DAV Chemnitz : Aconcagua-Expedition "Top of South America 2001"

Tourenberichte von Steffen Oehme, Mike Glänzel und Ingo Röger

Übersicht

Top of South America 2001 - Bildergallerie von der Aconcagua-Expedition des DAV Chemnitz
Top of South America 2001 - Expedition der DAV-Sektion Chemnitz zum Aconcagua, Bericht vom Expeditionsleiter Steffen Oehme
Der höchste Tag meines Lebens - Expeditionsbericht zur Andenexpedition "Top of South America 2001" von Mike Glänzel
Top of South America, Teil II - Expeditionsbericht zur Andenexpedition von Ingo Röger
Kleine Bildergalerie zur Expedition "Top of South America 2001"

Das war die Top of South America 2001 - die Südamerika-Expedition der DAV-Sektion Chemnitz

Bericht vom Expeditionsleiter Steffen Oehme

Nach der erfolgreichen Unternehmung und der glücklichen Heimkehr aller Teilnehmer möchten sich die Südamerikafahrer bei allen bedanken, die in jeglicher Form Unterstützung gaben. Ohne sie wäre die Expedition schwerlich möglich gewesen. Mit der Berichterstattung und Erlebnisschilderung einiger Bergsteiger sollen alle Sektionsmitglieder einen Eindruck von der unvergesslichen und bisher größten Sektionsfahrt erhalten. Aus diesem Grunde haben wir auch die Kosten nicht gescheut und ausnahmsweise einige Seiten mit farbigen Bildern eingefügt.

So verlief unsere Expedition

2. Februar :
Im Schneetreiben Fahrt nach Frankfurt/M.
3. Februar :
Flug nach Dallas/ USA, Weiterflug nach Santiago de Chile
4. Februar :
Ankunft in Santiago, Weiterfahrt nach Puenta del Inka
5. Februar :
Permit-Kauf in Medoza
6. Februar :
Start im Vacastal, 2400 m, bei +42°C, Lager 1, 2820 m, 16 km, 650 Höhenmeter, bei +40°C
7. Februar :
Lager 2, 3200 m, 18 km, 420 Höhenmeter, +40°C
8. Februar :
Basislager, 4150 m, 15 km, 1250 Höhenmeter, +30°C
9. Februar :
Akklimatisation
10. Februar :
Ausrüstungstransport auf 4850 m, 950 Höhenmeter, Nacht -6°C
11. Februar :
Hochlager 1 auf 4850, 5 km, 950 Höhenmeter, Wetter wird instabil, -8°C
12. Februar :
Wolfram und Marco werden mit Lungenödem vom Basislager ausgeflogen. Ausrüstungstransport auf 5450 m, 4 km, 570 Höhenmeter
13. Februar :
Hochlager 2 auf 5450 m, 570 Höhenmeter, Tag +10° C, Nacht -8°C
14. Februar :
Ausrüstungstransport auf 5900 m, 3 km, 500 Höhenmeter, Nacht -14°C,Sturm
15. Februar :
Hochlager 3 auf 5900 m, 500 Höhenmeter, Tag +5°C, Nacht -15°C
16. Februar :
Wolfgang Neukirchner und der Arzt Michael Naumann erreichen den Gipfel des 6959m hohen Aconcagua, gleichzeitig schlägt der Blitz in den Gipfel ein. Michael bekommt den Stromschlag zu spüren. Beide gleiten unter großem Risiko vom Gipfel. Uwe kommt wegen des starken Gewitters nur bis 6900 m und Lars auf ca. 6700 m. Alle Vier steigen bis in die Abendstunden zum Hochlager 1 ab, wo sie von Konstanze und Stefanie total erschöpft empfangen werden. Sie haben 1200 Hm im Aufstieg und 2000Hm im Abstieg bewältigt. Während oben das Gewitter tobt, steigen an diesem Tag Ingo, Konstanze, Stefanie, Mike und Steffen zum Hochlager 3 auf. Beide Frauen steigen von 5750 m wieder im Schneetreiben nach Hochlager 1 ab. Nachts -25°C.
17. Februar :
Gipfelsturm. Ingo schafft es nur bis 6300 m und steigt zum HL 3 zurück. Steffen und Mike erreichen den Gipfel bei ca. -10°C. Plötzlich Elmsfeuer, elektrische Entladungen. Steffen wird im Abstieg vom Blitz getroffen. (Siehe Mikes Bericht!) Mike erreicht mit beginnender Nacht HL 3.
18. Februar :
Steffen steigt früh zum Hochlager 3 ab (für Mike nicht nachvollziehbar, denn er vermutete ihn in HL 1). Gemeinsam Abstieg zum HL 1 und von dort mit Ingo zum Basislager.
19. Februar :
Auflösung des Basislagers, Abstieg bis auf 3200 m. Warten auf Mulis, die nicht kamen, Abend ohne Essen, Nacht ohne Zelte, teils ohne Schlafsack, 7°C
20. Februar :
Ohne Essen wieder 5 Stunden gegangen bis Lager 2, alle erschöpft, +35°C. Am späten Nachmittag treffen die Mulis ein. Man hatte sich zeitlich verschätzt.
21. Februar :
Vacastal wieder erreicht. Abschiedsfeier
22. Februar :
Fahrt nach Santiago 6 Stunden, an der Grenze durch Zoll aufgehalten worden
23. Februar :
Abflug von Mike, Michael, Uwe, Marco und Konstanze in die Heimat.
24. Februar :
Stefanie und Wolfram, wegen Lungenödem Verbot für große Höhen, fahren in den Süden Chiles, die anderen in Richtung Pissis nach Argentinien, Pass 4780 m
25. Februar :
Während der Fahrt Reifenbrand und Keilriemenverlust, Pannenstop in San Juan
26. Februar :
Weiterfahrt Richtung Pissis
27. Februar :
Erreichen der Bergkette des Pissis, extreme Gewitter, in den Tagen vor unserer Ankunft Unwetter, +5°C
28. Februar :
Erkundungsfahrt durch schweres Gelände, wieder starke Gewitter, +5°C
1. März :
Früh weitere Gewitter, Abbruch der Unternehmung Pissis, Weiterfahrt nach Chile, Pass 4750 m, Auffahrt zum Ojos del Salado, HL 1 in 5100m, 25 cm Neuschnee, -8°C
2. März :
Akklimatisation, Neuschnee 10 cm, Nacht -10°C
3. März :
Ausrüstungstransport auf HL 2 in 5800 m, 4 km, 800 Hm, 30cm Neuschnee
4. März :
Abstieg zum HL 1 Lebensmittel holen, Wiederaufstieg auf HL 2
5. März :
Gipfeltag bei bestem Wetter, alle auf 6870 m, 20 m fehlen bis zu absolutem Top, aber im Abstieg wäre die kurze Passage zu heikel, 1100 Hm, nachts -20°C
6. März :
Badetag an der Laguna Verde
7. März :
Fahrt zum Meer nach Bahia Iglesia
8. März :
Baden, Erholung
9. März :
Fahrt Richtung Santiago
10. März :
Abend wird Santiago erreicht
11. März :
Santiago de Chile
12. März :
Abflug ab Santiago
13. März :
Dallas
14. März :
Ankunft in Frankfurt/M, 22:00 Uhr in Chemnitz

