. aus Dresden, Leipzig und Mittweida, davon wieder nur drei gegen Honorar. Bei 30 Vorträgen wurden dabei Projektionsbilder vorgeführt. 1889 wurde eine Versammlung speziell als Damenabend mit weiteren Darbietungen geschmückt.

1911 erfolgte die Gründung eines alpinen Stammtisches, wo sich wöchentlich interessierte Bergsteiger in stets wachsender Zahl trafen, alpine Angelegenheiten erörterten und wertvolle Anregungen erhielten. Der Stammtisch regte auch die Einrichtung eines Sektionslokals in dem neuen Gasthaus an den Greifensteinen an, das den in der dortigen Kletterschule Tätigen als Garderobe und Raststätte diente.

Großer Wert wurde auf die Schaffung einer Bibliothek gelegt, für die 1882 schon 200 Mark aufgewendet wurden, was ein Jahr später auf 391 Mark erhöht wurde. Daß in den Folgejahren nur um 100 Mark ausgegeben wurden, lag wohl auch am Angebot jener Zeit. Von 1906 bis 1912 wurden dann rund 1200 Mark verausgabt, also jährlich 200 Mark.

Die jährlich meist im Juni durchgeführten Ausflüge wie der 1884 in die Gegend um Zschopau endeten oft mit einem Tänzchen, das an diesem 29. Juni wegen des zu zeitig abgehenden Zuges zum Leidwesen der tanzlustigen „Alpenfexen“ abgebrochen werden mußte. Andere Ausflüge führten in die Gegenden der neu entstandenen Sektionen Stollberg und Mittweida, wodurch die freundschaftliche Zusammenarbeit der Sektionen gefördert wurde.

Nach einem Sommerfest 1883 in der Umgebung von Mittweida wurden ab 1884 Stiftungsfeste abgehalten, wo die Gesellschaft meist bis in die frühen Morgenstunden auf das fröhlichste zusammenblieb. Diese Stiftungsfeste fanden in großen Sälen statt, viele Jahre in der „Eintracht“, die sich später als zu klein erwies, weshalb man 1910 ins „Kaufmännische Vereinshaus“ umzog, dem damals größten Saal in Chemnitz. In jedem Jahr wurden unterhaltsame Programme geboten. Rosa Kellerbauer, die Tochter des Vereinsvorsitzenden, schrieb etwa ein Dutzend Festspiele mit Titeln wie „Einweihung der Chemnitzer Hütte auf der Geißenalm im Irgendwotale“, womit schon 1888 das Interesse an einer Sektionshütte zum Ausdruck kam. Andere Stücke hießen z.B. „Eine Bauernhochzeit in Kraxelkirchen“ (1889), „Pfingsten im Gebirge“ (1893). Die Texte wurden gedruckt und während der Feste verkauft. Mit den Einnahmen wurde ein Hüttenbaufonds eingerichtet. Franz Hahmann und William Döhner schrieben für 1900 das patriotische Festspiel „1809“ und 1905 das Lustspiel „An der Grenz“. Für 1910 wurden für das Stiftungsfest für alpine Dekoration 1500 Mark bewilligt, was zu Diskussionen in der Mitgliedschaft führte, als auch das Stiftungsfest zum 30jährigen Bestehen der Sektion zu teuer wurde. Entsprechende Maßregeln des Vorstandes hatten dann beim Fest 1913 besten Erfolg, das heißt man wurde sparsamer.

Nach 1895, dem Jahr der Fertigstellung und Einweihung der Chemnitzer Hütte, bereitete man sich auf den nächsten Höhepunkt, das Jubiläum „25 Jahre Sektion Chemnitz“, vor und beschloß, für eine Festschrift, die dann 1907 erschien, jährlich eine bestimmte Summe im Haushaltplan festzulegen. Für 1900 waren das 150 Mark. Diese broschürte Festschrift trug den Titel „Im Bannkreis der Chemnitzer Hütte“. Man wollte damit einem weiten Kreise die Tätigkeit der Sektion zeigen, wo sie sich hauptsächlich entfaltet hatte und die Hütte und das Gebiet um sie herum mehr ins Licht rücken. Alle Sektionen des D. u. Ö. Alpenvereins erhielten ein Exemplar, eine Anzahl hoher Behörden in Tirol und auch Seine Majestät der König Friedrich August von Sachsen, der in huldvoller Weise seinen Dank dafür ausgesprochen hat. Neben einem Rückblick auf die 25jährige Entwicklung der Sektion von Prof. Kellerbauer trugen namhafte Persönlichkeiten der Sektion mit Berichten, Fotografien und Zeichnungen dazu bei, daß ein für damals beispielhaftes Werk entstand, das noch heute mit großem Gewinn gelesen werden kann. In ihren Beiträgen schildern die Autoren nicht nur gekonnt ihre Erlebnisse und lassen uns teilhaben an einer anspruchsvollen Erstbegehung und Bergbesteigungen im Winter unter härtesten Bedingungen, sie äußern auch Meinungen zu Problemen des Tourismus und Alpinismus, zu Fragen der Tätigkeit der Bergführer und zu Frauen im Alpenverein.

Die Sektion Chemnitz engagierte sich in vielfältiger Hinsicht auch durch Spenden, woran zu erkennen ist, daß Solidarität keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. 1902 stürzte der bekannte Bergführer Hans Niederwieser, genannt Stabeler, unweit der Chemnitzer Hütte zu Tode. Für ihn wurde 1903 eine Gedenktafel gestiftet, wie auch einige Jahre später für G.A. Barthel. Beide gewichtigen Tafeln wurden in Lauchhammer gegossen. Geldspenden in einer Gesamthöhe in 25 Jahren von 5092,50 Mark gingen an Kurat Senn, den Mitbegründer des Alpenvereins, mehrfach an Opfer von Überschwemmungen und Bränden, an die Armen in Taufers, die Hinterbliebenen von in den Bergen Verunglückten wie Hans Stabeler, Ludwig Purtscheller und den Lehrer in Uttenheim. Gelder wurden auch bereitgestellt für die Errichtung von Denkmälern für Schaubach und Eller, und zur Unterstützung des Siebenbürger Karpatenvereins wurde die Sektion Chemnitz 1904 Mitglied dieses Vereins.

2. und 3. Teil : Die ersten drei Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer

Hütten- und Wegebau

Prof. Theodor Norbert Kellerbauer, Universitätsarchiv Sign. 502-000283, Fotograf: Joh. Niclou, Chemnitz, Königstraße 5, 1891

Schon wenige Jahre nach der Gründung der Sektion wurde deutlich, daß man an einer Hütte interessiert war. Das drückte schon das Festspiel zum 16. Stiftungsfest 1888 aus. Ab 1889 wurde der Grundstein für den Hüttenbaufonds gelegt. In diesem Jahr wollte Regierungsrat Kraus in Wien der Sektion Chemnitz die Hütte am Akogel in der Steiermark schenken. In einer außerordentlichen Generalversammlung am 25. April 1889 wurde das Angebot ausgeschlagen, da die Hütte für touristische Zwecke kaum hätte Verwendung finden können.

1893 hat die Sektion das Recht einer juristischen Person und 1500 Mark in der Hüttenbaukasse. Zunächst war beabsichtigt, am SO-Abhang des Schwarzensteins eine Hütte zu bauen. Hier lagen aber Vorrechte anderer Sektionen vor, und schließlich baute Leipzig die Hütte auf dem Trippachsattel. In Chemnitz dachte man nun ans Laasertal, Windachtal, Rothmoostal, den Pfeldersattel und schließlich an den Neubau einer Hütte am Neveser Joch neben die alte Hütte der Sektion Taufers, deren finanzielle Möglichkeiten zum weiteren Ausbau der alten Hütte und deren Erhalt erschöpft waren. In der Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Bestehen der Sektion Chemnitz beschreibt Prof. Kellerbauer das Geschehen um den Bau der Hütte, wonach das ganze Sektionsleben im Zeichen „des großen alpinen Werkes“, des Hüttenbaues stand. In der außerordentlichen Generalversammlung am 10.11.1893 wurde mit 22 gegen 11 Stimmen die Übernahme der Hütte, der Neubau, erforderlicher Wegebau und die Finanzierung beschlossen. Bei den Sektionsmitgliedern sollte eine Anleihe in Höhe von 5000 Mark genommen werden. 21 Vorstandssitzungen und zwei außerordentliche Hauptversammlungen beschäftigten sich mit dem Thema. Fabrikant Albert Eisenstuck fertigte Zeichnungen für einen Neubau, wonach die Baumeister Enz und Auer in Taufers und Eppacher in Sankt Johann die Kostenvoranschläge erstellten. Der Zentralausschuß sagte Beihilfe zu und äußerte Wünsche zur Einrichtung der Hütte, die in neuen Zeichnungen berücksichtigt wurden. Am 25. Mai wurde der Vorstand ermächtigt, einem Baumeister den Bau der Chemnitzer Hütte für höchstens 5000 Gulden zu übertragen. Für erforderliche Wegebauten sollten 300 Gulden aufgewendet werden. Dafür mußte mit Almbesitzern an Ort und Stelle verhandelt werden. Es handelte sich dabei um Wege im Trattenbachtal zur Gögealpe. Seit dem Bau des Nevesstausees um 1960 wird die Hütte viel leichter von dort aus erreicht.

Die Generalversammlung des D.u.Ö. Alpenvereins bewilligte der Sektion 3000 Mark zum Hüttenbau. Im 2. Halbjahr 1894 schritt der Bau zügig voran. Zum Ende des Jahres waren die alte Hütte und der Grund und Boden im Besitz der Sektion, die neue Hütte unter Dach gebracht, die Wege zum Neveser Ferner und zur Gögealpe fertiggestellt, der Zugang zur Hütte von Weißenbach her durch Verträge gesichert. Für immer wird wohl das Jahr 1895 eines der wichtigsten in der Entwicklung der Sektion bleiben. Im Zentralausschuß gab es in jener Zeit Abmachungen über Vereinspublikationen, das alpine Notsignal, die Pensionsberechtigung des ständigen Sekretärs. In Chemnitz war alles auf die Einweihung der Hütte ausgerichtet. Viel Zeit und Arbeit wendete der Hüttenbauausschuß auf, der aus den Herren Eisenstuck, Döhner und Duderstädt bestand. Wegen Verzögerungen im Bau begab sich im Juni Albert Eisenstuck nach Taufers, um dort energisch einzugreifen. Ihm war es zu verdanken, daß am Tag der Weihe, dem 29. Juli 1895, das Haus innen und außen vollständig fertig war.

Von Weißenbach und Lappach stiegen am Vormittag Alpenvereinsmitglieder, Talbewohner, Führer und Hirten zum Joch hinauf. Um 12 Uhr waren ca 100 Personen vor der geschmückten Hütte. Als Gäste waren Mitglieder der Sektionen Leipzig, Wiesbaden, Hall, Hamburg, Kassel, Mittweida und Dresden dabei. Vom Hauptausschuß des D.u.Ö.AV kam Herr v. Schmid aus Graz, seines Zeichens Vorsitzender des Hütten- und Wegebauausschusses, der sich lobend über die praktische Anlage, die zweckentsprechende Einrichtung und die prächtige Lage der Hütte aussprach.

Mit flatternden Fahnen, donnernden Böllerschüssen, Gesang eines Chemnitzer Doppelquartetts, Ansprachen von Baumeister Eppacher und Prof. Kellerbauer, Gedichtvortrag von Frl. Kellerbauer, Weihegebet von Kurat Ausserhofer aus Lappach, Tanz, Schuhplattln, Freibier und Gratisfrühstück fand die festliche Einweihung statt.

