Auf den Schwabenkopf (3379m)

Eine Himmelfahrt zu Himmelfahrt 1996

von Wolfgang Mann

Wenn es im Mai in heimatlichen Gefilden kalt und naß ist, sollte man - wenn man es kann - nach Süden ziehen. Als wir das mit drei Generationen einschließlich Kleinstkind und Hund taten, kam zu Regen und Kälte noch Nebel. Wir wollten die Kulturlandschaft Toscana nicht nur wegen des roten Chianti entdecken, zuvor aber im Kaunertal für drei Tage Halt machen, weil einer noch mal auf die Ski und ich den Bergen zumindest „Guten Tag“ sagen wollte.

Am ersten Tag zum Aufwärmen Spaziergänge mit Kinderwagen in Samnaun auf die Alm und im Kaunertal zur Wallfahrtskirche Kaltenbrunn. 16. Mai. Himmelfahrt, Sonnenschein und Windstille. Mal sehen, was noch geht, wenn man geht. Wenigstens ein Stück hinauf in die Nähe der Berge und vielleicht auf ein Joch, um hinüber ins Pitztal zu sehen, denn bisher war ich noch immer nicht auf der Neuen Chemnitzer Hütte. Vom Hotel in Feichten bis zur Verpeilhütte 800 Höhenmeter. „2 bis 3 Stunden“ steht auf dem Wegweiser; zur Verpeilalm eine halbe Stunde weniger. Ich nehme den steilen Pfad durch den Wald und trete nach einer Stunde bei der Alm auf die Lichtung und werde gefangengenommen vom Anblick eines Berges, wie er im Buche steht. Eine herrliche weiße Pyramide mit 1000 Meter hoher, winterlicher Nordwand steht da ganz allein für mich, denn den ganzen Tag über begegne ich keiner Menschenseele. Nach 20 Minuten bin ich schon an der idyllisch gelegenen Verpeilhütte, die etwas über 2000 Meter hoch liegt. Daneben eine kleine Kapelle, über deren Tür der Spruch: Sorge dich nicht, lebe! Das tue ich. Es zieht mich nicht mehr zum Joch. Nur ein Stück den schönen Berg hinauf. Bald stehe ich in den Trümmern einer mächtigen Schneelawine. Vor und über mir bobbahnähnliche Rinnen, von Lawinen geschaffen. Ich folge ihnen. Es wird steiler. Der Firn ist fest. Es wird schwieriger, mit den Schuhen Tritte hineinzuschlagen. Karte und Kletterführer hatte ich vergessen, nicht aber die Steigeisen. Es wechseln Passagen, wo ich nur auf den Vorderzacken stehen kann mit solchen, wo ich bis zu den Knien einsinke. Kleinen Lawinen kann ich leicht ausweichen oder an einem Stein warten, bis sie an mir vorüber sind. Ich folge einer logischen Spur, mache auch einmal Stand, um etwas zu mir zu nehmen und zu forografieren und kann es nicht lassen, immer weiter zu gehen.

Pausen werden in kürzeren Abständen nötig, aber über mir dann der Ausstieg auf den überwächteten Grat kurz unterhalb des Gipfels. Dieses letzte Stück ist sehr steil und der Schnee bauchtief. In kurzen Serpentinen und Schritten von der Länge eines halben Schuhes wühle ich mich zum Grat hinauf. Ich erreiche ihn genau nach fünf Stunden, seit ich 8.30 Uhr 2000 Meter tiefer meine Wanderung begonnen habe. Wieder einmal, wie schon oft in den vergangenen sechs Jahren, habe ich einen Berg, bzw. ein ganzes Gebirge ganz allein für mich. Wenn das kein Feiertag ist!

30 Minuten Rast. Es ist 14 Uhr. Da sollte man umkehren, um das Abendbrot im Hotel nicht zu verpassen. In den Aufstiegsspuren geht es hinab. Nach zwei Stunden ruhe ich mich an der Verpeilhütte genüßlich aus und lasse die vom aufgeweichten Schnee nassen Sachen trocknen. In nur wenig mehr als einer Stunde bin ich wieder bei der Familie und habe vor dem Abendbrot noch Zeit zu einem Saunagang. Das nennt man Alpinismus in Reinkultur.

Jetzt erst lese ich im Kletterführer nach, auf welchem Berg ich war und welchen Weg ich gemacht habe: Schwabenkopf (3379m), Alte Nordwand III

Ich habe in meinem Leben schon viele Himmelfahrtspartien gemacht, eine solche noch nicht.

redaktionell bearbeitet by Th. Frank 28. April 1997