Resümee :

Pro Person wurden zurückgelegt :

155 km Fußmarsch zum Aconcagua
ca. 8400 Höhenmeter
30 km Fußmarsch zum Ojos d. Salado
ca. 3000 Höhenmeter
5270 km Gesamtfahrstrecke, davon 1020 km Schotterpiste, davon wiederum 250 km in schwerem Gelände

Der höchste Tag meines Lebens - Expeditionsbericht zur Andenexpedition "Top of South America 2001"

Bericht über die Gipfeltour zum Aconcagua

Von Mike Glänzel

Freitag, 16. Februar 2001

Zusammen mit Steffen Oehme und Ingo Röger erreiche ich gegen 18 Uhr bei Nebel und dichtem Schneetreiben Lager 3 auf 5900m. Wolfgang Neukirchner, Michael Naumann, Uwe Erkelenz und Lars Neumann sind vor wenigen Augenblicken von der Gipfeltour zurückgekehrt, total erschöpft und äußerlich um Jahre gealtert. Wolfgang und Michael erreichten den Gipfel, mussten jedoch wegen plötzlichem Blitzschlag postwendend umkehren und rannten in halsbrecherischem Tempo wieder hinab. Beide bekamen die Entladungen am eigenen Körper zu spüren. Uwe mußte deshalb in den sauren Apfel beißen und 30m vor dem Gipfel umkehren. Das eigene Leben geht schließlich über alles. Lars verließen die Kräfte bei 6700m, auch er trat bei dem Gewitter den Rückzug an. Trotz des Erfolges sind dies zwiespältige Nachrichten, die uns bei der Ankunft empfangen. Da hier oben nur zwei Zelte stehen, steigen die vier weiter ab in Lager 1 auf 5000m. Gegen 19 Uhr hört der Schneefall auf, es scheint noch einmal kurz die Sonne. Nach einem kräftigen Abendbrot legen wir uns 22 Uhr schlafen.

Samstag, 17. Februar 2001

Um 4:30 Uhr piepsen zwei Armbanduhren. Ingo scheint nichts zu hören. Ich krieche aus dem Schlafsack. Beim Aufziehen des Reißverschlusses ergießt sich ein Eisregen von der Zeltinnenwand auf Ingos Gesicht. Doch dies entlockt ihm nur ein Knurren. Draußen ist der Himmel sternenklar, die Mondsichel strahlt hell auf den Polengletscher des Aconcagua. Auch der benachbarte Ameginho leuchtet im Mondlicht. Steffen wird mir später erzählen, daß das Thermometer auf -22°C steht. Ich werfe beide Kocher an und mache Gymnastik gegen die Kälte.