Rosa Kellerbauer, eine Tochter des Sektionsvorsitzenden, trug ein selbst verfaßtes Gedicht vor und überreichte es zusammen mit einem Kranz aus Edelweiß und Alpenrosen. Hier drei Strophen daraus, die beweisen, daß sie ihr Handwerk durchaus verstand :

Von den Bergeshöhen geht ein Rauschen
Niederwärts bis zu der Berge Fuß;
Firnumglänzte Alpenhäupter tauschen
Mit den Tälern Zwiesprach heut’ und Gruß:
Seh’n sie auf dem Joch vollendet stehen
Doch des neuen Hauses schmucken Bau;
Eines andern Landes Fahnen wehen
Schwarz-weiß-rot und leuchtend gelb und blau.

Seht ihr nicht ein holdes Lächeln wehen
Um die Spitzen, hell wie Sonnenschein?
Wisset es: in schweigendem Verstehen
Geh’n die Berge jetzt ein Bündnis ein,
daß sie allzeit Schutz und Schirm euch zollen,
Die ihr hier am Joch ein Heim euch schuft,
Daß sie gern die Sehnsucht stillen wollen,
welche euch an diese Stätte ruft.

Frohe Wand’rer sehen sie erscheinen,
Nicht entstammt aus Österreichs Gebiet,
Doch daheim hier durch den Wunsch, den einen,
Der euch alle zu den Alpen zieht:
Ihrer Schönheit jauchzet ihr entgegen,
Und die hohen Gipfel in der Rund’
Hören’s wohl und sprechen ihren Segen
Feierlich zu dieser Freudenstund’.

Am 30. Juli bestiegen 10 Männer und eine Frau den Großen Möseler, andere die direkten Hausberge Gamslahnernock und Pfaffnock. Am 31. Juli wurden die Feierlichkeiten in Taufers fortgesetzt mit Frühschoppen im „Elefanten“, Volksfest auf dem Schloß Taufers mit Einwohnern des Ortes, Sommergästen und Touristen, mit abendlichem Festessen in der "Post"“, Feuerwerk und begalischem Feuer; dabei Auszeichnung des Hüttenwartes Albert Eisenstuck mit einem Lorbeerkranz. Bergführer Steffel Kirchler wurde die Bewirtschaftung der Hütte übergeben. Die Gesamtkosten für Hütten- und Wegebau beliefen sich auf 11000 Mark.

Die Stiftungsfeste brachten auch in den folgenden Jahren erkleckliche Summen in die Hütten- und Wegebaukasse, die seit 1897 von der Vereinskasse getrennt geführt wurde. 1898 wurde mit der Rückzahlung der Hüttenanleihe begonnen, und zwar durch Auslosung von je 10 Anteilscheinen.

1897 bekam die Hütte eine Wasserleitung aus Holzröhren vom Schaflahnernock herunter. In manchem trockenen Jahr wurden diese Röhren rissig, weshalb man 1908 Eisenrohre installierte, die 1910 mit einer Korkschutzmasse gegen Erwärmung ummantelt wurden.

Da die Bergführer in der alten Hütte, die man nicht abgerissen hatte, hausen mußten, wurde 1901 ein Erweiterungsbau geplant. Sie bekamen nun einen Schlafraum. 1902 wurde der Anbau einer Veranda in Angriff genommen und die Schaffung eines Damenzimmers. In dem Jahr wurde auch der Weg von der Gögealm zur Hütte ausgebaut.

Freute man sich 1897 noch über 90 Übernachtungsgäste, so waren es 10 Jahre später schon 315, und 1908 stieg nach der Eröffnung des Kellerbauerweges die Zahl der Übernachtungen auf 453 an. 1910 berechnete man 10 Kronen für ein Bett, 2 Kronen für eine Koje und 1 Krone für einen Schlafplatz im Matratzenlager. Im gleichen Jahr wurde eingebrochen. Der Sohn des Hüttenwirtes Kirchler bemerkte es, stellte die Einbrecher und führte die zwei Ungarn mit schußbereitem Gewehr nach Sand.

1902 gab es erste Gedanken an die Schaffung eines Weges zwischen der Sonklar- und der Chemnitzer Hütte, also den ganzen Kamm entlang vom Schaflahnernock bis zum Speikboden. Dafür setzte sich Prof. Kellerbauer besonders ein. 1906 wurde mit der Anlage begonnen. Schon 1907 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Der sofort von den Sektionen Chemnitz und Taufers "Kellerbauerweg" genannte Steig ermöglicht eine lohnende Rundtour, in die sich Besteigungen des Schaflahnernock und der Tristenspitze mit herrlichen Aussichten einbauen lassen. Kellerbauer selbst hat unter widrigen Bedingungen am 21. August 1907, an dem die feierliche Weihe stattfinden sollte, den Weg von der Chemnitzer Hütte bis zum Wurmthaler Jöchl mit 7840 Metern vermessen, was bei einem Preis von 35 Hellern pro Meter 2764 Kronen entsprach. Einschließlich der Grundentschädigung und verschiedener Spesen ergab das einen Gesamtkostenaufwand von 3032K 52h oder 2594,64 Mark. Dazu bewilligte der Zentralverein eine Beihilfe von 1300 Mark. 1910 wollte die Sektion Chemnitz die Sektion Edelraute beim Bau des Edelrautenweges mit 1000 Kronen unterstützen, was dann wegen der günstigen Finanzlage der Wiener Sektion nicht mehr nötig war. Bei der Eröffnung des Weges am 11. August 1911 war aber Prof. Kellerbauer trotzdem ein willkommener Gast.

Mit Beginn des I. Weltkrieges wurde die Chemnitzer Hütte gesperrt, 1920 enteignet und vom Club Alpino Italiano übernommen. Die Hütte blieb aber noch für Jahre geschlossen, da die Gebiete um Brixen und Bruneck zu den besonders wichtigen militärischen Zonen erklärt wurden. Anläßlich des Jubiläums „100 Jahre Chemnitzer Hütte“ 1995 hat der jetzige Hüttenbesitzer Erich Burgmann eine Festschrift herausgegeben, in der über das weitere Schicksal der Hütte berichtet wird und die mit einem Dank an die Sektion Chemnitz endet und den Worten: "Chemnitzer, kommt wieder !"

4. Teil : Die ersten Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer

Als wir 1990 unsere Sektion wieder aufbauten, wußten wir fast nichts über deren Geschichte und den Mann, dessen dreieinhalb Jahrzehnte währendes Wirken an der Spitze der Sektion so bestimmend war für ihre Entwicklung. Je mehr ich Material über diese Persönlichkeit zusammentragen konnte, desto größer wurde meine Hochachtung und schlug um in grenzenlose Bewunderung. Im Vergleich mit dem fast 100 Jahre Älteren fällt die eigene Leistung doch recht bescheiden aus.

Wer war er nun, der von 1883 bis zu seinem Tode 1918 Vorsitzender der Sektion war und :

Redakteur der "Feuerspritze", amtl. Organ des Landesverbandes sächs. Feuerwehren,
Hauptmann der Chemnitzer Turnerfeuerwehr,
3. Vorsitzender des Deutschen Reichsfeuerwehrverbandes,
Ehrenmitglied des österreichischen Feuerwehrverbandes,
Ehrenmitglied des italienischen Feuerwehrverbandes,
Ehrenmitglied der Singakademie Chemnitz,
Ehrenmitglied des Freisinnigen Volksvereins,
Ehrenmitglied des Turnvereins zu Chemnitz,
Inhaber des von König Albert gestifteten Feuerwehrehrenzeichens,
Ritter des Königlich Sächsischen Albrechtsordens,

der Feuerwehrgeräte konstruierte und in verschiedenartigsten Vereinen Vorträge technischen, politischen und allgemein belehrenden Inhalts hielt, der aktiv turnte, sang, musizierte, dichtete und auf Berge stieg?

Prof. Theodor Norbert Kellerbauer, Universitätsarchiv Sign. 502-000295, Fotograf: unbekannt, ohne Datum

Theodor Norbert Kellerbauer wurde am 26. Mai 1839 zu Ering in Bayern geboren. Vater Georg war Patrimonialrichter. 1849 zog die Familie nach München. Dort besuchte Kellerbauer ab 1850 das Gymnasium, das er 1858 mit der Note 1 abschloß. Schon in der Schulzeit zeigte er technisches Interesse, beschäftigte sich mit Linear- und Maschinenzeichnen und arbeitete praktisch in der Mannhardtschen Maschinenwerkstätte. Er ließ sich an der Universität zu München einschreiben, hörte hier Differential- und Integralrechnung sowie Chemie, besuchte aber viel mehr als Hospitant die Polytechnische Schule, wo er in analytischer Geometrie und Physik, Trigonometrie, Rechenlehre, darstellender Geometrie, Maschinenkunde und Maschinenzeichnen arbeitete. 1859 wechselte er in sächsische Gefilde. An der Königl. Sächs. Bergakademie zu Freiberg hörte er Mechanik und Bergmaschinenlehre, Mathematik und Markscheidekunst. Er hielt sich dann zu Maschinenstudien in Zwickau und Chemnitz auf und ging 1860 nach Karlsruhe, wo er durch selbständige Konstruktionsarbeiten auf sich aufmerksam machte. Nach dem Jahreskurs reiste er ins Elsaß, nach Belgien und Norddeutschland, um die bedeutendsten Fabriken dieser Gebiete kennenzulernen. Wieder in München, beschäftigte er sich weiter mit eigenen Konstruktionen. Um Weihnachten 1862 wurde er aufgefordert, als Mathematik- und Physiklehrer an ein Privatgymnasium in Rußland zu gehen. Dafür mußte er an der Universität zu Dorpat das Diplom eines Privatlehrers erwerben. Nach drei Semestern trieben ihn die Unsicherheit der russischen Verhältnisse und die Liebe zur Heimat dazu, hier einen Wirkungskreis zu finden. Er fand ihn mit Wirkung vom 1. Oktober 1864, also 25jährig, in Chemnitz an den Technischen Lehranstalten, wo er an verschiedenen Schulen dieser Einrichtung Mathematik und darstellende Geometrie, Maschinenkonstruktion, Maschinenlehre und Feuerlöschwesen lehrte. Letzteres wurde 1877 auf seine Initiative hin in den Lehrplan aufgenommen. Er unterrichtete dieses Fach auch nebenamtlich noch bis zu seinem Tode, als er 1910 siebzigjährig in den Ruhestand trat. Alles anzuführen, was er im Beruf leistete, würde den Rahmen dieser Aufzeichnungen sprengen.

Wie er zum Bergsport fand, geht aus keinen schriftlichen Zeugnissen hervor. Da aber Turner zu jener Zeit auch viel in der Natur waren und gemeinsam wanderten, wird wohl hier die Wiege zu seinen späteren Bergfahrten gelegt worden sein. Er muß vor 1881 einer anderen Sektion des Alpenvereins angehört haben, denn er war eines der Gründungsmitglieder der Sektion Chemnitz. Aus deren Jahresberichten, die er ebenfalls verfaßte, erfahren wir, daß Kellerbauer schon über 40 Jahre alt war, als er seine großen Touren in den Westalpen unternahm:1882 allein das Wetterhorn, 1885 den Pic Central de la Meije, 1887 das Zinal-Rothorn, Weißhorn und Matterhorn, 1889 wieder das Weißhorn, 1890 noch einmal das Zinal-Rothorn. Er war mit berühmten Männern, deren Namen noch heute allen Bergsteigern ein Begriff sind, unterwegs. So 1885 mit Prof. Dr. K. Schulz und Ludwig Purtscheller an den drei Aiguilles d’Arve und mit Purtscheller, Schulz und den Brüdern Zsigmondy auf verschiedenen Gipfeln des Dauphiné, so der Grande Ruine und Téte du Roujet, 1887 mit Dr. G. E. Lammer auf Gipfeln des Nadelgrates, 1890 mit Wittich, mit dem er auch am Schaflahnernock das Wasser für die Chemnitzer Hütte fand, auf der Jungfrau. Als Alleingänger war er auf ungezählten der höheren und höchsten Gipfel Tirols.

