Erlebnis Chile - Ein Traum wird wahr

3. Teil des Berichtes über eine Chilefahrt

von Steffen Oehme

Mitte Dezember sollte es losgehen. Alles war von den vier Teilnehmern gut geplant und vorbereitet, bis eine Knieoperation eines Teilnehmers den Start um einen Monat verschob. Kurz vor dem neuen Abflugstermin im Januar verletzte sich dann auch noch die einzige Frau im Team. Einen weiteren Monat konnte nicht mehr gewartet werden, da dann bereits der Herbst in den südlichen Regionen beginnt. So mußte nun zu dritt gestartet werden. Die Kundfahrt nach Chile galt zwei großen Zielen. Zum einen sollte im weniger bekannten Nordpatagonien in der Region Futaleufu ein sehr markanter Berg, der Tres Monjas, erstiegen werden. Zum anderen galt es, den im Norden gelegenen höchsten Vulkan der Erde, den Ojos del Salado, zu erklimmen. Für diese Ziele hatten wir uns ca. ein Jahr vorbereitet.

Nach unserer Ankunft in Santiago setzen wir uns gleich in Richtung Süden in Bewegung. Die Bergregion um Futaleufu liegt ca 1500 km südlich von Santiago. Davon müssen 5oo km auf einer Schotterpiste gefahren werden, wobei es mit der Fähre noch einige Fjorde zu überwinden gilt. Nach 5 Tagen Fahrt durch den Süden sind wir am Ziel. Von einer Hängebrücke, welche das klare Wasser des Rio Futaleufu über- spannt, sehen wir auf der rechten Seite das Bergmassiv Tres Monjas (Drei Nonnen 2015 m). Vor uns zeigt sich ein gleichmäßig zu zu beiden Seiten aufstrebender Bergstock, oben von wildgezackten Türmen gekrönt. Diese sollen unser Ziel sein.

Auf einem Bergrücken stehen zwei weithin sichtbare Hütten. Wir steigen ihnen auf einem sich durch den Wald schlängelnden Pfad entgegen. Jedes Abkürzen würde an der Undurchdringlichkeit des Waldes scheitern. In der Nähe der Hütten wird der Wald lichter. Große Brandrodungen werden sichtbar. Mit lautem Hundegebell werden wir empfangen, und schnell sind drei Hundezähne in die Wade von Fritz gegraben. Erst ein großer Knüppel beendet das Treiben. Vor uns erhebt sich eine steile Bergflanke, in die der Bach eine tiefe Schlucht gewaschen hat. Wir steigen auf den vom Vieh getretenen Pfaden immer höher und erreichen in 1150 m den Laubwald. Die hier vorkommende Südbuche sieht unserer Buche sehr ähnlich, hat nur winzige Blätter. Zur Baumgrenze hin wird sie immer niedriger und dichter. Das Vorankommen wird gleichzeitig immer mühsamer und der schwere Rucksack lästig. Die anschließenden Schrofenhänge und Felspassagen (1-2) sind dagegen eine Erholung. Wir erreichen eine kleine Wiese, ideal für die folgende Übernachtung im Zelt. Unser Blick geht hinüber zu den vielen Bergketten Nordpatagoniens.

Wir haben eine Postkarte bei uns, welche uns unser heutiges Tagesziel, die Felszacken der Tres Monjas, bei bestem Wetter zeigt. Die Realität sieht leider anders aus. Der Himmel ist bewölkt und der Gipfel in Wolken. Über ein Schneefeld gelangen wir schnell in die Höhe und erreichen den Grat bei einsetzendem Nieselregen. Nach unserer Orientierung muß unser Gipfel irgendwann im Gratverlauf nach einem großen Joch kommen. Vorsorglich ziehen wir unsere Sturmausrüstung an, und langsam wird uns wärmer.