Blick vom Lager 3 (5900m) auf die Aconcagua-Ostwand mit Polengletscher

5:15 Uhr wecke ich Ingo, kurz darauf wird auch Steffen in seinem Zelt munter. Nachdem die erste Gaskartusche leer ist, haben wir Langezeit Probleme, die neue Kartusche aufzuschrauben. Das kostet wertvolle Zeit. Ich ziehe mich eine halbe Stunde ins Zelt zurück, um meine gefühllosen Füße zu massieren. Mittlerweile scheint die Sonne. Wir löffeln erstmal Suppe, dann Rührei mit Zwiebeln. Ingo bekommt mit angewidertem Gesicht kaum einen Bissen runter. Ich muß das Ei auch runterwürgen und schiebe noch Salami nach. Wir verteilen den Proviant, packen die Rucksäcke und mit über einer Stunde Verspätung starten wir um 8:15 Uhr. Das Wetter meint es heute sehr gut mit uns. Gleißende Sonne, fast windstill, lediglich im Osten hängen an einer Bergkette einige Wolken. Steffen, unser Experte in Meteorologie-Fragen, meint auch, daß das Traumwetter den ganzen Tag anhalten wird, ein Gewitter mit 3 Stunden Schneefall wie gestern ist äußerst unwahrscheinlich. Wir können also nur hoffen, daß nichts schief läuft und beginnen unsere letzte Etappe zum Dach Amerikas.

Ingo läuft in einem Höllentempo vornweg, daß selbst Steffen kaum folgen kann. Ich lasse die beiden ziehen. Beim Gang durch die Penidentes-Felder achte ich überhaupt nicht auf den Weg oder auf Fähnchen, die an vielen Stellen als Orientierungshilfe dienen. Ein Fehler, der sich 13 Stunden später rächen sollte. Als ich die Magistrale erreiche, haben Ingo und Steffen schon einen großen Vorsprung. Für die nächsten ca. 3 Stunden queren wir nun den ca. 30° geneigten Schotterhang an der Nordseite des Aconcagua. Es geht im ca. 10-20cm tiefen, aber gespurten Schnee immer geradeaus und nur leicht bergan. Gegen 9:15 Uhr hole ich beide wieder ein. Steffen flucht wie ein Rohrspatz. Ihm ist das Rührei heute morgen anscheinend nicht bekommen, hat nun arge Probleme mit seinem Magen, fühlt sich körperlich schlecht und hat Hunger. Ingo kämpft immer noch mit seiner nicht ganz auskurierten Erkältung und tritt auch kürzer. Ich gehe nun allein vornweg. Dreimal quere ich ein Penidentes-Eisfeld. Mein persönlicher Aufstiegszeitplan sieht für die 1060 Höhenmeter etwa 10 Stunden vor. Dann wäre ich um 21:15 Uhr bei Anbruch der Nacht in jedem Fall wieder im Zelt. Getreu meinem Plan mache ich aller vollen Stunden 15 Minuten Pause. 11 Uhr habe ich schon ca. 45 Minuten Vorsprung vor beiden.

Kurz nach 12 Uhr passiere ich auf 6340m ein Steinmännchen an einem Felsgrat. Vor mir breitet sich ein schneebedecktes Schotterkar aus. Von rechts führt die Normalroute herauf. Mein Höhenrekord vom Chimborazo ist jetzt Geschichte, ab hier bewege ich mich in noch unbekannten Höhen. Ich biege links ab und steige in Serpentinen den steilen Hang hinauf. 13 Uhr auf 6400m ist Mittagspause. Plötzlich taucht Steffen an dem Steinmännchen auf. Na endlich! Ich dachte schon, das wird hier eine Solotour! Ingo erblicken wir aber nicht mehr. Er sollte bei 6300m wieder umkehren. 13:30 Uhr ist Steffen bei mir. Sein Magen funktioniert wieder, aber er hat nichts mehr zu trinken. Die meisten Vorräte sind bei Ingo. Uns beiden bleiben 1 ¼ Liter für den Rest des Tages, alles andere als üppig. Steffen geht jetzt voran. Bei 6500m entschließen wir uns zu einem Rucksackdepot. Da das Wetter stabil bleiben sollte und wir die warmen Klamotten sicher nicht mehr brauchen, lassen wir meinen Rucksack hier und packen alles vermeintlich Überflüssige hinein. Wir beschließen, Steffens Rucksack abwechselnd jeweils ca. 100 Höhenmeter zu tragen. Im Grunde genommen eine äußerst clevere Idee mit nur einem Rucksack, die uns beim weiteren Aufstieg ganz sicher einen Zeitvorteil bringen wird und vor allem für die Canaleta Kräfte sparen sollte. In den nächsten Stunden des Aufstieges sollte sich diese Vermutung auch positiv bestätigen, aber in Anbetracht dessen, was uns danach erwarten würde, hätte uns diese Entscheidung um ein Haar ins Verderben stürzen können.