Ein Jahr nach der Gründung wurde er 1. Vorsitzender der Sektion Chemnitz. Als ihm seine langjährigen Mitstreiter im Vorstand Albert Eisenstuck und Prof. Domsch durch Tod und schwere Krankheit entrissen wurden, übernahm er auch noch deren Aufgaben, insbesondere die des Hüttenwartes. Zu einem großen Teil ist es seiner Initiative zu danken, daß die Alte Chemnitzer Hütte auf der Südseite des Hauptkammes der Zillertaler Alpen entstand und der nach ihm benannte zwölf Kilometer lange Höhenweg vom Nevesjoch zum Speikboden.

Kellerbauers Ehefrau stammte aus Freiberg. Sie wurde wie er im Mai 1839 geboren. Sicher hat er sie während seiner Studentenzeit in Freiberg kennengelernt und dann geheiratet, als er in Chemnitz seßhaft wurde. Die Kinder Margarete Josephine, Rosa und Otto wurden in den Jahren 1866, 67 und 68 geboren. Besonders Rosa war es, die ganz in die Fußstapfen des Vaters trat, mit ihm viele Touren unternahm und insbesondere mit ihren Dichtungen zum Vereinsleben beitrug. In den letzten Jahren seines Lebens mußte Kellerbauer schweres Leid ertragen. Er verlor nicht nur Bergfreunde und Kollegen, innerhalb weniger Jahre auch seine Familie. 1913 starb seine Frau, 1914 Sohn Otto, 1915 die geliebte Tochter Rosa und 1917 Tochter Margarete. Sicher haben diese Schicksalsschläge dazu beigetragen, daß auch seine Lebenskraft erlosch. Am 3. Januar 1918 mußte er in die Nervenheilanstalt gebracht werden, wo er schon am 12. Januar verstarb.

Geheimer Justizrat Dr. Frauenstein, sein Nachfolger als Vorsitzender der Sektion, schrieb in den Mitteilungen des D. u. Ö. Alpenvereins: "Ein ungewöhnlicher Mensch, ein Mann von außerordentlicher Tatkraft, Schaffenslust und Vielseitigkeit und aus der Reihe der Alpinisten eine Persönlichkeit von scharf ausgeprägter Eigenart ist mit ihm dahingegangen, ein Bergsteiger, mit dessen hervorragender Leistungsfähigkeit nur noch seine übergroße Bescheidenheit auf gleicher Höhe stand. Das Andenken dieses bedeutenden Mannes wird bei allen, die ihn kannten, fortleben. In der Geschichte des deutschen Alpinismus steht sein Name auf einem Ehrenblatte verzeichnet." In der Chemnitzer Volksstimme, der Zeitung der SPD, war zu lesen: "Wir wollen besonders daran erinnern, daß Prof. Kellerbauer ein freisinniger Politiker war, ein aufrechter Mann und ehrlicher Demokrat. Sein Name wird besonders bei all denen einen guten Klang behalten, die offen und rückhaltlos der Demokratie den Weg bereiten halfen."

Ich meine, dieser Mann, eine solche verdienstvolle Persönlichkeit, hat es verdient, daß nicht nur ein schöner Weg in Italien seinen Namen trägt. Ich könnte mir vorstellen, daß bei der Vergabe von Straßennamen in Chemnitz ihm eine mehr als verdiente Ehre widerfahren sollte. Sein Andenken in unserer Sektion in Ehren zu halten, ist für uns Heutige nicht nur eine Floskel.

5. Teil : Gedanken dazwischen / Ergänzungen

Vor dem Abschluß meiner Nachforschungen und der damit verbundenen Niederschriften über die ersten Jahrzehnte des Vereins einschließlich der Jahre des 1. Weltkrieges und dem Beginn der sicher schwieriger (Die Leute nach dem Krieg waren nicht mehr so schreibfreudig wie die davor.) werdenden Recherchen über die folgenden knapp drei Jahrzehnte, ist es angebracht, eine kleine Rückschau zu halten, einige Ergänzungen einzufügen und anzuführen, wem wir unseren gegenwärtigen Wissensstand zu verdanken haben, denn Leute aus den verschiedensten deutschen Landen, aus Österreich und Italien waren und sind daran beteiligt.

Da war Giuseppe Leonardi aus Pinzolo im Rendenatal am Fuße der Brenta, der sich, angeregt durch die Restaurierung der Gedenktafel für den ersten tödlich abgestürzten Bergsteiger an der Guglia di Brenta, mit dem Leben G. A. Barthels, des bestens Chemnitzer Kletterers um die Jahrhundertwende, beschäftigte und uns um Auskünfte bat. Da gab es die Feier "100 Jahre Chemnitzer Hütte", zu der die Hüttenwirtsfamilie Burgmann eingeladen hatte. Dort lernte ich Herrn Norbert Steigerwald aus Goldbach in Bayern kennen, der über ein umfangreiches alpines Archiv verfügt, aus dem er uns bereitwillig mit Auszügen aus Alpenvereinsmitteilungen und vielen Details zur Geschichte unserer Sektion versorgte und manchen nützlichen Hinweis für unsere Forschungsarbeit gab. Da sind auch die Mitarbeiter des Stadtarchivs zu nennen, die halfen, aus Chemnitzer Tageszeitungen, polizeilichen Meldebüchern, Vereinsschriften und anderem uns interessierendes Material herauszufinden. Im Archiv der TU Chemnitz konnte ich Fakten zu den Lebensläufen von Prof. Kellerbauer und Prof. Dr. Domsch sammeln und erhielt Kopien von Fotos aus dem Professorenalbum der TU. Unser Sektionsmitglied Arthur Hertel aus Mönchengladbach schickte uns ein Gedicht, das zur Einweihungsfeier der Neuen Chemnitzer Hütte 1926 entstand. Herr H. U. Gondesen aus Sauerlach übergab uns einen Mitgliedsausweis von 1911, der von Prof. Kellerbauer ausgestellt und unterschrieben worden war. Nicht zuletzt war ein Besuch der Ausstellung "Sportstadt Chemnitz" im Schloßbergmuseum sehr aufschlußreich. Aus Veröffentlichungen der Turnerschaft in Sachsen konnte ich weitere Details zu den Lebenläufen von Kellerbauer und Barthel in Erfahrung bringen.

Ergänzungen zur Biografie Kellerbauers

Wie schon vermutet, wird Kellerbauer über das Turnen und Unternehmungen in der Natur der Turnerschaft zum Bergsteigen gekommen sein wie viele andere Turner jener Zeit auch. Erinnert sei nur an die erste sportliche Besteigung des Falkensteins in der Sächsischen Schweiz 1864 durch Schandauer Turner. Ihre Aufstiegsroute trägt noch heute den Namen Turnerweg. 1858 wurde der Turnverein zu Chemnitz gegründet. Sicher gehörte ihm Kellerbauer schon seit Beginn seiner Tätigkeit in Chemnitz an. Von 1878 bis 1880 war er sein 1. Vorsitzender. 1864 baute die Stadt Chemnitz neben der Markthalle eine Turnhalle, in der später über einer Tür das Bildnis Kellerbauers hing. Im Gegenzug organisierten die Turner die Turnerfeuerwehr, deren Hauptmann Kellerbauer 1868 wurde und vier Jahrzehnte blieb, was bedeutet, daß er auch hier eine gehörige Portion Arbeit und Zeit investierte. 1905 wurde er zum Ehrenmitglied des Turnvereins zu Chemnitz ernannt.

Wenn es uns gelingt, nun auch noch mehr über Kellerbauers Wirken in der Singakademie und im Freisinnigen Volksverein zu erfahren, wird man sich fragen müssen, ob für diesen Mann der Tag wirklich auch nur 24 Stunden hatte.

Die Sektion Chemnitz im 1. Weltkrieg

Während der Kriegsjahre sank die Mitgliederzahl stetig, bis 1919 der Tiefpunkt erreicht wurde (noch 552 Mitglieder) und es danach explosionsartig nach oben ging (1542 Mitglieder 1925). Wieviele Mitglieder im Krieg gefallen sind, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen.

Der Krieg brachte das Vereinsleben fast zum Stillstand, obwohl der Vorstand, sprich Kellerbauer, bemüht war, durch alpinen Austausch, Vorträge und Wanderungen der negativen Entwicklung zu begegnen.

Aus dem Stammvermögen und aus Kassenüberschüssen der Sektion wurden beträchtliche Summen als Kriegsspenden für humanitäre Zwecke wie Unterstützung bedrängter Gemeinden und Personen im Hüttengebiet, für das Rote Kreuz, die Kriegshilfe der Stadt Chemnitz und den österreichisch ungarischen Hilfsverein bereitgestellt.

Große Freude bereitete eine Stiftung von 5000,- Mark, mit der der Chemnitzer Klemens Büttner, der in Angath bei Wörgl verstorben war, den Verein letztwillig bedachte. Mit der Auslosung der letzten Hüttenanleihscheine 1916 war die Sektion leider nur noch zwei Jahre im schuldenfreien Besitz ihres alpinen Anwesens.

Dr. Domsch, der vorzeitig krank vom Kriegsdienst nach Chemnitz zurückkehrte, mußte 1916 aus Gesundheitsgründen von seinem Amt als Hüttenwart zurücktreten. Prof. Kellerbauer übernahm auch diese Aufgabe noch. Zum Vorstand gehörten auch Dr. Frauenstein als 2. Vorsitzender, der nach Kellerbauers Ableben 1. Vorsitzender wurde, Dr. Hentschel (Kassierer), bis er eingezogen und von Dr. Schulze vertreten wurde. Zu den Beisitzern gehörte schon Fabrikant Strantz, der nach Dr. Frauenstein 1. Vorsitzender wurde.

Zur nebenstehenden graphischen Darstellung der Mitgliederentwicklung der Sektion Chemnitz

Norbert Steigerwald in Bayern können wir mit Fug und Recht als guten Freund unserer Sektion bezeichnen. Er stellte uns auch diese von ihm angefertigte graphische Darstellung zur Verfügung. Über die Entwicklung im 2. Weltkrieg fehlen aber auch ihm die entsprechenden Unterlagen.

Nach der Wiedergründung 1990 nahm die Sektion folgende Entwicklung:

Jahr     1990/91    1992   1993   1994   1995   1996   1997   1998
Mitgl.   0 - 400     501    566    636    710    753    822  über 850

Diese Mitgliederzahlen beinhalten schon Zu- und Abgänge. Anmeldungen insgesamt sind es bereits weit über 1000.

6. Teil : Die ersten 3 1/2 Jahrzehnte - die Ära Kellerbauer

Gustav Adolf Barthel, der beste Chemnitzer Bergsteiger um die Jahrhundertwende

Kellerbauer schreibt in der Jubiläumsschrift zum 25jährigen Bestehen der Sektion Chemnitz, daß die Sektion Anfang des 20. Jahrhunderts über eine Gruppe von mehr als einem Dutzend tüchtiger Bergsteiger verfügte, die er als Elitetruppe bezeichnete und an deren Spitze sowohl in technischer als auch in geistiger Beziehung Gustav Adolf Barthel stand.

1999 ist es 100 Jahre her, daß der berühmte Campanile Basso in den Brenta-Dolomiten - in nördlicheren Breiten besser bekannt als Guglia di Brenta - bezwungen wurde, und es ist 90 Jahre her, daß an diesem Turm der erste tödliche Absturz passierte, nachdem 1908 Fehrmann und Smith ihre klassische Route im 5. Grad eröffneten und insgesamt schon 55 Besteigungen zu verzeichnen waren. Es war der Chemnitzer Oberlehrer, aktive Turner und Turnfunktionär und Bergsteiger G. A. Barthel, der am 20. Juli 1909 dort den Bergtod fand.

