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Zwönitzer Bergsteiger berichten: Eine Bergtour in den Berner Alpen ![]()
Die Grimselstraße, gebaut 1894, verbindet als direkte Nord-Süd-Verbindung das Berner Oberland mit dem Wallis. Die Überquerung der langgestreckten Berner Alpen im Grimselpass bietet bei gutem Wetter sehr schöne Aussichten und Ausblicke.
Auf der Nordseite, aus dem Aaretal kommend, sind es die Stauseen Räterichsboden (1767m) und Grimselsee (1907m), von dessen Mauerkrone der Blick hinüber zur Eiszunge des Unteraargletschers gleitet, der über 12km vom 4274m hohen Finsteraarhorn herab fließt.
Auf der Passhöhe selbst befindet sich der Kleine Totensee (2144m). Wer noch mehr sehen möchte, findet östlich über das Nägelisgrätli aufsteigend unter den Gärstenhörnern oder westlich zum Sidelhorn (2764m) steigend, aber auch beim Spaziergang auf der Kraftwerksstraße zum Oberaarsee, großartige Aussichten auf Berge, Eisriesen, Seen und Gletscher. Südseitig beim Abstieg ins Rhonetal nach Gletsch sind faszinierende Ausblicke hinüber zum Furkapass und seiner Zufahrtsstraße gegeben, sowie auf den Eisbruch des Rhonegletschers bzw. auf das, was noch von ihm übrig blieb. Von Ferne grüßen die gewaltigen 4000er Gipfel des Wallis. Aber auch direkt zu unseren Füßen gibt es noch vieles zu entdecken, was Alpenflora und Alpenfauna bietet.
Der Zugang für eine Besteigung des Finsteraarhorn erfolgt für Otto- Normalverbraucher über eine der entlegensten Hütten in der Schweiz, der Finsteraarhorn-Hütte. Meilenweit muss man über lange spaltenreiche Gletscher gehen. Vom Jungfraujoch über die Grünhornlücke werden 4 bis 5 Stunden angegeben, ohne Zwischenstopp auf der Konkordia-Hütte. Im Anstieg von Fiesch durchs Fieschertal und über den Fieschergletscher sind es 6 bis 8 Stunden und wer vom Grimselpass losgeht, hat mit 10 Stunden Gehzeit am Stück zu rechnen, wenn er nicht auf der Oberaarjoch-Hütte eine Nacht bleiben will. Die angegebenen Zeiten sind reine Gehzeiten. Für Pausen sind extra Zeiten einzuplanen. Besonderes Augenmerk ist auf die Großwetterlage zu richten, denn wer von einem Schlechtwettereinbruch überrascht wird, kann auf dieser Tour unter Umständen tagelang auf den entlegenen Hütten festsitzen.
Wir, Michael und Wilfried aus Einsiedel und Wolfgang, Jürgen und ich aus Zwönitz, haben uns für eine Rundtour Entschieden, um dieses großartige Gletschergebiet und den höchsten Berner Gipfel, das Finsteraarhorn, kennen zu lernen. Wir starten am Grimselpass und werden über die Stützpunkte Oberaarjoch- Hütte, Finsteraarhorn- Hütte, Konkordia-Hütte in Fiesch unsere Gletscherwanderung beenden. Von dort kehren wir dann am 4. Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ausgangspunkt zurück.
Grimselpass (2165m). Abmarsch 11. Juli 2001 ca. 12:30 Uhr, bei einem Wettermix aus Wolken, Wind und Sonne. Wir haben keine gute Sicht auf die Berge und Gletscher. Das Wetter kann sich nicht entscheiden. Zunächst wandern wir, auf der für den Fahrverkehr gesperrten Kraftwerksstraße, 6km zum Oberaarsee (ca. 1 bis 1,5 Std.). Von dort führt der Weg über die Staumauer hinüber zum Oberaargletscher hinauf, der als Hauptzufluss den Stausee Oberaarsee füllt. Unterwegs, an einer windgeschützten Stelle hinter einem großen Felsblock, essen und trinken wir erstmal und erfreuen uns an den Blumen und Gräsern, die der Wind an den Boden drückt. Es dürfte für die nächsten Tage wohl das letzte Grün sein, welches wir sehen.