Felsnadel vor dem Beginn der Canaleta (6600m)

Steffen trägt den Rucksack zuerst. Trotzdem läuft er schneller als ich. Kurz darauf passieren wir eine vom Sturm zerstörte Schutzhütte. Wir biegen nach rechts in Serpentinen einen Steilhang hinauf. Es folgt eine lange Gerade, von der aus wir das Horcones-Tal mit dem Hotel am Basislager Plaza de Mulas erblicken. 15:30 Uhr ist an einer markanten Felsnadel Rucksackwechsel. Mit dem erneuten Gewicht auf dem Rücken versinkt meine Laune im Keller, zumal wir jetzt die Canaleta vor uns haben. 300 Höhenmeter nur schneebedeckter Schotter, bis zu 30° steil, kein fester Halt, alles locker. Spätestens jetzt ist Schluß mit lustig. Zwei, drei Schritte hoch, ein, zwei Schritte runterrutschen, tief durchatmen, wieder von vorn. Das wird der Rhythmus für die nächsten Stunden. Nur die Pausen werden immer länger. Gegen 16 Uhr kommen uns einige Bergsteiger einer Hauser-Expedition vom Gipfel entgegen. Der Älteste ist immerhin schon 68. Sie hatten oben noch eine phantastische Rundsicht. Deren Expeditionsleiter meint auch, daß heute definitiv kein Gewitter kommen wird. Wir steigen weiter. Endlich ist Steffen wieder mit Schleppen dran! Aber auch ohne Rucksack wird das Steigen immer mehr zur Qual. Ich werde kontinuierlich langsamer. Wird es noch reichen? Immer mehr Zweifel kommen auf. Rucksackwechsel. Bei mir geht fast gar nichts mehr. Mit kraftlosen Schlaffischritten gewinne ich kaum noch Höhe. Bei kräftigen Schritten geht mir die Puste aus und der Kopf hämmert. Ich schlucke zwar ständig ein Power-Bar-Gel, aber eine Wirkung spüre ich überhaupt nicht. Rucksackwechsel. Das waren jetzt 75 Höhenmeter in einer Stunde - absoluter Negativrekord. Noch 100 Höhenmeter. Also jetzt kehre ich nicht mehr um! Vor uns liegt der Sattel zwischen Süd- und Nordgipfel. Die Spur zieht nach links. Der Gipfel ist mittlerweile wolkenverhüllt. Es beginnt zu schneien. 2 Minuten steigen, 5 Minuten Pause, das sind meine aktuellen Daten. Hat diese elende Schuttrinne nie ein Ende? Wo ist eigentlich Steffen? Dann plötzlich fester Boden unter den Füßen, eine Rechtskurve und vor mir breitet sich ein schräges ca. 300qm großes Plateau aus. Steffen Oehme (links) und Mike Glänzel auf dem Nordgipfel des Aconcagua (6959m) Steffen steht mit Kamera vor mir, schreit: "Stopp, das erste Gipfelfoto!" Klick. Was? War´s das schon? Ich bin überrascht aber unendlich erleichtert. Vor mir steht ein kleines Aluminium-Kreuz mit vom Wind zerzausten Fähnchen. Daß wir nichts weiter sehen, stört mich in diesem Moment nicht. TOP OF AMERICA! Auch wir haben heute den Namen unserer Expedition mit Leben erfüllt. 6959m, natürlich Höhenrekord für uns beide.

Im Umkreis von 15.000 km ist auf der ganzen Welt kein Berg höher! Ich baue mein Stativ auf, wir schießen schnell 2 Gipfelfotos mit Selbstauslöser. Als ich die Kamera für das nächste Foto programmiere springt Steffen plötzlich hoch, brüllt "Elmsfeuer! Alles liegen lassen! Sofort weg von hier!" , schnappt sich den Rucksack und stürzt wie von der Tarantel gestochen davon. Ich sitze wie versteinert da und weiß überhaupt nicht, wie mir geschieht. Elmsfeuer? Ich merke doch überhaupt nichts. Alles totenstill, Schneetreiben, leichter Wind. Ich schraube erstmal in aller Seelenruhe das Stativ von der Kamera. Sollten im nächsten Moment wirklich Blitze einschlagen wie gestern? Schlagartig befällt mich Panik. Ich lasse alles liegen und stürze ebenfalls davon.

Kurz unterhalb des Gipfels verstecke ich mich unter einem Fels. Steffen liegt 30m unter mir im Dreck, Kopf nach unten, Füße strampelnd nach oben, Rucksack in der rechten Hand und rutscht wie ein Trockenschwimmer die Ascherinne hinab. Kurz darauf verschwindet er im Nebel. Habe ich jetzt Halluzinationen? Das sieht aber alles andere als gesund aus! Bevor ich hinterherrenne, will ich jedoch unbedingt noch meine Kamera und die Stöcke vom Gipfel holen. Ich krieche aus meinem Versteck. Plötzlich ein kräftiges Brummen an meinem Kopf, als wenn man an der 220V- Steckdose eine gefangen bekommt. Tatsächlich! Alles elektrostatisch aufgeladen! Jetzt bin ich gefangen, kann nicht vor und zurück. Die clevere Idee mit dem Rucksackdepot erweist sich jetzt als folgenschwerer Fehler. Außer meiner Bekleidung am Körper, mit der ich im Sitzen nach wenigen Minuten friere, habe ich absolut nichts bei mir! Steffen hat offensichtlich mit sich selbst große Probleme und in den nächsten 20 Stunden kommt hier oben keiner vorbei. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, dann ... Nach 5 Minuten ein zweiter Versuch, es brummt wieder. Nach weiteren 5 Minuten ein dritter - nichts! Ich flitze so schnell es geht wieder zum Gipfel, kralle mir Stativ, Kamera und Stöcke und flitze wieder in mein Versteck. Nun bin ich 5 weitere Minuten außer Atem. Dann geht es mit höchstem Tempo die Canaleta hinab. Eine ¾ Stunde später habe ich die Schuttrinne hinter mir und erreiche die Felsnadel. Im Schnee liegen, offensichtlich spontan weggeworfen, Steffens Rucksack und die Stöcke. Von ihm keine Spur.