Er wurde am 5. Mai 1861 in Wehlen (Sächsische Schweiz) geboren. Außer über seine Aktivitäten als Turner und Bergsteiger und seinen Beruf als Lehrer am Realgymnasium in Chemnitz konnte ich fast nichts zu seinem Leben in Erfahrung bringen. Am Fuße des Gedenksteins auf dem Urnenfriedhof in Chemnitz befindet sich eine Tafel mit der Inschrift:

                       HERM. BARTHEL  
              30. XII. 1868 - 7. VIII. 1937. 

Es müßte sich um seine Frau (Hermine) handeln, die hier auch ihre letzte Ruhestätte fand.

Sein Freund und Seilgefährte H. Günthel berichtete, daß Barthel 1884 in Chemnitz seine Bergsteigerlaufbahn begann, nachdem er seine schulische Ausbildung und das Lehrerstudium abgeschlossen und in Chemnitz eine Anstellung gefunden hatte. Sicher war er von Jugend an Turner, der dann sein Hobby zum Teil zum Beruf machte.

Im Jahr seines Todes war er im Verband der Deutschen Turnerschaft Turnwart des XIV. Turnkreises, der das sächsische Gebiet umfaßte. wurde er Mitglied unserer Sektion, in der er ab 1902 dem Hüttenausschuß angehörte, jährlich einen Vortrag hielt, Beiträge für Veröffentlichungen der Sektion verfaßte und aktiv war bei der Gestaltung der Stiftungsfeste. In der Jubiläumsschrift von 1907 ist er mit zwei Beiträgen vertreten, in denen er die Ersteigungsgeschichte des Südgrates am Turnerkamp und den Übergang zur Hütte über das Tratterjoch schildert, wobei er sich zu aktuellen Problemen des Führerwesens in den Zillertaler Alpen äußert.

Zu seinen bergsteigerischen Leistungen erfahren wir mehr aus dem "Jahrbuch der Turnkunst 1910" der Deutschen Turnerschaft. Max Burger aus Leipzig befaßt sich in seinem Nachruf auf Barthel mit der Verbindung von Turnen und Klettern und beginnt seine Ausführungen damit, daß sich so mancher hervorragende Felskletterer in der Schule der Turnkunst die Fähigkeiten zu seinen alpinen Leistungen erworben hat, und er endet damit: Keine aller Sportübungen kann so treffend angewandtes Turnen genannt werden wie das Felsklettern. G. A. Barthel war dafür der beste Beweis.

1884 begann seine Bergsteigerlaufbahn zunächst mit einer ganzen Reihe von Alpenwanderungen über Joche und Pässe, auf vielbegangene leichtere Berge, ab und zu einmal mit Führer auf kühne Gipfel. Max Burger schreibt weiter, was er von H. Günthel erfahren hat:

Hierbei gewinnt er Einblick in die Schönheiten der Berge, lernt sie lieben mit seltener Treue. Eine reiche Erfahrung über Schwierigkeiten und Gefahren, Eis- und Felstechnik, Gebrauch der alpinen Ausrüstung eignet er sich durch Beobachtung und eigene Übung an, bis er in der 2. Hälfte der 90er Jahre größere und schwerere Touren selbständig unternimmt und schließlich nur noch führerlos geht.

Alle Gebiete der Ost- und Westalpen, der meisten deutschen Mittelgebirge, die Hohe Tatra und Norwegen lockten ihn zu ihren Höhen. So hat er im Laufe der Jahre in den Alpen mehr als 250 Gipfel erstiegen, in der Tatra alle namhaften Spitzen, im norwegischen Jotunheimen die hervorragendsten und eine sehr reiche Auswahl der schwierigsten Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz unter seinen Fuß gezwungen.

In der folgenden Aufstellung ist von zahllosen Hochpässen und vielen kleineren Spitzen abgesehen worden; nur die durch ihre Namen oder durch besondere Anforderungen an den Besteiger ausgezeichneten Gipfel fanden Berücksichtigung. Es beginnt im Osten.

Ostalpen und Tauern: Triglav, Dachstein, Großglockner,Hochtenn, Wiesbachhorn,

Dreiherrnspitz, Röthspitze

Rieserferner: Hochgall, Grattour über Fensterl- und Rauchkofel

Zillertaler Alpen: Großer Mörchner, Feldkopf, Grattour über Talgenköpfe zum Großen

Greiner, Turnerkamp Ostgrat und 1. Beg. des Südgrates, Olperer, Schrammacher Grattour

Südliche Kalkalpen: Elfer, Zwölfer, Kleine Zinne (Überschreitung von N), Gr. u. Westl. Zinne,

Schwabenalpenköpfe, Piz Popena Überschr., Cristallo Croda da Lago, Cimone della Pala, Vezzana, Cima di Ball, Cima di Pravitale, Cima di Canali, Campanile di Pävitale, Rosengarten- spitze, Winklerturm Überschreitg., Grasleitenspitzen- und -türme, Langkofel Überschrtg., Fünf- fingerspitze Überschrtg., Zahnkofel, Großer Fermedaturm Überschrtg., Villnöserturm, Gran Odla, Villnöser Odla, Furchetta, Böèspitze

Stubai u. Ötztal: Waldrastspitze, Habicht, Glättespitze, Feuersteine, Aglspitze, Weißwand- spitze, Sonnklarspitze, Zuckerhütl, Pfaffenschneide, Freiger, Schaufelspitze, Ruderhofspitze, Schrankogel, Villerspitze, Schlicker Türme, Hochwilde, Hochweiße, Schafkogel, Kreuzspitze

Brenta: Cima di Groste, Berlinerturm, Rocca di Vallesinella, Cima di Brenta, Dente di Sella, Campanile alto

Rhätische Alpen: Scesaplana, Fluchthorn, Gatschkopf, Rotbleißkopf

Nördliche Kalkalpen: Ifen, Widderstein, Trettach Südwand, Krottenspitze und -kopf, Wolf-Ebener-Kamin, Höfats Überschreitung, Grünstein, Zugspitze, Watzmann Überschreitung

Schweizer Alpen: Dossen- und Renfenhorn, Wetterhorn, Jungfrau Überschreitung, Finster- aarhorn, Matterhorn Überschreitung, Zinalrothorn, Monte Rosa, Dom, Mont Blanc Über- schreitung, Deant du Geant

Französische Berge: Grande Casse, Grande Motte, Tsanteleina, Gran Paradiso, Levanna, Aiguille d’Arves mèridionale, Meije Überschreitung, Barre des Ecrins, Monte Biso

 

Mit seinen Freunden weilte er offensichtlich öfter in der Sächsischen Schweiz und in den Greifensteinen im Erzgebirge. Sicher betrachteten sie das Klettern in der heimatlichen Felsenwelt als Training für ihre Unternehmungen in den Alpen und könnten bestimmt zu denen gehören, die Erstbegehungen in den Greifensteinen durchgeführt haben, ohne sie zu dokumentieren, weshalb in den aktuellen Kletterführern "Näheres unbekannt" steht. Recherchen im Gipfelbuchfundus des SBB würden uns sicher noch manchen Aufschluß über Barthels Aktivitäten im Elbsandstein geben. In der Ausstellung "Sportstadt Chemnitz" lag das erste Gipfelbuch vom Großen Spitzen Horn (Gr. Zschand) aus. Darin die folgende Eintragung:


                    24.10.1903          24. Begehung
                    G. A. Barthel, H. Günthel, P. Zschraage, DÖAV Chemnitz

Der Aufstieg, jetzt Alter Weg, wird im Kletterführer von heute mit V (VI) angegeben. Barthel war zu seiner Zeit durchaus ein Mann, der sich auch an Neuland versuchen konnte. Daß er das im Alpenraum im Dunstkreis der Chemnitzer Hütte in den Zillertaler Alpen tun würde, ist nur zu verständlich. Im "Hochtourist" war damals zu lesen, daß der Thurnerkamp, 3422 m, ein kühnes Felsgerüst, der formenschönste Gipfel der ganzen Zillertalergruppe sei. Er wurde 1872 erstbestiegen. 1886 fand die Nordwand ihre Bezwinger und 1891 der Ostgrat, 1892 der NW-Grat. Bis 1900 hatte sich außer den Gebrüdern Zsigmondy 1881 noch niemand wieder am Südgrat versucht. Barthel war mit seinen Freunden Graichen und Köhler am 28. Juli morgens gegen 7.30 Uhr schon am Turnerkampjoch und kam mit kleineren Unterbrechungen recht gut voran, bis ein Gewitter aufzog und die Freunde zwang, den Grat zu verlassen und weiter unten weiterzugehen. Nachdem sich das Gewitter verzogen hatte, kletterte man zum Grat zurück, überwand einige anspruchsvolle Passagen und stand nach 4 1/2 Stunden Kletterei am Gipfel.

Zwei Jahre später war Barthel mit Günthel und Landrock am 4. August zur selben Zeit wieder in der Scharte. Diesmal gab es leichten Neuschnee. Über die großen Blöcke, die man zwei Jahre zuvor wegen des Gewitters rechts unten umgangen hatte, rieselte Wasser, es gab vereiste Stellen, so die Schlüsselstelle, eine glatte steile Platte. Wieder war eine nicht einfache Umgehung nötig. Man kam von links auf den Block hinauf. Bis auf umgangene 10 Meter wurde der ganze Südgrat im Schwierigkeitsgrad IV überklettert. Erst 1905 haben andere Seilschaften auch die Platte sowohl in der Mitte, als auch an ihrer rechten Kante ersteigen können, weshalb Barthel nicht als Erstersteiger geführt wird, obwohl er im Hochtourist von 1903 als solcher verzeichnet ist.

Über die Tatrafahrt 1893 berichtete Barthel in einer Sektionsversammlung. Es ist mehr als erstaunlich, wo er auf einer einzigen Reise überall war und wieviele Berge er bestieg, wieviele Wanderkilometer und Höhenmeter er dabei vom Krivan im Westen bis zu den Fünf Polnischen Seen bewältigte (Und das alles ohne Auto und Tatrabahn).

Im Juli 1909 kam Barthel mit seinen Freunden Günthel, Landrock und Neubert in die Brenta. Natürlich begeisterte ihn als Kletterer ganz besonders die imposante Felsgestalt des Campanile Basso. Kletterführer wie heute gab es nicht. Sie hatten Notizzettel mit Routenbeschreibungen dabei. Ihr Quartier war die Tosahütte, wo sie am 18. Juli ins Hüttenbuch eintrugen: Campanile Brenta (Kamin voller Eis). Am 19. waren Landrock und Neubert an der Guglia di Brenta und gingen danach ins Tal. Barthel und Günthel waren am folgenden Tag am Turm. Darüber berichtete Günthel später: Bis zur letzten Wand, die über der Garbari-Terrasse aufragt, war alles bestens gegangen - und es hätte auch so enden können, wenn uns eine Lücke in unseren Aufzeichnungen und ein verfluchter, in der Höhe eingeschlagener Haken nicht dazu verführt hätten, durch die Südwand aufzusteigen! So gelangte mein unglückseliger Freund zu dem überhängenden Felsblock, der für ihn, einen erstrangigen Kletterer, fatal werden sollte. Er erkannte, daß es unmöglich war, weiter zu klettern, und während er zurückkam, verlor er den Halt, und das Seil konnte seinen Sturz nicht bremsen. Das Seil riß. Günthel mußte machtlos zusehen, wie sein Freund die 350 Meter hohe Wand hinunterstürzte. Er stieg ab und eilte nach Pinzolo zu den Bergfreunden, um Hilfe zu holen. Die Rettungsmannschaft mit Bergsteigern der Societa degli Alpinisti Tridenti fand den Leichnam noch umhüllt vom zerfetzten Seil am Fuße der Guglia.

