Klettern im Salzkammergut, August 2002 - Wände und Grate mit Seeblick

Von Ingo Röger

18.8. Frauenkopf (Schober) Südgrat

Mit 1329 Metern Höhe ist der Schober nicht gerade ein Riese unter den Bergen der Alpen. Als nordwestlicher Eckpfeiler des Salzkammergutes, aussichtsreich zwischen Mond- und Fuschlsee gelegen, ist er dennoch eine eindrucksvolle Berggestalt. Von Süden sticht besonders sein markanter, aus bewaldeten Flanken aufragender Südgrat ins Auge.

Nach der ermüdenden Anreise soll dies das erste Ziel unserer einwöchigen Kletterreise ins Salzkammergut sein. Vom Parkplatz der Ruine Wartenfels erreichen wir den Einstieg nach einem halbstündigen schweißtreibenden Aufstieg. Nach kurzer Suche entdecken wir den ersten Bohrhaken. Schnell sind wir bereit zum Klettern und haben die erste von sieben Seillängen, die stellenweise den fünften Grad erreichen, hinter uns gebracht. Die Wipfel der Bäume liegen nun unter uns und wir genießen den Tiefblick auf den Fuschlsee und den gleichnamigen Ort. An zwei Grattürmen ist Abseilen angesagt. Die sich jeweils anschließenden Seillängen bieten die schönsten Kletterpassagen der Tour. Nach einem leichteren Gratabschnitt stehen wir vor dem Abschlussüberhang und damit auch vor der letzten Seillänge (15 m) der Tour. Frei geklettert ist hier der siebente Grad erforderlich. Die große Hakendichte ermöglicht jedoch A0-Hakenkletterei.

Auf der Südseite des Fuschlsees haben sich inzwischen bedrohliche Gewitterwolken aufgebaut und es grummelt schon eine geraume Weile. Als ich mich gerade an der zweiten Expressschlinge hochziehen will, sehe ich vis-a-vis den Blitzeinschlag in eine Bergkuppe. Sofort bin ich nervös und kann mich nicht mehr auf das Klettern konzentrieren. Nur zehn Meter vom Ende der Tour entfernt entschließen wir uns zum Abseilen in das östlich des Grates gelegene Kar, um von diesem exponierten Gipfel wegzukommen.

Obwohl das Gewitter knapp vorbeizieht und wir keine Regentropfen abbekommen, bereuen wir diese Entscheidung nicht. Für die kommenden Nächte schlagen wir unser Zelt auf dem Campingplatz am Ufer des Fuschlsees auf.

19.8. Plombergstein - "Juniperus"

Der Tag begrüßt uns mit Sonnenschein. Nach einem ausgiebigen Frühstück fahren wir ins nahe St. Gilgen am Wolfgangsee. Nach einem kurzen Fußweg erreichen wir den Plombergstein, einen bewaldeten Felsklotz, der über dem Ort thront. In unmittelbarer Nähe extremer Sportkletterrouten locken uns die vier Seillängen der Genusstour "Juniperus" (V-). Henkelige Plattenkletterei in bombenfestem Kalk vor der Kulisse von Schafberg, Zwölferhorn und Wolfgangsee lassen unsere Klettererherzen höher schlagen.

Viel zu schnell liegt die Kletterei hinter uns. Dafür genießen wir in aller Ruhe am Ausstieg bei einer ausgiebigen Rast das Panorama.

Nach einem kurzen und steilen Abstieg können wir es nicht lassen und klettern am schattigen Wandfuß eine perfekt abgesicherte Route, die über eine elegante, diagonal ansteigende Hangelrippe führt (2 SL, IV).

20.8. Adlerspitzen

Wenn man das Höllengebirge erblickt, welches sich zwischen Traunsee und Attersee erstreckt, fällt es schwer zu glauben, dass hier Kletterer auf ihre Kosten kommen können. Und doch brechen wir vom Gasthof "Kienklause" aus genau diesem Grunde auf. Im Gepäck haben wir einen halbseitigen Text über die Adlerspitzen (1241 m), den wir im Internet gefunden haben.