Alle Spuren im Schnee sind mittlerweile zugeweht, obwohl es jetzt zu schneien aufhört. Was soll denn das? Erst hatte ich über eine Stunde keinerlei Ausrüstung, jetzt er. Ich finde keine Erklärung. Ich nehme Rucksack und Stöcke auf und steige weiter ab. Ich passiere die verfallene Hütte und erreiche das Rucksackdepot. Es ist völlig zugeschneit und damit unberührt. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Mir bleibt nichts weiter übrig, als die gesamte Ausrüstung in meinem Rucksack zu verstauen und Steffens Rucksack leer dahinter anzuhängen. Es ist 20:10 Uhr. In einer Stunde ist es finster. Ich gehe davon aus, daß Steffen entweder in unser Lager 3, oder eventuell noch in Lager 1 weiter abgestiegen ist. Wenn ich das Zelt im Hellen noch erreichen will, muß ich mich sputen. Ich verlasse wenig später den Normalweg in die Magistrale. Und die ist lang, sehr lang. 21:05 Uhr. Von hier aus müßte man die Zelte sehen. Aber vom Ameginho-Sattel zieht eine große Wolke über den Gletscher. 21:15 Uhr. Ich stehe im dicksten Nebel, es ist stockfinster. Wo war der Abzweig nach links? Ich habe keine Ahnung. Wieso habe ich heute früh nicht besser aufgepaßt und mir markante Punkte gemerkt? Das ist jetzt die Quittung! Ich rufe 5 Minuten, nichts. Nun muß ich den Gletscher systematisch absuchen. Ich folge einer ersten Spur. Die endet als Sackgasse inmitten 1 ½ Meter hoher Penidentes-Eistürme. Wieder zurück. Ich lasse jetzt Steffens Rucksack liegen. Falls ich das Zelt finde, will ich ihn morgen holen. Ich folge einer zweiten Spur. Die führt vom Gletscher weg. Wieder zurück. Die dritte Spur ist sehr breit und endlich, nach 10 Minuten ein Zelt! Natürlich ist es nicht unseres. Weitersuchen. In einem weiteren roten Zelt brennt noch Licht. Weitersuchen. Nach 15 erfolglosen Minuten stehe ich wieder am roten Zelt, bin also nur im Kreis gelaufen. Darin sind ausschließlich Argentinier, die nur Spanisch verstehen. Mit meinem spartanischen Espanol- Volkshochschulkenntnissen und viel Zeichensprache erkläre ich, was ich will: Ein schwarz- grünes SALEWA-Zelt. Der Amigo kapiert. Er führt mich zum Ziel. Steffen ist natürlich nicht drin. Ist mir jetzt egal. Er wird sicher schon irgendwo fest schlafen. Es ist 22:15 Uhr. Ich bin seit 14 Stunden auf den Beinen und will auch nur noch in meinen Schlafsack. Wenig später schlafe ich ein.

Sonntag, 18. Februar 2001

Halb sieben werde ich munter. Ich habe ein Problem. Wie kommen die ca. 60kg Ausrüstung zurück ins Basislager? Alleine schaffe ich das nicht. Also muß ich einen Teil hierlassen. Den Rest müssen dann wohl die Anderen holen, entweder von Lager 1, oder, falls dort keiner ist, vom Basislager. Mit denjenigen, die wieder aufsteigen müssen möchte ich nicht tauschen! Aber mir fällt nichts Besseres ein. Es wird hell. Ich hole als erstes Steffens Rucksack. Nach 30 Minuten bin ich zurück. 2 Amerikaner kriechen aus dem Nachbarzelt. Als ich ihnen meine Lage schildere, erklären sie sich bereit, einen Teil der Ausrüstung mit zu tragen, da sie auch ins Basislager absteigen. Ein kleiner Lichtblick. Ich frühstücke und beginne anschließend zu packen. Um 9:30 Uhr bewegt sich ein Mann mit roter Kleidung und ohne Gepäck auf mich zu. Ich halte es zunächst für einen Argentinier aus dem roten Zelt. Doch er wirkt völlig erschöpft, sein Gang ist schwankend. Plötzlich erkenne ich an seiner Brust unser Expeditionslogo! Das gibt´s nicht! Steffen!!! Wir fallen uns erstmal in die Arme. "Mensch Steffen, woooo kommmst denn duuuuu jetzt heeer???!!" will ich sofort wissen? Er stammelt irgendwas von Berlin. Berlin? Damit kann ich zunächst überhaupt nichts anfangen. Es blubbern die Worte immer weiter aus seinem Mund.