Noch einmal sei hier Kellerbauer zitiert, der im Sektionsbericht über die Jahre 1907 bis 1912 schrieb: Tief erschüttert aber wurde die ganze Sektion durch den Tod des Herrn Gustav Adolf Barthel, welcher bei kühner Bergfahrt durch Absturz an der Guglia di Brenta ein plötzliches Ende fand, tiefbetrauert von seinen Freunden, die der Lauterkeit seines Charakters, seiner beruflichen Tüchtigkei, seiner energischen und doch maßvollen Persönlichkeit die höchste Achtung und Liebe zollten, nicht minder aber auch von der ganzen Sektion, welcher er durch seine großartigen alpinen Leistungen, mit liebenswürdiger Bescheidenheit gepaart, als das Ideal eines Bergsteigers erscheinen mußte. Sein Beispiel wirkte begeisternd auf den jungen Nachwuchs der Sektion. Hierfür wie für die vielen großen Dienste, welche er der Sektion ... geleistet hat, bleibt sie ihm zu hohem Danke verpflichtet. Die Sektion hat deshalb beschlosssen, im Verein mit mehreren Turnvereinen ihm ein einfaches Denkmal auf dem Urnenfriedhof des hiesigen Krematoriums zu errichten, sowie im Val Brenta angesichts der Guglia di Brenta eine Gedenktafel zu Ehren des Dahingeschiedenen anzubringen. Kellerbauer würdigt weiter das echt alpine kameradschaftliche Verhalten der Societa degli Alpinisti Tridenti, deren Präsident, Dr. Vittorio Stenico, der Sektion ein von ihm aufgenommenes großes Bild der Guglia di Brenta schenkte, das in der Chemnitzer Hütte aufgehängt wurde.

Am 18. September 1910 fand die Einweihung des Denkmals auf dem Friedhof statt, nachdem am 3. August die Enthüllung der Gedenktafel im Val Brenta vollzogen worden war.

Acht Jahrzehnte später gab es eine Fortsetzung der freundschaftlichen Kontakte zu Bergsteigern im Rendenatal am Fuße der Brenta ( Siehe Heft 1/95 unserer "Mitteilungen"), und in diesem Jubiläumsjahr 1999 wird es ein Wiedersehen mit den Freunden in Pinzolo geben, werden Bergsteiger unserer Sektion an der Gedenktafel und am Denkmal auf dem Friedhof Gustav Adolf Barthels in Ehren gedenken und ihm zu Ehren auf den Campanile Basso steigen.

Sentiero Barthel - Barthelweg

Giuseppe Leonardi aus Pinzolo übermittelte uns die Jubiläumsschrift "Rendena quattro" , die anläßlich des Guglia-Jubiläums erschien. Daraus erfahren wir, daß der Weg von der Brenteihütte über die kleine Gedenkkapelle zum Stein mit der Gedenktafel für Barthel nun Sentiero Barthel genannt wird. Wir Chemnitzer bedanken uns herzlich für diese Ehrung. Damit tragen nun zwei Wege in den italienischen Alpen die Namen bedeutender Chemnitzer, die sich nicht nur auf dem Gebiet des Alpinismus um Chemnitz verdient gemacht haben.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Berichte der Sektion Chemnitz des D.u.Ö. Alpenvereins
Jahrgänge 1883 bis 1912
Im Bannkreis der Chemnitzer Hütte
Jubiläumsschrift der Sektion Chemnitz 1882 - 1907
Die Chemnitzer Hütte am Nevesjoch eingeweiht vor 100 Jahren
Festschrift, herausgegeben von Familie Erich Burgmann, 1995
Chemnitzer Tageblatt
Jahrgänge 1926, 1930, 1932
Beiträge zu Jubiläen der Sektion Chemnitz
Alpines Archiv von Herrn Norbert Steigerwald,
Goldbach / Bayern
Archiv der Stadt Chemnitz
Archiv der TU Chemnitz
Marino Stenico und Gino Callin
Guglia di Brenta - Geschichte eines Berges
Verlag Manfrini-Calliano (Trento), 1975

7. Teil : Gustav-Adolf-Barthel-Gedenkfahrt 1999

Aus besonderem Anlaß mache ich in dieser Fortsetzung zur Geschichte unserer Sektion einen großen Zeitsprung in die allerneueste Vergangenheit. Giuseppe Leonardi aus Pinzolo am Fuße der Brenta haben wir u. a. den Anstoß zu verdanken, uns mit der Geschichte unserer Sektion zu beschäftigen, denn er wollte etwas über G. A. Barthel erfahren, der im 10. Jahr nach der Erstersteigung des Campanile Basso (Tiefer Turm) als 2. Bergsteiger dort sein Leben lassen mußte. Gleichzeitig jährte sich am 5. 10. 99 zum fünften Male der Todestag unseres ersten 1. Vorsitzenden nach der Wiedergründung 1990. (Siehe auch Hefte 1/95 und 1/99!) Mit ihm und Frank Milde (Jugendleiter) nahm ich vier Wochen zuvor an der feierlichen Weihe der restaurierten Gedenktafel in der Kirche zu Pinzolo teil. Am Tag darauf brachten wir die Tafel ins Val Brenta Alta zur Brenteihütte, nachdem uns Giuseppe mit Bruno Detassis, der lebenden Bergsteigerlegende der Brenta, bekannt gemacht hatte. Erst 14 Tage danach war das Wetter so gut, dass Giuseppe und sein Bergsteigerfreund Paolo Matori und dessen Sohn die Tafel wieder an dem Stein anbringen konnten, den die Chemnitzer 1910 ausgewählt hatten. Damals ging man noch mehr im Grunde des Tales entlang, dort, wo man noch heute gehen muss, wenn man an den Fuß von Cima Tosa und Crozzon di Brenta gelangen will. Was lag also näher, als für 1999 eine Gedenkfahrt zu planen, bei der wir Chemnitzer von heute auf den Spuren derer von gestern wandeln wollten. Wanderer, Bergsteiger und Kletterer sollten beteiligt sein und auch Horst Mempel, der Macher der Sendung "Biwak" des MDR-Fernsehens, wollte dabei sein.

Wenige Wochen vor der Fahrt rief er aber an und teilte mit, dass er mit seinem Team nicht teilnehmen könne, er aber von uns entsprechend belichtetes Filmaterial haben möchte. Dazu gab er in aller Kürze Hinweise für den Kameramann. Bisher hatte ich zwar ein Leben lang fotografiert, aber eine Filmkamera noch nie in der Hand. Trotzdem besorgte ich mir ein Gerät, mit dem man Fernsehtaugliches aufnehmen kann und probierte es mit Freunden am Kemtauer Felsen und auf dem Weg dahin aus. Und das war dann unsere

Gustav-Adolf-Barthel-Gedenkfahrt

Eine Gruppe von Wanderern und Klettersteiggehern war als Erste in der Brenta. Sie nahm im Rifugio Casinei Quartier. Kletterer und Bergsteiger folgten in kleineren Gruppen. Am 19. Juli waren alle zur Stelle und das Wetter war genau so, wie man es für Unternehmungen in den Bergen braucht. Zu dritt waren wir am 18. Juli Gäste Giuseppes und der Leiterin des Fremdenverkehrsbüros von Madonna di Campiglio und Pinzolo. Beim Besuch der Ausstellung "100 Jahre Campanile Basso" machte ich die ersten Aufnahmen, wobei Karsta Maul als Statistin agieren mußte. Leider habe ich durch Unachtsamkeit die Aufnahmen des ersten Tages gelöscht, nachdem sie Horst Mempel auch nicht für die Sendung eingesetzt hatte. Am Abend gab es im Rifugio Nambone ein Abendessen, bei dem wir Paola und Paolo unseren Dank abstatteten und ein Geschenk überreichten.

Am Morgen des 19. Juli holten wir mit unseren italienischen Freunden die Wandergruppe im Rifugio Casinei ab, nachdem Giuseppe erschrocken gelauscht hatte, als Rita ihren Trabi startete. Solch einen Krach hatte er beim Anlassen eines Automotors noch nie gehört und er fragte, ob es von der Sorte bei uns noch mehr gäbe. Wir kamen etwas zeitiger als verabredet an der Casineihütte an. So wurde dann die Begrüßungszeremonie fernsehgerecht wiederholt. Gemeinsam ging es nun, unterbrochen von Filmaufnahmen, auf wunderschönem Weg zur Brenteihütte, wo weitere Mitglieder der Sektion zu uns stießen. Zur gleichen Zeit waren einige Kletterer schon aktiv: Jens Schulze solo auf der Ampfererroute an der Guglia di Brenta, Christoph Johne und Michael Scymczak am Franzosenpfeiler des Crozzon di Brenta (VI). Am 18. Juli waren sie schon mit weiteren Ex-Chemnitzern die Fehrmannroute (V) an der Guglia gegangen und hätten dort unsere Zwönitzer Seilschaft Meyer treffen können.

Gegen Mittag brachen wir unter Führung Giuseppes zur Barthelgedenktafel auf. Wer weiß, ob wir sie ohne ihn gefunden hätten. Dieses Kunststück gelang wenige Stunden später Ludwig und Peter. In einer Gedenkstunde brachten wir einen Kranz der Sektion an und gedachten dabei auch Gottfried Eißners. Giuseppe erhielt als kleines Dankeschön der Sektion einen Bildband vom Erzgebirge. Danach lud er an Ort und Stelle alle zu einem Picknick mit Wurst, Käse und Wein ein. Beim Herauftragen der Köstlichkeiten hatten wir natürlich geholfen.

Nun trennten sich unsere Wege wieder. Die Einen gingen abwärts, Giuseppe blieb noch für eine Nacht in der Brenteihütte, wir anderen stiegen über die Bocca di Brenta zur Tosahütte auf, wo wir später die erfolgreichen Kletterer dieses Tages trafen und Pläne für den nächsten Tag machten.

Der 20. Juli, der 90. Todestag Barthels, brachte gutes Brenta-Kletterwetter. Wolken zogen zwar auf, hüllten uns zeitweise ein, verzogen sich aber wieder, ließen Sonne an uns heran und gaben beeindruckende Blicke frei. Nur Karsta und Jens, die seit 8.00 Uhr in der kühlen SW-Verschneidung (Fehrmann/Smith) kletterten, hatten erst gegen Abend auf dem Gipfel Sonne.

9 Uhr begannen wir in zwei Dreierseilschaften den Aufsstieg über die Ampfererroute, nachdem wir drei anderen Seilschaften einen ordentlichen Vorsprung gelassen hatten. An Michas Seilen stiegen Rita und Barbara gleichzeitig nach, an Christophs folgten Rainer und ich. Wo gefilmt werden sollte, ging ich in der Mitte, um sowohl Vorsteiger als auch einen Nachsteiger aufnehmen zu können. So kamen u. a. die interessantesten Passagen, die Pooli- und die Ampfererwand, ins Bild. Dort, wo man zum Ringband, dem Stradone Provinciale, hinauf verschiedene Varianten wählen kann, überstiegen wir zwei der vor uns gewesenen Seilschaften. Auf der Garbariterrasse, von der aus Berger und Ampferer den Weg zum Gipfel fanden und sich G. A. Barthel wegen fehlender Routenbeschreibung verstieg, dachten wir an ihn, den besten Chemnitzer Kletterer der vergangenen Jahrhundertwende. Unsere Hochachtung galt den Erstersteigern, die hier für ihre Zeit Herausragendes geleistet hatten. Nach vier Stunden lagen die 13 schönen Seillängen in bestem Fels unter uns. Selbst unseren sonst in höheren Schwierigkeitsbereichen Kletternden hatte es großen Spaß gemacht. Während der Gipfelrast wurden die Gipfelglocken geläutet, die Bruno Detassis 1942 mit seinen Freunden installiert hatte. Vorüberziehende Wolkenfetzen machten die wechselnde Sicht auf die Felsgestalten der Brenta besonders reizvoll. Eineinhalb Stunden soll laut Kletterführer die Seilabfahrt zum Einstieg hinunter dauern. Wenn man aber vier Seile dabei hat wie wir und freie Bahn, schafft man das in 70 Minuten. Schon 16 Uhr schmeckte uns in der Tosahütte das Bier auf die gelungene Jubiläumstour besonders gut. Dabei gingen unsere Gedanken auch zu Karsta und Jens hinüber, die um diese Zeit in den letzten besonders schwierigen Metern des Fehrmann-Smith-Weges waren.