Im Zustieg zum Oberaargletscher ändert sich die Landschaft schnell. Steine und Geröll bedecken den Boden und die vom Gletscher geschliffenen Felsflanken. Die Gletscherzunge mit Geröll belegt und aus dem dunklen Gletschertor, welches wie ein halboffenes Maul aufsteht, fließt eine graue weißliche Brühe. Ein kalter, unangenehmer Wind streicht vom Berg über das Gletschereis herab und drückt die Wolken herunter. Der Weiterweg verhüllt sich mehr und mehr im Nebelgrau. Beim Anstieg auf den Gletscher können wir gerade noch einen markanten großen Felsblock erkennen, der uns zunächst als Orientierung dient und den wir nach Überschreitung einiger Eisspalten und Wasserrinnen bald erreichen. Hier binden wir uns in das Seil ein und gehen als 5er Seilschaft weiter. Schlechte Sicht und der unmarkierte Weiterweg auf dem weglosen Gletscher fordern unsere Aufmerksamkeit. Wasserrinnen im Eis geben uns die Richtung vor. Wir folgen ihnen bergan bis die Steilheit des Gletschers in den Schnee- und Firnhang übergeht. Im immer dichteren Nebel und Regen stapfen wir den steiler werdenden Hang hinauf. Unangenehm ist der vom Berg über das Oberaarjoch herabstürzende und auffrischende Wind. Schneetreiben setzt ein. Orientierung ist nur noch am Geländeprofil möglich. Das Bergauf nimmt kein Ende, so scheint es uns. Dann, endlich lehnt sich der Hang zurück und schemenhaft erkennt man rechts eine aufstrebende Felswand, die zum Joch hinleitet. Die Oberaarjoch-Hütte steht irgendwo oben auf der rechten Seite, nur sehen können wir sie nicht. Die Wolken werden vom Wind im Joch zerpflückt. Plötzlich ist für kurze Zeit das Tagesziel einschließlich seines Zuganges sichtbar. Über eine ca. 20 Meter hohe eiserne und stahlseilgesicherte Steiganlage erreichen wir die Oberaarjoch-Hütte (3258m). Wir sind ziemlich nass und ausgekühlt und es ist etwa 18 Uhr, als wir eintreffen. Die Hüttenwirtin "Heidi" hat uns bereits erwartet. Wilfried hatte uns am Morgen auf der Hütte telefonisch angemeldet, was man immer auf Berghütten tun sollte. Noch bevor wir die Rucksäcke abnehmen können, bekommt ein jeder von uns einen heißen Tee. Eine Hüttenwirtin weiß halt, was ihren Bergsteigern gut tut. Die Lebensgeister werden geweckt und das Gefühl der Geborgenheit stellt sich schnell ein. Wir sind angekommen. Der Hüttenalltag nimmt seinen Lauf, während der Wind um die Hütte fegt und an Fenstern und Türen rüttelt. Die Hütte ist gut besucht, Speise und Trank sind hervorragend und unsere Bettschwere schnell erreicht. 22 Uhr ist Hüttenruhe! Morgen haben wir mehr Zeit, es drängt uns keiner, wenn nur das Wetter mitspielt.
Die Nacht haben wir gut geschlafen, wenn auch die unmittelbare Nachbarschaft zu den Mitschläfern so seine Eigenheiten hat. Als wir aufstehen, strahlt am Morgenhimmel bereits die Sonne. Der Wind ist wie weggeblasen. Vor der Hütte ist alles mit Wassereis überzogen. Vorsicht ist geboten bei Verrichtungen im Außenbereich. Der Morgen beginnt mit Rucksack packen und Frühstücken. Das Anmelden in der nächsten Hütte übernimmt freundlicherweise die Hüttenwirtin. Das Bezahlen von Essen, Trinken und Übernachtung lässt die Zeit bis zum Aufbruch verstreichen, wir sind ja nicht die Einzigen. Im Umfeld der Hütte werden noch einige Fotos geschossen, aber dann geht es los.
