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Das Weißhorn (4506 m) im Schweizer Wallis ![]()
Zu den Viertausendern der Westalpen starteten wir Zwönitzer im Sommer 1995. Wir wollten aufs Weißhorn, da dieser Berg in der Zeitschrift „Der Bergsteiger“ an die 3. Stelle der schönsten Berge der Alpen gesetzt wurde. Es steht abseits vom großen Touristenstrom. Keine Aufstiegshilfe erleichtert den Weg über 3000 Höhenmeter aus dem Tal zum Gipfel. Es steht etwas im Schatten seines berühmten Nachbarn Matterhorn, überragt es aber um 29 Meter. Für viele Alpinisten ist es der schönste Berg im Wallis. W. und M. Pause schreiben: „Drei gleichmäßig geformte Grate verbinden sich zu einer makellos weißen, vollkommen freistehenden Riesenpyramide, die wie kein zweiter Gipfel auf eindrucksvolle Weise Masse und Eleganz vereinigt.“ Von Südwest, Nord und Ost ziehen Grate fantastisch zum Gipfel, einer schöner als der andere. Zwischen den Graten stürzen abschreckende, von Eislawinen, Schneelawinen und Steinschlag gezeichnete Wandfluchten auf zerrissene und zerklüftete Gletscher nieder. Über den Ostgrat, den Weg der Erstbegeher, der heute der Normalweg ist, wollen wir zum Gipfel.
Der Wetterbericht, den wir im Bergführerbüro in Zermatt einsehen, drängt zur Tat. Ein Wetterwechsel kündigt sich an. Ein Wettersturz auf einer langen, anstrengenden Grattour kann sehr gefährlich werden. Also verlieren wir keine Zeit und packen unsere Rucksäcke.
Vom Talort Randa (1439m) im Mattertal steigen wir am Nachmittag die ersten 1500 Höhenmeter zur kleinen Weißhornhütte hinauf. Strahlender Sonnenschein am schattenlosen Hang läßt unseren Aufstieg zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden. Nach mehr als vier Stunden erreichen wir unser Tagesziel auf 2932 Meter. Mit nur 18 Lagern zählt die Weißhornhütte zu den kleinsten. Wir haben uns telefonisch angemeldet und damit die Grundbedürfnisse Essen, Trinken und Schlafen abgesichert. Während die letzten Sonnenstrahlen über die Gipfel streichen und die Berge ins Abendlicht tauchen, sitzen wir vor der Hütte und packen die Rucksäcke für den kommenden Tag. Im Schatten der Berge wird es recht kalt. Im kleinen, gefüllten Gastraum ist die Stimmung gedämpft. Bereits 21 Uhr ist Nachtruhe angesagt. Wir liegen dicht an dicht mit der Atemluft des Nachbarn im Gesicht. Die Luft im Raum steht trotz der geöffneten Fenster. Die Schlafphasen sind kurz. Endlich, wie eine Erlösung summt der erste Wecker 1.45 Uhr. Aber erst 2.00 Uhr weckt der Hüttenwirt. Vorher will er keinem im Haus begegnen. Im Schein der Taschen- und Stirnlampen werden die morgendlichen Handgriffe erledigt. Im Gastraum und in der Küche versucht eine Leuchte mühsam, Helligkeit zu verbreiten. Nach ungeschriebenen Gesetzen verlassen zuerst die Bergführer mit ihren Gästen die Hütte. Im gebührenden Zeitabstand gehen die übrigen Seilschaften aus dem Haus. Kühl und stockdunkel empfängt uns die Nacht. Schemenhaft streben die Seilschaften im Licht der Stirnlampen den dunklen Hang hinauf, dem Gletscher entgegen. Wegen der Spaltengefahr gehen auf dem Schaligletscher alle am Seil. Die Zweier- und Dreierlichterketten bewegen sich wie auf einem heimatlichen Weihnachtsberg. Sechs bis sieben Stunden Aufstieg zum Gipfel liegen vor uns.
Eine Wegstunde über uns streben Leuchtpunkte - es werden die Bergführerseilschaften sein - auf der Bergschulter bereits dem Einstieg zum Ostgrat entgegen. Vor uns liegt ein Felsriegel, der das obere vom unteren Gletscherfeld trennt. Wir überschreiten die Randkluft, und nach kurzer Kletterei finden wir den Durchstieg. Auf festem Firn geht es bei zunehmender Steilheit zur Schulter hinauf. Im Osten Gewitter mit Wetterleuchten. Die aufgehende Sonne zeichnet die Ränder der Gewitterwolken scharf, während hier noch der Schatten der Nacht über dem Berg hängt. Der Morgenwind streicht kalt und unfreundlich den Hang herauf. Im Kamin- und Rippensystem der Ostflanke bricht der Tag an. Wir löschen die Lampen. Fallenden Steinen können wir jetzt in diesem brüchigen Gelände besser ausweichen.