Hier nun Karsta Mauls Eindrücke von der SW-Verschneidung

So erlebte ich den Fehrmann-Smith-Weg am Campanile Basso

Am Einstieg sortierten wir unsere zwei Halbseile und das Schlingenmaterial und begannen 8.30 Uhr mit der Besteigung. Die ersten Seillängen auf einer geneigten Rampe im 5. Grad (sächsisch) waren für uns leichteres Klettergelände. Ich dachte, wenn es so weitergeht, wird es eine reine Genußkletterei. Es kam aber doch anders. Die Verschneidung begann und damit in senkrechter Wandkletterei die eigentliche Schwierigkeit (6. u. 7. Grad sächsisch). Griffe und Tritte waren klein. Mein kleiner Rucksack störte mich wenig. In breiten Kaminen war er von Vorteil und eine ideale Vergrößerung meiner Körpermaße, denn meine Beine sind nicht so lang, wie ich sie manchmal gebraucht hätte. Trotz zügigen Kletterns hatte ich das Gefühl nicht voranzukommen. Ich orientierte mich am gegenüberliegenden Klettersteig Bocchette Centrale. Er rückte nur langsam näher. Bei so langen Wänden setze ich mir immer solche moralisch aufbauenden Höhenpunkte, die nicht immer Höhepunkte sein müssen.

Wir hatten vor uns eine Seilschaft, die wir bald einholten, aber nicht überholen konnten und deshalb an den Standplätzen immer warten mußten. Das Wetter spielte auch mit. Es war nie zu heiß. Wolken umhüllten uns fast den ganzen Tag und ließen nur ab und an ein paar Tiefblicke zu. Wir näherten uns den letzten Seillängen vor dem Absatz Stradone Provinciale. Meine Arme waren erstaunlicherweise noch nicht hart und verspannt. Trotzdem bereitete mir diese Wand doch einige Schwierigkeiten (etwa sächsisch 7b). Auf Grund der langen konzentrierten Kletterei geht es an die ausdauernde Kraft. Neben uns löste sich plötzlich laut donnernd eine Steinlawine. Da wir in den Wolken steckten, konnten wir sie nicht sehen. Auf unserer Seite ging sie zum Glück nicht herunter. Auf dem Absatz angekommen, genehmigten wir uns den ersten Schluck aus unserer Trinkflasche. Ich war erleichtert, den langen ersten Abschnitt gut überstanden zu haben, wußte aber nicht, daß noch mindestens drei oder vier Seillängen auf uns warteten. Wir gingen zum Einstieg auf der Stradone Provinciale. Sorge bereitete uns eigentlich nur das Wetter. Es fing an leicht zu nieseln und auch die Temperaturen sanken. Wir überlegten, ob wir ab- oder aufsteigen sollten. Da es kurz aufhörte zu regnen und der Gipfel mich genauso lockte wie vorher der bestimmte Weg, gab es keine Frage. Die nächste Seillänge führte hübsch über eine schräge Kaminkante. Das Nieseln hatte den Fels naß und glitschig gemacht, deshalb konnten wir nur noch über die überhängende Medea-Ausstiegsvariante (UIAA V) gehen. Hier war dann die Kraft doch zu Ende. Mit Händen eiskalt und naß fiel mir das Entfernen der Schlingen im Überhängenden ziemlich schwer. Aber auch diese Stelle wurde überwunden und nach einer kurzen leichten Kletterei standen wir 17.30 Uhr auf dem Gipfel, mit Sonnenschein für unsere Mühen belohnt. Natürlich mußte ich erst einmal die Glocken des Bruno läuten, um meinem Glücksgefühl Luft zu machen. Von unseren Seilschaften, die mit der Filmkamera auf der Via normale zum Gipfel gegangen waren, war natürlich weit und breit nichts zu sehen. Sie saßen um diese Zeit schon längst in der Tosahütte beim Bier.

Wie schon erwähnt, waren zwei Tage zuvor zwei andere Sektionsmitglieder auf demselben Weg auf die Guglia di Brenta geklettert. Auch ihre Eindrücke sollen nun widergegeben werden.

Ulrich und Michael Meyer

Wie wir die Fehrmannverschneidung erlebten

Am Morgen des 18. Juli fragt uns der Wirt der Brenteihütte, der Sohn Bruno Detassis, welchen Gipfel wir auf welchem Weg besteigen möchten und wünscht uns Glück für unsere Bergfahrt. Nach 1 ½ Stunden Anmarsch sind wir am Einstieg. Die letzten Höhenmeter zuvor auf dem Schotterhang waren kein Genuß, dagegen die ersten Seillängen am 400 Meter aufragenden Felsturm reiner Kletterhimmel und regelrecht erholsam. Ein riesiges Verschneidungssystem leitet uns dann Seillänge um Seillänge nach oben. Bald haben wir eine vor uns befindliche italienische Seilschaft eingeholt. Nach unserem "Buon giorno" machen wir eine kleine Mittagsrast, um die Wartezeit zu verkürzen, denn überholen können wir hier nicht. Uns bietet sich ein schöner Rundblick. Doch schon schweben Nebelfetzen heran. Die Sicht verschlechtert sich zusehends. Zum Glück ist die Orientierung in diesem Weg nicht schwer, weil genügend Haken stecken und wir das Klicken der Karabiner und die Zurufe der anderen Seilschaft hören. Der Fels ist auch hier relativ fest. Die Kletterei geht zügig voran. Nach mehreren Seillängen haben wir unsere Vorgänger wieder eingeholt. Aus dem Nebel hat sich Nieselregen entwickelt. Die Sicht ist miserabel. Da wir nicht nass werden wollen, entschließen wir uns, eine Umgehungsvariante zu begehen. Wir steigen rechts des Originalweges in die Wand ein. Hier gibt es keine Haken, aber ich kann genügend Klemmkeile und Schlingen unterbringen. Diese Ausweichvariante ist das schönste Stück an diesem Klettertag. Sehr fester Dolomit, senkrecht, kompakt und nicht abgespeckt, da macht Klettern Spaß. Wir sind zeitgleich mit den beiden Italienern am letzten Standplatz in einer kleinen Höhlung vor der großen Felsschulter des Campanile. Ein langer Quergang leitet zu ihr hinüber. Von hier können wir dem Normalweg über die Ampfererwand auf den Gipfel folgen. Diese Meter sind noch einmal ganz schön anstrengend. Man kann nur den Hut ziehen vor den Männern, die vor 100 Jahren als Erste den Gipfel erreichten. Im Nebel suchen wir das Gipfelbuch, finden es aber nicht. Fünf freundliche Italiener erlauben uns, an ihren Seilen mit abzufahren. Schnell sind wir bei unseren Sachen auf dem Stradone Provinciale. Und da reißt auch der Nebel auf und ein herrliches Panorama ist zu schauen. Weit im Westen schneebedeckte Berge, gegenüber der Crozzon di Brenta und die Cima Tosa. Das große Bamd führt uns spiralförmig um den Turm herum bis zur nächsten Abseilstelle. Ich fotografiere die wilde Szenerie einige Male. Wir genießen dann auf dem Weg zur Hütte den Sonnenschein. Dann ist es doch fast dunkel, als wir die Hütte betreten und uns schnell zum Abendessen begeben. Eine lange Tour auf den Spuren des Amerikaners Oliver Perry Smith und des Sachsen Rudolf Fehrmann liegt hinter uns. Satt und zufrieden und müde begeben wir uns bald zur Ruhe.

Fortsetzung der Gustav-Adolf-Barthel-Gedenkfahrt

Um noch einmal eindrucksvolle Blicke auf unseren Turm zu haben, gingen wir am folgenden Tag bei noch schönerem Wetter in Richtung Cima Tosa und dann über den Videsottweg (IV) auf die Cima Margherita. Hier hatte Jens, der sich wie andere auch auf diesem Weg einen Verhauer leistete, gleich drei Nachsteiger. Ich wurde gefragt, woher ich gewusst hätte, dass die Tage um den 20. Juli bestes Kletterwetter bringen. Das war nur Glück, dass ich aber in dem vergangenen Jahrzehnt gepachtet zu haben schien. Dafür schlug das Wetter am nächsten Tag beim Abstieg und Umsetzen in die Zillertaler Berge gewaltig zu. Sturm, Regen, Hagel Schnee, je nach Höhenlage. Und als wir am Abend zur Alten Chemnitzer Hütte kamen, sagte Erich Burgmann, der Hüttenwirt, zu mir: "Du bist nun schon zum dritten Male hier, aber immer liegt Schnee."

So verhinderten die Verhältnisse am Berg wieder einmal, dass wir Barthels Spuren am Turnerkamp (S-Grat) folgten. Zu sechst ließen wir’s geruhsam angehen mit einem Gang auf den verschneiten Gamslahnernock, etwa zugspitzhoher direkter Hausberg der Nevesjochhütte, und dem Kellerbauerweg, dem wir bis zur Tristenspitze folgten, wo wir einen wunderschönen Blick bis zu den Drei Zinnen hatten. Aber uns war noch ein Bergtag gegönnt. Wir bestiegen den 3478 Meter hohen Großen Möseler. Der Gipfelaufbau im tiefen Schnee, also eine richtig schöne Hochtour. Am Gipfelkreuz 30 cm Raufrost und von Stunde zu Stunde bessere Sicht, weil sich die Wolken in der Höhe auflösten und nur nach Norden gewaltige Wolkenbänke unter uns lagen. Im Film ist ein Teil des faszinierenden Eindrucks widergegeben.

Am Ende der Tour stand ein fröhliches Fußbad im eiskalten Gletscherbach des Östlichen Neveserferners. Erich Burgmann hatte zu unserer Begrüßung nach erfolgreicher Bergfahrt die Fahnen von Sachsen und Chemnitz gehißt. Sie flatterten in der frischen Brise so bildwirksam, aber Horst Mempel hat diese Szene im Film nicht gebracht.

Der 62-jährige Roland, der auf seiner ersten Alpenfahrt die herrliche Brenta auf Klettersteigen und Wanderwegen erlebte, an der Bartheltafel die Gedenkrede verlesen durfte und am Nevesjoch in zwei Tagen zwei Berge bestieg und dabei am Dreitausender eine richtige Hochtour machte, fasste es beim Südtiroler Wein, den er spendierte, zusammen: Die Barthel-Gedenkfahrt war eine rundum gelungene Unternehmung. Jeder war auf seine Kosten gekommen. Dank dem Initiator der Sektionsfahrt, auf den zu Hause die Erarbeitung des Biwakbeitrages wartete. Wer organisiert die nächste ähnliche Reise in die Berge?

Durch Rita Türpes Artikel in der "Freien Presse" wurde ein Hobbyforscher, der sich mit denkmalgeschützten Grabmälern befasst, auf uns aufmerksam. Von ihm erfuhr ich, dass G. A. Barthel zunächst in Freiberg Hilfslehrer war, ehe er nach Chemnitz kam, hier Oberlehrer am

Realgymnasium wurde und Turndirektor. In dieser Funktion war er für den Kinder- und Jugendsport verantwortlich. Auf diesem Gebiet wurde im damaligen Chemnitz schon Beispielgebendes geleistet. Die Trauerfeier für Barthel am 25. Juli 1909 gestaltete sich zu einem besonderen Ereignis in der Stadt. So viele Trauergäste und Blumengebinde hatte zuvor die Trauerfeierhalle des Chemnitzer Krematoriums noch nicht gesehen. Der Oberbürgermeister und die meisten Stadtverordneten waren anwesend und neben den Bergfreunden vor allem die Turner, die dann den Gedenkstein und die Gedenktafel gemeinsam errichten und herstellen ließen.