Unser heutiges Ziel ist die Finsteraarhorn-Hütte (3048m), nicht weit von hier, nur 3 bis 4 Stunden. Ein ruhiger Tag steht uns bevor. Tm Schatten des Oberaarhornes steigen wir, uns an die vereisten Sicherungsseile haltend, von der Hütte hinunter ins Joch und auf den Studergletscher. Angeseilt und einer Spur folgend geht es in der gleißenden Vormittagssonne hinunter auf den Gletscher und über die Bodensenke den Gegenhang hinauf. Heute ist es ordentlich warm und der Firnhang beginnt bereits weich zu werden. Also heißt es sich sputen, bevor wir einsinken in den aufgeweichten Schnee.
An der Gemslücke (3335m), auch Rothornsattel genannt, ist Trink- und Fotopause, bevor wir in die Schattenseite absteigen und zum Fieschergletscher hinab fahren, der in ein relativ enges Tal eingezwängt scheint. Vom Auslauf der firnbedeckten Mulde queren wir, wie die Hanghühner, geradewegs und die Spalten umgehend hinüber zum alten Standplatz der Finsteraarhorn-Hütte. Aufgeschichtete Steine bieten Lager und Windschutz. Liegeflächen laden zum Sonnenbade. Es ist Mittagszeit und die Sonne strahlt von einem makellosen Himmel. Das Finsteraarhorn liegt mit seiner südwestlichen Breitseite, die mit einem herabwallenden Eismantel bedeckt ist, einladend vor uns. Heute ist es für eine Besteigung zu spät, aber morgen werden wir versuchen den Gipfel zu besteigen. Auf dem letzten Wegstück und auch hier am Fels finden wir einige Granatgeschosse, die zu denken geben. Die Schweizer Armee nutzt dieses Gebiet hoffentlich nur zu bestimmten Zeiten als Übungsgelände. Wir haben Glück, es bleibt alles ruhig und so können wir diesen wunderschönen Tag genießen. Vom Berg kehren einige Seilschaften zurück und fahren lustig in der Rinne rechts von uns, durch den sehr aufgeweichten Firn, zur Hütte hinab. Hoffentlich haben wir morgen auch Wetterglück. Nachdem sich bei uns Durst und Hunger melden, steigen wir, uns aber am Fels haltend, einzeln und gemächlich zur Hütte hinab.
Wir werden mit Handschlag begrüßt und willkommen geheißen auf der Finsteraarhorn-Hütte (3048m). Vor der Hütte sitzen wir im Kreise Gleichgesinnter und des Hüttenehepaares, bis uns Schatten und Kühle in die Gaststube treibt. Die Versorgung ist spitzenmäßig, man weiß sogar, was wir am Abend vorher zu essen hatten. Nebenbei laufen die Vorbereitungen für die Nacht und den morgigen Aufstieg. Die Stimmung ist gut und bald ist Abendbrotzeit und Tagesausklang. Die Nacht ist hüttenmässig ohne besondere Einlagen, wenn man in der Nacht nicht raus muß und dabei feststellt, dass das Wetter sich ändert.
Der Tag beginnt zu nachtschlafender Zeit. Nach einem ausreichenden aber wortkargen Frühstück brechen wir auf. Etwa 1200 Höhenmeter sind ein verhältnismäßig kurzer Gipfelanstieg und normalerweise kein Grund für nächtliche Aktivitäten, wenn nicht der in der Mittagssonne schmelzende Schnee mit seinen Nachteilen und der weitere Tagesablauf zu bedenken wären. Tm Schein der Stirnlampe suchen wir unseren Weg nach oben. Über eine Firnmulde, die zu Beginn gleich einige Spalten hat, steigen wir den Hang hinauf. Rechts am Fels haltend erreichen wir die Höhenmarke P 3231m. Das Tageslicht ist nun ausreichend hell und die Stirnlampen werden eingepackt. Von hier geht es über den Firn- und Eishang