Und tatsächlich taucht nach über einer Stunde Fußmarsch durch dichten Wald plötzlich vor uns ein viergipfeliges Felsmassiv auf. Beim Anblick der kühnen Zacken fühlen wir uns in die Dolomiten versetzt. Die talseitigen Grate und Wände schätze ich auf über 200 Meter Höhe. Aus Mangel an Informationen müssen wir uns auf die beiden Seillängen des weniger spektakulären bergseitigen Normalweges (II) beschränken. Allein auf dem kleinen Gipfel genießen wir den Blick auf den glitzernden Attersee im Westen und das Alpenvorland im Norden. Nur im Süden versperrt das bis zu 600 Meter höhere Höllengebirge die Fernsicht.

Aus dem Gipfelbuch entnehmen wir, dass es hier eine Vielzahl lohnender Touren gibt. Ich hoffe, dass ich irgendwann mit genaueren Tourenbeschreibungen hierher zurückkehren kann. Nach dem Abseilen verstecken wir das Seil und steigen noch zum Hochleckenhaus (1671 m) auf und genießen bei einem Radler die schöne Aussicht.

22.8. Die "Seenot" an der Falkensteinwand

Nach einem Regentag wollen wir heute wieder klettern gehen. Nachdem der Morgen noch recht trist und grau begonnen hat, wird es im Tagesverlauf zunehmend trockener und freundlicher. Gegen Mittag brechen wir zur nur vom Wasser aus erreichbaren Falkensteinwand am Wolfgangsee auf, um die Route "Seenot" (8 SL, VI oder V/A0) zu versuchen. Vom Bootssteg einer Gaststätte aus lassen wir uns kletterfertig mit dem Motorboot einer Wasserskischule zum Einstieg bringen. Umso näher wir kommen, desto mehr Respekt flößt uns die unmittelbar aus dem Wasser 140 Meter hoch aufragende senkrechte Wand ein. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Der erste Standhaken muss mit einem beherzten Kletterzug aus dem schaukelnden Boot erreicht werden. Ehe wir uns versehen, ist das Boot unseren Blicken entschwunden und wir hängen wenige Zentimeter über dem Wasser am Fuße einer abweisenden Wand. Bereits nach wenigen Klettermetern sind aber alle Zweifel verflogen: Die Route ist sehr gut gesichert. Die gutgriffige Kletterei in diesem steilen und festen Fels ist ein einmaliges Erlebnis. Seillänge um Seillänge werden die Wellen auf dem Wasser unter uns scheinbar immer kleiner. Die Fahrgäste der Ausflugsschiffe winken zu uns herauf.

Nach einer leichten Querung (IV+) warten die beiden schwersten Seillängen auf uns (VI). So sehr ich mich auch bemühe - der gelegentliche Griff in den Karabiner lässt sich hier nicht immer vermeiden. Einzelne nasse Griffe zeugen noch vom gestrigen Regen und machen die Kletterei nicht leichter. Eine gewöhnungsbedürftige Eigenheit der vorletzten Seillänge ist die Vielzahl an vorhandenen künstlichen Griffen.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir erschöpft und glücklich den Ausstieg und finden rasch auf einem breiten Weg zurück zum Auto.

23.8. Traunstein "Sanduhrenparadies"

Unser heutiges Ziel ist das Wahrzeichen des Salzkammergutes, der imposante Traunstein (1660 m). Vom Seeufer des Traunsees steigen wir über die neue Wegführung des Naturfreundesteiges die ersten Meter auf. Schon bald verlassen wir den Klettersteig und queren zum Einstieg des Gmundner Weges (III+), einer Route, die uns teils kletternd, teils in Gehgelände, rasch zum Einstieg des SW-Grates (II-III) leitet.

Wir wählen hier allerdings etwa 100 Meter weiter rechts eine schöne Wandkletterei im oberen vierten Grad durch gewohnt griffigen und festen Fels ("Sanduhrenparadies", 7 SL). Eine große Zahl von Sanduhren macht das Anbringen von Zwischensicherungen zum reinen Vergnügen. Ein verlockendes Fotomotiv sind die beiden Kletterer, die schräg unter uns vor der Kulisse des Traunsees über die scharfe Schneide des SW-Grates klettern. Vom Ausstieg ist in wenigen Minuten der Naturfreundesteig erreicht, über den wir wieder hinab zum Parkplatz gelangen.

Den letzten Tag des Urlaubes verbringen wir mit Baden und Faulenzen sowie mit einem abendlichen Besuch des schönen Klettergartens am Plombergstein.

Story written by Ingo Röger; Web Version by Thomas Frank, 22. Oktober 2002.