90 Jahre später erwiesen wir Gustav Adolf Barthel mit der Gedenkfahrt unsere Hochachtung.

8. Teil : Die ersten Jahrzehnte - Personen um Prof. Kellerbauer : Jacob Albert Eisenstuck (1828-1913)

So, wie es heute ist, war es schon vor 100 Jahren: Nur wenn eine gute Führungsmannschaft beisammen ist, kann sich für den Verein Gedeihliches entwickeln. Theodor Kellerbauer hatte offenbar die Gabe zu begeistern und zum Mittun anzuregen. Einige Namen aus seiner Zeit zumindest sollen für uns Heutige nicht nur Schall und Rauch sein.

Da wäre zuerst zu erinnern an den elf Jahre älteren

Jacob Albert Eisenstuck (1828 bis 1913)

Er hatte einen berühmten Chemnitzer als Vater, Jacob Moritz Eisenstuck (1796 bis 1880), den Wirtschaftspionier und fortschrittlichen Politiker, Chemnitzer Abgeordneten im Frankfurter Parlament von 1848 und dessen Vizepräsident, nach dem es seit 1949 in Chemnitz eine Eisenstuckstraße gibt.

Albert Eisenstuck, von 1865 bis 1891 Strumpffabrikant in Chemnitz, danach aktiver Rentner, Vater von fünf Kindern, gehörte der Sektion als Gründungsmitglied an. Ohne ihn wäre die "Chemnitzer Hütte" am Nevesjoch nicht denkbar. Erste Entwürfe stammten von ihm. Nach seinen Ratschlägen wurde die Hütte eingerichtet, unter seiner Leitung der Bau ausgeführt, und wenn beim Bau etwas nicht klappte, begab er sich an Ort und Stelle und schaffte Ordnung. Für uns, die wir an Auto und Autobahn gewöhnt sind, ist es kaum vorstellbar, wie damals eine Reise zum Nevesjoch zu bewerkstelligen war: Dampfeisenbahn, Pferdefuhrwerk, langer Fußmarsch. Deshalb galt ihm, dem Hüttenwart, bei der Hüttenweihe 1895 der besondere Dank der Sektion und des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Erst im hohen Alter von 79 Jahren bekam er - auch wegen des geschwächten Sehvermögens - in Prof. Dr. Domsch einen Stellvertreter und Nachfolger. Zum 80. Geburtstag wurde er zum Ehrenhüttenwart ernannt.

Die Stiftungsfeste der Sektion waren gesellschaftliche Ereignisse im Chemnitzer Leben. Sie wären ohne Albert Eisenstuck auch nicht das gewesen, was sie waren, sorgte er doch für die Bühnen- und Saalausstattung. Sein hölzerner 6 m hoher Kletterturm, Eisenstuckfels genannt, wurde zum Stiftungsfest 1895 in der Saalmitte aufgebaut und im Laufe des Abends vielmals traversiert. Diese Attraktion war vielleicht der erste Vorläufer unserer heutigen künstlichen Klettereinrichtungen. Schade, dass es davon kein Foto oder eine Zeichnung gibt. Vielleicht gibt es Nachkommen, über die man wenigstens an ein Foto von Albert Eisenstuck kommen könnte.

Hoch geehrt verstarb er im Alter von 85 Jahren ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkrieges.

9. Teil : Die ersten Jahrzehnte - Personen um Prof. Kellerbauer : Prof. Dr. Paul Richard Domsch (1860-1918)

Prof. Paul Richard Domsch, Universitätsarchiv Sign. 502-000212, Fotograf: Brueder Hahn, Chemnitz, Königstraße 21, ohne Datum

Schaut man sich das Konterfei dieses wohlsituierten Bürgers mit Stehkragen, Kneifer und Hindenburgbürste an, vermutetet man nicht, einen Alpinisten vor sich zu haben, der es gewohnt ist, in Berglerkluft all die Mühsal auf sich zu nehmen, die häufig mit dem Erlebnis Berg einher geht. Liest man seine Bergfahrtenberichte, kommt er einem als Bergfreund nahe. Man wird neugierig zu erfahren, wer und was Paul Domsch war.

Als junger Kollege Prof. Kellerbauers trat er wahrscheinlich kurz nach seiner Übersiedlung nach Chemnitz 1894 der Sektion bei und hielt schon im Januar 1895 einen Vortrag "Über Berg und Tal in der westlichen Rieserfernergruppe". Es folgten 1897 "Gletschermessungen in den Zillertaler Alpen, 1898 "In König Laurins Reich (Rosengarten)", 1899 "Wanderungen im Schwarzwald" und "Gipfeltouren von der Chemnitzer Hütte aus", 1900 "Über Hütten und Hüttenleben".

1899 wurde er als 1. Schriftführer in den Vorstand der Sektion gewählt. 1908 übernahm er außerdem das Amt des Hüttenwartes von Albert Eisenstuck. 1907 beging die Sektion feierlich ihr 25-jähriges Bestehen. Domsch hatte die Redaktion der Festschrift "Im Bannkreis der Chemnitzer Hütte". 1916 musste er aus gesundheitlichen Gründen seine Ehrenämter niederlegen.

Sein Lebenslauf

Der spätere Regierungsrat Prof. Dr. phil. Paul Richard Domsch wurde am 16. April 1860 in Zittau geboren, war also ein Jahr älter als G. A. Barthel. Zu Ostern 1878 schloss er das Realgymnasium in Chemnitz mit der Reifeprüfung ab.

In Leipzig studierte er Mathematik und Physik. In seiner Doktorarbeit behandelte er die Geometrie der Cycliden. 1884 Staatsprüfung in der math.-naturwissenschaftlichen Sektion. Danach war er als Probekandidat am Nikolaigymnasium in Leipzig und von Ostern 1885 bis 1894 Oberlehrer am Realgymnasium Borna mit Mathematikunterricht in allen Klassen, ab 1894 dann Lehrer für Mathematik an den Technischen Lehranstalten Chemnitz mmit einem Jahresgehalt von 2700,- Mark. Dafür hatte er wöchentlich 22 Stunden Unterricht zu erteilen. Welch ein Stundenlohn als Wissenschaftler.

1902 Titel und Rang als Professor, 1903 Verwalter der Feldmesssammlung der Techn. Lehranstalten. 1914 erhielt er das Ritterkreuz 1. Klasse des Albrechtsordens und 1916 das Kriegsverdienstkreuz.

1917 wurden ihm Titel und Rang eines Regierungsrats verliehen. Jetzt betrug sein Jahresgehalt 7560 Mark.

Er verfasste die Chronik "Die Königliche Gewerbeakademie zu Chemnitz 1836 bis 1911" und die Biografie eines bedeutenden Wissenschaftlers und nahm an Mathematikkongressen in England und Italien teil. Laut Nachruf war er ein vorzüglicher Lehrer und hervorragender Fachmann, ein edler Mensch und Amtsgenosse.

Seit September 1890 war er mit Gertrud Marie geb. Geissler verheiratet. Die Familie hatte drei Söhne:

Max Ernst Gerhard (Rufname) Domsch : geb. 16.9.1891 in Borna; gest. 27.8.1912 im Zugspitzgebiet
Johann George Gottfried (Rufname) Domsch : geb. 27.12.1899 in Chemnitz; gest. 20.7.1984 in Ehingen (Donau)
Heinz (Rufname) Paul Domsch : geb. 9.11.1904 in Chemnitz; gest. 10.5.1945 in Mnisek/Tschech.

Anfang September 1912 erhielt die Familie die Nachricht, dass Sohn Max Ernst in den Bergen vermisst werde. Domsch fuhr nach Garmisch und fand am 9. September den toten Sohn am Fuß der Zugspitze.

Im August 1914 zog er freiwillig als Leutnant in den Kriegsdienst. Im März 1916 Ausmusterung wegen schwerer gesundheitlicher Schäden, die mehrere Sanatoriums- und Kuraufenthalte nötig machten. Ab 15. September 1918 unterrichtete er wieder, aber am 18. Dezember mittags erlag er einem Schlaganfall.


Kellerbauer und Domsch, zwei hervorragende Gestalter der Sektion Chemnitz, deren Wirken noch 100 Jahre später unvergessen bleibt, gingen mit dem Untergang des Kaiserreiches. Was ihre Nachfolger, die über Jahre hinweg ihre Mitstreiter waren, leisteten und wie sich die Sektion zwischen den zwei Weltkriegen entwickelte, wird im Mittelpunkt der nächsten Fortsetzungen unserer Serie zur Geschichte der Sektion stehen.

10. Teil : Vom Ende des 1. bis Ende des 2. Weltkrieges (1918-1945) - Die Neue Chemnitzer Hütte

Aus Anlass des 75-jährigen Hüttenjubiläums soll in diesem Heft etwas vorgegriffen und von der Neuen Chemnitzer Hütte erzählt werden, die, fest gebaut aus mehr als 60 cm starken Steinmauern, auch den Unbilden der Natur widerstehen sollte, und deren Geschicke durch den Lauf der Geschichte von zwei Sektionen des DAV geprägt war.

Nach Überwindung der Inflation und ihrer Folgen stabilisierte sich die Wirtschaft in Deutschland. Die Sektion verdoppelte vom Ende des Krieges bis 1925 ihre Mitgliederzahl auf über 1500 und konnte es sich leisten, wieder an der Erschließung des Alpenraums teilzuhaben. 1924 wies der Hauptausschuss des D. u. Ö. Alpenvereins die Weißmaurachalpe und Teile des Geigenkammes als Arbeits- und Hüttenbaugebiet zu und schon 1925 war das notwendige Geld durch Umlagen, Spenden und Mitgliederdarlehen - ohne jegliche Zuschüsse vom Hauptverein - beisammen.

Wenn man heute durch das schöne Pitztal fährt hinauf nach Plangeroß, eine Strecke wie etwa Chemnitz - Freiberg, ist es kaum zu fassen, dass damals der Postbus in Wenns Endstation hatte und der Rest von ca. 30 km zumeist zu Fuß zurückgelegt wurde. Aber durch den Hüttenbau kam Leben ins Tal, Bergsteiger wurden angelockt und der Tourismus angekurbelt. Die Einheimischen fanden neue Möglichkeiten, ihr Leben zu fristen. In Plangeroß gab es damals gerade mal einen Gasthof, den heutigen 'Kirchenwirt'. Heute ist nahezu jedes Haus des Ortes eine Beherbergungsstätte. Fabrikant Friedrich Strantz war 1. Vorsitzender der Sektion, als der Hüttenbau in die Wege geleitet wurde. Hüttenwart war Friedrich Seiferth, der 1930 mit den drei anderen Chemnitzern auf dem Firnbecken zwischen Silberschneide und Hoher Geige durch Blitzschlag ums Leben kam.

Wie kam nun das Baumaterial und die Werkzeuge die 700 Höhenmeter hinauf zur Alpe?

Nur auf dem Rücken der Talbewohner, die nach Kilogramm Last entlohnt wurden. Dabei zeigten sich die Chemnitzer Bauherren keinesfalls großzügig. Johannes Kirschner, der Wirt aus Plangeroß und Großvater des heutigen Hüttenwirts Florian Kirschner, trug allein eine 96 kg schwere Hobelbank hinauf. Nur die Steine gab es oben. Sie mussten aber erst noch bearbeitet werden. Unter Baumeister Eiter aus Zaunhof wurde der Bau fristgemäß fertig.