hinauf zum "Frühstücksplatz" (3616m). Die Randklüfte am SW-Grat bereiten uns keine Probleme. Was uns bedenklich stimmt, ist das Wetter. Der Gipfel verhüllt sich mehr und mehr in Wolken und der Wind stürmt aus West heran. Der Himmel bedeckt sich und was vorher noch zu sehen war, wirkt nur noch schemenhaft und ist bald nicht mehr zu erkennen. Unangeseilt steigen wir, westlich vom SW-Grat, über den bis zu 35 Grad steilen firnbedeckten Hang hinauf. Vorhandene Spalten können wir mit Ausweichmanövern umgehen. Am Hugisattel (4088m) stehen wir, an die Felsen gekauert, im jetzt tobenden Schneesturm. Unsere Blicke versuchen den Weiterweg am Felsgrat bis hinauf zum Gipfel (4274m) zu erkunden, es ist zwecklos. Der kurze Nordwestgrat ist vereist und der Schneesturm verweht unsere Hoffnungen auf den Gipfelsieg. Wir harren noch ca. 20 Minuten aus, bis schließlich auch der Letzte unserer Seilschaft schweren Herzens dem Abstieg zustimmt. Wir steigen ab! Mit gesenktem Kopf und gegen den Sturm gestemmt verlieren wir, auf der schon nicht mehr erkennbaren Aufstiegroute absteigend, schnell an Höhe. Unsere Aufstiegsspuren sind vom Winde verweht! Kurz vor dem Erreichen des SW-Grates hat mich noch eine verdeckte Gletscherspalte erschreckt, "Gott sei Dank" erfolglos. Am Frühstücksplatz, nach dem Abstieg im Schneetreiben, stelle ich fest, wir sind noch alle da. Wettermäßig geht es jetzt schon wieder ruhiger zu. Wir haben nun kurz Sichtkontakt zu 2 nachfolgenden Seilschaften, die etwa 200 Höhenmeter tiefer sich im Aufstieg befinden. Warten wir mal ein bisschen, mal sehen was die machen. Aufsteigen oder? Ob die uns gesehen haben? Aha, sie drehen um. Bald sind sie unseren Blicken im nächsten heranziehenden Schauer entschwunden. Wir setzen unseren Abstieg fort und fahren schließlich den Firnhang zur Hütte hinab. Die Schneereste werden abgeputzt und der Hüttenaufenthalt auf Essen, Trinken und Materialdepot räumen beschränkt. Wir ziehen heute noch weiter, die Zeit drängt, es ist schon 13 Uhr.
Die Konkordia-Hütte am Großen Aletschgletscher ist unser nächstes Ziel und könnte so in 2 bis 3 Stunden erreichbar sein. Also wieder angeseilt und hinunter auf den Fieschergletscher, der länger ist als die großen Eisströme von Mont Blanc und Monte Rosa. Die Anzahl der Gletscherspalten ist gering und in ihren räumlichen Ausdehnungen nicht einsehbar. Die gefährlichen Spalten sind ohnehin unter der Schneedecke verborgen. Wir queren im großen Bogen in der ausgetretenen Spur über das ausgedehnte Gletscherbecken und den Firnhang hinauf zur Grünhornlücke (3286 m). Dicke feuchte Wolken quellen von oben durch die Lücke herüber. Rückwärtsblickend ist die Sicht frei. Unser Berg, der sich heute Morgen noch im Schneesturm versteckte, lässt grüßen. Das Panorama im Rund ist beeindruckend. An den Bergketten vor uns, in Marschrichtung, hängen sich auflösende Wolken, mit denen der Wind sein Spiel treibt. Sie werden vom Westwind herangepeitscht. Die Überschreitung der Grünhornlücke ist eine ungemütliche Sache, nass und windig. Es ist ein Sch...wetter. Da hilft nur schnell über das Joch gehen und zum Grüneggfirn hinunter stapfen. Unten ist es etwas besser mit dem Wetter. Es läuft sich eintönig und langweilig über das sanft fließende Grüneggfirn bis