Als ich kapiere, muß ich mich erstmal setzen. Steffen hatte, als er "Elmsfeuer" schrie, wirklich einen elektrischen Schlag bekommen. Deshalb flüchtete er vom Gipfel. Kurz darauf muss er beim Hinabrennen noch einen zweiten Schlag bekommen haben, der ihn zu Boden warf. Das war dann wohl in dem Moment, als ich ihn, im Dreck liegend, den Hang hinabrutschen sah. Von da ab kann er sich lange Zeit an nichts mehr erinnern. Er erkannte nur noch grüne und blaue Farben um sich herum. Den Trampelpfad benutzte er nicht bewußt, sondern nur noch instinktiv. Den Rucksack warf er weg, weil es plötzlich gewitterte. Er wusste zum Glück noch, wo er ihn weggeworfen hatte. Da mit abnehmender Höhe der Trampelpfad immer mehr zugeschneit war, hat er den Abzweig zu unserem Lager übersehen und ist geradeaus weiter abgestiegen. Glücklicherweise war dies der Normalweg und da stand auf 5800m eine kleine Berghütte Blick vom Lager 3 (5900m) nach Norden mit Fitz Geraldo (5357m - Bildmitte) und Cerro Mercedario (6770m - hinten links) namens "Refugio Berlin". Dort waren die Bergsteiger von der Hauser-Truppe, die wir beim Aufstieg getroffen hatten. Steffen übernachtete dort und stieg heute morgen um 4:30 Uhr mit weiteren Bergsteigern erneut auf. Er hatte wieder so viel Kraft, dass er auch noch im Neuschnee spurte. Er musste allerdings noch bis zur Rucksackabwurfstelle laufen, da er nicht wissen konnte, ob ich ihn mitgenommen hatte. Die Stelle erreichte er 8 Uhr und stieg zu Lager 3 ab. Eine Trinkflasche schenkten ihm die Hauser-Leute. Es war jetzt 9:30 Uhr. Junge, Junge! Man denkt am besten nicht darüber nach, wie das Ganze um ein Haar hätte noch enden können! Es ergeben sich zahlreiche Fragen mit "wenn" und "hätte", die man sowieso nicht beantworten kann. Wir waren zwar beide auf dem Gipfel und sind auch beide gesund wieder runter gekommen, zumindest bis jetzt, aber trotzdem haarscharf an der Katastrophe vorbei. Genauso wie gestern Wolfgang und Michael. Der Aconcagua hat uns gezeigt, daß er nicht nur sehr hoch, sehr kalt und sehr stürmisch ist, sondern auch voller Heimtücke! Nachdem Steffen sich mit Wurst, Brot und Tee erst mal gestärkt hat, packen wir gemeinsam unsere Sachen zusammen. Das Problem des Hinuntertragens der gesamten Ausrüstung hat sich nun von selbst gelöst. Auch die Amis sind froh, daß wir beide okay sind und sie kein zusätzliches Gepäck schleppen müssen. Wir starten 12:30 Uhr und sind 14:30 Uhr in Lager 1. Ingo hatte hier übernachtet und wartete noch auf uns.

Gegen 17 Uhr erreichen wir wohlbehalten das Basislager. Hier waren alle schon furchtbar nervös. Wenn wir bis 18 Uhr nicht dagewesen wären, hätten sie eine Suchaktion gestartet. Aber jetzt fällt allen ein riesiger Stein vom Herzen. Wir liegen uns in den Armen und alle freuen sich mit uns und wir mit ihnen.

Top of South America, Teil II - Expeditionsbericht zur Andenexpedition

Bericht über die Erlebnisse an Pissis und Ojos del Salado

Von Ingo Röger

Sonntag, 25. Februar: Reifenpanne

Heute ist der zweite Tag unserer Fahrt von Santiago zum etwa 700 Kilometer nördlicher gelegenen Altiplano, einer weit über 4000 Meter hohen Wüstenlandschaft im chilenisch- argentinischen Grenzgebiet. Unsere gestrige Route führte über mehrere hundert Kilometer auf der Panamericana an der Küste entlang nach Norden und ab La Serena, einer schönen Stadt im Kolonialstil, durch ein fruchtbares Tal ostwärts an den Fuß der Anden.

Nach einer Nacht unterm Sternenhimmel brechen wir früh auf und fahren tiefer ins Gebirge hinein. Schon bald verwandelt sich die Asphaltstraße in eine staubige Schotterpiste. Fast 100 Kilometer vor der Grenze erfolgt die chilenische Zollabfertigung. Eine der ersten Reaktionen der Grenzbeamten beim Anblick unserer deutschen Pässe ist ein scheinbar scherzhaft gemeinter Hitlergruß. Wir sind irritiert und werden auf dieser Reise noch öfters dieses Phänomen erleben. Von nun an fahren wir durch nahezu unbewohntes Niemandsland. Wir sind beeindruckt von der fantastischen Farbenvielfalt der Berge, aber auch erschrocken über die unbeschreibliche Armut der wenigen hier lebenden Ziegenhirten. Am Agua-Negra-Pass erreichen wir in etwa 4600 Metern Höhe die argentinische Grenze. Wir sind hier oben allein. Die umliegenden vergletscherten Sechstausender scheinen nur selten Besuch von Bergsteigern zu erhalten. Und auch wir wollen weiter. Unmittelbar an einem mehrere Meter hohen Penitenteseisfeld vorbei führt unser Weg hinab im das argentinische Flachland.