Unbeschadet erreichen wir die Höhe 3916 Meter, den sogenannten Frühstücksplatz. Zeit, etwas zu essen und zu trinken. Mehrere Seilschaften teilen sich mit uns die Raststelle. Von hier geht es in 60- bis 90minütiger Kletterei im Schwierigkeitsbereich II bis III auf dem Felsgrat weiter dem oberen Firnfeld entgegen. Grattürme werden mal rechts oder links in steilen Flanken umgangen oder überklettert. An seinem Ende ist der Grat vom Schnee überwächtet. Darüber die Eis- und Schneepyramide des Gipfels. Noch sind es 300 Höhenmeter bis dahin. Steilheit und Ausgesetztheit fordern immer kürzere Gehzeiten. Vielleicht ist es aber ganz einfach nur die Höhe. Rechts ein Eisbruch, der unmittelbar am Grat eine ordentliche Randspalte hat. Da heißt es, aufmerksam hinüberzuschleichen. Bei Schneesturm stelle ich mir diese Stelle heikel vor. Aber wir haben bestes Wetter. Der Schneegrat steilt immer mehr auf, die Ausgesetztheit nimmt zu. Am Gipfelausstieg greifen die Steigeisen hart ins Eis, das hier bis 45 steil ist. Gegen neun Uhr betreten wir den Gipfel des Weißhorns, 4506 Meter über NN.
„Berg Heil“, ein fester Händedruck. Es ist geschafft. Die Bergfreunde, die vor uns den Gipfel erreichten, geben ihn frei für das Gipfelfoto. Nur zwei bis drei Personen finden hier genügend Platz. Danach rückt man wieder zusammen und genießt die fantastische Aussicht auf die Viertausender im weiten Rund: Dom und Täschhorn im Osten, Monte Rosa und Matterhorn gen Süd. Nach West folgen Dent Blanche, Zinalrothorn, Obergabelhorn, und im Norden liegt das Berner Oberland. Ein Bergfreund am Gipfel nennt sie uns alle. Es war bei strahlendem Sonnenschein ein beeindruckendes Bild. Zu unseren Füßen, 3000 Meter unter uns, liegt im Tal unser Ausgangspunkt Randa. Ein weiter Weg, der zum Abstieg mahnt. Für die nächste Seilschaft machen wir Platz und beginnen mit dem etwa vierstündigen Abstieg zur Weißhornhütte. Konzentriert geht es die Eisflanke hinab und in den Spuren des Aufstiegs am aufregend nahen Eisbruch vorbei zum Felsgrat. Der Firn ist aufgeweicht, und man sinkt knietief ein.
In den Bergflanken taut es, und Eis und Steine stürzen über die Wände hinunter. In freier Kletterei bereitet uns der Felsgrat keine Probleme, wenn es auch an manchen Stellen ganz schön luftig ist. Am Frühstücksplatz gönnen wir uns wieder eine Pause, bevor es die steinschlaggefährdete Ostflanke zur Schulter hinabgeht. Jetzt, bei Tageslicht, finden wir den optimalen Weg und stehen alsbald im total aufgeweichten Firn des Schaligletschers. Bis zur Hütte hinunter ist es eine anstrengende Latscherei bei totaler Sonneneinstrahlung. Mittag ist vorbei, als wir die Weißhornhütte wieder erreichen und unsere Ausrüstung zum Trocknen ausbreiten.
Bei einem kühlen Bier ruhen wir uns aus und schauen hinauf zum Gipfel, der jetzt 1500 Meter über uns trohnt. Gedanken und Beine baumeln aus. Neue Ziele gewinnen Gestalt. Mit den Freunden, die mit am Berg waren, freut man sich über den Erfolg. So vergeht die Zeit, bis der tiefe Sonnenstand uns mahnt, an den Weiterweg ins Tal zu denken. Auf unsere Stöcke gestützt, steigen wir relativ flott die restlichen 1500 Höhenmeter nach Randa ab, wo unsere Zelte stehen und die Bergfahrt erst richtig erfolgreich endet.
Wir wissen es nun, daß das Walliser Weißhorn ein besonderer Gipfel und einer der schönsten im Alpenraum ist und warum er schon vor über 100 Jahren von Chemnitzer Alpenvereinsmitgliedern mehrfach bestiegen wurde.
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