zu seiner Einmündung in den Großen Aletschgletscher. Die Sicht verbessert sich wieder und lässt uns staunend über die riesige Eisfläche blicken. Aus allen Richtungen fließen hier Eisströme zusammen und bilden den mächtig gewaltigen Konkordia-Platz auf dem Großen Aletschgletscher. Unsere Suche nach der Konkordia-Hütte lässt uns am linken Gletscherrand an einer senkrechten Felswand fündig werden. Ein Hinweisschild und eine ca. l00 Meter hohe eiserne Steiganlage, die zweifelsfrei zur Hütte hoch führt, ist zu sehen. Steine mit Markierungen zeigen uns den Weg über den Gletscher zum Einstieg. Mutig werden die Treppen und Leitern betreten, die ihrerseits mit Dröhnen, bei wechselnden Lautstärken, dem Hüttenwirt unser Kommen ankündigen. Wir registrieren während des anstrengenden Aufstieges das Schwinden des Eises in den letzten 150 Jahren. Ein beeindruckendes Beispiel für die Erderwärmung und vom Werden und Vergehen in einem für uns überschaubaren Zeitraum. Nach seismischen Messungen soll die Eisdicke am Konkordiaplatz noch 900 Meter betragen, das ist kaum zu glauben. Ein Glück für uns, dass wir jetzt vorbeigekommen sind, sonst wären es noch einige Höhenmeter mehr, die wir auf der Leiter hochsteigen müssten. Endlich ist die Leiter zu Ende. Die Beine sind müde und schmerzen. Die letzten Meter hinüber bis zur Konkordia-Hütte auf 2850m lockern die Muskulatur nochmals auf, aber dann sind wir da! Im Vorraum legen wir unsere Rucksäcke ab. Die Oberbekleidung ist vom Regen durchnässt und der Rucksack sieht nicht viel besser aus. Mit den Handschuhen haben wir die nassen Leitergeländer abgewischt, so dass sie jetzt tropfnass und zum Auswringen sind. Wir hängen in der Hütte die nassen Sachen zum Trocknen auf, bevor wir unserem Körper neue Energie zuführen. Die Versorgung in Halbpension lässt keine Wünsche offen. Das Anmelden von Hütte zu Hütte, eine vom Hüttenwirt erwartete Höflichkeit, brachte uns eine abwechslungsreiche Kost ohne Wiederholungen. Extra für uns wird der Kamin angefeuert. Viele Gäste sind nicht im Haus, wir können und dürfen uns ausbreiten. Ein gemütlicher Hüttenabend bei Bier und Rotwein sowie einigen Obstlern und weiteren Schleckereien sind der Abschluss einer gelungenen Hochgebirgstour. Morgen steht nur noch der Abstieg nach Fiesch auf dem Programm und der Weg zurück auf den Grimselpass zum Auto. 22 Uhr ist Hüttenruhe, aber da liegen wir schon schlafend auf den Matrazen. Das Licht ist gelöscht. An den Schlafgeräuschen erkennt man, es war für alle doch ein anstrengender Tag gewesen.
Die Nacht ist klar und in dieser Höhe auch kalt. Die Lichter der Wetter- und Bahnstation am Jungfraujoch, in ca. 6 km Entfernung, leuchten freundlich herüber und der nächtliche Sternenhimmel ist eine Schau und sehr beeindruckend. Wir, die nachts mal raus mussten, konnten dies auf unserer nächtlichen Wanderung feststellen und fühlen. Aus dem warmen Bett kommend schlafwandelt man die Treppen hinab und zur Türe hinaus. Draußen wendet man sich dann nach links und geht am Gebäude entlang. Von hier noch ca. 30m talwärts und schon ist die Örtlichkeit erreicht. Spätestens auf dem Rückweg ist man dann so munter, dass von der Nachtwanderung und der nächtlichen Bergwelt zusätzlich einige Erinnerungen haften bleiben.