Und dann passiert es: Nach einer kurzen Rauchentwicklung, die wir zu spät erst bemerken, platzt ein Reifen. Das Rad ist schnell gewechselt, doch ohne Ersatzrad sollten wir uns nicht ins Altiplano wagen. Dieser Umstand erfordert einen großen Umweg. Wir müssen wieder 150 Kilometer nach Süden fahren, wo wir morgen hoffentlich in San Juan einen neuen Reifen kaufen können. Auf dem Weg dahin passieren wir einen Stausee in einer farbenfrohen Erosionslandschaft. Über lange Strecken erinnert uns Schlamm auf der Straße an schwere Unwetter, die hier vor wenigen Tagen gewütet haben müssen.

Mittwoch, 28. Februar: Auf dem Weg zum Pissis

Wir haben endlich das Altiplano erreicht. Die Straße, die über den San-Francisco-Pass zurück nach Chile führt, haben wir gestern kurz vor der argentinischen Grenzstation auf 3200 Metern Höhe verlassen (wir hatten die Grenzkontrollen versehentlich bereits passiert und mussten wieder zurück, was für Verwirrung bei den Grenzbeamten sorgte). Seitdem sind wir auf einer anspruchsvollen Schotterpiste unterwegs. Nach der Überquerung des ersten von mehreren fast 5000 Meter hohen Pässen verfinsterte sich der Himmel und der Tag verabschiedete sich mit einem bedrohlichen Gewitter genau über unseren Köpfen. Bei Sturm und Dunkelheit bauten wir unsere Zelte auf.

Heute empfängt uns der Morgen mit Sonnenschein. Wir dringen weiter in die Einsamkeit der Hochwüste ein. Nach einem weiteren Pass genießen wir den ersten Blick auf unser Ziel, den 6888 Meter hohen Pissis. Der Berg ist, ebenso wie der 30 Kilometer südlicher gelegene Bonete, Teil des Kraterrandes eines riesigen urzeitlichen Vulkans. Er präsentiert sich viel weißer, als wir ihn von Bildern her kennen. Die Eindrücke der Weiterfahrt lassen sich mit Worten nur unzureichend skizzieren. Wir entdecken türkisfarbene Seen, sogenannte Lagunen, die in der Ferne von schneebedeckten, wuchtigen Vulkanen überragt werden. Nach einem weiteren Pass blicken wir auf eine große Ebene, die mit weiß umrandeten Salzseen ausgefüllt ist, an deren Ufern wir Flamingos, Guanakos und Vicuñas beobachten können. Die Berge erinnern mit ihren Farben und Formen irgendwie an expressionistische Gemälde. Nachdem wir mehrere Furten durchquert haben und zunächst einen entscheidenden Abzweig verpassen, ist 90 Kilometer von der Passstraße entfernt das Basislager nicht mehr weit. Doch inzwischen ist es Nachmittag und wieder türmen sich bedrohliche Gewitterwolken um uns herum auf. Sollte diese Wetterlage anhalten, kann sehr schnell die Piste durch Schmelzwasser bzw. Schnee und Matsch unbefahrbar werden. Wir wären auf unbestimmte Zeit von der Außenwelt abgeschnitten - bei Höhenkrankheit wäre das eine "todsichere" Falle. Die Vernunft siegt: Wir kehren um. Ich bin sehr traurig, dass ich diese einzigartige Landschaft so schnell wieder verlassen muss. Wir wenden uns unserem nächsten und damit letzten Ziel zu, dem Ojos de Salado.

Montag, 5. März: "In eisigen Höhen"

Seit vier Tagen "belagern" wir bereits den Ojos de Salado, den mit 6884 Metern höchsten Vulkan der Erde. Dabei sind wir ganz allein am Berg unterwegs. Mit dem Jeep haben wir das Refugio "Jorge Rojas" auf 5300 Metern Höhe erreicht. Die Hütte bietet nur Platz für wenige Personen, aber das Gelände rundherum ist sehr gut für ein Zeltlager geeignet. Wir entschieden uns (vorerst) für die Zelte. Sie waren gerade aufgebaut, als das allabendliche Gewitter über uns hereinbrach. Nachdem wir eine ganze Weile im Auto gewartet und dem nicht enden wollenden Schneegestöber zugeschaut haben, überredete uns Lars, doch noch in die Hütte zu gehen, die sich als sauber und aufgeräumt erwies. Die Zubereitung und der Verzehr des Abendessen gestaltete sich dadurch viel bequemer, als es bei diesen Bedingungen im Zelt möglich gewesen wäre.