Die Spitze, welche neben uns aus dem Nebel auftaucht, ist noch einige Meter höher und einen Zahn schwieriger, alles glatte Platten und kleine Risse. Wir schätzen den Anstieg auf eine VI (UIAA). Nicht mit uns bei diesem Sauwetter. Wir hinterlassen auf dem Gipfel noch eine Plakette und seilen uns geschwind ab. Auf dem Rückweg entdecken wir hier und da unsere Steinmännchen. Am Abend erreichen wir wieder unser Zelt. Uns zum Hohn wird das Wetter schnell besser und beginnt aufzuklaren. Der Morgen dankt uns die Mühen des Aufstieges mit einem phantastischen Rundblick auf die umliegenden Berge. Von einem Grat aus können wir den höchsten Turm sehen. Er erhebt sich markant aus dem Joch. Die Besteigung wird für späteren Zeiten vorbehalten bleiben. Zum Abschied errichte ich am Lagerplatz einen großen Steinmann. Möge er als Zeuge unserer Tat lange stehen und andere Bergfreunde auf ihrem Weg grüßen. Auf unserer Rückfahrt zur Fähre sehen wir viele vergletscherte Berge, die fast alle unbestiegen sind. Während der Überfahrt zur Insel Chiloe verfärben sich die vergletscherten Berge im Licht der untergehenden Sonne.

Unser nächstes Ziel ist das Valle de Luna (Tal des Mondes 2560 m) in der Nähe des Salar de Atacama im Norden von Chile. Hier wollen wir uns für den Ojos del Salado akklimatisieren. Nach 3000 km Fahrt in fünf Tagen sind wir in der Atacama. Die Atacama ist die größte Wüste in Südamerika. Sie erstreckt sich über 1200 x 300 km vom Meer bis in die Anden in 3500 m Höhe. Das Tal des Mondes ist ein Teil der Salzkordillere am Rande der Wüste, entstanden durch das Zusammenwirken von Hitze, Kälte und Wind. Vielfarbige Sandschichten zeigen während der auf- und untergehenden Sonne ein bizarres Farbspiel. Im Licht der aufgehenden Sonne sehe ich die großen Vulkane der Region, allen voran der nahe Licancabur (5930 m). Den Vulkan Lascar (5154 m) erkenne ich an der Rauchfahne, einem Zeichen seiner letzten Aktivität von 1993. An den Ausläufern des Vulkans Sairecabur (5970 m) windet sich die Straße in das beginnende Altiplano hinauf. Die Berge sind greifbar nahe.

Langsam akklimatisieren wir uns in dieser Höhe mit einigen Touren in der Umgebung. Mancher "Berg" wird gleich erst- und zweitbestiegen. Nun können wir hoch ins Altiplano, einer Hochfläche über 4200 m, zu den Geysiren von El Tatio fahren. Auf dem Weg dorthin sehen wir einen schönen Berg. Das soll heute unser Ziel sein. Von einem Paß (4200 m) steigen wir über Geröll- und Schneefelder auf einen namenlosen Berg in der Gruppe El Tatio (5305 m). Wir errichten einen Steinmann und hinterlegen eine Plakette. Wir genießen den schönen Blick auf die Bergwelt Bolivens und müssen uns von der Anstrengung in der dünnen Luft erholen. Nach etwa acht Stunden sind wir wieder am Jeep. Geschafft vom Gipfelsieg fahren wir in tiefere Regionen, um uns zu erholen. Am nächsten Morgen fahren wir schließlich auf einer einsamen Piste de Geysiren entgegen. Einen Wüstenfuchs sowie den seltenen Nandu sehen wir in freier Wildbahn. In 4650 m Höhe erreichen wir den Paß. Vor uns liegt das höhste Geysirfeld der Erde ( 4260 m). Aus vielen Löchern treten heißer Dampf oder Wasser aus, das schon bei 85 C kocht. Die Stille wird nur vom Blubbern und Zischen der heißen Quellen unterbrochen. Dabei richten sich meine Gedanken schon auf unsere nächsten Ziele. Werden wir unsere große Herausforderung, den versteckt liegenden Tupungato, bezwingen? Im nächsten Heft bringen wir den nächsten Teil des Chileberichts von Steffen Oehme unter dem Titel "Dem Himmel so nah".

redaktionell bearbeitet by Th. Frank 26. Mai 1997