Schnell vergeht die Nacht. Unter einer Schlafdecke piepst kläglich eine Armbanduhr und weckt uns. Schläfrig beginnt Geschäftigkeit im Halbdunkel des Raumes. Ein Blick nach draußen durchs geöffnete Fenster begrüßt den erwachenden neuen Tag. Unsere Hütte liegt noch im Schatten des kalten Berges, während auf der anderen Seite des Eisstromes bereits die Sonne Helligkeit verbreitet. Es ist kurz nach 6 Uhr, wir packen die Rucksäcke. Zum Frühstück sitzen wir allein im Gastraum, es steht alles auf dem Tisch. Die Rechnung haben wir gestern bezahlt. Wir füllen noch die Trinkflaschen mit heißem Tee und dann beginnt der Abstieg nach Fiesch ins Rhonetal. Es hat gefroren und Wassereis überzieht die feuchten Wegpassagen. Umsicht ist geboten. Gleich zu Beginn des Abstieges, wir sind noch nicht eingelaufen, stellt sich uns ein kleines vereistes Firnfeld in den Weg, welches gequert werden muss. Individuell, jeder hat seine Lösung, es wird umgangen oder betreten. Der Weg führt an den Felsen entlang, 100 Höhenmeter hinunter bis zum Gletscher. Er ist nicht zu verfehlen. Schmutzig grau, mehr oder weniger mit Steinen und Geröll bedeckt, liegt der Große Aletschgletscher zu unseren Füßen. Mit 24 km Eis am Stück, von seiner Entstehung am Jungfraujoch bis zum Stausee Gibidum bei Blatten, ist er der größte Eisstrom der Alpen. Ein Drittel seiner Länge werden wir über seine zerschrundene Oberfläche gehen, von der Konkordia-Hütte bis zum Marjelensee(2300m). Wir betreten das Eis. Für uns obligatorisch ist das Einbinden ins Seil. Etwa in Mitte des Gletschers verläuft, dem großen Schuttband in Fließrichtung folgend, unsere Route. Jetzt, wo wir auf dem Gletscher stehen, ist Länge und Breite des Eises gewaltig. Orientierungsvermögen im Spaltengewirr ist gefragt. Gefahren in Folge von schneebedeckten Brücken über Eisspalten lauern ständig und überall, besonders an den Gletscherrändern. Das Wasser rauscht mal in der Tiefe und ein andermal sieht man große Bäche von der Oberfläche in tiefen Löchern und Spalten verschwinden. Der Gletscher trägt auf seiner ganzen Länge, von jedem seiner Zubringer, breite Geröllbänder, die sich wie Straßen ansehen. An ihnen kann man die Fließrichtung und Fließgeschwindigkeiten des Eisstromes erkennen und die Erosion von Steinen nachvollziehen. Stundenlang laufen wir auf dem Eis zwischen großen und kleinen Spalten. Am Marjelensee verlassen wir, uns durch das wilde Spaltengewirr einen Weg suchend, den Aletschgetscher. Nach soviel Eis und Schnee in den letzten Tagen ist der Anblick einer grünen Wiese mit Kühen und Schafen schon angenehm. Bergwanderer mit Kind und Kegel sind hier zahlreich und beleben die Natur. Wir sind in den Alltag und zu den Touristen zurückgekehrt. Unser Weg führt uns zur Gletscherstube hinauf, die in ihrem Prospekt von der größten Fußgängerzone der Alpen spricht. Eine Pause haben wir nötig, Brotzeit ist angesagt. Danach spazieren wir, auf gut markiertem Wege, durch den Täligrattunnel und über Oberes Tälli an der Alphütte Salzgäb vorbei, in ca. 90 min. zur Seilbahnstation Kühboden/Fiescheralp hinab. Von dort trägt uns die Seilbahn, nach kurzem Aufenthalt, für 13,80 Franken angenehm hinunter nach Fiesch auf 1049m über NN.
Am Bahnhof Fiesch haben wir Gelegenheit, den Zugverkehr zu beobachten. Die freundlichen Reisenden aus dem fernen Japan, die im Gegenzug sitzen und uns zuwinken, haben erkannt wie angenehm so eine Zugreise sein kann. Dann steigen auch wir in den Zug ein und genießen die Bahnfahrt bis zum Bahnhof Oberwald. Von Oberwald bis nach Gletsch haben wir noch das Erlebnis einer Busfahrt im Oberdeck eines Postbusses in bleibender Erinnerung. Das Ta-tü-ta-ta, vor jeder der Kurven auf der Alpenstraße bis hinauf nach Gletsch wird uns noch lange in den Ohren klingen. Unsere Autofahrer dürfen noch bis zum Grimselpass erleben, wie sich der Bus den Berg hinauf arbeitet. Oben ist dann auch für sie die Fahrt zu Ende. Die Autos sind noch da.
In der Zwischenzeit tragen wir, die in Gletsch ausgestiegen sind, die Rucksäcke auf den Parkplatz und warten, bei einem "Eis", auf unsere Bergfreunde. Es hat nicht lange gedauert, da kamen sie mit den Autos auch schon an, es ist 16:30 Uhr. Wir laden die Rucksäcke ein. Die Bergfahrt ist zu Ende. Es waren wieder erlebnisreiche Tage für alle. Unsere Wege trennen sich hier, die beiden "Chemnitzer" fahren ins Wallis nach Saas Fee und wir, die drei Zwönitzer, nach Hause.
Fotos: Wolfgang Neukirchner, Jürgen Reißmann
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