Der nächste Tag beschenkte uns mit einem Bilderbuchwintermorgen. Soweit das Auge reichte, glitzerte der Pulverschnee in der Morgensonne unter einem tiefblauen Himmel. Wir legten einen Akklimatisationstag ein und brachten in den darauffolgenden beiden Tagen Ausrüstung und Nahrungsmittel hinauf zur zweiten Hütte am Berg, dem Refugio "Tejos y Murray" (5860m). Da wir bereits gut akklimatisiert waren, bereitete uns die Höhe verhältnismäßig wenige Schwierigkeiten. Ich ließ mich sogar dazu hinreißen, die anderen mit einem Sketch zu erheitern, was mich allerdings spürbar außer Atem kommen ließ.

Heute nun soll der Gipfelsturm starten. Kurz vor 5:00 Uhr klingelt der Wecker. Bereits 5:45 Uhr stehen wir startklar in der stürmischen und kalten Märznacht. Zügig steigen wir über Geröll auf - Wolfgang legt ein sportliches Tempo vor. Auf etwa 6000 Metern legen wir die Steigeisen an - vor uns liegen steile Firnfelder, die bis hinauf zum Kraterrand unseren Aufstieg bestimmen. Jeder wählt sein eigenes Tempo und anfangs auch seine eigene Spur. Langsam beginnt es zu dämmern. Trotz der Anstrengung genieße ich die Augenblicke, als die umliegenden Berge von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne berührt werden. Mit jedem Schritt wird der Blick freier. Immer mehr Berge, allesamt Sechstausender, bleiben unter uns zurück. Die Sonne wärmt uns. War der Firn anfangs noch hervorragend zu begehen, so brechen wir jetzt immer häufiger und immer tiefer im Schnee ein. Sehr mühsam geht es voran. Um 12:15 Uhr stehen wir auf dem Kraterrand, 6750 Meter über dem Meer. In einem Halbrund überragen uns die Gipfelfelsen um noch einmal fast 150 Meter. Doch wo geht es weiter? Wir teilen uns. Lars und ich erreichen auf 6800 Metern den felsigen Kraterrand - den Weiterweg entdecken wir aber nicht. Hier oben brechen wir bei jedem Schritt bis zur Hüfte ein. Wir kommen nur ganz langsam voran. Wolfgang hat mehr Glück und entdeckt den Einstieg zu den Kletterpassagen. Die Griffe und Tritte sind allerdings tief verschneit - von den Fixseilen ist nichts zu sehen. Ein Weiterklettern unter diesen Bedingungen erscheint uns zu riskant. Erneut siegt die Vernunft. 80 Meter unter dem Gipfel kehren wir um und zwölf Stunden nach unserem Aufbruch erreichen wir wieder die Hütte.

Dienstag, 6. März: Badewanne, Fernsehkamera und spanischer Schinken

Nach einer letzten Nacht auf knapp 6000 Metern Höhe steigen wir ab. Am Refugio "Jorge Rojas" treffen wir nach fünf Tagen wieder auf andere Menschen: Zwei spanische Bergsteiger sind auf dem Weg zum Gipfel. Wir informieren sie über die Verhältnisse am Berg und geben ihnen Hinweise zur Besteigung. Dafür werden wir mit reichlich köstlichem Schinken aus ihrer Heimatstadt Teruel belohnt, der in ganz Spanien einen legendären Ruf genießt. Während wir uns unterhalten, passieren um uns herum ungewöhnliche Dinge: Plötzlich kommen drei vollbeladene Jeeps angefahren. Eine Fernsehkamera wird aufgebaut. Und dann taucht auch noch ein Motorrad auf. Wir werden aufgeklärt: Hier wird eine Reportage für das italienische Fernsehen über die Atacama-Wüste und das Altiplano gedreht. Dabei ist eine Episode dem Motorradfahrer gewidmet. Er hat bereits zweimal an der Rallye Paris-Dakar teilgenommen und will hier testen, welche Höhe er mit seinem Motorrad erreichen kann.

Wir verabschieden uns von den Spaniern und wünschen ihnen viel Glück. Damit nehmen wir auch Abschied vom Ojos de Salado. Doch allzu weit kommen wir vorerst nicht. Fast noch in Sichtweite des Berges befindet sich ein großer Salzsee. An seinem Ufer befinden sich mehrere 46°C heiße Thermalquellen. Hier schlagen wir unser Lager für die Nacht auf. Bis zum Abend genießen wir das Bad im heißen Wasser. Ab und zu kühlen wir uns im Salzsee ab. Der Salzgehalt ist so hoch, dass wir nicht untergehen, was uns zu verschiedenen Späßen verleitet. Morgen werden wir die Berge verlassen. Vor uns liegt die mehrtägige Rückfahrt die Küste hinunter nach Santiago. Ich freue mich schon auf frisches Obst, auf das Meer und auf leckeren Fisch zum Abendessen.

Bearbeitung für das Internet : Th. Frank 01. Mai 2001 + 15. Mai 2001 + 08. Juli 2001