Am 1. August 1926 war die feierliche Weihe der Hütte unter Teilnahme der Führungsriege der Sektion Chemnitz, die am Tag darauf auf die Hohe Geige, 3395 m, oder zum schönen Aussichtsplatz Gabinten stiegen. In einem 26-strophigen Festlied werden die Männer alle genannt. Die Bergmesse hielt Pfarrer Doberlander. Heinrich Dobler aus Köfels im Pitztal wurde der erste Hüttenwirt. Erst 1948 übergab er an seinen Neffen Josef Dobler.

Blättert man im ersten Hüttenbuch, liest man neben den Namen des Hüttenwarts auch die anderer Chemnitzer, die die Hütte in regelmäßigen Abständen besuchten, bei Kerzenlicht die Abende verbrachten und eines der 23 Lager, 5 Betten 0der 5 Notlager belegten. Die Hütte war schon damals nicht nur Ausgangspunkt von Besteigungen der Hohen Geige, Silberschneide und des Ampferkogels, sondern aus Ausgangs- und Endpunkt für eine Reihe interessanter Höhenwege. In den Anfangsjahren wurden nur etwa 400 Gäste jährlich gezählt, was auf den langen Anmarschweg durch das Pitztal zurückzuführen ist. 1933 wurden es noch weniger, weil die Nazis in Deutschland an die Macht gekommen waren und Hitler die so genannte Tausend-Mark-Sperre verhängt hatte. Wer nicht 1000,- Reichsmark bei sich führen konnte, durfte nicht nach Österreich. Und wer hatte schon so viel Geld? Erst 1938, als Österreich "heim ins Reich" geholt wurde, kamen wieder Chemnitzer zur Hütte. Doch ein Jahr später begann der 2. Weltkrieg, in dem die Hütte weiter geführt wurde und den sie und die Wirren der Nachkriegszeit unbeschadet überstand, war vor allem Heinrich Dobler zu danken war. Wie ging es weiter?

1945 wurde nicht nur in Chemnitz der Alpenverein verboten. Die Hütte wurde als reichsdeutsches Eigentum von den Alliierten beschlagnahmt. Nur Angehörige der Besatzungsmächte und einige Einheimische sind in dieser Zeit im Hüttenbuch verzeichnet. Erst 1954 endete dieser Zustand. Wie die anderen deutschen Hütten wird auch die Neue Chemnitzer Hütte an den DAV in Treuhandschaft zurückgegeben. Die gerade zwei Jahre alte, also kleine Sektion Rüsselsheim bewirbt sich um die treuhänderische Hüttenbetreuung und sorgt sich trotz der ungesicherten Eigentumsfragen um sie wie um eine eigene.

1959 erst haben Kerzen und Öllampen ausgedient. Eine Propangasanlage sorgt für besseres Licht und Lebensmittelkühlung. 1968 wird das marode Schindeldach durch verzinktes Blech ersetzt, eine Wasserleitung vom Gabintenhang herunter geplant. 1977/78 wird eine Quelle erschlossen, die über eine 600 m lange Rohrleitung die Hütte verlässlich mit Wasser versorgt.

Mit der Auflösung der Sektion Chemnitz in der BRD 1973 und der Gewissheit, dass wohl nie wieder Chemnitzer die Hütte übernehmen können, reiften bei der Sektion Rüsselsheim die Pläne, die Hütte käuflich zu erwerben und wichtige Baumaßnahmen vorzubereiten. 1978 wurde die Materialseilbahn in Betrieb genommen, 1981 die Hüttenerweiterung vollendet, 1997 die Wasserversorgung nachhaltig verbessert.

1990 sind die ersten Chemnitzer wieder als Gäste auf der Hütte, deren Name schon deswegen so lange erhalten wurde, weil es inzwischen kein Chemnitz, sondern ein Karl-Marx-Stadt gab. Seit es aber Chemnitz wieder nicht nur als Flussnamen gibt, konnten die Rüsselsheimer daran denken, ihrer Hütte auch ihren Namen zu geben.

Im Februar 1999 machte eine Lawine auch das zunichte, was Bergfreunde der Sektion Chemnitz bei Arbeitseinsätzen mit geschaffen hatten. Die Schneemassen vom Westgrat der Hohen Geige herab stürzten durch die Erkerfenster in den Gastraum, rissen die Überdachung am Eingang weg, beschädigten die Seilbahnanlage erheblich und zerstörten den Winterraum völlig.

Im Jahre 2001 zur 75-Jahr-Feier sind alle Schäden beseitigt. Wo es die Treppe hinauf zum Eingang geht, ist ein Vorhäuschen entstanden, das vor allem im Inneren viel heller ist als der sich anschließende Vorraum mit den Schuhregalen in der Hütte. In die neue Winterhütte mit 12 Lagern und einem Selbstversorgerraum sind die Seilbahnstation und eine kleine Werkstatt integriert. In der Haupthütte gibt es jetzt bessere Unterbringungsmöglichkeiten für das Personal. Die Neue Chemnitzer Hütte ist ein Teil der Geschichte unserer Sektion, aber sie trägt mit Fug und Recht seit dem 1. Juli 2001 den Namen

Rüsselsheimer Hütte
(vormals Neue Chemnitzer Hütte)
Post aus Rüsselsheim

Schon wenige Wochen nach den Feierlichkeiten erreichten uns Pakete mit Material zur Geschichte unserer Sektion, die besonders Wolfgang Mann helfen, weiter an der Geschichte der Sektion Chemnitz zu arbeiten. Auch das Hüttenschild wurde uns zugestellt. Aus den beiliegenden Briefen des 1. Vorsitzenden Wolfgang Gurk und des Hüttenwarts Dieter Kopp an die Sektion und den Redakteur hier einige Ausschnitte:

"Wir möchten uns nochmals für Eure Teilnahme an unserem Fest bedanken, besonders auch für Eure Grußworte, die einen nachhaltigen Eindruck besonders bei unseren Gästen aus der Sektion hinterlassen haben. Es war uns eine große Freude, Euch auf der Hütte begrüßen zu können und ich glaube, dass Euer Kommen ein guter Neuanfang in der Beziehung zwischen unseren Sektionen sein wird. Es wäre eine tolle Sache, wenn wir uns bald mal wieder treffen könnten, sei es in Chemnitz, Rüsselsheim oder bei einer gemeinsamen Ausfahrt zur Hütte."

Dieter Kopp schreibt u. a.:

"Es freut mich sehr und ist für mich eine große Ehre, dass Ihr mich als C-Mitglied in die Sektion Chemnitz aufnehmen wollt."

11. Teil : Vom Ende des 1. bis Ende des 2. Weltkrieges (1918-1945) - Die Jahre 1918 bis 1932

Noch war das Ende des 1. Weltkrieges Anfang 1918 nicht abzusehen, da ereilte die Sektion Chemnitz ein herber Verlust. Prof. Kellerbauer, der Mann, mit dessen Namen und durch dessen Wirken die ersten 3 1/2 Jahrzehnte geprägt waren, starb knapp 79-jährig. In seine Funktion wurde der bisherige 2. Vorsitzende Geheimer Justizrat Dr. Georg Frauenstein gewählt. Neuer 2. Vorsitzender wurde Studienrat Prof. Dr. Diebler. Oberlehrer Günthel, Seilgefährte Gustav Adolf Barthels, wurde 1. Schriftführer der Sektion, die durch den Krieg und seine Folgen bis 1919 wieder weniger als 6oo Mitglieder hatte. Über die Zahl und Namen der Kriegsgefallenen gibt es keine Unterlagen. Es muss aber eine ganze Anzahl gewesen sein, der die Sektion 1930 an der Neuen Chemnitzer Hütte eine Ehrentafel weihte.

Schon 1920 traten viele neue Alpen- und Bergfreunde der Sektion bei und diese Entwicklung setzte sich rasant fort, so dass 1924 und 1925 der höchste Mitgliederstand in der Geschichte der Sektion zu verzeichnen war: 1542. Da Ehefrauen für einen geringen Betrag bei Sektionsveranstaltungen und auf der Hütte Rechte wie Mitglieder genossen, sie also nicht zwingend reguläre Sektionsmitglieder sein mussten, kann man getrost diese Zahl noch etwas höher ansetzen. Sie zeugt davon, dass trotz Nachkriegszeit und Inflation der Drang zu den Bergen immer größere Maße annahm und das Vereinsleben mit jährlich im Januar durchgeführten Wahlversammlungen, im Frühjahr abgehaltenen Stiftungsfesten, monatlichen Sektionsversammlungen, mit einer über 150 Mitglieder starken Schiabteilung, einer Wandergruppe, die mit 50 Mitgliedern begann und immer stärker wurde, und der Klettergruppe "Greifensteiner" als recht vielseitig angesehen werden kann.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Sektion sich auch wieder um ein Arbeitsgebiet in den Alpen bemühte, um einen Anteil an der Erschließeung des Alpenraums zu haben und damit auch der einheimischen Bevölkerung zu einer Verbesserung ihrer Lebensumstände zu verhelfen. Ein Arbeitsgebiet zu haben, bedeutete nicht nur den Bau einer Hütte einschließlich des Zustiegs, sondern hieß auch, das Gebiet im Bereich der Hütte mit Wegen und Hinweistafeln auszustatten. So gehörten hier die Zustiege zu den Gipfeln wie Hohe Geige, Silberschneide, Ampferkogel und Puitkogel und der berühmte Höhenweg, der erst Hindenburgweg hieß und als solcher verfiel und nach dem 2. Weltkrieg von der Sektion Mainz als Mainzer Höhenweg wieder errichtet wurde, dazu. 1925 brachte die Sektion Chemnitz eine von Dr. Diebler eingeleitete Druckschrift samt Kartenskizze über ihr neues Arbeitsgebiet heraus, in der die Zugänge zur Hütte, ihr Standort und die von der Hütte aus möglichen Berg- und Höhentouren und Übergänge beschrieben wurden. In den Mitteilungen des D. u. Ö. AV wird sie als mustergültige Schrift beurteilt.

Im Sommer 1926 wurde die "Neue Chemnnitzer Hütte" eingeweiht. (Siehe Heft 22 der Mitteilungen der Sektion Chemnitz!) Dafür hatten die Mitglieder zum Jahresbeitrag von 15,- Mark für A-Mitglieder einen einmaligen Sonderbeitrag von 10,- Mark für den Hüttenbau zu zahlen. Die Sektion finanzierte ihr Vorhaben noch durch Spenden und den Verkauf von Anteilscheinen ohne Zuschuss durch den Hauptverein.

Dr. Frauenstein, der für über 40-jährige Mitgliedschaft im Alpenverein geehrt werden konnnte, war Motor der Entwicklung der Sektion in den ersten fünf Jahren der 20-er des 20. Jahrhunderts. Mit Ende 1925 schied er als 1. Vorsitzender aus und wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Die Sektion beabsichtigte, den Pfad von der Neuen Chemnitzer Hütte hinauf zum Aussichtsplatz Gabinten Frauensteinweg zu nennen. Das hat sich aber sicher auch wegen der Kürze des Weges (eine Stunde Gehzeit) nicht durchgesetzt. Im Mai 1928 verstarb Dr. Georg Frauenstein hoch betagt. Die Liebe zu den Alpen, der Hochgebirgswelt, zu den Menschen und dem Volkstum in Tirol hatte ihn in die Sektion Chemnitz geführt, in die er sich mit seiner ganzen Person einbrachte. Auch sein Name sollte uns Heutigen geläufig bleiben.

Autor : Wolfgang Mann, DAV-Sektion Chemnitz;
Für das Internet redaktionell bearbeitet by Th. Frank, 1. Mai 1997, 22. Juli 1999, 6. Januar 2001, 5. Mai 2001, 3. Oktober 2001, 16. Juni 2002